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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zwei Personen - ein Mensch
Eingestellt am 13. 10. 2012 23:15


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littleLy
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Oct 2012

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„Falls du es noch nicht wissen solltest...“
Das war der Betreff einer E-Mail, die mir ein ehemaliger Lehrer geschickt hatte.
Als ich sie öffnete, befand sich nur der Link der alten Schule im Textfeld. Ich klickte ihn an und einen Augenblick spĂ€ter sprang mich die Überschrift eines Artikels an: „Schule trauert um geliebte Kollegin und Lehrerin“
Nach dem ersten kurzen Schock las ich den Text. Aus ihm ging hervor, dass die Frau an MS gestorben war.
"R.I.P. Frau Meier ist vorgestern um die Mittagszeit verstorben. Am Montag liegt ein Kondolenzbuch in der Schule aus. WĂ€re gut , wenn alle 10er besonders die 10 c etwas eintragen wĂŒrden."
Es tat mir sehr Leid fĂŒr die Familie und Freunde. Auch wenn ich die Frau nicht leiden konnte – und sie mich auch nicht – war es doch bestimmt eine Erlösung fĂŒr sie.
Ich saß am Laptop und dachte an meine alte Schulzeit.
Ich hatte nie Probleme gehabt und kam mit allen Lehrern aus. Nur sie war fĂŒr mich immer der Schuldrache gewesen. Als Konrektorin ist sie frĂŒher immer durch die SchulgĂ€nge gerauscht und hat SchĂŒler angebrĂŒllt, sie sollen geordnet stehen oder leiser sein. Nie war sie zufrieden mit ihrer Umgebung. Dann war sie auf einmal krank. Viele vermissten sie nicht. Einige freuten sich sogar – ohne zu wissen, was los war – dass bei ihnen nun sĂ€mtliche SchulfĂ€cher ausfielen.
SpĂ€ter, als sie nach einem halben Jahr im Rollstuhl zurĂŒckkehrte, waren wir zunĂ€chst erschrocken.
Keiner hat uns erzÀhlt, was mit ihr passiert war. Wir dachten an einen Unfall.
Einer der SchĂŒler wusste dann mehr: Sie hatte eine Chemotherapie gemacht. Die Ärzte hatten bei ihr Krebs diagnostiziert. Gleichzeitig hatte sie aber schon mit MS zu kĂ€mpfen. Sie hatte den Krebs bezwungen, musste aber im Rollstuhl bleiben aufgrund des Muskelschwunds.
Vorerst war es ruhig in der Schule und wir dachten alle, dass sich die Frau geÀndert hat. Doch dem war nicht so.
Bereits nach drei Wochen fuhr sie diesmal durch die GĂ€nge und terrorisierte die SchĂŒler. Diesmal konnte sie den murrenden SchĂŒlern auch in die Hacken fahren.
Ich habe irgendwann aufgehört zu zĂ€hlen, wie oft ich schon fast bei ihr im Schoß saß.
Als ich sie dann noch als Lehrerin in gleich drei FĂ€chern bekam, dankte ich Gott im Stillen fĂŒr seine Anteilnahme in meinem aufregenden Alltag...
Zwei Jahre behielt ich sie; im zweiten Jahr Gott sei Dank – haha – in nur noch einem Fach, dann verließ ich die Schule nach der 10.
Ich war nicht traurig, dass ich sie nie wiedersehen wĂŒrde. Eigentlich war ich froh, sie losgeworden zu sein und schnell hatte ich sie vergessen. Nur wenn es darum ging, meine etwas abweichenden Noten vom Rest des Zeugnisses zu erklĂ€ren, dachte ich kurz an sie und welche SchĂŒler wohl jetzt wegen ihr leiden mussten.
Mittlerweile sind sechs Jahre vergangen und ich habe sie nur einmal sehen mĂŒssen, als ich beim Tag der offenen TĂŒr meine alten Lieblingslehrer besucht habe. Da ist sie wichtigtuerisch an mir vorbeigerauscht und hĂ€tte mir beinahe den Fuß platt gefahren.
Dies ging mir durch den Kopf, als ich den Text las. Ich antwortete dem Lehrer, das es mir fĂŒr die Familie Leid tut und schloss die E-Mail. Zur Andacht oder gar zur Beerdigung wĂŒrde ich bestimmt nicht gehen. Ich loggte mich aus dem E-Mailkonto aus und die Sache war fĂŒr mich erledigt.



Sie war grade in der Kirche und half den anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern beim AufrÀumen der Spielsachen von der Krabbelgruppe. Einmal die Woche trafen sich die Kinder im Alter von 6 Monaten bis 4 Jahren, um ein wenig zusammen zu spielen. Sarah passte dann mit auf die Kleinen auf und beschÀftige sich mit ihnen.
Ihre Mutter kam in den Raum. Verwirrt sah sie auf die Uhr.
„Du bist zu frĂŒh“, stellte sie fest.
Sie wollte sie doch erst in einer Stunde abholen. Dann sah das MĂ€dchen ihren Gesichtsausdruck.
„Was ist los?“, fragte sie erschrocken.
„Sarah, Liebes, ich muss dir etwas sagen.“ Ihre Mutter trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und sah schrecklich aus. Sie war ganz bleich und ihre Frisur war zerzaust.
„Mama? Was ist los?“, fragte Sarah wieder. „Ist was mit Papa? Oder Oma?“
Sie schĂŒttelte den Kopf. „Setz dich lieber hin.“
Nun war das MĂ€dchen total verwirrt. Was war los? Sie tat, wie ihr geheißen und sah ihre Mutter erwartungsvoll an.
„Es geht um Frau Meier. Sie... Die Schule hat grade bei uns angerufen. Frau Meier, sie...“ Sie brach ab und sah ihre Tochter traurig an.
Sarah wusste, was das bedeutete, aber sie musste es von jemandem hören. „Sie was?“ Sie merkte, wie ihr eine TrĂ€ne ĂŒber die Wange lief.
„Sie ist gestern gestorben, Schatz.“
Dieser Satz traf das MĂ€dchen wie einen Schlag ins Gesicht. Sie nahm um sich herum nichts mehr wahr. Weinte nur. Schluchzte laut und heulte sich die Augen aus. Sie wusste nicht, wie lang sie da saß. Drei Freundinnen von ihr und ihre Mutter versuchten, mit Worten auf sie einzureden, aber Sarah hörte sie nicht. Irgendwann weinte sie nicht mehr. Ihr Gesicht war ganz nass und ein paar HaarstrĂ€hnen klebten an den Wangen.
Ihre Mutter nahm sie mit nach Hause. Von der RĂŒckfahrt bekam sie nicht viel mit. Zu Hause angekommen, stĂŒrzte Sarah in ihr Zimmer, drehte die Musik auf volle LautstĂ€rke und warf sich aufs Bett. Da weinte sie wieder.
Sarah dachte an die Zeit mit Frau Meier.
Sie war eine wundervolle Person gewesen. Einige mochten sie nicht, aber das konnte das MĂ€dchen nie verstehen.
WĂ€hrend sie ihr Kissen nass weinte, kamen ihr die ganzen Erinnerungen an die Lehrerin hoch.

Als sie ihr das erste Mal zur Hilfe gekommen war, als Sarahs Klasse sie mal wieder schikanierte. Dieses Mal hatte ihnen ihre neue Haarfarbe nicht gefallen. Schwarz.
„Emo“, hatten sie immer gerufen. Nicht, das sie das gestört hatte. Sie stand dazu, ein Emo zu sein, aber ihre Sticheleien taten immer wieder weh.
Frau Meier kam in ihrem Rollstuhl den Gang herunter gefahren und fauchte die MitschĂŒler an, Sarah gefĂ€lligst in Ruhe zu lassen, sonst mĂŒssten sie mit einem Tadel rechnen.
Dankbar lĂ€chelnd sah das MĂ€dchen ihr hinterher, wĂ€hrend ihre MitschĂŒler murrten und sie dann aber doch in Ruhe ließen.
Von dem Tag an suchte Sarah immer Frau Meiers NÀhe. Die Frau merkte das und bald trafen sie sich jede Pause und alberten herum wie gute Freundinnen. Sarah musste trotz ihrer Trauer lÀcheln.
SpĂ€ter bot Frau Meier ihr an, Dienstags mit ihr nach der Schule in ihre AG zu kommen, die sich sozial engagierte. Nach einer langen Diskussion mit dem Schulleiter, warum eine SiebtklĂ€sslerin in einer AG fĂŒr die Klassen 9 und 10 mitmachen sollte, erlaubte man Sarah schließlich, der AG freiwillig beitreten zu können.
So verbrachten die beiden immer mehr Zeit. Irgendwann duzten sie sich. Das war kein Problem fĂŒr die beiden, weil Frau Meier - außer der AG, die meist im Altersheim oder Kindergarten stattfand - keinen Unterricht in Sarahs Klasse hatte.
Seitdem Sarah in Frau Meiers AG war, wurden auch die SprĂŒche ihrer Klassenkameraden immer weniger.
Auch außerhalb der Schule engagierte Sarah sich sozial. Jeden Samstag war sie in ihrer Kirche, um die Kinder der Krabbelgruppe zu betreuen und jedes zweite Wochenende half sie außerdem im nahegelegenen Tierheim, die Hunde auszufĂŒhren und die KĂ€fige zu reinigen. Auch in der Woche ging sie Mittwochs zu den Pfadfindern und Freitags traf sie sich mit einigen Bekannten. Sie pflegte wieder den Kontakt zu anderen Menschen und wurde offener.
Nach und nach öffnete Frau Meier sich dem MÀdchen. Sie hatte oft Schmerzen, aber immer wenn es so war, dachte sie an die Zeit im Krankenhaus und bei der Chemotherapie und dann belÀchelte sie die aktuellen Schmerzen, weil sie wusste, dass es schlimmer sein könnte.
Sarah bewunderte das an der Frau. Sie beschloss, mit dem Ritzen, das sie vor dem ersten Treffen mit Frau Meier regelmĂ€ĂŸig und spĂ€ter nur noch ab und an machte, ganz aufzuhören und auch das Rauchen ließ sie ganz bleiben.
Stumm schwor sie sich, alles was Frau Meier aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr tun konnte, umso intensiver fĂŒr sie und sich, auszuleben. Sie fing auch mit dem Gitarre spielen an, traute sich aufgrund ihrer anfĂ€nglichen Unsicherheit aber noch nicht, Frau Meier vorzuspielen. Eines Tages versprach sie ihr aber, ihr das Lied „Streets of London“, ein Lied der Pfadfinder, vorzuspielen und zu singen.

Sarah lag auf dem Bett und dachte an das Lied. Sie hatte es Frau Meier, Christa, nie vorgespielt.
Sie fĂŒhlte sich auf einmal furchtbar schlecht. TrĂ€ge kroch sie unter ihre Bettdecke, zog sie sich ĂŒber den Kopf und schlief kurz darauf ein.
Als sie wach wurde, war es dunkel. Das MĂ€dchen krabbelte aus dem Bett, machte den CD-Player aus, der die ganze Zeit an war, aber nicht mehr spielte, und setzte sich an den Schreibtisch. In einer Schublade kramte sie nach Papier und in einem Becher suchte sie Bleistift und Kulli.
Dann fing sie an zu schreiben. Sie bedankte sich bei Christa fĂŒr die wunderschöne Zeit zusammen und was sie dem MĂ€dchen alles ermöglicht hatte. Sarah hatte ihr Selbstvertrauen nur durch diese Frau wiederbekommen. Wieder kamen ihr die TrĂ€nen und sie musste schnell aufsehen, damit ihre TrĂ€nen nicht auf das Blatt tropften.

Sie dachte an ihr letztes Treffen zusammen. Das war sechs Monate her. Es war ein schönes und zugleich grauenvolles Treffen gewesen.
Frau Meier hatte Sarah zu sich nach Hause eingeladen und das MĂ€dchen war der Einladung freudig gefolgt. Als sie zusammen im Wintergarten saßen, heiße Schokolade tranken und dem Schneetreiben draußen zusahen, fing die Lehrerin an, ihr zu erzĂ€hlen, was sie nun vorhatte. Tieftraurig hörte Sarah ihr zu, aber zugleich freute sie sich fĂŒr die Frau, die fĂŒr sie wie eine zweite Mutter geworden war.
Nach dem Treffen ging Sarah nach Hause, aber ihr war noch nicht bewusst gewesen, dass sie die Lehrerin zum letzten Mal gesehen hatte.
Als sie danach zur Schule ging, erzĂ€hlte man den SchĂŒlern, dass Frau Meier aufgrund ihrer Krankheit von ihrem Arzt in die Kur geschickt wurde. Man sagte, ein bisschen Erholung wĂŒrde ihr gut tun.

Mit von TrĂ€nen verschleiertem Blick schrieb sie den Brief zu Ende. Sechs Seiten wurden es insgesamt und auf dem siebten Blatt Papier malte sie ein Bild fĂŒr Christa. In der Mitte des Bildes war ein Herz, das brannte und zugleich auch blutete. Um das Herz herum waren ein Dutzend Delfine, das Lieblingstier der Lehrerin. Im Herz stand „Erlöst von der Zeit des Leidens – zu der ewigen Herrlichkeit.“ Und am oberen und unteren Rand des Blattes stand „Die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, wie die Sterne immer und ewiglich. - Dan. 12, 3“
Sarah faltete das Blatt mit der Zeichnung zusammen mit dem Brief und legte alles in einen Briefumschlag. Sie klebte ihn zu und schrieb nur ein Wort darauf: „Danke“
Danach ging sie ins Badezimmer, wusch sich das trÀnennasse Gesicht und legte sich wieder ins Bett.
Drei Tage blieb sie im Zimmer. Sie ging nicht zur Schule und aß kaum etwas. Immer wieder weinte sie. Einmal ritzte sie sich, ließ es aber nach drei Schnitten bleiben, weil sie an die Schmerzen von Christa denken musste.
Am zweiten Tag rief der Schulleiter an und fragte, ob Sarah bei der Beerdigung der Lehrerin dabei sein wollte. Er wusste von ihrer engen Beziehung und verlor kein Wort ĂŒber ihr Fehlen in der Schule.
Am nÀchsten Morgen wurde Sarah von ihrer Mutter zur Schule gebracht, wo der Schulleiter mit ein paar anderen Lehrern auf sie wartete. Zusammen wollten sie zu ihrem Geburtsort fahren, der zwei Stunden Autofahrt entfernt liegt, in dem Frau Meier beerdigt werden sollte.
Sie weinte die ganze Zeit; auf dem Weg zur Schule, dann zur Kirche, wÀhrend der Beerdigung, bei der Trauerfeier und auf dem Weg nach Hause. Den Rest der Woche blieb sie zu Hause.
Nach dem Wochenende ging sie dann das erste Mal zur Schule und musste sich stĂ€ndig zusammenreißen, nicht loszuheulen. Ihre MitschĂŒler ließen sie gĂ€nzlich in Ruhe.



Weitere zwei Wochen spÀter


„Hallo!“
Ich stieß das kleine Tor zum Schrebergarten meiner Nachbarn auf und schob mein Fahrrad hinein. Meine Nachbarin kam mir entgegen.
„Hallo Heidi. Schön, dass du noch gekommen bist.“
Eigentlich hatte ich gar keine andere Wahl. Meine Mutter hatte fĂŒr mich zugesagt, dass ich meinen Nachbarn beim PflaumenpflĂŒcken im Schrebergarten helfe.
Es war schönes Wetter und ich hatte sowieso nichts zu tun, also trat ich wenig spÀter in die Pedale und radelte zum Garten der Nachbarn. Ich hoffte nur, dass die Nachbarstochter auch da war, sodass ich mich nicht langweilen musste.
Ich schob mein Fahrrad um die Ecke und auf der Terrasse vor mir saß der Herr des Hauses.
„Hallo Herr Kolkov.“
Er saß mit dem RĂŒcken zu mir und drehte sich umstĂ€ndlich in dem grĂŒnen Plastikstuhl zu mir um.
„Hallo Heidi. Komm herein. Dein Fahrrad kannst du auf die Wiese schieben. Möchtest du etwas trinken?“
Dankend wĂŒnschte ich mir ein Glas Wasser und stellte das Rad ab. Dann sah ich mich suchend um.
„Sarah kommt gleich. Sie ist nur schnell was holen“, sagte meine Nachbarin, die gesehen hatte, dass ich offensichtlich sie gesucht habe.
Einige Minuten spĂ€ter kam sie auch. Ihre Miene hellte sich auf, als sie sah, dass ich gekommen war, um beim PflĂŒcken zu helfen.
„Hi“, rief sie herzlich und ich winkte ihr lĂ€chelnd.
Kurz darauf turnten wir unter dem Pflaumenbaum, rĂŒttelten an Ästen, zupften uns gegenseitig Krabbeltiere von Haar und Kleidung und lachten zusammen ĂŒber jede Kleinigkeit.
Es machte mir viel Spaß. Nach zwei Stunden deckten wir den Tisch zusammen. Dabei kamen wir auf das Thema Schule.
Sarah erzĂ€hlte mir, wie sich die Schule, auf der ich frĂŒher war und die sie noch besuchen musste, verĂ€ndert hatte. Wir lĂ€sterten ĂŒber einige Lehrer, bis sie Frau Meier ansprach. Ihr Blick wurde tieftraurig und ich verkniff mir den Satz, der mir auf der Zunge lag. Ich wollte sagen, was fĂŒr ein Drache diese Frau war, aber Sarah sah mich an mit einem Blick, der mich verstummen ließ.
„Sie war wie eine Mutter fĂŒr mich“, sagte sie und starrte auf einmal ins Leere. „Sie hat mir immer geholfen und mir vieles ermöglicht.“
HĂ€? Redeten wir hier von derselben Frau Meier?!
Ich sagte nichts und ließ Sarah reden.
„Als sie fortging, erzĂ€hlten die Lehrer uns, sie sei von ihrem Arzt in die Kur geschickt worden, aber mir hat sie erzĂ€hlt, was der wahre Grund war.“ Sie lĂ€chelte. Offenbar war sie glĂŒcklich, dass Frau Meier sie nicht mit der LĂŒge abgespeist hatte. „Ihr Krebs ist wieder ausgebrochen und sie wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte. Also hat sie all ihr erspartes genommen und eine kleine Weltreise gemacht. Sie wollte schon immer mal nach Venedig, die Freiheitsstatue sehen und ĂŒber den Roten Platz fahren. Sie hat viele LĂ€nder besucht und sogar eine Kreuzfahrt gemacht.“
WĂ€hrend Sarah mir das erzĂ€hlte, fĂŒhlte ich mich ein wenig schlecht, dass ich so negativ ĂŒber diese Frau gedacht habe. Aber sie hatte nun mal nie ein gutes Wort fĂŒr mich oder andere ĂŒbrig. Trotzdem freute ich mich, dass sie jemanden gefunden hatte, dem sie ihre Aufmerksamkeit schenken konnte und diese auch zurĂŒck bekam.
„In den nĂ€chsten Ferien wollen meine Eltern und ich zu ihrem Grab fahren.“
„Ich wĂŒrde gerne mitkommen“, sagte ich. Es kam mir auf einmal so vor, als wĂ€re ich Frau Meier das schuldig. Dass ich einmal richtig Abschied nehme von der Frau, die fĂŒr mich nie mehr als ein notwendiges Übel als Lehrerin war, aber die meine Nachbarin wieder aufgebaut und von der schiefen Bahn weggeholt hatte. „Auch wenn ich mir bei der langen Fahrt den Hintern platt sitzen werde.“
Ich lÀchelte gespielt gequÀlt und Sarah fing an zu lachen.
„Wir können dich gerne mitnehmen“, sagte Sarahs Mutter, die mit zwei GlĂ€sern Wasser zu uns kam. „Das ist das erste Mal, dass ich Sarah wieder lachen sehe, wenn sie ĂŒber Frau Meier redet.“
Ich blickte zu dem MĂ€dchen, die lĂ€chelte, wenn auch wieder eine Spur trauriger. „Ich wĂŒrde mich freuen, wenn du mitkommst. Ich will meinen Abschiedsbrief an sie mitnehmen und mit einem Ballon in den Himmel fliegen lassen und ihr etwas auf meiner Gitarre vorspielen.“ Ihre Augen blitzten entschlossen. „Ich werde mein Versprechen einlösen.“

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petrasmiles
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Liebe littleLy,


ich habe Deine Geschichte gelesen, auch wenn sie ab dem zweiten ErzĂ€hlstrang vorhersehbar war. Das muss ja kein Nachteil sein. Dass ich 'dran geblieben bin, spricht fĂŒr Deine QualitĂ€t.

Zwei generelle Anmerkungen habe ich noch, vielleicht drei.
Als erstes geht es um die Verbindung der beiden Figuren - ich habe in der 'ZusammenfĂŒhrung' der beiden SchĂŒlerinnen in Heidi nicht gleich die erste ErzĂ€hlperspektive erkannt; tatsĂ€chlich ging ich davon aus, dass es sich um einen jungen Mann handelt - fĂŒr den die Schulzeit schon lĂ€nger vorbei ist. Die Sprache oder Art der Gedanken war fĂŒr mich eher mĂ€nnlich und ich wĂŒrde bei dieser vorgestellten Person nicht vermuten, dass sie sich noch von der Mutter per Fahrrad zum Pflaumen pflĂŒcken schicken ließe. Ich denke, hier kann man noch optimieren.

DemgegenĂŒber ist die Vorstellung von Sarah sehr rund. Was mich hier eher stört sind ein paar Floskeln bei der Beschriebung ihres Schmerzes. So ein Bild 'sich die Augen ausweinen' ist nicht nur abgegriffen, es ist steht auch meist an Stelle einer genaueren Schilderung des Leides. Da mag es auch seine Berechtigung haben, aber da Du sehr explizit ihr Weinen schilderst, ist es eine ĂŒberflĂŒssige Doppelung. Mir persönlich ist dieser 'Zusammenbruch' schon ein bisschen viel Trauer fĂŒr eine Lehrerin, die man seit einem halben Jahr nicht gesehen hat. Aber die besondere Bedeutung hast Du ja glaubwĂŒrdig geschildert, und Deine Sarah ist eben eine sehr emotionale Person. Das ist vielleicht nur eine Geschmacksfrage. Eine ebensolche Floskel ist der 'Schlag ins Gesicht'. Das muss nicht sein. Du hast genug eigene Sprache.

Und als drittes scheinen mir ein paar ĂŒberflĂŒssige Schilderungen in Deinem Text enthalten zu sein, die die Geschichte unnötig aufblĂ€hen, z.B.

quote:
Einmal die Woche trafen sich die Kinder im Alter von 6 Monaten bis 4 Jahren, um ein wenig zusammen zu spielen. Sarah passte dann mit auf die Kleinen auf und beschÀftige sich mit ihnen.
Meines Erachtens genĂŒgt es, an den vorherigen Satz anzufĂŒgen "auf die sie einmal in der Woche aufpasste".
Eine andere zu genaue Schilderung, die die Geschichte nicht weiterbringt, sehe ich hierin:
quote:
Mit von TrĂ€nen verschleiertem Blick schrieb sie den Brief zu Ende. Sechs Seiten wurden es insgesamt und auf dem siebten Blatt Papier malte sie ein Bild fĂŒr Christa. In der Mitte des Bildes war ein Herz, das brannte und zugleich auch blutete. Um das Herz herum waren ein Dutzend Delfine, das Lieblingstier der Lehrerin. Im Herz stand „Erlöst von der Zeit des Leidens – zu der ewigen Herrlichkeit.“ Und am oberen und unteren Rand des Blattes stand „Die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, wie die Sterne immer und ewiglich. - Dan. 12, 3“
(Auch hier ist "der von TrĂ€nen verschleierte Blick" eine ĂŒberflĂŒssige Floskel, der dem Text eine melodramatische Note verleiht. Du könntest mit 'eigenen' Worten sagen, z.B. durch die TrĂ€nen in ihren Augen konnte sie kaum sehen, was sie schrieb' oder 'die TrĂ€nen verzerrten ihre Sicht auf das Geschriebene' .. wenn es ĂŒberhaupt nötig ist.) Die Zeichnung ist zuviel und dann noch die Delfine ... Ich glaube, mit dem Brief hast Du schon gut eingefangen, dass es Sarah bei der BewĂ€ltigung ihrer Trauer hilft, sich ihre Dankbarkeit fĂŒr die fĂŒr sie besondere Person von der Seele zu schreiben. FĂŒr dieses Motiv wĂ€re die Zeichnung eine Doppelung bzw. Zuckerguss.

Insgesamt finde ich Deinen Plot sehr beachtenswert. Es ist immer wieder wichtig, sich zu vergegenwĂ€rtigen, dass man immer nur einen Ausschnitt einer Person sieht und mit Urteilen vorsichtig umgehen sollte. Gerade vor dem Hintergrund des Zeitgeistes, sich nur fĂŒr die Dinge zu interessieren, die einen direkt betreffen, und kaum MĂŒhe darauf zu verwenden, zu verstehen, was mit den eigenen Interessen nichts zu tun hat, sind solche Botschaften wichtig.

Ich hoffe, meine Anmerkungen waren hilfreich fĂŒr Dich.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra

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