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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zwei Wiedersehen
Eingestellt am 05. 06. 2015 16:20


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He de Be
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Registriert: Apr 2013

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Ich w├╝sste gerne, welcher Teufel mich geritten hatte, als ich mich zu diesem Vortrag auf einer Messe in meiner Heimatstadt hatte breitschlagen lassen. Fachmesse mit Keynote-Speakern, einer davon ich. Lustig, dieses Berufs-Fachsprech, was?
'Gottseidank habe ich mein Best-Practice-Beispiel inzwischen vorgetragen und gl├╝cklicherweise gibt es zum Vortragen Lautsprecher, denn ich bin mehr ein Leisesprecher' ging es mir durch den Kopf, w├Ąhrend ich alleine an diesem Cafeteriatischchen sa├č und in der Brosch├╝re bl├Ątterte, die mich unter anderem dar├╝ber informierte, dass ich hier viele HR Kollegen aus anderen Branchen treffen k├Ânne.

'Klar', dachte ich mit Blick auf das Gedr├Ąnge, 'all die eingesourcten Human Ressource Manager, die sich zur Absicherung eventuell drohenden Outsourcings ins Net retten m├╝ssen..' - als doch tats├Ąchlich jemand mit lachendem Gesicht auf mich zusteuerte und mir laut entgegen schallte: "Hallo! Ist das nicht der Heinz Werner? Na aber! Lange nicht gesehen, was?!"

Jan! Der blaue-Augen-Jan, mein Hans Hansen! Jan, der mir die ganze Schulzeit hindurch gezeigt hatte, wie man es richtig macht mit allem und allen: Lehrern, Eltern, Weibern, Vorschriften.

Am liebsten hatten wir uns damals ├╝ber unseren Deutschlehrer M├Ânselmann lustig gemacht, den wir "Masselmann" getauft hatten, denn Mensch, Masse, Dichtung, das waren seine Lieblingsthemen gewesen, unseres aber er. "Schlamasselmann" hatte ich ihn schlie├člich genannt und mir daf├╝r von Jan ein anerkenndes: "Nicht schlecht!"┬áeingehandelt.
Jan galt in unserer Clique, wenn nicht der ganzen Schule als super Typ, so etwas wie ein Alphatier. Jan hatte auch immer die begehrtesten Frauen abbekommen. Alle waren sie auf ihn geflogen, nicht nur Hanne, mein heimlicher Schwarm. Und dieser Jan stand jetzt, nach einem halben Menschenleben, braungebrannt, durchtrainiert und mit immer noch blonden Haaren vor mir und rief laut aus: "Freut mich!"

"Ja," sagte ich, "mich auch!" Schon schlugen wir uns wechselseitig ein paar W├Ârter um die Ohren: "Ja! - Hey! - Lange her! - Is'n Ding!" - und so weiter, und schon brach Jan das Ganze ab mit der Bemerkung, dass er doch eben mal seiner Frau Bescheid geben m├╝sse und dann gleich wieder komme.

"Ist gut", sagte ich und setzte mich wieder auf den Stuhl. "Jan!" schoss es mir wieder durch den Kopf. "Der Super-Jan!" Der zwar bei uns zuhause nicht so gerne gesehen war, weil er nach Meinung meiner Eltern nicht demselben Stand angeh├Ârte und mich zu Schlimmerem verf├╝hren k├Ânnte als nur zum Zigaretten rauchen oder Platten klauen. Dem meine Mutter aber dennoch oder gerade deshalb sofort ein St├╝ck selbstgebackenen Kuchen angeboten hatte, als ich einmal mit ihm bei uns zuhause aufgekreuzt war. Ich hatte ihn gleich mit hinauf in mein Zimmer nehmen wollen, Jan aber hatte das Angebot meiner Mutter sofort angenommen.

Ich sah die Szene wieder vor mir, wie in einem Film: Meine Mutter, die mit dem Kuchenst├╝ck auf dem Teller ins Esszimmer kommt, wo Jan und ich schon mit zwei Tassen Kaffee vor uns am Tisch Platz genommen haben. Da sitzen wir, ich am einen Ende des Tisches, er an dem anderen mir gegen├╝ber. Wieder sehe ich meine Mutter, die ich so noch nie gesehen habe: Kuchenteller in der einen Hand und Milchk├Ąnnchen in der anderen schiebt sie mit Ellbogen und einem Bein die T├╝r auf und schwingt auf uns zu, als w├╝rde sie gleichzeitig Hulahup spielen und Rumba tanzen, lachend, die Augen andauernd auf Jan gerichtet. Ich sage zu ihm: "Ach komm, lass uns nach oben gehen!" Jan aber und meine Mutter rufen wie aus einem Mund: "Ach nee!" - "Kaffee und Kuchen kann man ja wohl noch hier am Tisch essen!", setzt meine Mutter nach einer kurzen Pause hinzu. Jan l├Ąchelt zustimmend, dann sieht er mich an und zuckt mit den Schultern, als wolle er sagen, dass man da eben nichts machen k├Ânne.

Hier brach mein Film ab. Denn eben fiel mir wieder ein, dass Jan wie angek├╝ndigt jeden Augenblick mit seiner Frau zur├╝ck kommen w├╝rde.

Schnell stand ich auf, kramte ein St├╝ck Papier und Stift aus meiner Aktentasche und notierte hastig: "Sorry Jan, hat mich gefreut, muss aber aufbrechen, Frau hat Geburtstag┬á. Ein andermal gerne┬á! Gru├č HW, ehemals HB-M├Ąnnchen ☺" Den Zettel lie├č ich auf dem Tisch liegen und machte mich auf den Weg.

Jetzt, zuhause bei meiner Mutter, frage ich mich, warum ich keine Telefonnummer angegeben habe und erst Recht, warum Frau. Der einzige, der heute Geburtstag hat, bin ich.

Dann aber sage ich mir, dass er diese Notiz vielleicht gar nicht gefunden hat.
__________________
Je ernster die Lage desto komischer die Leute

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