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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zweifel
Eingestellt am 20. 10. 2002 13:51


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MaryB
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Oct 2002

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Zweifel

Ich verstehe nicht, wieso sich immer alle Leute so auf das Wochenende freuen. F├╝r mich ist das Wochenende ein Alptraum schlechthin! Es muss doch eine M├Âglichkeit geben, dieser verflixten Einsamkeit zu entkommen. W├╝tend und deprimiert hockte ich in meinem Wohnzimmer. Was f├╝r eine hochtrabende Bezeichnung. Ohne Gardinen und nur das n├Âtigste Mobiliar. Keine Gem├╝tlichkeit, keine Harmonie.
Am Geld lag es nicht. Ich bin LKW-Fahrer und manchmal wochenlang unterwegs. Da fehlte es mir einfach an Zeit (und Lust) mir die Wohnung gem├╝tlich einzurichten. Und wozu auch? Was hier haupts├Ąchlich fehlte, war eine Frau! Neee...., an mir liegt es nicht! Ich bin nicht dumm und oftmals hat man mir auch schon gesagt, dass ich gut aussehe. Eigentlich m├╝ssten die Frauen nur so auf mich fliegen. Nein, nicht wegen meines Aussehens, sondern weil ich unheimlich flei├čig und zuverl├Ąssig bin. Und? Was hat es mir gebracht? Ich bin fast 29 Jahre alt und immer noch alleine.
Missmutig griff ich zur Fernbedienung. Vielleicht l├Ąuft ja was spannendes im Fernsehen und lenkt mich etwas ab. Genervt switchte ich mich durch die Kan├Ąle. Tagesschau, Western, ach du sch...., nicht auch noch Big Brother! Schnell weiter.....
Ich griff zur Fernsehzeitung und schenkte mir mit der anderen Hand ein Bier ein. Pl├Âtzlich erstarrte ich! Mein Blick klebte f├Ârmlich an einem Inserat: „ Widderfrau, 22J, 171cm/56KG, h├Ąuslich und z├Ąrtlich m├Âchte ernsthafte Beziehung (Bitte mit Photo)“!
„Schei├če!“ Fluchte ich los. O Gott, das ganze Bier lief mir ├╝ber die Hose. Mit einem Ruck riss ich die Tischdecke runter und versuchte mich notd├╝rftig abzutrocknen. Das half mir f├╝r den Moment. Nun hatte ich n├Ąmlich ganz andere Sorgen!
Aber das ist doch die Idee! Ich gebe eine Annonce auf und die Weiber kommen angerannt! Wo? Welche Zeitung w├Ąre f├╝r mich angebracht? Irgendwo hatte ich doch hier einen Lokalanzeiger? Hektisch durchsuchte ich die Bude. In dem Saustall konnte man ja auch nichts finden! Aber irgendwo mu├č sie sein. Ich wei├č es ganz genau. Moment! In der K├╝che! Ich st├╝rmte los, riss die T├╝r vom Unterschrank der Sp├╝le auf und...., Nein das Leck hatte ich mit Reklame abgedichtet. Langsam drehte ich mich um. Im Flur! Ja, genau im Flur muss sie liegen, als ich das letzte mal in Hundedreck getreten bin. Volltreffer! Ich hab’ sie! Sogar auf Anhieb die Telefonnummer.
87330 w├Ąhlte ich. Hallo? Ja, Guten Tag. Bender ist mein Name. Ich w├╝rde gerne ein Inserat aufgeben, wann w├╝rde das erscheinen? Mittwoch? Geht das nicht eher? Ja, habe ich verstanden. Kein Problem, Mittwoch geht klar! Den Text? Ja also, „Zwilling, 28 Jahre, 188cm / 90 KG, treu und ehrlich, kinderlieb, etwas sch├╝chtern m├Âchte liebe „Sie“ kennen lernen. Nur ernstgemeinte Zuschriften unter Chiffre“!
„Wie bitte?“ Pers├Ânlich mit dem Ausweis vorbei kommen? Okay! Wie lange haben Sie denn noch ge├Âffnet? Ein Blick auf die Uhr. „Klar, das schaffe ich, bis gleich!“
Schnell sprang ich in eine trockene Hose, schnappte mir Geld und Papiere und rannte los. Ich hatte berechtigte Angst, dass ich es mir noch anders ├╝berlegen k├Ânnte.
Wieder zu Hause gr├╝belte ich ├╝ber meine Schnapsidee nach. Hatte ich das wirklich n├Âtig? Egal, richtig oder nicht. Was k├Ânnte mir denn im schlimmsten Fall passieren? Im schlechtesten Fall, sind doch nur die 17 EUR weg. Klar war nur eins: Hier musste sich dringends etwas ├Ąndern!
Das Wochenende ging vor├╝ber wie die anderen. Montags hatte mich der Alltag wieder voll im Griff. Fieberhaft erwartete ich die erste Post. Meine Nerven waren zum zerrei├čen gespannt. Zum ersten Mal seit langem sehnte ich sogar das Wochenende herbei. Endlich Freitag! Hektisch rannte ich nach Hause und ├Âffnete meinen Briefkasten und verstand die Welt nicht mehr. Nichts! Aber absolut gar nichts war im Kasten! Noch nicht einmal ne’ Rechnung! Nichts!!!
Verst├Ârt ging ich hoch, knallte meine Tasche in die Ecke und lie├č mich auf die ausgelutschte Couch fallen. Das ist doch nicht m├Âglich. Die haben mich mit Sicherheit vergessen! Emp├Ârt riss ich den H├Ârer von der Gabel und rief an.
„H├Âren Sie, letzte Woche habe ich bei Ihnen ein Inserat mit Chiffre aufgegeben! Ist die ├╝berhaupt erschienen?“ Wie bitte? Chiffre Nummer? Klar habe ich die, einen Moment. CH 4889!“
„Abholen?“ Ach so! „Wie viele sind denn gekommen?“ „Drei?“ „Okay, ich komme!“
Juuuuupihey!!!! “Die ham’ geschrieben! Echt geschrieben!“ Wahnsinn! Mein Herz h├Ąmmerte ein Stakkato! Ich Koooome!!! Aufgew├╝hlt bis zum „Geht nicht mehr“ machte ich mich auf den Weg meine Zukunft abzuholen. Endlich hielt ich die Briefe in meinen H├Ąnden. ├äu├čerlich unterschieden sie sich kaum. Ganz gew├Âhnlich Umschl├Ąge. Aber drinnen?
Ich eilte ungeduldig nach Hause und ├Âffnete den ersten Brief. Andrea.....22J, Gabi....28J, Sonja 19J. Mmhhh.....s├╝├če Schrift! Auch ihr Stil zu schreiben. Richtig ansprechend, und witzig ist sie auch noch. Schnell entwickelte sich ein intensiver Briefkontakt. Sie lie├č mich nie lange auf Antwort warten. Ich schrieb fast an jeder roten Ampel ein paar Zeilen an Sonja. Es wurde Standard, dass mich w├╝tende Autofahrer anhupen mussten. Das juckte mich nicht im geringsten. Endlich hatte auch ich etwas worauf ich mich freuen konnte! Ich bl├╝hte richtig auf. Bald darauf tauschten wir unsere Telefonnummern aus. Und siehe da! Wo ich sonst so sch├╝chtern war, ging jetzt fast alles ganz einfach. Fast von alleine. Ihre Stimme war genauso wie ich sie mir vorgestellt hatte. Sanft, wie eine Melodie. Ob ich ihren Erwartungen auch entsprach? Leise Zweifel wollten sich wieder bei mir einschleichen. Dann kam das Unvermeidliche...., aber auch das Erhoffte. Sie schlug ein erstes Treffen vor! Damit wir uns erkennen, vereinbarten wir bestimmte Kleidung zu tragen. Ich wollte eine Jeans mit einem roten Sweatshirt anziehen und sie wollte ein schwarz-wei├č gemustertes Kost├╝m anziehen. Also dann, Samstagabend bei Karstadt um 18:00 Uhr.
Je n├Ąher die Zeit r├╝ckte um so nerv├Âser wurde ich. Was ist, wenn das so eine dicke, fette und h├Ąssliche Schrappnell ist??? Panik drohte mich durchdrehen zu lassen. Doch dann, nach einer unruhigen und schlaflosen Nacht, hatte ich die rettende Idee. Ich ziehe einfach etwas ganz anderes an, so dass sie mich nicht erkennt und ich kann sie mir in aller Ruhe anschauen. Ist sie OK dann hin, wenn nicht dann weg! Ganz einfach. Innerlich musste ich nun doch ├╝ber mich Hasenfu├č lachen. So kurz davor aufzugeben, dabei liegt die L├Âsung so nahe. Gegen Abend rasierte ich mich, kleidete mich an, ein wenig Deo und ich marschierte los......
17:50h, noch niemand in Sicht. Unruhig ging ich auf und ab. Sicherheitshalber hatte ich mich auf der gegen├╝berliegenden Seite von Karstadt postiert. 18:10h, nirgends sah ich eine Frau im schwarz-wei├č gemusterten Kleid. Nur hektische Leute, die Feierabend hatten und nach Hause hetzten. Fast halb sieben. Das gibt es doch nicht! Um viertel vor sieben ging ich nach Hause. Ich war wie bet├Ąubt. Mechanisch setzte ich einen Fu├č vor den anderen. Zu ungeheuerlich so versetzt worden zu sein.
Ich h├Ârte nie wieder von ihr.
Ich wurde ├Ąlter. Ab und zu eine kurze Beziehung hier und da. Aber niemals das non plus ultra. Mittlerweile bin ich in den Vierzigern. Schon wieder nahte der Winter und Weihnachten. Wie furchtbar ist ein Fest der Liebe, wenn man alleine ist. Ich hatte wei├č Gott Angst davor. Eines Abends ging ich in den Pub an der Ecke. Wie immer setzte ich mich in meine Nische als eine Frau herein kam. Ach was, eine Frau. Eine Dame! Die hatte ich hier noch nie gesehen. Elegant und anmutig nahm sie ganz in meiner N├Ąhe Platz und bestellte sich einen Grog.
„Genau das Richtige bei diesem Wetter, nicht?“ Sagte ich zu ihr.
Sie lachte auf und sch├╝ttelte sich. „Ja, es ist wirklich eisig da drau├čen!“ Es entspann sich eine lockere Unterhaltung und ich durfte an ihrem Tisch Platz nehmen. Ich lud sie zu einer Flasche Wein ein. Unsere Stimmung stieg und der Pegel in unseren Gl├Ąsern sank immer mehr. Wir lachten und diskutierten ├╝ber Gott und die Welt, als w├╝rden wir uns ewig kennen.
Doch mit einem mal wurde sie ganz ruhig. Fast schon melancholisch .
„Wissen Sie, sagte sie, pl├Âtzlich muss ich an etwas denken, was schon viele Jahre zur├╝ck liegt. Durch eine Annonce fand ich einen Brieffreund. Es war eine herrliche Zeit. Wir verstanden uns pr├Ąchtig und wollten uns dann pers├Ânlich kennen lernen“.
„Aber ich....!“ Begann ich.
„Nein, warten Sie“, unterbrach sie mich. „Ich m├Âchte es Ihnen erz├Ąhlen. Wir verabredeten bestimmte Kleidung, damit wir uns erkennen....
„Ich kann Ihnen...“, versuchte ich es erneut, aber sie lie├č mich nicht aussprechen. Mein Mund war v├Âllig ausgetrocknet. Ich konnte kaum noch schlucken, aber sie bemerkte es nicht. Gedankenverloren spielte sie mit ihrem Weinglas und erz├Ąhlte weiter.
„Im letzten Augenblick packten mich Zweifel. Vielleicht war es auch Feigheit und ich beschloss etwas ganz anderes anzuziehen um mir somit ein Hintert├╝rchen offen zu halten“.
Sie hob ihren Blick und schaute mich voll an. „Ziemlich feige, nicht?“
Ich wollte es ihr sagen. Meine Augen schrieen es f├Ârmlich. Aber ich war wie gel├Ąhmt. Doch da lachte sie schon wieder. „Was soll’s, das ist eine Jugenderinnerung. Ich wei├č noch nicht einmal, warum sie mir ausgerechnet heute Abend in den Sinn kam. Nun, ich bin seit 8 Jahren gl├╝cklich verheiratet und.....ooh, schon so sp├Ąt?“
„Tut mir leid, ich muss leider los, war nett Sie kennen gelernt zu haben!“


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knychen
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hallo MaryB,
die grundidee der geschichte finde ich klasse, es ist so eine story, bei der man im film sagt:"mann, da hat der regisseur aber dick aufgetragen." aber es gibt solche zuf├Ąlle wirklich.
zwei dinge sind mir aber aufgefallen.
wenn der zweite teil in der gegenwart spielt, w├╝rde ich den ersten teil in die vergangenheit versetzen.
die stelle mit dem "es entwickelte sich ein intensiver briefkontakt..." w├╝rde ich als neuen absatz beginnen.
und, mal ganz nebenbei, so nachl├Ąssig ist doch nun wirklich keiner, da├č er die zeitung, mit der er sich vor mehreren wochen die hundeschei├če von den schuhen gewischt hat,(ist aber auch 'ne plage hier in berlin) immer noch im flur rumliegen hat. wenn doch, dann ist er nicht der typ, der einen interessanten und stilvollen briefwechsel pflegen kann. das bei├čt sich irgendwo, ist aber 'ne ganz pers├Ânliche empfindung.
gru├č knychen
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