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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zweitakt-Euphorie
Eingestellt am 29. 08. 2006 22:22


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flying theo
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2005

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Sensationell, einfach Sensationell! Der Peter hatte seine ersten 8 Gehälter als Heizungsbau Lehrling gespart und sich davon ein gebrauchtes Moped gekauft.
Im Kreis standen wir um die „DKW Hummel“ herum und begutachteten das Gefährt mit ebensoviel Begeisterung wie fehlendem Sachverstand. Goldbraun lackiert war die Pracht und ganz bestimmt ging die Maschine schneller als die erlaubten 40 Km/h. Wer wollte denn 40 fahren? Mindestens 50 waren drin. Natürlich wäre jeder gern damit auch eine Runde gefahren. Aber der Peter tat gut daran das nicht zu zulassen. Er hätte nicht lange an seinem Moped Freude gehabt.
So nach und nach kam jeder meiner Spezln zu seinem Moped. Alle verdienten als Lehrlinge auch schon ein paar Mark. Und mit der Unterstützung der Eltern klappte das früher oder später.
Als Gymnasiast, der nicht von seinen Eltern gesponsert werden konnte, waren meine Aussichten da eher trübe. Obwohl eine Frau in der Nachbarschaft ihre „Heinkel Perle“ zum Preis von DM 120,- abgeben würde. Genau so hätte sie 5000 Mark verlangen können. Es war einfach illusorisch.
Aber eine „Heinkel Perle“ ! Für einen Kenner der Mopedszenerie war das DER Geheimtip. Das Fahrzeug sah aus wie ein schwangeres Fahrrad. Hatte optisch überhaupt nichts sportliches an sich. Wurde auch gerne von den mutigeren Frauen oder älteren Herren gekauft.
Die Werte waren verborgen! Der Motor dieses Mopeds lies sich unheimlich frisieren!
Das Ding kreischte dann zwar wie eine Kreissäge. Aber was solls ? Je besser desto lärmt. Wenn man dann gar noch dem Zweitaktgemisch einen kleinen Becher Rizinusöl beifügte, so konnte man den Heuler auf 70 Km/h hoch jubeln!
Die Lenkstange wurde so kurz abgeschnitten, dass rechts und links gerade noch die Handgriffe für Gas, Kupplung und Vorderbremse Platz fanden. Dann die Knie nach innen gepresst, wegen der Airodynamik tief geduckt. Und man saß darauf wie der berühmte „Aff auf dem Schleifstein“.
Aber...keine 120 Mark....kein Aff auf dem Schleifstein. Es sah ganz so aus, als würde die Lärm- und Geruchsbelästigung durch mich meiner Umwelt erspart bleiben.
Bis ich, bei einer „Stadtrunde“ mit dem Fahrrad den Günter in der Kufsteinerstrasse vor dem Haus seiner Eltern antraf. Er hat ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter gemacht. Hätte er einen Fuß nach vorne gestellt, er wär sich garantiert auf die Unterlippe getreten.
„He Günter, wos laaft?“ Er schaute zu mir hoch. Verzweiflung und Wut loderten in seinem Gesicht.
„Mei Küwe geht nimma!“ Küwe (Kübel), das war das gebräuchliche Synonym für das Moped, eigentlich für jedes motorisierte Gefährt. „Wos fehlt ihm denn?“
„Wenn i des wüsste! I hob´n scho untersuacht, aber nix g´funden.“ „Und dann?“
„Jetzt hob i´ ´n total zerlegt, und bring´n nimma zusammen!“ Ich folgte ihm in die Holzleg hinterm Haus. So eine Holzleg, also ein Holzschuppen, war die übliche Werkstatt aller Mopedjünglinge dieser Zeit. In dieser Holzleg standen, lagen und hingen die Fragmente und Einzelteile eines Mopeds wüst durcheinander. Der Günter hatte sich bei seinem Reparaturversuch gründlich übernommen.
„Und jetzt?“ fragte ich ihn. „I hab so eine Wut, i kann des Zeig nimma seh´gn. Magst´du´s? I verkauf dir´s! Was zahls´t ?“ Ich witterte meine Chance. „Mei, viel Gäld hab i net dabei.“ Ich kramte in meinen Hosentaschen und brachte – ich werde es niemals vergessen – ganze 4 Mark und 57 Pfennig zum Vorschein. Ich streckte ihm die Hand mit den Münzen entgegen: „Da, das is alles was i hab.“ Er starrte mich mehr verdutzt als empört an. „Spinnst? wos soll ich denn mit den paar Zerquetschten?“ Ich bin standhaft geblieben. „Nimms´ oder tu dich weiter ärgern.“ Er war sich nicht sicher ob ich ihn verarschen wollte, oder ihm ein ernsthaftes Angebot machte. Dann gab er sich einen Ruck: „Tu her und nimm den ganzen Krempl mit.“ Das hab ich mir nicht zweimal sagen lassen. Bevor er sich das noch einmal überlegen konnte drückte ich ihm die Münzen in die Hand und suchte Schachteln und Tüten zusammen, in die ich die ganzen Schrauben, Muttern und sonstigen Kleinteile sammeln konnte. Das Leiterwagl aus der Holzleg hat mir der Günter auch noch geliehen und so bin ich mit meinem „Moped-Puzzle“ nach Hause marschiert. Geschlagene vierzehn Tage haben der Franz, der Peter und ich getüftelt bis das Fahrzeug a) wieder wie ein Fahrzeug aussah, und b) sich auch wie ein solches benahm. Eine NSU Quickly war es. Nicht gerade der Hit auf dem Gebraucht-Moped Markt unter uns „Halbstarken“. Aber nachdem wir es lackiert und auf Vordermann gebracht hatten, fand sich ein Abnehmer, der bereit war einen Hunderter zu berappen. Die Mutti legte noch einen Zwanziger dazu........Genau! Die Heinkel Perle gehörte mir!!!!
Nun passierte alles, was ich schon im Vorspann beschrieben hab. Meiner Umwelt ist nichts, aber auch gar nichts erspart geblieben. Nicht den älteren Nachmittagsschläfern, nicht den Wanderern am Ferdinand Schlögel Wander-Weg und nicht dem Günter, der nie begriffen hat, wie ich aus einer zerlegten NSU-Quickly eine rassige Heinkell-Perle gezaubert hab.

__________________
Theo Auer

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