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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zweitausend und ein paar Jahre weiter
Eingestellt am 06. 02. 2001 11:09


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Ann-Kathrin Deininger
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Zweitausend und ein paar Jahre weiter

Der Mann erhebt sich, lĂ€uft in die KĂŒche, macht sich FrĂŒhstĂŒck. Den Computer hat er angelassen. Er braucht nicht lange zum Essen. Dann lĂ€uft er zurĂŒck, schaltet den Drucker ein. Mit einem Stapel Papier verlĂ€sst er die Wohnung. Jetzt ist der Computer aus. Aber das Licht brennt noch immer. Ein Bus fĂ€hrt jeden Tag da vorbei, wo der Mann wohnt, und zehn Minuten spĂ€ter dort, wo der Mann arbeitet.
Der Mann geht an der Bushaltestelle vorbei. Er wundert sich nicht, dass es so warm ist. Niemand erlebt mehr kalte Winter. Schnee kommt nur noch aus den Kanonen in den Skigebieten. Das große Auto des Mannes ist am Straßenrand geparkt. Er steigt ein und startet. Kurz darauf steckt er im Stau. Überall um ihn herum GeschĂ€ftsleute in ihren großen Autos, dazwischen Studenten in kleinen, dreckigen Autos. Umweltverschmutzer, denkt der Mann, wĂ€hrend er das schwarz-graue Gasgemisch betrachtet, das aus dem Auspuff vor ihm kommt. Er Ă€rgert sich, dass er die Busspur nicht benutzen darf. Er hĂ€tte sie benutzt, wĂ€re da nicht das zuckende, blaue Licht weit vor ihm.
Endlich geht es weiter. Er fĂ€hrt an einem Unfall vorbei. Er sieht einen beschĂ€digten Tanker, aus dem Benzin lĂ€uft. Der Geruch stört ihn. Er zĂŒndet sich eine Zigarette an. Nach zwanzig Minuten hĂ€lt er auf dem Parkplatz vor dem Hochhaus, in dem er arbeitet. Der Mann wirft seine Zigarettenkippe auf den Beton. In seinem BĂŒro knipst er das Licht an, obwohl durch das Fenster die Sonne scheint. Er zieht die Jalousie zu, weil die Strahlen ihn blenden.
Seine SekretĂ€rin bringt ihm eine Zeitung. Er beginnt zu lesen. Jemand behauptet, FunksendetĂŒrme fĂŒr die Benutzung von Handys störten das Brutverhalten von Vögeln. Der Mann zieht sein Handy aus der Tasche, betrachtet es. Strahlung? Blödsinn!! denkt er, Außerdem sieht man Vögel selten. Er liest „Klimagipfel gescheitert“. Der Artikel interessiert ihn nicht.
In China sind mehrere hundert in den Überschwemmungen umgekommen. Das ist weit weg, denkt sich der Mann. Er macht sich an seine Arbeit. Er kauft die Aktien eines großen Ölkonzerns. Er macht Gewinn. Er ruft Kunden an. Er spricht mit seinem Chef. Er wird belobigt. Seine SekretĂ€rin bringt ihm ein Sandwich. Er isst es zur HĂ€lfte, den Rest wirft er weg. Er streicht einen Kredit. Er telefoniert. Mit dem Computer ĂŒberwacht er die Börse. Das Geld eines Kunden legt er auf ein Sparbuch.
Auf dem Parkplatz sieht er eine Kollegin, die in den Bus steigt. Er steigt in seinen Wagen. Er kaut Kaugummi. Das Papier wirft er aus dem Fenster, weil sein Aschenbecher voll ist. Er fĂ€hrt schneller als der Bus. Zwischendurch tankt er. Er beschwert sich ĂŒber die Preise und verflucht die Ökosteuer.
Zu Hause schaltet er den Fernseher im Wohnzimmer ein. Der Mann sieht zu, wie ein paar Menschen ein StĂŒck Regenwald abbrennen. DemnĂ€chst wĂŒrden sie dort Rinder zĂŒchten. Es stört den Mann nicht. Er schaltet um und sieht einen Bericht ĂŒber die BSE- Seuche. Er beschimpft die, die mit Tiermehl handeln. Er beschließt, in argentinische RinderzĂŒchtung zu investieren. Es winkt Gewinn.
Der Mann geht in die KĂŒche und kocht. Er schaltet das Radio ein, weil ihm langweilig ist. Der Radiosprecher interviewt einen Wissenschaftler. Dieser sagt, die Menschheit könne auf dem Planeten Erde nicht ĂŒberleben. Sie wird auswandern mĂŒssen. Zwischendurch schnappt der Mann das Wort „HIV“ und ein paar Zahlen aus dem Lautsprecher des Fernsehers auf. Als er gegessen hat, geht er ins Wohnzimmer. Er sieht TierschĂŒtzer auf der Mattscheibe, die ölverschmierte Vögel zu reinigen versuchen. Er fragt sich, woher sie die Vögel fĂŒr Fernsehsendungen bekommen. Bei dem Bericht ĂŒber das TankerunglĂŒck schlĂ€ft er ein.

Zwei Jahre spĂ€ter bekommt der Mann einen Brief. Es wird ihm angeboten, auf einen anderen Planeten umzusiedeln. Da braucht man Leute, die Gewinn machen, denkt er. WĂ€hrend der Mann eine frische Brise Sauerstoff aus der Dose saugt, unterschreibt er natĂŒrlich sofort.

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Andrea
???
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6 von 10 Punkten

Inhaltlich sehr schön, sprachlich solide – nur der Spannungsbogen fehlt ein wenig. Das ist einfach die große Gefahr, wenn man einen Tagesablauf beschreibt: durch die kurzen SĂ€tze, die meist recht gleichlautend aneinander gereiht sind, wirkt es monoton, langweilig. Ich glaube nicht, daß das beabsichtigt war, oder?
Jetzt könnte man natĂŒrlich einfach sagen, raff die TĂ€tigkeiten, laß ein paar weg, aber dies hielte ich fĂŒr den falschen Weg. Aber eventuell könntest du die Syntax etwas abwechslungsreicher gestalten. Auf jeden Fall ist das ein gefĂ€hrlicher Balanceakt, der vielleicht nie gelingen kann – aber einen Versuch wĂ€r’s wert, oder?
Vielleicht solltest du auch dieses „der Mann“ durch Er ersetzen. Dadurch bleibt es genauso allgemein, aber „der Mann“ ist immer abstrakt, wĂ€hrend sich hinter einem Er ein Mensch verbirgt.
__________________
Andrea Rohmert

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Ann-Kathrin Deininger
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Hallo Andrea!
Es ist immer ein bißchen schwierig, wenn man versucht einen Sinn rĂŒberzubringen und sich trotzdem kurzzufassen. Bei dieser Geschichte hatte ich auch noch das Problem, dass sie meinem Literaturlehrer gefallen musste, der eine ziemlich eigene Vorstellung von Kurzgeschichten hat. Ich habe mir den Text noch einmal durchgelesen und finde, du hast recht, irgendwann wird es langweilig, man wartet zu sehr darauf, dass etwas passiert. Vielleicht finde ich ja noch Zeit, dass zu Ă€ndern.

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