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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Zweiter Eintrag ins Traumtagebuch
Eingestellt am 11. 08. 2002 10:00


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flammarion
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Zweiter Eintrag ins Traumtagebuch:

Ich schlendere durch die Stadt. Verwinkelte G├Ąsschen, breite Alleen und Einkaufspassagen wechseln sich ab. Ich gelange zum Schlossplatz. Von hier starten Vergn├╝gungsbusse auf Stadtrundfahrt. Eine alte Bekannte winkt mir zu, ich solle mit ihr in den Bus einsteigen. Als ob ich die Stadt nicht genau kennen w├╝rde! Da sie fr├Âhlich f├╝r mich den ├╝berteuerten Preis entrichtet, steige ich zu. Vielleicht unterhalten wir uns ja wieder so angenehm wie seinerzeit.
Die Tour hei├čt „Singsong“. Sicher ein Ableger von „Sightseing“, denke ich und nehme platz in einem der Schalensessel. Sie sind so gebaut, dass man keinen der ├╝brigen Fahrg├Ąste sieht, nur die eigenen Beine.
Kaum, dass die T├╝ren geschlossen sind, setzt sich das Fahrzeug in Bewegung. Fast alle singen – ziemlich harmonisch und angenehm – ein englisches Lied nach dem anderen. Ich verstehe nix, kann nicht mitsingen. Mein Sitz kneift mich und die R├╝ckenlehne, die sich ├╝ber meinem Kopf zu einem Helm verformt hat, s├Ąuselt mir zu: „Du musst zur Harmonie beitragen, sing mit oder stimm ein neues Lied an!“
Irritiert versuche ich, mit meiner Bekannten wenigstens Blickkontakt zu bekommen. Es ist nicht m├Âglich. Ich f├╝hle mich einsam inmitten der singenden Menschen. Endlich beginnt eine helle Frauenstimme ein deutsches Volkslied, das ich kenne. Ich singe freudig mit, schon, damit der Stuhl aufh├Ârt, mich zu kneifen. Leider ist mir von der ersten Strophe die vierte Zeile entfallen und die anderen kennen sie auch nicht. Ungeschriebenes Gesetz in diesem Bus ist, dass ein abgebrochenes Lied nicht wieder aufgenommen werden darf. Mit rotem Kopf sinke ich in den Sessel zur├╝ck. Ich lie├č meine Stimme schmettern und musste so kl├Ąglich enden!
Der Sitz w├Ąchst weiter zu um mich herum. Bald wird er mich v├Âllig eingeschlossen haben. Mir mu├č ein Lied einfallen, das so gut wie alle kennen. Ich wei├č pl├Âtzlich, dass die englischen Lieder aufh├Ârten, weil sie nur von einer Gruppe gesungen wurden. Das Fahrzeug will aber, dass alle singen, wenn auch abwechselnd. Alle sollen Harmonie in gemeinschaftlichem Gesang finden. Ich wei├č, dass jetzt jeder Fahrgast diesem Druck ausgesetzt ist: entweder ein Lied anstimmen, in das recht viele – m├Âglichst alle! – einstimmen, oder als ├ť-Ei im Warenregal enden. Meine Brust zieht sich schmerzhaft zusammen bei der Erkenntnis, dass die sonderbaren Gestalten, die sich neuerdings in den ├ť-Eiern befinden, ehemalige Fahrg├Ąste dieses auf Lem`sche Weise harmonieschaffenden Gef├Ąhrts sind (Stanislaw Lem: Sterntageb├╝cher, Vierundzwanzigste Reise).
Mein Sch├Ądel brummt. Was soll ich f├╝r ein Lied anstimmen? Ich kenne so viele! Aber welches werden die anderen mitsingen? „Stille Nacht?“ Da werden die sieben Burnustr├Ąger nicht einstimmen und auch jene nicht, deren Davidsstern mir vorhin an der Haltestelle stolz ins Auge funkelte. „Br├╝der, seht die Rote Fahne“? Ach, mit Kampfliedern Harmonie zu erzeugen, der Versuch ist doch schon mehrmals gescheitert!
Aber ich will nicht als ├ť-Ei enden! Vielleicht kann ich uns alle retten mit „My bonny is over the ocean“? Ja, das k├Ânnte klappen, aber ich darf keinen Fehler machen. Die Melodie habe ich im Ohr, da kann nichts schief gehen, aber wie war das mit der Aussprache? My bonny is over oder my bonny eis over? Die damals elfj├Ąhrige Waltraud sang immer „leis over“ und hatte es mir F├╝nfj├Ąhrigen so beigebracht. Ich summe das Lied vor mich hin. Es gelingt mir nicht, die immer eisiger werdende Stille zu durchbrechen. Ich h├Âre mich selber kaum.
Alles ist wie Watte um mich her. Der Sitz kneift nicht mehr. Ich h├Âre, wie hier und da ein Sessel seine Eiform erreicht hat und klackernd zu Boden rollt. Auch mein Sessel l├Ąsst mir nur noch einen klitzekleinen Spalt offen. Das Klackern steigert sich zum Prasseln. Alle Hoffnung verl├Ąsst mich und ich ergebe mich in mein Schicksal. Na sch├Ân, dann stehe ich eben ne Weile als Monster auf irgendeinem Regal in einem Kinderzimmer, was solls . . .

__________________
Old Icke

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Freeda
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Hallo flammarion

seltsamer Traum...und offensichtlich bin ich nicht allein mit derart skurrilen Traum-Sequenzen. Ich wage allerdings kaum, sie aufzuschreiben, stattdessen nerve ich meine Mitmenschen mit Schilderungen derselbigen.
War es nicht 'my Bonnie IS over the ocean'? Die erste Strophe h├Ątte ich noch lauthals mitgeschmettert, aber dann...gibt es ├╝berhaupt mehrere Strophen? Tja, ich w├Ąre wohl auch als ├ť-Ei-Figur geendet.
Liebe Gr├╝├če,

Freeda

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flammarion
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hallo,

freeda, vielen dank f├╝rs lesen und f├╝rs feedback. immer aufschreiben, die tr├Ąume. mu├čt sie ja nicht gleich ver├Âffentlichen. aber du k├Ânntest sehen, was du noch nicht verarbeitet hast. bei mir ist es die tatsache, da├č meine cousine, der ich als kleinkind fast st├Ąndig anvertraut war, mir soooo viel falsch beigebracht hat. nat├╝rlich hei├čt es "My bonny is . . .". aber mach was, wenn du es falsch beigebracht bekamst, wirst du es auch falsch machen, selbst im traum. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Renee Hawk
???
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Hallo flammy,

reserviere das Lied f├╝rs n├Ąchste Singen *gg* bis dahin ├╝ben wir die Aussprachen - zwischen Scrabble und Star Treck *zwinker*.

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

PS.: Zum Text - sehr sch├Ân ausgewogen und harmonisch.

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peto-berlin
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kein seltsamer Traum

Also ein Traum ist erstmal ein Traum, den man wie schon richtig bemerkt aufschreiben sollte. Denn hinter dem Traum steht meist eine andere Bedeutung. Wenn dieser Traum nicht so lang w├Ąre, w├╝rde ich mal versuchen den Traum zu entschl├╝sseln. Was sich hinter diesem Traum verbirgt, nun meiner Meinung nach, das tiefe Bed├╝rfnis nach Harmonie und Gleichklang. Das sich Ergeben in sein Schicksal, weil man sich nicht wehren konnte. Das Nichtgeh├Ârtwerden, weil das Intrument der Kommunikation versagte und weil einem kein Mittel einfiel, wie man den Einklang erreichen konnte. Und das Schicksal annehmen, weil man keinen Weg gefunden oder keinen Ansto├č von einem anderen bekam. Wie dem auch sei, Tr├Ąume bieten auch immer einen Ansatz zur L├ľsung.
Deswegen erstmal aufschreiben, auch wenn es noch so skuril erscheint.

mfg
__________________
Ich nehme nicht in f├╝r mich in Anspruch perfekt zu sein. peto-berlin, anno 2002

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flammarion
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ja,

peto, genau meine meinung. du hast den nagel auf den kopf getroffen. apropos treffen - wenn du berliner bist, k├Ânnteste doch vielleicht auch zu unseren treffen kommen? renee wei├č weiteres. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Bernd
Foren-Redakteur
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Registriert: Aug 2000

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Kommentare: 11064
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Ein interessanter Text, ich werde ihn auf mich wirken lassen, mal sehen, was und wie ich dann tr├Ąume.
Ich werde vom Regal herunterh├╝pfen und jedes Buch lesen, das ich finden werde, bis ich sie alle alle kenne.

Viele Gr├╝├če von Bernd aus Dresden, in dem das Wasser steigt und steigt.


__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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