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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zwiebeln, Pflaumenkuchen und Kaffee
Eingestellt am 24. 11. 2013 00:58


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solowasser
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Zwiebeln, Pflaumenkuchen und Kaffee


Wir sa├čen in der K├╝che, als es geschah. Ich h├Ârte ein Poltern aus dem Dachgeschoss, dann einen Schuss.
Meine Mutter sa├č auf dem K├╝chentisch und schreckte auf. Sie schaute mich an. Ihr Blick verengte sich, sie sch├╝rzte ihre Lippen und rollte ihre Augen nach oben. Der Schl├╝sselmoment in einem Leben, von mir kartographiert und abgespeichert. Sie wusste es. Sie wusste alles, ich sah es ihr an.
Ich wusste, dass es geschehen w├╝rde, aber erschrak trotzdem wie selten zuvor in meinem Leben.
Ich sah in den Garten, sah, wie die Sonne auf die Schaukel scheinte, sah das reflektierte Licht, das sich im K├╝chenfenster spiegelte und in d├╝nnen Strahlen hereinfiel auf das Gesicht meiner Mutter.
Ich sah hinaus und verga├č. Ich verga├č, was geschehen war; ich wollte vergessen, ich wollte mich bel├╝gen. Wie in einem verschwommenen Traum nahm ich meine Umwelt war. Die fahle, von Lichtstrahlen unterbrochene Luft der K├╝che machte die Szene f├╝r mich nicht fassbar.
Ich nahm den Staub wahr, der sich im Licht kr├Ąuselte wie die Kohlens├Ąure in einem Glas Mineralwasser. Mein Blick fiel auf den Tisch, es standen drei Tassen darauf. Wir wollten gerade Kaffee trinken, schoss es mir durch den Kopf. F├╝r den Bruchteil einer Sekunde landete ich zur├╝ck in der Realit├Ąt. Doch der Moment war schon vorbei, bevor ich ihn begreifen konnte und bevor mir die Dringlichkeit, ihn auszunutzen, bewusst wurde.
-
Es roch nach Zwiebeln und Pflaumenkuchen. Und Kaffee. Nie werde ich diesen Geruch vergessen. Es duftete nach Sommer und Sonntag, nach einem dieser Tage, die sch├Ân und traurig zugleich sind. Nach einem dieser Tage, an dem man sich der Nichtigkeit seiner Existenz bewusst wird. An dem man feststellt, dass man ganz und gar nutzlos ist.
F├╝r mich roch es aber auch nach Zwiebeln, Pflaumenkuchen und Kaffee. Und war das nicht Grund genug weiterzumachen?
Das Holz des K├╝chentisches f├╝hlte sich weich und stark an. Es war nicht glatt, sondern sehr rau, gezeichnet von den Jahren, das es mitmachen musste. Gezeichnet von den vielen Sonntagen voller schwerer Kaffeekannen und gu├čeiserner T├Âpfe. In diesem Moment machte ich mir nicht bewusst, dass ich das alles so intensiv wahrgenommen habe. Die Erkenntnis kam erst Jahre sp├Ąter, als ich es zum ersten Mal wieder wagte, an einem Sonntag hierherzukommen und mit meiner Mutter in der K├╝che sa├č und Kuchen a├č.-
Der Schuss hallte lange nach und komplettierte das Szenario wie in einem feinf├╝hligem Film. Er war immer da und somit, so dachte ich es mir sp├Ąter, muss auch der Gedanke, an die Realit├Ąt und an meine Schuld immer dagewesen sein
Damals wirkte das auf mich wie ein alles niederwalzendes Sinnesorchester, das mit dem langsamen Abklang des Schusses seinen H├Âhepunkt erreichte.
Nun kam Bewegung in die Szenerie. Meine kreidebleiche Mutter sprang auf und ging schnellen Schrittes auf die Treppe zu. Ich sah ihr einige Sekunden hinterher und sprang dann ebenfalls auf und ging ihr wie in Trance hinterher. Die Stufen in den 1.Stock kamen mir endlos vor und ich musste mich furchtbar anstrengen, um einen Fu├č vor den anderen zu setzen.
Durch die k├Ârperliche Anstrengung gelang es mir, f├╝r einen kurzen Moment einen klaren Kopf zu bekommen. Ich fasste in meine Hosentasche und f├╝hlte die rauen Ritzen des kleinen, silbernen Schl├╝ssels. Ich f├╝hlte eine seltsame Art der Erleichterung, ich hatte die Kontrolle behalten. - Bis zuletzt.
Im Korridor nahm ich zum ersten Mal einen anderen, intensiven Geruch wahr.
Es roch nach Papa.
Es roch so sehr nach Papa, dass mir schlecht wurde. Es roch nach stundenlangen Sitzen im Wald und es roch nach seinem gr├╝nen Hut. Es roch nach den Tr├Ąnen meiner Mutter und den schrecklichen Worten meines Bruders.
Wir gingen an seinem alten Zimmer vorbei und sahen die offene T├╝r des gl├Ąsernen Schrankes.
Wieder diese seltsame Erleichterung. Beinahe triumphierend blieb ich f├╝r den Bruchteil einer Sekunde stehen; nat├╝rlich voller Trauer, aber trotz allem mit einem positiven Gedanken. Alles lief so wie besprochen, ich hatte bis zuletzt die Karten in der Hand behalten.
Das alte Holz knarzte laut, als wir zum Dachstuhl hinaufgingen. Meine Mutter wurde immer schneller und ich tat mich nun schwerer, Schritt zu halten, als sie zielstrebig auf das einzige Zimmer im Dachgeschoss des Hauses zuging.
Er lag mit dem R├╝cken auf dem dunklen Holzboden; das Jagdgewehr neben ihm. Sanft und langsam lief das Blut die Dielen entlang, blieb in den Ritzen h├Ąngen und bahnte sich trotzdem einen Weg durch den alten, vermorschten Parkett. Fast schon friedlich umschloss es den Kopf meines Bruders, der mit gleichg├╝ltigem Gesichtsausdruck und regungslos dalag. - Er hatte sich erschossen.
Meine Mutter quiekte einmal schrill, legte sich beide H├Ąnde vor den Mund, drehte sich um und polterte die Treppen hinunter. Eigensinnig blieb ich stehen und versuchte das Szenario zu fassen. Hundertmal bin ich es im Kopf durchgegangen, aber konnte mich dennoch nicht darauf vorbereiten. Der Anblick war so unwirklich und meine Schuld so unertr├Ąglich, dass ich diesen Moment abermals anzweifelte und meine Augen vor der Wirklichkeit verschloss. Mein Geist suchte verzweifelt nach einem Ausweg, nach einer L├Âsung, aber das, was sich vor meinen Augen abspielte, war zu real und zu kalt, um es kurzfristig zu verdr├Ąngen.
Langsam ging ich auf meinen Bruder zu und piekste ihn an. Ich fuhr erschrocken zur├╝ck, sein K├Ârper war noch warm und aus irgendeinem Grund hatte ich das nicht erwartet. Ich bemerkte einen kleinen, wei├čen Zettel, der neben dem Gewehr lag und griff danach.
In gro├čen Buchstaben und mit krakeliger Schrift war das letzte Wort, das mein Bruder geschrieben hat: DANKE.
-
Wie gesagt, Jahre sp├Ąter kam ich wieder in das Haus meiner Eltern, in dem jetzt meine Mutter alleine wohnte. Wieder sa├čen wir zusammen in der K├╝che und tranken Kaffee.
Wir beiden waren noch da. Trotz allem. Warum mein Bruder nicht mehr da war, begriff ich erst jetzt: F├╝r ihn roch es nie nach Zwiebeln, Pflaumenkuchen und Kaffee.

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