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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Zwischen Goethe und Besenkammer
Eingestellt am 15. 11. 2003 20:56


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wondering
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Nachstehender Artikel entstand während der ersten Vorbereitungen zum "Bücherfest", um zu erklären, warum diese geplante Veranstaltung wichtig und plausibel ist. siehe Hier klicken

Zwischen Goethe und Besenkammer

Zunehmend eifrig durchwühlen Politiker ihre Programme zugunsten der mythischen „Mitte“, und für Kulturbetreibende wird die „goldene Mitte“ seit einiger Zeit zum „goldenen Kalb“. Was passiert eigentlich tatsächlich, dass alle mittlerweile so scharf auf die Mitte sind und diese allmählich zu einem mächtigen Mythos wird? Sind es Begleiterscheinungen einer sogenannten Globalisierung oder ist es ein Teil der Medienpolitik, dass unterschiedliche Männer und Frauen, größtenteils überzeugte Individualisten (die ja in den 70-er, 80-er und 90-er Jahre erzogen wurden) sich plötzlich ähnlich verhalten, ähnlich konsumieren, ähnliche literarische und musikalische Geschmäcker haben und ähnliche Kunstdrucke auf ihren Wänden platzieren?

Erscheint es Niemandem wenigstens bei näherer Betrachtung mindestens merkwürdig, dass ein Buch – gleich welchen Genres - mit zumeist mäßiger, öfter aber minderwertiger, künstlerischen Güte gleich Millionen von Individuen Freude bereitet? Genügt es tatsächlich, als „Anders-Autor“ kurzfristig und innerhalb vorgegebener, marktorientierter Raster, Auflagen zu schaffen?
Sie schmunzeln? Klar, sagen Sie, die Welt ist ungerecht, das wissen wir. Der Markt regiert die Welt und auch die Literatur. Das klingt plausibel.
Aber was hat das alles damit zu tun, dass Menschen massenhaft beginnen, sich ähnlich zu verhalten, wo sie doch sonst immer streiten?
Mit sogenannter Massenkultur hat der Missstand wohl nichts am Hut. Die meisten Vertreter „der grauen Masse“ sind ja keine Bauern oder Fabrikarbeiter im herkömmlichen Sinne mehr. Deutschland empfindet sich heutzutage recht intelligent, auch wenn sie sich darüber fast schämen, denn Intelligenz scheint bei weitem keine Tugend mehr zu sein. Stattdessen aber Schläue!
Zwangsverblödung ist es auch nicht, denn die hiesige Gesellschaftsordnung ist eine demokratische, sonst würden Sie diesen Text nicht lesen können.
Klar, Ignorieren bewirkt heute in einer Mediengesellschaft manchmal mehr als früher; auch mehr als anderswo Einsperren oder Verbannen, aber wer denkt schon daran? Wer hat den Überblick? Die Politiker, die Literaten, die Mitte höchstpersönlich oder doch die Medien?

Es muss mit Kulturnihilismus zu tun haben. Mehr wissen wir nicht.
Wir ahnen auch, es steckt ein wirtschaftliches Sicherheitsdenken dahinter, das Unternehmer, wie etwa Verleger, vom Idealismus fernhält oder Idealisten erst gar nicht zu Verlegern werden lässt.
Möglicherweise ist es Gleichgültigkeit oder geistige Verarmung.
Vielleicht wirken aber auch inzwischen nachhaltig die Ergebnisse jahrelanger Marketingrecherchen –und Strategien, die Menschen bekanntlich zu Zielgruppen erziehen, so dass man – bewusst oder als Nebenerscheinung - die ideale Zielgruppe (die besagte Mitte oder die berüchtigte Masse) endlich konstruiert hat, allein um Supergewinne zu erzielen.
Ob das wirtschaftlich langfristig tragbar ist, bleibt fraglich. Über Ethik oder Kultur im herkömmlichen Sinne reden wir nicht mehr.
Tatsache bleibt, dass in Deutschland jährlich Zehntausende Buchveröffentlichungen allein im Bereich Belletristik zustande kommen. 99% davon stammen von mehr oder weniger bekannten Autoren. Die meisten sind Übersetzungen ausländischer Verkaufserfolge. Von unbekannten deutschsprachigen Autoren kommt weniger als ein Prozent der Bücher, während diese ausländischen Verkaufserfolge oftmals im eigenen Land weniger gelesen werden, als bei uns. Merkwürdig.
Wir kennen die Antworten auf die obigen Fragen nicht.
Aber wir wissen, so wie hier und da der „Trend“ zum Bewusstwerden des
Augenblicks geht und einige „abgefahrene“, echte Individualisten sich in Nischen verkriechen, sollten wir den Focus endlich auf die Nische unverfälschter Literatur setzen. Schon allein, um doch wieder etwas zu „vererben“ zu haben.
Es ist schlimm genug, dass im Land der Denker und Dichter – oder dem, was davon nach einer Ära von Lumpenfanatismus, Antiintellektualismus und besagtem Kulturnihilismus übrig ist – echtes Potential hinter einem falsch verstandenen Marketing zurück bleibt!
Und es gibt noch mehr Beweggründe, sich die Mühe zu machen, die echten Literaten - die es mit dem geschriebenen Wort ernst meinen und deren Professionalität nicht nur darin besteht, von ihrem Schreibhandwerk leben zu können - zu suchen und zu fördern.
Es sind konstruktive GrĂĽnde, die mit jenem Potential zu tun haben, das die Kunst als legitime Form der menschlichen Welterkenntnis in einer Mediengesellschaft von sich aus hat.
Literatur ist im Grunde ein Netzwerk, ein Hypertext, ein Polygon für Erkenntnisse, die weder formalisiert noch verwaltet werden können. Diese Erkenntnisse tragen die gesamte menschliche Orientierung in einem Koordinatensystem fort, das unsere zivilisierte, menschliche Kultur ausmacht. Und eben diese Kultur hat mit Orientierung zu tun. Sie liefert neben Handlungsmustern auch Motive, stimuliert und bremst, sie ist deshalb ethisch, aber nicht nur: Sie vermittelt uns Schönheit, die relativ ist, aber zu jeder Zeit ist sie verbindlich, denn wer weiß schon, wie viele Handlungen in der Welt von dieser Schönheit initiiert wurden?
Literatur bindet das Ganze, liefert feine Übergänge, Zeitkonstrukte und Ebenen. Sie ist eine Instanz, die einzige, die in der Tat einen Überblick hat und diesen auch haben darf.
Bewahrenswerte Augenblicke, Erlebnisse und Erkenntnisse, gebannt in unverfälschten Wortschöpfungen und sauberer Sprache, haben Bestand. Kommerzielles und gerastertes Geschreibsel nicht, selbst wenn man genug Papier zum Drucken hat.

Fast sind wir geneigt, den heutigen Buchmarkt mit der Anti-Aging-Bewegung zu vergleichen, die nicht mehr weiter denkt, als bis zum nächsten Rasthof.
Doch die kultivierte Natur, beständig wie sie ist, verlangt mehr. Ob sich in zwei, drei Generationen jemand für Besenkammer-Affären oder Wer-mit-wem- Geschichten interessiert, ist unwahrscheinlich.
Doch sind wir sicher, dass Goethe, Rilke oder etwa auch Bukowski dann immer noch "leben".

Von Leon Tsvasman und wondering (Arbeitskreis Literaturtage BONLIT, Bonn)

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Marquaning
Guest
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Yes, yes, yes, liebe Wondering!

Es erfreut mein Herz, dass Sie Bukowski in einem Satz mit Rilke und Goethe nennen. Das beweist Kenntnis der Materie. Und: Sie haben Recht!

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black sparrow
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Hallo wondering,

ich kann mich meinem Vorgänger nur anschließen!
Es ist eine sehr anspruchsvolle Kolumne, die ich
gerne gelesen habe, und man könnte noch stundenlang über
den Zustand des Verlagswesen in diesem Land reden!
Warum gibt es nicht mehr Verleger mit deiner Einstellung,
und vor allem mehr Leser?

Machs gut

black sparrow

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wondering
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Hallo black,

es gibt sie, die Verleger mit der Einstellung. Doch genĂĽgt es halt nicht so vielen, von Luft, Liebe und Idealismus zu leben
naja, und deshalb kommt der ganze o.a. "Apparat" ans Laufen...
Gestoppt bekommt man das nicht, aber vielleicht ein wenig umgeleitet.

Also, man liest sich
lG wondering


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katia
???
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kurz und knapp

ja, ja und nochmals ja..den rest haben meine vorredner schon geschrieben

viele grĂĽĂźe
katia
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(kas)

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wondering
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hallo katia,

dank' dir fĂĽr's Lesen und Ausgraben meiner beiden TExte

Viele GrĂĽĂźe
wondering
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