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Leselupe.de > Humor und Satire
Zwischen Tod und Leben.
Eingestellt am 02. 10. 2003 12:21


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pleistoneun
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Ich schulterte meine Fantasie und reiste mit ihr durch ein Land ohne Namen. Die Landschaft war von Wald und Wiesen bedeckt, wie zuhause, aber hier waren sie nicht gr├╝n, sondern rot und Blumen waren hier keine Blumen, sondern bunte Fingerhandschuhe. Ich kam vorbei an Fl├╝ssen, die aus gl├Ąnzendem Gold waren und ich sah Gebirgsz├╝ge, die aus gestapelten Einmachgl├Ąsern bestanden. Der Zweck der Reise war mir unbekannt und ich wusste auch nicht, wohin sie mich f├╝hrte. Obwohl ich meinen Sinn f├╝r Zeit und r├Ąumlicher Orientierung einer fantastischen Regie ├╝berlassen hatte, begann ich mich doch allm├Ąhlich an die neue Umgebung zu gew├Âhnen.

Nach einer langen Reise kam ich an ein seltsames Haus. Es besa├č keine W├Ąnde, nur ein altes Schindeldach, auf dem Musiknoten in Frauenkleidern tanzten. Mein Blick aber fiel auf einen wei├čen Raben, der vor diesem Haus sa├č und der da pl├Âtzlich zu sprechen begann: "Ja, und dar├╝ber bin ich sehr froh, denn ich f├╝hlte mich sehr einsam."
Jetzt auch noch ein sprechender Rabe.
"Meinst du, wir sollten es ihm sagen? Ist das klug?", fuhr der Rabe fort.
Mit wem redete da der wei├če Vogel? Warum gab er Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden?
"Wer bist du?", fragte ich.
Er anwortete: "Ich bin wie du ein Gefangener dieser Welt. Nur deine Gef├Ąhrtin, die Fantasie, ist frei."
Das klang neunmalklug, aber schlau wurde daraus niemand.
"Ich bewege mich frei und unbeschwert durch die Welt. Wie k├Ânnte ich da ein Gefangener sein?", entgegnete ich.
"Du bist ein Narr, wenn du nicht siehst, dass dein Leben hier eine Verh├Âhnung der Realit├Ąt ist. Ich hocke schon lange Zeit hier und habe mein Schicksal erkannt."
"Welches Schicksal?"
"Ich erkannte, dass ich nur im Bewusstsein einer h├Âheren Ordnung existiere, die mich erdacht hat. Dein Auftritt hier bedeutet nur, dass dich diese Ordnung als neue Figur in ihr Bewusstsein gerufen hat."
"Das glaubst du doch selbst nicht, wei├čer Rabe!"
"Jeder deiner Gedanken, jede Idee ist nur Schein, ein Gaukelspiel, Blendwerk. Wir haben noch nie einen eigenen Gedanken erzeugt. Wir f├╝hlen uns frei, weil der Plan dieser h├Âheren Ordnung es so vorsieht und uns dieses St├╝ck Freiheit geben will."
"Du meinst ..."
"Ich habe die Absicht, unsere Knechtschaft hier zu beenden", sagte der Rabe aufgeregt. "Und was ist meine Aufgabe dabei?"
"Ich habe bei unserer Begr├╝├čung mit deiner Fantasie gesprochen. Sie hat keine Stimme, aber dennoch teilt sie sich uns durch Improvisationen des Lebens mit. Mit Hilfe unserer Fantasie werden wir diese Welt verlassen."
"Es ist schwer f├╝r mich, das alles zu verstehen, Rabe. K├Ânnte es denn aber nicht auch sein, dass diese h├Âhere Ordnung, die uns erdacht hat, nicht selbst gerade ein Leben im Bewusstsein eines anderen f├╝hrt?"
"Das ist durchaus m├Âglich. Aber ich denke, wir k├Ânnen aus diesem Ringelspiel ausbrechen."
"Wie?"
"Im Schlaf tr├Ąumt das Bewusstsein und da wir nichts anderes sind als das Produkt dieser Gedanken, erleben wir diesen Traum als unseren. Aber genau dann, wenn der Traum zu Ende ist, k├Ânnen wir seinem Bewusstsein entspringen, indem wir unsere Fantasie benutzen und uns in eine neue Welt begeben, in der wir Freiheit erlangen."
"Ist das nicht Selbstbetrug, von einer Traumwelt in die andere zu fliehen?"
"Es wird unsere Welt sein, die wir f├╝r uns erschaffen haben und wir sind nicht mehr das Erzeugnis einer fremden Kraft. Diese neue Welt, mein Freund, diese neue Welt wird uns unsere Realit├Ąt zur├╝ck geben und uns wieder zum Meister ├╝ber unsere eigenen Ideen machen."

Das war der Plan. Zu zweit w├╝rde der Ausbruch eher gelingen, weil mehr fantastisches Potenzial freigesetzt werden k├Ânnte, meinte der Rabe. Und so sa├čen wir zusammen vor dem Haus ohne W├Ąnde, bis in unsere Scheinwelt langsam die Nacht herein brach. Alles wurde ruhig um uns, doch wir blieben wach. Nach geraumer Zeit wurden wir - wie es der Rabe vorhergesagt hatte - in den Traum unseres Herrn gezogen. Darin war ich ein Ameisenelefant und der Rabe hatte die Rolle des Regens, und die einstigen Musiknoten in Frauenkleidern prasselten als Regentropfen munter auf mich hernieder. Ein furchtbarer Traum, aber ich passte auf, dass ich den Moment nicht verpasste, wo ich abzuspringen h├Ątte. Im n├Ąchsten Augenblick - mitten im wildesten Regen - war es pl├Âtzlich angenehm still und trocken. Der Zeitpunkt war gekommen.

Ich konzentrierte mich scharf auf unsere neue Welt, stellte sie mir lebhaft in allen Einzelheiten vor und es er├Âffnete sich in der Tat ein neuer Kosmos. Ja, und da dr├╝ben auf der frischen, gr├╝nen Wiese h├╝pfte der Rabe, der nun nicht mehr wei├č, sondern wie jeder andere Rabe auch, ein schwarzes Federkleid hatte. Die Wiese war wieder gr├╝n, ja! Und da waren auch gr├╝ne B├Ąume, allerdings ungewohnt riesig, und sie trugen keine Bl├Ątter oder Nadeln, sondern von ihren ├ästen hingen W├╝rmer. Seltsam. Neben den weitl├Ąufigen Wiesen hinter den saftigen H├╝geln lag ein See, in dem sich die wundersch├Âne Umgebung spiegelte. Aber was war das? Oh nein, neben dem See lagen gro├če Ansammlungen toter Insekten. Warum war diese meine Welt nun schon wieder anders als ich wollte? Und als mich der Rabe - der genau dasselbe dachte - anschaute, war mir alles klar. Wir hatten mit unseren beiden Fantasien versucht, eine Welt nach unseren Vorstellungen zu formen, die aber, wie es schien, weit voneinander abwichen. Doch wir hatten erreicht, was wir wollten - die Befreiung aus der Gefangenschaft. Wir spazierten in unserer Wirklichkeit gewordenen neuen Umgebung gerade den lautlosen Fluss entlang, als wir zu einem tiefen Loch in der Erde kamen. Wir schauten in die schwarze Versenkung und noch ehe wir uns ├╝berlegen konnten, was wir tun sollten, wurden wir hinein gezogen. Und wir fielen und fielen und h├Ârten gar nicht mehr auf zu fallen und dann war es nur noch menschlich und hell und ein Arzt hielt mich in seinen H├Ąnden.

Meine Eltern sagten mir sp├Ąter, ich h├Ątte bei meiner Geburt nicht geschrieen. Warum auch? Ich f├╝hlte mich endlich am Ziel einer langen Reise. Und gerade dieser Glaube war ein Irrtum fantastischen Ausma├čes.

Was aus dem Raben wurde? Wenn ich meine Fantasie benutzen d├╝rfte, dann k├Ânnte ich mir vorstellen, dass .....
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flammarion
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och,

schade! warum bricht die geschichte hier ab? ich hatte mich gerade so sch├Ân reingelesen . . .
lg
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Old Icke

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Ohrensch├╝tzer
???
Registriert: Oct 2002

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recht so

Also ich finde den Schluss ├╝beraus passend. Vom Motiv "ein Traum ein Leben" ausgehend werden H├╝llen in H├╝llen entdeckt, sodass der Kern nicht mehr sichtbar ist. Und letztlich steckt die Geschichte selbst in einer H├╝lle (der Phantasie des Autors und des Lesers), und bevor die n├Ąchste angerissen wird, wird ausgeblendet.

Wo komm ich her, wo geh ich hin, geh ich selbst oder werde ich gegangen, woraus besteht die Welt, warum sieht sie jeder anders? Faszinierende Antwort auf diese Fragen, f├╝r meine Begriffe auch den komplizierten Gedankengang sehr sch├Ân nachvollziehbar gemacht. Dickes Lob von meiner Seite!

Sch├Ânen Gru├č,
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Der Ohrensch├╝tzer

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pleistoneun
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Danke von meiner Seite...

Nat├╝rlich k├Ânnte man diese Geschichte unendlich weiter denken, aber das w├Ąre Wiederholung, denn der Grundgedanke, n├Ąmlich das Wiederkehren und die Beschaffenheit der Existenz hab ich beleuchtet, angerissen; ich m├Âchte immer einen offenen Schluss lassen, damit der Leser sich selbst Gedanken dar├╝ber macht, wie es denn weiter gehen k├Ânnte. Es gibt - besonders bei dieser Geschichte - keine absolute L├Âsung f├╝r die Fortsetzung. So flie├čt denn alles. Danke f├╝r die Kommentare.
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