Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92210
Momentan online:
417 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zwischen den Jahren
Eingestellt am 09. 12. 2007 19:16


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Franka
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Feb 2006

Werke: 208
Kommentare: 2386
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Franka eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Zwischen den Jahren (├╝berarbeitet)


Ich schlug den Mantelkragen hoch und machte mich langsam auf den Heimweg.
Der Schnee fiel in dichten Flocken. Ich fing sie mit den H├Ąnden, sp├╝rte ihre Zartheit und auch ihre Verg├Ąnglichkeit.
Unbeabsichtigt, gefesselt von diesem Spiel, kam ich vom Wege ab und geriet in eine kleine Seitengasse. Sie war so eng, dass ich von der Mitte aus, mit ausgestreckten Armen, beide H├Ąuserw├Ąnde ber├╝hren konnte.
Erstaunt sah ich mich um. Ich kenne auf der Strecke von der Kirche bis zu meinem Haus jeden Weg, jedes Haus, eigentlich jeden Stein. Hier jedoch war ich noch nie gewesen!
Es zog mich nichts in meine leere Wohnung und so beschloss ich, diese unbekannte Stra├če zu erforschen.

Licht fiel in die Gasse, irgendwie warm und gem├╝tlich. Ich ging langsam weiter und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass ich die Quelle des sonnenwarmen Lichtes nicht ausmachen konnte. Der Himmel war bedeckt, nur m├╝hsam bahnte sich das Mondlicht, kalt und wei├č, seinen Weg durch den Dunst. Es gab keine Stra├čenlaternen und auch keine erleuchteten Fenster.
Die kleine Stra├če entpuppte sich als Sackgasse, schnell hatte ich ihr Ende erreicht.
Ich blieb stehen und schaute zur├╝ck. Auf beiden Seiten gab es alte H├Ąuserw├Ąnde und darin kleine h├Âlzerne T├╝ren, aber nirgendwo ein Fenster.

Neugierig geworden, suchte ich nach Namensschildern, doch vergebens. Ich wollte schon gehen, als sich, wie von Zauberhand, eine T├╝r vor mir ├Âffnete. Ohne Z├Âgern schob ich sie ein wenig weiter auf und sp├Ąhte hinein.
Von hier kam es, dieses sonnenwarme Licht!
Z├Âgernd trat ich ein, doch was ich sah, nahm mir den Atem: Ich schaute direkt in mein erstes Kinderzimmer!
Es musste ein Trugbild sein, doch je mehr ich mir ungl├Ąubig die Augen wischte, umso deutlicher wurde das Bild, umso mehr Details nahm ich wahr.
Ich! Das war ja ich. Das Kind, das dort im Bett lag und weinte. Und Mutter, die auf mich zutorkelte und schreiend nach Ruhe verlangte.
Ich erschrak, wollte fliehen, doch wo war die T├╝r? Das warme Licht, die T├╝r, beides konnte ich nicht mehr finden!
Da gab es nur noch dieses Zimmer, mit mir als Kind, und meiner Mutter. Ich musste wieder hinein und dort nach einem Ausgang suchen.
Ganz langsam schlich ich an der Wand entlang, damit die Beiden mich nicht bemerkten und dann war auch das Licht wieder da. Erleichtert lief ich darauf zu. Doch, je n├Ąher ich ihm kam, umso mehr verblasste es. Stattdessen f├╝hrte es mich in einen weiteren Raum.
Er war v├Âllig leer und mir doch irgendwie vertraut. Ich musste eine Weile ├╝berlegen, bevor ich darauf kam, dass es der Geruch war, der Erinnerungen weckte. Es roch nach abgestandenem Bier, kaltem Zigarettenrauch, Erbrochenem und nach menschlichen Ausd├╝nstungen. Dieser ÔÇ×DuftÔÇť gab in meinem Kopf Bilder frei, eine Flut von Bildern. Wie ein Stummfilm lief meine Kindheit an mir vor├╝ber. Mir wurde ├╝bel und als das Licht wieder auftauchte, rannte ich darauf zu. Ich wollte hier raus, nur raus, doch erreichte wieder nur einen neuen Raum. Nein, eigentlich kein Raum, oder doch?
Vor mir lag eine Wiese, in der Mitte stand eine alte Linde. Ich n├Ąherte mich dem Baum, ber├╝hrte vorsichtig seinen Stamm und v├Âllig ohne mein Zutun fanden meine Finger die Schrift. Zwei Namen, unsere Namen und die Worte ÔÇ×Ich liebe dich". Unter diesem Baum hast du mich das erste Mal gek├╝sst, unter diesem Baum machtest du mir den Heiratsantrag, unter diesem Baum sagten wir zueinander ÔÇ×JaÔÇť. Unter einem Baum liegt ihr beide begraben. Der Andere war zu schnell, die Stra├če zu nass, er konnte sein Auto nicht mehr bremsen. Unsere Tochter war noch so klein, gerade erst in die Schule gekommen.
Mit beiden Armen umschlie├če ich den m├Ąchtigen Stamm, meine Tr├Ąnen befeuchten seine Rinde und w├Ąhrend sein Bild unter meinen H├Ąnden zerflie├čt, weist ein helles Licht mir den Weg.
Das Licht kommt und geht, wie die Bilder in den R├Ąumen, durch die ich gehe. Ich z├Ąhle sie. Als ich den siebenten Raum betrete, sehe ich am Ende endlich eine T├╝r.
Hier jedoch ist mir alles fremd. Im Hintergrund spielt leise Orgelmusik. Es duftet nach frischen Blumen. ├ťberall stehen Tulpen, meine Lieblingsblumen. Ihr Geruch umh├╝llt mich wie ein zartes Seidentuch. Da teilt sich das Blumenmeer und ein schneewei├čer Sarg wird meinem Blick preisgegeben.
Wie ferngesteuert gehe ich darauf zu und dann sehe ich sie, nein ich sehe mich. Ich sp├╝re wie mir hei├č wird und gleichzeitig eiskalte Schauer den R├╝cken hinunterlaufen. Schwerf├Ąllig setze ich einen Fu├č vor den anderen. Ja, und dann stehe ich vor mir.
Ich bin sch├Ân und ich bin alt. Langes wei├čes Haar schmiegt sich wie eine Kappe um meinen Kopf. Ich l├Ąchle, es ist ein gl├╝ckliches L├Ącheln. Noch bevor ich wieder aufsehe, sp├╝re ich, ich bin nicht allein. Am Kopfende stehen Menschen. Einige erkenne ich wieder, meine Freundin, sehr alt geworden, mein j├╝ngerer Bruder mit seiner Familie. Dann ist da noch ein alter Mann, noch immer recht gut aussehend. Ihm zur Seite steht eine Frau, vielleicht so um die Vierzig. So sehr ich auch gr├╝ble, ich erkenne sie nicht. Soll ich sie noch kennen lernen?

Ein kalter Wind fegt durch den Raum, das Licht verl├Âscht, die Bilder verschwinden und hinter mir f├Ąllt die T├╝r ins Schloss.
Ich stehe in einer kleinen Gasse, sehe alte H├Ąuserw├Ąnde und suche vergebens nach Fenstern und T├╝ren. Es ist eine Sackgasse. Ich gehe zur├╝ck zu vertrauten Wegen. Der Mond schickt kaltes, wei├čes Licht durch die Schneewolken. Es ist eisig. Ich will nach Hause, mich am Kamin w├Ąrmen.
In wenigen Minuten beginnt das neue Jahr.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


3 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!