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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zwischenzeit
Eingestellt am 06. 11. 2010 14:37


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fynn
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Dec 2006

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Heute.
Ja, heute.
Das konnte sie sp├╝ren.
Heute wird der Tag sein, an dem sie stirbt. Ein Tag so sch├Ân wie jener l├Ąngst vergangene Tag im Sommer, in dem sie Julius traf.
Die Sonne brachte ihr Haar zum Gl├Ąnzen, ihre Augen strahlten ├Ąhnlich wie der blaue Himmel ├╝ber ihnen und das Lachen ├╝bert├Ânte das Rauschen des Meeres. Ein Tag, wie er nicht wiederkommt. Ein Tag, der auch nach 85 Jahren so voll lebendiger Erinnerung ist, das sie jetzt vor der Haust├╝r steht und die B├Ąume sich zuwispern: schaut wie gl├╝cklich sie ist.

Der Morgen ist k├╝hl und klar. Kein Wind l├Ąsst die Zweige der gro├čen Ulmen schwanken. Noch einmal setzt sie sich auf die Treppenstufen ihres kleinen H├Ąuschens, noch einmal sitzt sie da und wartet.
Es f├╝hlt sich so gut an.
So ganz und gar zufrieden.
Ja, heute wird sie sterben.

Ihre Gedanken wandern zur├╝ck in jenen Sommer als das Meer rauschte, die Sonne gl├Ąnzte und der Himmel strahlte.
Sie sa├č genau wie heute auf den Stufen des Hauses und h├Ârte den B├Ąumen zu.
Nur ein sanftes Ger├Ąusch knirschenden Sandes durchbrach die vormitt├Ągliche Stille. Ein Mann n├Ąherte sich langsam und sehr bed├Ąchtig auf dem Weg und sah mit seinen Augen irgendwo an einen Punkt in der Ferne.
Erst als er vor ihr stand, senkte er seinen Kopf und schaute sie mit einem Blick an, der bis tief in ihr Innerstes zu schauen schien.
Seine Augen leuchteten so gr├╝n, wie die letzten Fr├╝hlingsbl├Ątter ├╝ber ihr in den Zweigen der riesigen Ulmen.
ÔÇ×Haben Sie etwas Wasser f├╝r mich?ÔÇť
Haben Sie etwas Wasser f├╝r mich, fragte er damals. Und dann immer wieder. Niemals wollte er etwas anderes als Wasser.
Selbst als er schon lange krank oben in seinem Zimmer lag und sie t├Ąglich die vielen Stufen hinaufstieg, um ihm vorzulesen oder gemeinsam mit ihm aus dem Fenster zu schauen, wollte er nie etwas anderes als Wasser.
Nie beklagte er sich, interessierte sich f├╝r ihr Leid und ihre Bed├╝rfnisse, als w├Ąre es das Wichtigste, das es ihr gut ginge.
F├╝r ihn war es das Wichtigste.
Denn sie w├╝rde ohne ihn weiterleben m├╝ssen, das wusste er.
Weiterleben bis heute.

Es waren noch ein paar sch├Âne Sommer, seit dem Tag im Herbst als Julius starb. Ganz leise schlich er sich aus ihrem Leben in dem Wissen, das sie das k├Ânnte. Noch ein paar sch├Âne Sommer haben, bis auch ihr K├Ârper schwach genug w├Ąre, um dem Leben mit all seinen H├Ąrten und Schwierigkeiten weiterhin standzuhalten.
Sie lachte noch viel mit ihren Kindern, die mit den Jahren Julius immer ├Ąhnlicher wurden. Sie sa├č noch oft unter den m├Ąchtigen Ulmen und lie├č sich von ihrem Gewisper zu einem kleinen Nickerchen ├╝berreden, so wie einst mit ihrem Mann auch.

Sie konnte das, weil sie wusste, eines Tages werde ich wieder in seine leuchtend gr├╝nen Augen blicken und er wird mich fragen: ÔÇ×Hast du etwas Wasser f├╝r mich?ÔÇť Denn sein Hals wird schon ganz trocken sein, vom Warten.
Und vom Ausschau halten.

Heute ist es soweit. Sie tr├Ąumt davon, wie sie den Sand unter ihren F├╝├čen sp├╝rt, wie er knirscht. Und sie geht langsam den Weg entlang, schaut auf einen Punkt in der Ferne.
Irgendwo, sie wei├č nicht wohin.
Sie wei├č nur: es wird morgen sein.

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