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Leselupe.de > Erzählungen
Zwölf Uhr zwölf
Eingestellt am 28. 08. 2013 19:54


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Bertl Schreiner
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Zwölf Uhr zwölf

Die Kerzen um den Sarg flackerten und erhellten mit ihrem unruhigen Schein nur schwach den Chor der Friedhofskapelle. Die Trauergemeinde hatte sich an diesem feuchten, trüben Dezembertag versammelt, um Abschied von ihrem Angehörigen oder Bekannten zu nehmen. Auch einige ehemalige Klassenkameraden und Weggefährten waren gekommen, um dem Toten, wie man so sagt, die letzte Ehre zu erweisen. Als einer der früheren Mitschüler hatte auch er sich überwunden, den Friedhof in der nahen Stadt aufzusuchen. Nicht, dass er mit dem Verstorbenen befreundet gewesen wäre oder später engen Kontakt gehabt hätte; man traf sich zu den obligatorischen Klassentreffen oder gelegentlich einmal beim Einkaufen, wo man einige belanglose Sätze wechselte. Dennoch hatte es ihn ziemlich getroffen, als er vor wenigen Tagen den bekannten Namen in der Tageszeitung entdeckt hatte. In seiner depressiven Grundstimmung, die durch den grauen Himmel noch verstärkt wurde, hatte die Nachricht latente Gefühle der Vergänglichkeit und Nichtigkeit ausbrechen lassen.

Bis zum Termin hatte er den Entschluss in die Stadt zu fahren mehrfach über den Haufen geworfen; einem solchen Vorhaben ging meist wegen seiner Melancholie, aber auch wegen verschiedener körperlicher Beschwerden, ein mehrtägiger innerer Kampf voraus. Spontan hatte er sich dennoch auf den Weg gemacht und saß nun mit widerstreitenden Gefühlen zwischen dunkel gekleideten Personen in der Kapelle. Die getragenen Klänge der Orgel und die einfühlsame Ansprache des Pfarrers lösten allmählich die innere Anspannung; er hob den Blick und begann sich in der Halle umzusehen.

Schräg links in der Reihe vor ihm saß eine stattliche Dame in einem schwarzen Mantel. Eine besondere Aura schien sie zu umgeben; er ließ es geschehen, dass sein Blick immer wieder ihr schulterlanges braunes Haar streifte. Eine unerklärliche Energie schien sich zwischen diesen beiden Menschen aufzubauen, die ihn in tiefe Unsicherheit stürzte. Gerade wollte er sich in einem plötzlichen Entschluss davon lösen, als sie wie zufällig ihren Kopf leicht nach rechts wandte, so dass er ihr Profil sah. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn und eine seit vielen Jahrzehnten verschüttete Erinnerung meldete sich: Sie?? Nein, das war unmöglich! Seit seiner Schulzeit hatte er nichts mehr von ihr gehört, außer dass ein Mitschüler bei einem Klassentreffen erwähnt hatte, sie habe mit ihrem Mann im Ausland eine Firma gegründet.

Diese eine Kopfbewegung, dieser beiläufige Blick zog ihn in einen Strudel zuerst vager, dann aber immer klarer hervortretender Erinnerungen. Damals, am 12. 12. 1962, auf den Tag genau vor fünfzig Jahren, hatte er sie zum letzten Mal gesehen. Aus einem besonderen Grund haftete dieses Datum in seinem Gedächtnis: Nach dem Unterricht hatte er sich auf dem Hauptpostamt in eine lange Reihe wartender Briefmarkenfreunde eingereiht, um sich den begehrten Poststempel "12.12.62,12.12" auf einige vorbereitete Briefe mit Sondermarken stempeln zu lassen. Mit viel Geduld hatten die Postbeamten die Wünsche der Philatelisten erfüllt. Nun saß er, die Briefe sorgfältig zwischen Schulbüchern in seiner Mappe verstaut, in dem klapprigen roten Bahnbus, der ihn nach Hause bringen sollte. Er lehnte mit der linken Schulter am Fenster; der Platz rechts neben ihm war frei.

Noch stiegen einzelne Personen ein, meist Schülerinnen und Schüler aus den Gymnasien. Wie seit über zwei Jahren blickte er immer wieder zur vorderen Tür: Ob sie heute mitfahren würde? Schon über zwei Wochen hatte er sie nicht mehr gesehen. Anfangs benutzte sie fast täglich den gleichen Bus wie er, da sie in einem Nachbarort wohnte. Doch in letzter Zeit blieb sie anscheinend länger in der Stadt oder hatte im Mädchengymnasium zu anderen Zeiten Unterrichtsschluss. Einige Male hatte er beobachtet, dass ihr Vater, eine stattliche, elegant gekleidete Gestalt, sie abholte und mit einem Kuss auf die Wange begrüßte; eine solche Geste war ihm, der aus bäuerlicher Umgebung kam, gänzlich unbekannt. Oder hatte sie vielleicht einen Freund?

Im vergangenen Jahr hatten sie den gleichen Tanzkurs besucht, wobei er sich nicht getraut hatte sie anzusprechen. Aus Schüchternheit vermied er auch mit ihr zu tanzen, registrierte jedoch schmerzlich, dass sie großen Spaß an der Bewegung und am Kontakt mit anderen hatte. Je mehr sie aufblühte, umso stärker zog er sich zurück. Am Abschlussball nahm er nicht teil; es fehlten ihm einfach der Mut und die Reife. Später sah er sich nicht ohne Neid die Bilder vom Ball am Schaukasten der Tanzschule an, was ihn immer mehr aufwühlte; kam sie ihm doch in ihrem langen weißen Kleid wie eine überirdische Schönheit vor.

Gerade als er sich in seinen Phantasien zu verlieren drohte, schritt sie langsam, den Busfahrer freundlich anlächelnd, die Sitzreihen entlang, in Jeans und mit ihrer hellen Winterjacke. Immer noch lächelnd, steuerte sie den freien Platz neben ihm an. Er war nicht mehr fähig zu atmen; ob sein Gesicht blass wurde oder sich aus Schüchternheit rötete, er registrierte es nicht, auch nicht, dass der Bus losfuhr. Sie setzte sich, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt; und er konnte nicht weiter wegrücken, da er sich schon am Fenster anlehnte. In den Boden zu versinken war auch nicht möglich, das gab die Konstruktion des Busses nicht her. Wie aus einer anderen Welt hörte er ihre Stimme, noch leicht außer Atem, unbekümmert und fröhlich. Sie erzählte, dass sie noch schnell im Modegeschäft etwas Neues erstanden hatte und öffnete leicht die Einkaufstüte, so dass ein türkisfarbenes, seidiges Teil zum Vorschein kam. Doch er fand einfach nicht in die Realität zurück.

Anstatt die seit langem ersehnte Gelegenheit zu nutzen, die sie ihm unbefangen und offen bot, fixierte er erstarrt die abgegriffene rotbraune Kunststofflehne des Vordersitzes. Sie berichtete begeistert von einem Projekt im Kunstunterricht mit großflächigen Farbfeldern, wobei sie mit weit ausholenden Gesten ihrer Schilderung Nachdruck verlieh. Ab und zu versuchte er in ihre Richtung zu schauen, aber er fand ihre Augen nicht. Kurz glitt sein Blick über ihren Körper: die gefütterte Jacke stand weit offen und die weiche Wolle des hellblauen, gestrickten Pullovers floss wellig über ihren Körper. Als hätte er ein Sakrileg begangen, wandte er sich sofort ab und betrachtete angestrengt den Vordersitz. Sicher sagte er auch irgend etwas, aber er hörte sich nicht. Irgendwann hielt der Bus an ihrer Haltestelle und sie verabschiedete sich mit einem langgezogenen freundlichen Tschüüs.

Als sei das Weltende über ihn hereingebrochen, verharrte er reglos auf seinem Platz; jetzt erst bemerkte er, wie sein Gesicht glühte und der feuchte Rücken sich allmählich mit einer Gänsehaut überzog. Die Gedanken in seinem Gehirn überschlugen sich; er konnte einfach nicht einordnen, was geschehen war. Hatte er sich gerade entsetzlich blamiert oder war ihm höchstes Glück zuteil geworden? Dass er Opfer einer engstirnigen und bigott-religiösen Erziehung war, die sich auf dem Dorf ins 20. Jahrhundert gerettet hatte, konnte er damals nicht wissen. Er vermochte sich nicht so anzunehmen, wie er auf Grund seines Charakters und seiner Erziehung geworden war. Das Grübeln und der innere Aufruhr in seinem Herzen drängten ihn immer tiefer in Selbstvorwürfe und Selbstverachtung.

Natürlich wartete er damals weiter auf sie und hielt am Busplatz Ausschau nach ihr. Doch er sah sie nicht wieder. Einfach bei anderen nach ihr zu fragen oder sie an ihrem Gymnasium aufzusuchen lag weit außerhalb seiner Möglichkeiten. Irgendwann schnappte er beiläufig aus einer Unterhaltung von Mitschülern auf, man würde sie vermissen, doch leider sei sie in eine andere Stadt verzogen. So verwahrte er die Erinnerung in seinem Herzen, wo diese immer tiefer sank, bis sie schließlich unerreichbar im Unbewussten gefangen war.

Nun bestürmten ihn genau fünfzig Jahre später völlig unerwartet diese verdrängten Gefühle, als hätte eine fremde Macht die Tür zu einem wohl bewachten Verlies aufgerissen. Inzwischen hatte er seine Frau kennengelernt, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut und vierzig Jahre seinen Beruf ausgeübt. Die Gesundheit und die Lebensfreude waren ihm schleichend abhanden gekommen; vielleicht hatte er seinen schmalen, nicht sehr männlichen Körper manchmal mit schwerer Arbeit überfordert; mag sein, dass er in seinen Beruf zu viel investiert hatte, bis der Vorrat an Kraft einfach zur Neige gegangen war. Pflichterfüllung sei es, was den Menschen adle, hatten ihm seine Lehrer gepredigt; der Mensch habe kämpfend und entsagend nach Höherem zu streben. Sich selbstlos für andere zu opfern war eine Maxime seiner Religion gewesen. Sogar ihr, der Unerreichbaren, der Angebeteten, hatte er in einem mystischen Sinn seine Mühen und Anstrengungen geweiht. Nun, da das Leben all diese verqueren geistigen Konstrukte weggewischt hatte, wuchs mit fortschreitender Schwäche die Erkenntnis der Hinfälligkeit allen Seins.

Und nun, in der gedämpften Feierlichkeit der Friedhofskapelle, katapultierte ein einziger Blick ihn durch sein gesamtes Leben zurück in die Jugend, in das damalige Chaos widerstreitender Gefühle. Kaum registrierte er, dass die Feier zu Ende war und der Sarg zu einem wartenden Wagen transportiert wurde. Wie alle anderen erhob er sich mechanisch und ging einige Schritte auf den Ausgang zu, stockend, sich mehrfach umschauend und mit sich überschlagenden Gedanken: War sie es wirklich? Durfte er sie ansprechen? Würde sie ihn erkennen oder überhaupt Wert auf die Begegnung legen? Wie damals entglitten ihm die Worte, gehorchte sein Blick ihm nicht mehr. Der düstere Raum schien sich zu verengen, zu schwanken, über ihm zusammenzustürzen. Am ganzen Körper zitternd, unfähig einen Entschluss zu fassen oder wenigstens jetzt die letztmalige Gelegenheit zu ergreifen, ließ er sich auf die Kirchenbank fallen, die sich an der Rückwand der Kapelle von der Tür bis in die Ecke des Raums entlangzog.

Mit gesenktem Blick und verkrampften Händen versuchte er seiner Erregung Herr zu werden, als er wie aus einer anderen Welt ein vorsichtiges "Hallo" vernahm. Bevor er die Gestalt in dem langen schwarzen Mantel vor ihm erkannte - er wagte immer noch nicht aufzublicken - hob er ungeschickt die rechte Hand, als wolle er jemand begrüßen. Doch die vor ihm stehende Person ergriff seine unsichere, zitternde Hand, wiederholte nochmals freundlich und einfühlsam ihr "Hallo" und setzte sich rechts von ihm auf die Bank. Es war ihm kaum bewusst, dass er den Gruß erwiderte und mit einem kurzen Blick ihr Gesicht streifte, das ihm nach fünfzig Jahren trotz vieler Lebensspuren noch genauso überirdisch erschien. Sie war es und hatte sich wieder zu ihm gesetzt, genauso spontan und unkompliziert wie damals. Aber jetzt hielt sie immer noch seine Hand mit leichtem, warmem Druck; und er beobachtete sich, wie er seine Linke unendlich zart auf die beiden verschränkten Hände legte. Die Zeit existierte nicht mehr und der Kirchenraum öffnete sich in die Unendlichkeit. Und zwei Wesen trafen sich, als wollten sie zwei lange Leben miteinander vereinen und doch gleichzeitig für immer Abschied nehmen. Und alle Worte, die sicher gewechselt wurden, verhauchten im zeitlosen Universum.

Irgendwann meldete sich ein älterer Herr, er müsse die Kapelle abschließen; sie hatten sich und die Umwelt vergessen. Kurz trafen sich ihre Blicke und ein verwundertes Lächeln berührte ihre Gesichter. Langsam standen sie auf und gingen nebeneinander her, bis sie das Friedhofstor hinter sich gelassen hatten. Da ihre Autos an verschiedenen Stellen geparkt waren, mussten sich ihre Wege nun trennen. Sie standen dicht voreinander und wussten keine Worte. Bevor er ihr die Hand zum Abschied reichen konnte, schlang sie ihre Arme um ihn, so spontan und unkompliziert wie immer. Er ließ diese Umarmung zu wie ein unverhofftes Geschenk. Ihre Körper berührten sich; er spürte ihre weiche, warme Wange und roch den Duft ihres schulterlangen Haares. Für einen Augenblick ließen sie sich nochmals fallen, dann lösten sich ihre Körper fast unmerklich voneinander. Ihre Blicke fanden sich nicht mehr; sie verloren sich in der Ferne.

Sein brüchiger Körper trug ihn mechanisch zum nahe gelegenen Parkplatz. Sie hatten noch nicht einmal ihre Adressen oder Telefonnummern ausgetauscht, vielleicht weil ihnen tief in der Seele klar war, dass ein solches Geschenk einmalig bleiben musste. Sein betagter Kombi fand selbst den Weg zurück nach Hause. Doch wo war er daheim? Oder erwachte er gerade aus einem trügerischen Traum?


Version vom 28. 08. 2013 19:54
Version vom 29. 11. 2013 13:02

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DocSchneider
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Hallo Bertl,


ein sehr berührender Text über eine späte, unverhoffte Wiederbegegnung.
Manchmal hat mich der Überreichtum an Adkjektiven gestört, wie ein Zuviel im Rokoko. Es ist schon klar, was Du ausdrücken willst.
Wenn Du da etwas schlanker wärest, würde das den Text sogar noch verbessern.

Ein paar Kleinigkeiten, die mir aufgefallen sind:

quote:
eine existenzielle Macht traf ihn im Innersten

Das finde ich etwas übertrieben ausgedrückt, um seinen Gefühlstsunami zu beschreiben.
quote:

Wenn die selbst auferlegte Bürde kaum mehr zu tragen war, versuchte er sie zuweilen als Gott geweihtes Opfer, als Nachfolge Christi zu betrachten, wie man es ihm in der Jugend eingeredet hatte. Sogar ihr, der Unerreichbaren, der Angebeteten, hatte er in einem mystischen Sinn seine Mühen und Anstrengungen geweiht.


Auch dieser Vergleich ist etwas stark formuliert, ich glaube kaum, dass selbst ein religiöser Mensch dermaßen einen Sinn in unerfüllter Liebe finden kann.


Gerne gelesen und lG, Doc
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Bertl Schreiner
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Hallo Doc,
vielen Dank, dass Du Dich mit diesem bisher weniger beachteten Text so wohlwollend befasst hast. Danke für die Ratschläge!

Ich habe diesmal vielleicht etwas überzogen bei meiner "barock" ausgeschmückten Sprache und habe den Text kritisch bearbeitet, vor allem was die Reihungen an Adjektiven betrifft. Im Nachhinein habe ich auch einige zu gefühlsbetonte Stellen verändert. Vielleicht schafft dies eine etwas bessere Distanz zu dem Geschehen und verflüssigt die Sprache.

Auf die Stelle mit dem "gottgeweihten Opfer" möchte ich kurz eingehen. Man glaubt gar nicht, was eine bigott- religiöse Erziehung damals anrichten konnte. Ich habe den entsprechenden Passus deshalb gekürzt, weil wahrscheinlich nur wenige dieses verquere Denken nachvollziehen können und es für eine Übertreibung halten.

LG Bertl

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Konrad Bozyk
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Ein wirklich starker Text über einen Außenseiter,dem ein langersehntes, wenn auch bescheidenes Geschenk im hohen Alter doch noch zu Teil wird. Gerade weil dieses Geschenk ja doch so bescheiden ist, hätte ich mich eher gegen dieses offene Ende entschieden, dass du bietest. Andererseits mag es bescheiden aus unserer Sicht sein, welchen Wert es letzten Endes wirklich hat, weiß nur der Protagonist. Deswegen Geschmackssache.
__________________
Write ya head out!

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Architheutis
Guest
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Hallo Bertl,

zum Inhalt wurde ausreichend kommentiert, ich begnügne mich mit einem sprachlichen Vorschlag:

Du hast einen an sich sauberen Stil, ich sehe aber Potenzial. Ich wünschte mir einige Kürzungen, sowie einen etwas flüssigeren Wechsel von klaren, knappen Hauptsätzen zu solchen mit Nebensatzanhang. Du schweifst einen Tacken zuviel ab (für meinen Geschmack).

Denke immer daran: Die Mischung machts. Der Nebensatz sollte den Schwerpunkt eines Sinnabschnitts gewichten, ihn erweitern, erklären. Setzt Du ihn zu oft ein, verschwimmt schnell die klare Kontur. Alles ist dann gleich wichtig/unwichtig.

Ich nehme den ersten Absatz beispielhaft:

quote:
Die Kerzen um den Sarg flackerten, und erhellten mit ihrem unruhigen Schein nur schwach den Chor der Friedhofskapelle. Die Trauergemeinde hatte sich an diesem feuchten, trüben Dezembertag versammelt. Sie nahm Abschied von ihrem Angehörigen oder Bekannten. Auch einige ehemalige Klassenkameraden und Weggefährten waren gekommen, um dem Toten, wie man so sagt, die letzte Ehre zu erweisen. Als einer der früheren Mitschüler hatte auch er sich überwunden, den Friedhof in der nahen Stadt aufzusuchen. Nicht, dass er mit dem Verstorbenen befreundet gewesen wäre oder später engen Kontakt gehabt hätte; man traf sich zu den obligatorischen Klassentreffen oder gelegentlich einmal beim Einkaufen, wo man einige belanglose Sätze wechselte. Dennoch hatte es ihn ziemlich getroffen, als er vor wenigen Tagen den bekannten Namen in der Tageszeitung entdeckt hatte. In seiner depressiven (das ist mir an dieser Stelle schon zu sehr Ergebnis) Grundstimmung, die durch den grauen Himmel noch verstärkt wurde, hatte die Nachricht latente (ein zu schwaches Attribut hier!) Gefühle der Vergänglichkeit und Nichtigkeit ausbrechen lassen.

Gerade der Teil mit dem Klassenkameraden schwächelt. Hier hast du stereotyp geschrieben: "Der Tod eines alten Kameraden löst das Gefühl von Vergänglichkeit aus"

-> was denn sonst?

Insgesamt ein brauchbarer Text, aber da geht noch was.

Lieben Gruß,
Archi

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Bertl Schreiner
Routinierter Autor
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Hallo Architheutis,

vielen Dank für Deinen Kommentar, der sich mit meinem Sprachstil auseinandersetzt. Mir ist bewusst, dass ich in einem etwas antiquierten, manchmal überladenen Stil schreibe; dies ist aber meine Art zu denken und Emotionen zu transportieren. Letztere haben für mich zentrale Bedeutung. Es liegt mir nicht, leichte, lockere Texte zu verfassen; gleichwohl lese ich solche von anderen Autoren sehr gern.
Die Frage ist also, was kann man von anderen annehmen und ab wann beginnt man sich zu verleugnen. Die von Dir geäußerten Anregungen werde ich einarbeiten, benötige dafür aber etwas Zeit. Ein kleines Beispiel: Du hast zu Recht auf den Satz mit der Vergänglichkeit hingewiesen, der zu platt herüberkommt:

quote:
Dennoch hatte es ihn ziemlich getroffen, als er vor wenigen Tagen den bekannten Namen in der Tageszeitung entdeckt hatte. In seiner depressiven Grundstimmung, die durch den grauen Himmel noch verstärkt wurde, hatte die Nachricht latente Gefühle der Vergänglichkeit und Nichtigkeit ausbrechen lassen.
Vielleicht besser so:

"Dennoch hatte es ihn ziemlich getroffen, als er den bekannten Namen in der Tageszeitung entdeckt hatte. Dies verstärkte seine latente depressive Stimmung und ließ ihn über die Vergänglichkeit des Lebens grübeln."

Wie gesagt, ich möchte mir Zeit nehmen, meinen Text kritisch zu hinterfragen und freue mich über Deine sachliche Wortmeldung.
LG Bertl

@ Val Sidal:
Im Unterschied zu den vorausgegangenen Kommentaren finde ich Deine Anmerkungen wenig hilfreich, zumal Du sie nicht am Text belegst. Ich möchte Dir empfehlen, über die Nettiquette nachzudenken.
Bertl

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