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Leselupe.de > Kurzgeschichten
absprung
Eingestellt am 06. 01. 2002 01:59


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florian
Hobbydichter
Registriert: Dec 2001

Werke: 3
Kommentare: 6
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absprung

der freund:
ne, hätte ich nie gedacht. der war immer so ruhig und ausgeglichen, ganz selten schlecht drauf. ich kenne ihn schon ewig, schon seit dem kindergarten. oder dachte, ihn zu kennen... ich kanns mir wirklich nicht erklären. (...) bei der abi-feier haben wir preise vergeben, so oscar-mässig, an die lehrer, und auch an alle bei uns im jahrgang .... er bekam die „goldene zurückhaltung“- war sogar noch meine idee.... der ist nie richtig aus sich raus. kann ihnen jeder bestätigen. ich hatte aber auch nie das gefühl, dass er das wollte, sich mal gehen lassen ... dass ihm was fehlt, oder dass er irgendwie unglücklich ist. er war ruhig, aber auch kein langweiler- man musste ihn zwar immer mitschleppen auf irgendwelche parties, da war er ein bisschen träge, aber dann hing er da doch nicht rum, sondern hat sich auch gut unterhalten er kannte eine menge leute, er war beliebt, nicht so der clown, aber ein netter bekannter. so einer, mit dem man sich auch nett unterhalten kann, wenn man sich weniger gut kennt, der leicht anschluss findet, ohne ständig scheiss zu bauen und im mittelpunkt zu stehen. weiss nicht, ob sie das jetzt verstehen - wir haben oft telefoniert, gut, in letzter zeit etwas weniger, aber wir hatten immer noch kontakt. (...) ich hätte es gemerkt, wenn er sich verändert hätte, auf jeden fall. ich glaube, er war glücklich, auch mit seiner freundin...
fragen sie die doch mal. (...) scheisse, ja. fragen sie sie, ob er nicht so war.

die freundin:
moment, wer sind sie? muss dass sein? nein, ich will nicht über ihn reden. lassen sie mich doch in ruhe. ja, er WAR glücklich. nein, er hat nie „dahingehende äusserungen“ gemacht. reicht das? ich muss es wissen, wir sind seit 2 jahren zusammen. was soll das überhaupt, „dahingehende äusserungen“? sprechen sie es doch aus (...) nein, ich will nicht über uns reden. das macht ihn auch nicht wieder lebendig... was wollen sie überhaupt? lassen sie mich in ruhe, es geht sie gar nichts an. (...) ja, er war wie immer, die ganze woche, die ganze beschissene letzte woche. reicht das?

die mutter der freundin:
ich bitte sie, jetzt zu gehen. sie sehen doch, in was fĂĽr einem zustand sie ist - kann schon sein, aber nicht heute. bitte gehen sie jetzt. auf wiedersehen.

der vater:
hören sie, ich wollte, ich wüsste es. es macht mich krank, den grund nicht zu kennen, einfach nur dazusitzen, auf die wand zu starren und meinen kopf zu zermatern. bin ich schuld? habe ich mich zuweing gekümmert? nicht erkannt, dass er (...) alles scheint auf einmal falsch zu sein. alles. - ja, ich bin alleinerziehend. ich glaube, wir hatten ein gutes verhältnis. sind jedes jahr einmal noch zum angeln gefahren, zusammen, da war ich schon ein bisschen stolz, dass er das noch will, mit mir, in dem alter. aber ich weiss nicht, ob das jetzt stimmt. könnte genau das gegenteil wahr sein. ich weiss es nicht. ich weiss gar nichts mehr. (...) seine mutter ist gestorben, als er zehn war. autounfall. habe nicht mehr geheiratet. das ist jetzt der zweite schicksalsschlag, den ich hinnehmen muss. er war unser einziges kind (...) schauen sie sich ruhig um im zimmer, sie werden keine antwort finden. ich habe jeden gegenstand in diesem raum schon gefragt, „WARUM“ habe ich die tischlampe angeschrien, diesen stuhl, die tür, die decke, das radio. und da kommt keine antwort, ausser meinem schrei, er kommt zurück und echot in meinem kopf. hören sie den auch? sie finden hier keine antworten.

ich:
es ist keine entscheidung. es ist kein reflex. es ist... ein instinkt. ich stehe schon unendlich lange hier, hoch oben auf dem dach unseres miethauses, und denke darüber nach, was mich hierhergeführt hat. manchmal befürchte ich fast, der seltsame zauber, diese gewissheit könnte durch meine gedanken vernebelt werden und schliesslich ganz verschwinden, aber meine sinne bleiben klar und kalt wie der winterhimmel über mir. ein leichter wind ist aufgekommen in der letzten stunde, eine kühle brise, die sanft an meiner kleidung zupft. ich habe mir vorgenommen, noch ein mal „hey, hey, my my“ zu singen. es ist eines meiner lieblingslieder, traurig, düster, und gleichzeitig mit dieser fatalen hoffnung, so beseelt von bitteren glaube. 3:45 sagt mein cd-spieler, ich werde es wahrscheinlich endlos zerdehnen, versuchen, jedes wort auf der zunge zu schmecken, jeden akkord mit den händen in den himmel zu malen. ich habe keine eile. 9:22 sagt mein gefühl, dann werde ich springen. „it´s better to buuuuuuurn out..... than it is to ruuuuuuuust“ singe ich.

ich kenne das, was mich an den rand getrieben hat. es war schon immer da, seit ich denken kann. mit der familie auf dem aussichtsturm... oben, nach endlosen stufen hinauf im dunklen himmeltunnel plötzlich helligkeit, dieser drang, alles loszulassen, die sichere absperrung hinter mir, ab nach unten. in diesen momentan schien der absprung plötzlich ganz, ganz nahe zu liegen, war keine option, sondern logische konsequenz. ich klammerte mich ans geländer, bis meine fingerknöchel wurden weiss und schmerzten, alle wunderten sich, warum ich mit meiner höhenangst wohl hier heraufgekommen war. aber war keine höhenangst. es war höhensucht.

ich bin dann immer wieder heimlich auf den alten bunker geklettert, oder auf den hochstand im wald, oder eben das dach unseres mietshauses. um dieses gefühl zu leben, es auszukosten, die möglichkeit allem zu enfliehen mit einem einzigen simplen schritt. und ich dachte, mir reicht diese freiheit, die freiheit des wissens dass ich es tun KÖNNTE, wenn ich nur wollte. bis heute, heute reicht dieses WISSEN nicht mehr aus.

kann mir schon denken, was die leute vermuten werden. aber ich bin nicht verzweifelt. ich habe keinen stress. ich bin nicht lebensmüde. ich hatte pläne. studieren, irgendwo in der industrie unterkommen, chemie, roche oder boehringer, was fettes. einmal nach hawaii, tauchen im neckermannkatalogcoverwasser. vielleicht einmal koksen, nur so zum ausprobieren. mit dir zusammenziehen, irgendwann, kinder? wahrscheinlich wollte ich auch kinder, aber das alles ist jetzt irgendwie fern, unwirklich, es ist mit einem riesigen bettlaaken zugedeckt wie die schneebedeckte welt unter mir.

du. ich frage mich, warum ich nicht an dich denke. ich finde, ich sollte jetzt an dich denken, bevor ich springe. es wäre nur fair, mir noch einmal dein gesicht vorzustellen, und obwohl ich fürchte, dass du mich aufhalten könntest, versuche ich es. und wirklich, du tauchst aus meinem gedankenstrom auf. mit deinen sommersprossen, die nicht nur dein gesicht bedecken, ich fand sie auch auf der unterseite deiner schenkel. die party, an der wir uns kennenlernten. unser erstes date. wir beide in deinem bett, der dünne, süsse schweissfilm an deinem körper, aber du bleibst leicht und flatterhaft wie ein schmetterling, während unter dir mein fluss weiter mit unveränderter geschwindigkeit dahindonnert.

nein, nicht jetzt schon. die müllabfuhr kommt klappernd um die ecke gebogen, reisst zwei dünne, schwarze striemen in das perfekte silbrige weiss des schnees. bald wird die welt erwachen, die welt, der ich vor kurzem noch angehörte. gähnend öffnen sich die riesigen müllklappen, und die männer in orange schaufeln säcke in das dunkle loch.

„roooooock and rooooool will neeeeever dieeeeeee“, singe gegen die mahlenden kiefer der müllabfuhr an, und wirklich, sie flieht, verschwindet in der ferne, und ich habe diesen verzauberten morgen und seine samtige stille wieder für mich allein.

ich werde nicht springen.

nicht springen- das ist auch gar nicht nötig, ich stehe schon ganz am rand, ich muss nur mein gewicht ein kleines bisschen nach vorne verlagern, so also wollte ich die rauhe winterluft küssen, und die schwerkraft wird mich erfassen und nach unten tragen. und es wird zeit, ich spüre es, die ersten sonnenstrahlen haben das nachbarhaus überwunden und streicheln nun mein gesicht, ich blinzele in das warme, helle orange eines neugeborenen morgens.

ich denke gerade noch, was für ein wunderschöner tag heute ist. dann kippt der horizont vornüber.

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