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Leselupe.de > Feste Formen
adonis - 8 distichen mit gereimten pentametern
Eingestellt am 28. 04. 2015 18:55


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Mondnein
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    adonis


frĂŒhling bricht endlich hervor durch unendlich sich öffnende himmel
    wolken verdichtet zu grĂŒn - steinzeug des glĂ€sernen lichts
hör ich dich zaubern im schlaf oder ist es die fremde der sprache
    zimtrote rĂ€tsel im reim echo des narziß-gedichts

bin ich in strahlen gerÀdert in röhren geÀdertes netzwerk
    aus meinen wunden entrinnt gnade des jĂŒngsten gerichts
aus meinem munde tropft seim fĂŒr die wespe den tiger der sĂŒĂŸe
    in meinem lupen-kristall - schau des facetten-gesichts

sind wir die scheelen schakale die jagen die fetzige hĂŒndin
    bist du die löwin von gold - drohne bin ich schwer von mohn
biene du leckst mir den nektar vom kreisrunden muskel der lippen
    honig zu spein fĂŒr die brut - waben umkammern den thron

bin ich dein imker der dieb der dich hĂŒtet betrĂŒgt der dich weidet
    wirst du zur bĂ€ckerin selbst - forderst von mir deinen lohn
werd ich zum jungen der kommt in den laden und sagt daß er brot will
    lachst du der fall sei ganz klar - ich sei dein hungriger sohn


__________________
sato bandhum asati nir avindan
hridi pratishya kavayo manisha

Version vom 28. 04. 2015 18:55
Version vom 01. 05. 2015 10:04

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orlando
Guest
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Ihr Götter: Wie wunderbar das ist!

Formal ein echtes Leckerli. Distichen, die ich sonst zu Gesicht bekomme, sind zuweilen ohne jede Eleganz gefertigt und wirken wie schlechte Kopien auf mich. Hier aber schmiegen sie sich vorzĂŒglich zum Inhalt und in die Sprache.

Und dann der Adonis-Mythos, der so vieles offenlĂ€sst und von dir auf eine ganz eigene Weise dargereicht und interpretiert wird ... allen Mythen gemein ist, dass er als Vegetationsgott und/oder Gott der Schönheit gilt, oft ein "Vorbild" der Bildenden KĂŒnste.

quote:
frĂŒhling bricht endlich hervor durch unendlich sich öffnende himmel
wolken verdichtet zu grĂŒn - steinzeug des glĂ€sernen lichts
hör ich dich zaubern im schlaf oder ist es die fremde der sprache
zimtrote rĂ€tsel im reim echo des narziß-gedichts
Hier schilderst du den Aufbruch des FrĂŒhlings (Adonis), der das von ihm (mit) verursachte Geschehen offenbar aus dem Bett einer Beauty betrachtet:
"Kein gewöhnlicher Mann bin ich, sondern der Ehegatte einer Göttin."
Der Zimt weist in die orientalische Richtung.
quote:
bin ich in strahlen gerÀdert in röhren geÀdertes netzwerk
aus meinen wunden entrinnt gnade des jĂŒngsten gerichts
aus meinem munde tropft seim fĂŒr die wespe den tiger der sĂŒĂŸe
in meinem lupen-kristall - schau des facetten-gesichts

In einer Version des Mythos, die du hier aufgreifst, fĂ€rbt das Blut Adonis die FlĂŒsse und BĂ€che rot. Andererseits erkenne ich einen allgemeineren Bezug: Liebe, Tod und Auferstehung.
quote:
sind wir die scheelen schakale die jagen die fetzige hĂŒndin
bist du die löwin von gold - drone bin ich dein gedrohn
biene du leckst mir den nektar vom kreisrunden muskel der lippen
honig zu spein fĂŒr die brut - waben umkammern den thron
Adonis scheint hier gleichzeitig JÀger und Gejagter (sind wir ... ); dieser Seitenwechsel wirkt auf mich ungmein interessant, weil er zusÀtzlich Spannung (fast Verstörung) in das Geschehen bringt und zum nochmaligen Lesen zwingt.

Mein einziger Kritikpunkt: die "fetzige" HĂŒndin. Vielleicht besser "fetzende", reißende o. Ă€.? - Diese Textgruppe hat nicht zuletzt einen deutlichen erotischen Bezug. - Die verwendeten Tiere tauchen in den Ursprungsmythen auf.

quote:
bin ich dein imker der dieb der dich hĂŒtet betrĂŒgt der dich weidet
wirst du zur bÀckerin selbst - forderst von mir deinen lohn
werd ich zum jungen der kommt in den laden und sagt daß er brot will
lachst du der fall sei ganz klar - ich sei dein hungriger sohn

Hier gelingt dir die schwierige Kunst, den Mythos in die Gegenwart zu bringen, in einen stinknormalen BÀckerladen, wenn auch mit einem leicht inszestösen Beigeschmack, der wiederum einer Variante des Mythos entnommen ist.
[Gleichwohl gelingt es auch, das Gedicht in seiner Gesamtheit als reinen Sang fĂŒr die heimische Schöne aufzufassen, die evtl. einen anderen Kulturkreis entstammt.]

Nur sehr, sehr selten lese ich in den Foren ein Gedicht dieser QualitÀt. Und um den Vorwurf der "Sympathiewertung" vorab zu entkrÀften: Einen Autor, der soviel Nachdenken, Recherche und Kombinationsvermögen heischt, kann man doch schwerlich ... oder doch?

orlando

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manehans
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Guten Tag,

du weißt, dass ich selbst mich diesem Hexameter/Distichon-Format gern widme. Daher weiß ich, wieviel MĂŒhe es dich gekostet hat, diese Verse (im altgriechischen Rhythmus) zu verfassen. Und formal ist, soweit ich das sehe, alles richtig; vielleicht bis auf S1V3 in der es schwer fĂ€llt, das langsilbige o in "oder" unbetont zu sprechen.

XxxXxxX||xxXxxXxxXx
XxxXxxX||XxxXxxX
XxxXxxX||xxXxxXxxXx
XxxXxxX||XxxXxxX

XxxXxxXx||xXxxXxxXx
XxxXxxX||XxxXxxX
XxxXxxX||xxXxxXxxXx
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XxxXxxXx||xXxxXxxXx
XxxXxxX||XxxXxxX
XxxXxxXx||xXxxXxxXx
XxxXxxX||XxxXxxX

XxxXxxX||xxXxxXxxXx
XxxXxxX||XxxXxxX
XxxXxxX||xxXxxXxxXx
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Schade finde ich, dass du dich (immer noch?) der homerischen Hexameter-Form bedienst. An andere Stelle hatte ich schon einmal darauf hingewiesen, dass altgriechische Silben nicht mit deutschen in ihrer LĂ€nge verglichen werden können. Kurze deutsche Silben lauten verglichen mit kurzen griechischen viel kĂŒrzer und lange deutsche, verglichen mit langen griechischen erheblich lĂ€nger. Das bedeutet, die LĂ€ngen und KĂŒrzen der griechischen Silben stehen sich so nah, dass homerische Dichtung in unseren Ohren so harmonisch klingt.

quote:
Zitat z.B. Wikipedia: Der griechisch-römische Hexameter ist quantitierend, d. h., die Abfolge von langen und kurzen Silben konstituieren den Vers. Wegen des in germanischen Sprachen feststehenden Wortakzents auf der Stammsilbe und einer geringeren Bedeutung der LÀnge von Vokalen (s. Akzentsprache), wird die Versform in der deutschen Sprache durch die Abfolge von betonten und unbetonten Silben realisiert.


Übertrage ich den griechischen Daktylos nun 1:1 ins Deutsche, entsteht ein Rhythmus, der unweigerlich leiert und langweilig wird. Das ist der Grund, weshalb spĂ€testens seit Klopstock, Goethe, und Schiller in deutsche Hexameter der TrochĂ€us als text- und klanggliedernde Komponente eingefĂŒhrt worden ist.

Nur dann können gute NebenzÀsuren entstehen, wenn der daktylische Dreiheber von trochÀischen Zweihebern unterbrochen wird.

SpÀtestens, wenn die Verse laut gelesen und vorgetragen werden, wird jedem deutlich, dass hier etwas nicht stimmt.

Vergleiche, laut lesend, den Rhythmus mit meinem Beitrag "Der alte Apfelbaum", den ich in dieser Hinsicht fĂŒr gelungen halte.
Und in Distichen wird das Problem noch deshalb verschÀrft, weil der stets widerkehrende Hebungsprall und die ZÀsur im Pentameter nach der dritten Hebung nicht verhandelbar ist.

SprachĂ€sthetisch finde ich die Verse Ă€ußerst gelungen!

lg Hans

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Mondnein
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Ishtar und Adonis

Ein herzliches Dankeschön Dir, Orlando, und ein herzliches Dankeschön Dir, Manehans!
ad Manehans, Metrum: Das VerrĂŒckte ist, daß ich drauflosgeschrieben habe, ohne zu bemerken, daß es Hexameter waren, und die Pentameter waren zunĂ€chst ohne die "unverhandelbare" BinnenzĂ€sur, liefen daktylisch durch, als sechfĂŒĂŸige daktylische Verse mit Endbetonung (d.h. fĂŒnffĂŒĂŸig mit einer anhĂ€ngenden Betonung als sechstem hyperkatalektischen Fersentritt). Ich hatte eher den durchlaufenden (Haufen-) Reim der jeweils zweiten Zeilen im Blick. So etwa nach sechs Doppelversen bemerkte ich erst, daß ich konsequent daktylische (ich meine ohne Spondeen) Hexameter geschrieben hatte und daß die endbetonten Zeilen der reimenden (jeweils zweiten) Verse leicht zu Pentametern gestaltet werden konnten, zumal sie syntaktisch wohlhalbiert waren.
Sowas passiert leicht, wenn man alle zwei Tage hexametrische Dichtung liest (zur Zeit Ovids Metamorphosen, Narziß und Echo): da zĂ€hlt man nicht (mehr), es lĂ€uft einfach sechhebig ab und die Aufmerksamkeit geht in die anderen Dimensionen der Musik.

ad Orlando: Ich bekenne, daß ich Sorgen hatte mit der barocken Schwere des Lieds, in Bezug sowohl auf den Metaphernwechsel (etwas ĂŒppig, unschlicht) als auch auf das Kryptische dieser Metaphern.
Wesentlich ist die Stufenfolge der dem Lyri und dem Lyrdu zugeschriebenen "Rollen", die sich hin- und her-wandeln:
Lyri: "tropft seim" - Lyrdu: "wespe, tiger der sĂŒĂŸe"
noch zwischen dem Insektenauge und dem scheelen Blick: "schau des facetten-gesichts"; dann konsequent im Zeilenwechsel:
Lyri: "die scheelen schakale - Lyrdu: "die fetzige hĂŒndin"
Lyrdu: "löwin von gold" - Lyri: "drone"
Lyrdu: "biene - Lyri: "muskel der lippen"
Lyrdu: "honig zu spein fĂŒr die brut - waben"
Lyri: "imker"
Lyrdu: "bÀckerin - forderst von mir deinen lohn"
Lyri: "werd ich zum jungen der kommt in den laden und sagt daß er brot will"
und die Rollenpartnerin (BĂ€ckerin) analysiert ihn, statt ihm Brot zu verkaufen:
"lachst du der fall sei ganz klar - ich sei dein hungriger sohn".

Ja, das ist ein erotisches Rollen-Wechsel-Spiel, ein magisches Verwandlungs-KĂ€mpfchen von Mann und Frau. Der Mann wird dabei letztlich ĂŒberboten, ĂŒberspielt, indem er nicht gesĂ€ttigt ("bedient" heißt das im VerkaufsgesprĂ€ch), sondern antierotisch entlarvt (=analysiert) und (zum "Sohn") verkleinert (fast schon verniedlicht) wird.
Adonis ist ein geopferter FrĂŒhlingsgott, so ist auch der verwundete und apokalyptische Menschensohn des "jĂŒngsten Gerichts" hier mitangesprochen.
Der Ping-Pong, das gestufte Metamorphosen-Gespringe zwischen den Mann-Frau-Rollen, hat seinen Prototyp in Brhadaranyaka-Upanishad 1,4.



__________________
sato bandhum asati nir avindan
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Bernd
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Es ist ein Gedicht, wie man sie nicht allzuoft in der Leselupe findet.
FĂŒr mich ist es das Werk des Monats, weil es Poesie und GefĂŒhl verbindet, weil es eine Freude ist, es zu lesen, weil es neue Wege beschreitet und ausgetretene Pfade erweitert.
Es vereint antike und gegenwÀrtige Perspektive.
Und es ist ein Gedicht, an das ich mich heute noch erinnert habe, das im GedÀchtnis bleibt.

__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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