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Leselupe.de > Kurzprosa
als der mond verloren ging
Eingestellt am 08. 05. 2001 23:36


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pattowa
???
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ich hab da auf meiner platte ein ganz altes fragment gefunden (ca. 20 jahre), hatte dann keine zeit, den rest einzutippen, hab es jetzt auch nicht "verbessert"....

einfach nur so


__________________
pattowa botomanena

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pattowa
???
Registriert: Apr 2001

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eins

eins

"Ein sch├Âner Morgen", sagt Gabi, als sie meine Hand nimmt. "Ein sch├Ânes Land", sage ich und wir gehen den H├╝gel hinab.
Es ist auch jetzt, am fr├╝hen Vormittag, sehr hei├č - schw├╝ler Dunst liegt ├╝ber dem sanften H├╝gelland und l├Ą├čt die Blicke nicht weit kommen. Die Sonne schiebt sich langsam ├╝ber eine h├Âhere Bergkette im Osten, verh├Ąngt von einer Dunstglocke, und das d├╝nne Gras ist kaum von Tau bedeckt. Viele dieser H├╝gel sind von Wald bedeckt, durchzogen von schmalen Stra├čen die zu entlegenen H├Ąusern f├╝hren. Die Menschen hier m├╝ssen sich nach Einsamkeit sehnen. Die ersten Traktore dr├Âhnen irgendwo, ungesehen von uns, aber wir wissen, da├č sich Staubwolken hinter den Ger├Ąten herziehen. Die Erde ist ausgetrocknet, d├╝rstend nach Wasser. Tief waren die Risse der Trockenheit.
Gabi ist ├╝berm├╝tig, lacht und singt, vollf├╝hrt Luftspr├╝nge neben mir. Ich bin m├╝de, denke nur an eine weiche Matratze und Ruhe. Wir haben die letzte Nacht im Freien verbracht und die V├Âgel weckten uns schon sehr fr├╝h. So ohne Kaffee, mit knurrendem Magen schmeckt der neue Tag angefault, ein flauer Geschmack zwischen den Z├Ąhnen.
Die Sonne steigt h├Âher und es wird schw├╝ler. Schwei├čtropfen rinnen ├╝ber meine Stirn und ich kann nicht begreifen, wie die Menschen hier tags├╝ber arbeiten k├Ânnen. Meine Tage verbringe ich in k├╝hlen R├Ąumen oder im Wasser. Wenigstens tat ich das, bis ich Gabi kennenlernte.
Sie ist jung, voller Kraft und Energie, mit langen blonden Haaren und einem unglaublichen Temperament. Neben ihr f├╝hle ich mich steinalt. Es ist nicht leicht, mit einem Energieb├╝ndel mitzuhalten.
In einer lauen Sommernacht, wie alle N├Ąchte hier, sind wir uns begegnet.. Ich konnte nicht schlafen - die Luft geschw├Ąngert von Dunst - und ging durch die schw├╝le Finsternis. Auf einer Br├╝cke gegen das Gel├Ąnder gelehnt, schaute ich mir die Sterne an. Nach einiger Zeit l├Âste sich aus dem Schwarz des Waldes ein heller Schatten und kam n├Ąher - Gabi. Es war kein Kennenlernen, es war wie ein Wiederfinden.

*

Das Holz der Decke und W├Ąnde schien zu pulsieren, im Rhythmus der Kerzenflammen, im Rhythmus der gerade verebbten Leidenschaft. Ich war schwei├čgebadet, ersch├Âpft, lag ausgestreckt auf dem Bett, einem altmodischen Holzbett, mit hohem Kopf und Fu├čteil. Langsam wurde das Pochen in meinen Schl├Ąfen leiser und ich begann die Musik aus dem Radio zu h├Âren, pathetisch, aufgedonnert und verlogen, und sch├Ân in diesem Augenblick. `Sie war irgendwo hingegangen, ich sah und h├Ârte sie nicht. Ich schlo├č meine Augen, geno├č meine Ersch├Âpfung, den Duft nach Frau und Sex, die schnulzige Musik, und ich tr├Ąumte. Von dir."

"Aber damals kanntest du mich nicht."
Gabis Augen - gro├č, weit, unergr├╝ndlich tief.
"Man kann doch an etwas Unbekanntes denken, an etwas Ertr├Ąumtes."
Minuten verstreichen. Der Kaffee ist inzwischen kalt geworden.
"Wie ist es weitergegangen ?"
"Das war's, ich hab sie nicht wieder gesehen. Nach einer Weile stand ich auf, schrieb einen Brief und ging."
"Ich liebe dich"
Gabi schiebt mir ein belegtes Br├Âtchen zu.
"Etwas Bl├Âderes f├Ąllt dir nicht mehr ein ?"
"Nein, heute nicht mehr."
Sie schaut mich an, lange und tief, ├Âffnet ihren Morgenrock und kommt auf mich zu.
"Ich bin zu m├╝de."
"Aber Geilheit vertreibt die M├╝digkeit", sie haucht es in mein Ohr, f├Ąhrt mit ihrer Zunge an meinem Ohr entlang, und ich erliege.
Der Plattenspieler knackst und Gabi dreht die Platte um. Ich habe meine Augen geschlossen, im Mund den Geschmack des belegten Br├Âtchens und um Mich weite, weise Musik, sanft, nein, unschuldig vielleicht. Ich sehe eine gr├╝ne Wiese und einen blauen Himmel und ├╝ber das Gras l├Ąuft mit leichten Schritten ein M├Ądchen , oder eine Frau in einem Wei├čen Kleid mit seidenem Umhang, ein Schleier vielleicht, und einem wei├čen, breitkrempigen Hut, einem gro├čen Hut. Nichts als gr├╝n, blau und wei├č, ein unschuldiges Wei├č, vielleicht, nur das Wissen, da├č dieses Wei├č eine Frau, ein weibliches Universum umh├╝llt und verbirgt.

"Woran denkst du ?"
Ich sp├╝re Gabis N├Ąhe, ihre Gef├╝hle, strecke meine Hand aus und spreize die Finger.
"Es ist wunderbar ! Nimm meine Hand, du mu├čt es dann auch wissen."
Und als sie meine Hand ber├╝hrt, spaltet sich der Himmel und blendendes, feuriges Purpur ├╝berflutet die wei├če Frau, entzieht sie meinen Blicken. Ich ├Âffne die Augen und schaue in die von Gabi. Tief schaue ich in sie und ich bemerke eine Tr├Ąne, die ├╝ber Ihre Wangen rinnt.
"Du bist so...", ich lege meinen Finger auf ihren Mund und k├╝sse sie.
"Und du bist sch├Ân."
Sie l├Ąchelte, IHR L├Ącheln.

*

Heute Abend ist mir etwas seltsames passiert. Genau in dem Augenblick, da ich um die T├╝rschnalle griff, legte ich meinen Kopf zur├╝ck und schaute in den Nachthimmel. Ein Sternschnuppe fiel und irgendwo in meinem Kopf explodierten einige Gedanken, Erinnerungen und mehr als nur ein Leben zogen an mir vorbei. Lange schon hatte ich keine Sternschnuppe mehr gesehen, eine Ewigkeit dauerte dieser Augenblick des Schnuppens.
Ich ging dann in mein Zimmer und f├╝llte den Kofferraum meines Spielzeugautos mit allen Glasperlen, die ich fand. Zwischen zwei B├Ąnden des Lexikons fand ich eine alte, vergilbte Ansichtskarte. Ich wollte wissen, was unter Sternschnuppe steht, fand aber nur einen freundlichen Hinweis auf Meteore. Doch ich wei├č jetzt, da├č Edith Piaf mit b├╝rgerlichem Namen Edith Giovanna Gassion hie├č, aber genau so sch├Ân war, und da├č sie nach siebenundvierzig Jahren, neun Monaten und dreiundzwanzig Tagen gestorben ist, ein Jahr, neun Monate und f├╝nfzehn Tage nach meiner Geburt, bei der mein Vater achtundzwanzig Jahre und vier Monate alt war. Meine Mutter war vierundzwanzig Jahre, sieben Monate und vier Tage alt, als sie meine Schwester gebar."

"Weshalb hast du das alles ausgerechnet ?"
"Wei├č ich nicht, so zum Spa├č vielleicht. Vor einem Jahr, als ich also das letzte Mal eine Sternschnuppe sah, war ich viel aktiver. Aber vielleicht sieht das nur die Erinnerung so, sie merkt sich nur die Zeiten, in denen etwas geschieht, die lange Zeit dazwischen geht verloren."
Gabi nippt an ihrem Glas, hockt auf dem Sessel und schaut vertr├Ąumt zur Decke.
"Was tust du ?"
"Ich trinke meinen Kaffe und schaue dich an."
"Nein, was arbeitest du, wovon lebst du ?"
"ich schreibe."
"B├╝cher ?"
"...die keiner will."
"Woher kommt dann dein Geld ?"
"Ein kleiner Zeitungsverlag gibt es mir, f├╝r kleine unwichtige Geschichten."
Wir sitzen in einem kleinen Caf├ę, wo ├╝ber versteckte Lautsprecher Bachs Brandenburgische Konzerte zu h├Âren sind. Wir sind die einzigen G├Ąste hier. Um diese Tageszeit haben die Bewohner der Umgebung viel zu tun. Sie wirbeln mit ihren Traktoren und Baggern Staub auf, arbeiten an defekten Maschinen, wischen sich den Schwei├č von der Stirn und transportierten mit gro├čen Lastw├Ągen Erde und Schotter irgendwohin. Hier im Caf├ę ist die Luft lauer als drau├čen und in jedem Raum h├Ąngt ein gro├čer Ventilator an der Decke, der sich leise surrend dreht.
"B├╝cher schreibst du auch"
"Ja."
"Wirst du auch ├╝ber mich schreiben ?"
"Ja."
"Und was ?"
"Das wei├č ich noch nicht."
Gabi spielt mit ihrer Halskette, sie l├Ą├čt die Steinsplitter durch ihrer Finger gleiten, als z├Ąhle sie sie.
"Wo warst du letzte Nacht ?"
"Ich bin mit dem Auto herumgefahren."
"Erz├Ąhl !"
"Es war noch nicht ganz finster, als ich weg fuhr. Im Norden und im Westen lagen helle Streifen ├╝ber dem Horizont. der Himmel war hellblau, doch langsam ├╝berzogen ihn dunkle Schatten, er wurde grauer. Jetzt sah man bereits einige Sterne. Ich fuhr langsam nach Norden. ├ťber eine kurvenreiche Bergstra├če kam ich aus einem engen Tal. Die Nacht war so klar, als ob es geregnet h├Ątte, aus den bewaldeten T├Ąlern hoben sich langsam Schwaden, Dunst, d├╝nne zarte Streifen, die mit grauer Helle vor der schwarzen Silhouette der Landschaft lagen. Ich fuhr ├╝ber eine kaum befestigte Stra├če in einen Wald, die ├äste der B├Ąume ber├╝hrten sich ober mir. Ich hatte st├Ąndig das Gef├╝hl, jemand sitze auf dem Beifahrersitz, eine Frau, ein M├Ądchen, du vielleicht. ich verschmolz mit den Auto, wurde zum Ganglienzentrum eines gro├čen Organismus, meine H├Ąnde, meine Beine wurden zu Nervenstr├Ąngen, ich wurde Fahrzeug, das Auto wurde ich. Und in all dem gab es einen Fremdk├Ârper, einen geduldeten Frauenk├Ârper. Nach einiger zeit bem├╝hte ich mich wieder aufzuwachen und hierher zu fahren."
"Ich habe dich geh├Ârt, du hast eine Hand ├╝ber mich gleiten lassen und gleich danach hast du geschlafen."

*


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pattowa botomanena

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