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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
atemlos
Eingestellt am 01. 09. 2004 15:17


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Gagjack
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jul 2004

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ich stehe vor dem kleinen spiegel der g├Ąstetoilette und schaue mir in die augen.
die letzten 42 jahre haben ihre spuren hinterlassen.

eigenartig- erst jetzt wird mir richtig bewusst, dass sich alles auf sieben wochen reduzieren l├Ąsst.

sieben wochen auf sich zur├╝ckgeworfen zu sein, niemanden sprechen zu k├Ânnen, tage in einer zwischenwelt zu erleben. es f├Ąllt schwer, diese gedanken zuzulassen.

aber es ist mein leben, komprimiert auf ein bett in der intensivstation.

ich werde mir meiner selbst bewusst:
das sind meine f├╝sse mit ihren zehen, sie passten einmal in die h├Ąkelsocken meiner grossmutter, jetzt nehmen sie gr├Âsse 46 in anspruch.

da sind die narben von dem ├╝berfl├╝ssigen apendix der meiner ├╝berdr├╝ssig geworden war, von den menisken, die ihren dienst versagten und mich verlassen mussten.

ich sp├╝re die narben am bein, die bei jedem wetterumschwung jucken.
warum musste sich auch der bremshebel meines rades darin verbohren?

der gr├Âsste einschnitt in mein leben bleibt der rei├čverschluss den ich ├╝ber dem herzen habe.
wildfremden menschen in gr├╝nen kitteln und Mundschutz habe ich mein herz ge├Âffnet. sie haben mein innerstes gesehen und verzweifelt versucht, mich am leben zu erhalten.

ich sehe die narben auf meiner brust, aber die in der seele bleiben mir verborgen. sie gr├╝nden in l├Ąngst vergangenen zeiten.
wie oft im meinem leben habe ich tief durchgeatmet, nach luft geschnappt,
den angenehmen duft einer sch├Ânen frau aufgesogen?

wie oft hatte ich den eindruck das mir die brust verschn├╝rt ist, ich keine luft mehr habe, einen ehemals geliebten menschen nicht mehr riechen kann?

ich stelle mir diese fragen, ohne mir darauf eine antwort geben zu k├Ânnen.

diese gedanken gehen mir immer durch den kopf und in mein herz, wenn ich an die sieben wochen denke.

es ist die zeit gewesen, als ich erstickte, ich nicht mehr atmen, riechen konnte; die zeit in der ich im koma lag.

„keine 10% sauerstoffs├Ąttigung im blut“-worte wie blei in meinem kopf.
das ringen um luft, der kampf gegen den nahen tod. zweimal habe ich ihn in dieser zeit verloren, zweimal haben mich die gr├╝nkittel zur├╝ckgeholt in die welt, in der ich nicht atmen konnte.
dankbar bin ich ihnen daf├╝r.

meine welt wurde dann sieben wochen lang von „evita 2“ bestimmt.
regelm├Ąssig presste sie den sauerstoff durch den kleinen schlauch der in dem loch in meinem hals steckte.
sie bestimmte mein leben .
sie gab mir den rhythmus vor.
ich konnte nach dem erwachen aus dem koma nicht sprechen.
evita hat es verhindert.
mir blieb das denken und nur das.

in diesen wochen lief mein lebensfilm unendlich oft in wiederholung vor meinen augen.

ich glaube, es sind diese spuren , die ich in dem kleinen spiegel sehe.



__________________
nur wer auf den hund gekommen ist versteht und niemand kann sagen warum es mir schlecht ergeht, aber ich kenne den weg, das beste daraus zu machen

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Sandra
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Christoph,

ein Text wie ein Rausch. Als Leser bleibt man ebenfalls atemlos zur├╝ck. Ich habe mitgelitten, sp├╝rte die Angst, auch die Hilflosigkeit. Ich f├╝hlte mich hier dem Prot sehr nah, der ja in diesem Falle du warst. Somit geht mir die Geschichte noch n├Ąher, obwohl ich dich kaum kenne. Das absolute Leseerlebnis, erzeugt durch einen Schreibstil, der sehr authentisch wirkt und auch ist. Deshalb ist diese Storie gelungen und ├╝beraus lesenswert.

Danke f├╝rs teilhaben lassen.

LG
Sandra

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Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Christoph,

da ich in dem Metier zu Hause bin, das Du beschreibst, f├Ąllt mir eine Bewertung schwer. Zu sehr bin ich dem Ganzen verhaftet, als dass ich noch eine ausreichend kritische Distanz haben k├Ânnte, wiewohl ich mir auch schon meine Gedanke ├╝ber Intensivpesonal, -patienten und -maschinen mache. Ich komme ├Âfter dorthin, arbeite nicht direkt dort, kenn sie aber alle, die evitas, und noch mehr die Menschen.

Ich w├╝rde sagen, Du hast gut geschrieben; falls Du es wirklich so erlebt hast, w├Ąre es mal ein Novum, was von einem ehemaligen Polytraumapatienten zu h├Âren. Fast alle kehren nie wieder dorthin zur├╝ck, wo man ihnen das Leben gerettet hat. Vielleicht auch eine Schutzfunktion der Seele, wer wei├č.

Viel Erfolg noch hier in der Leselupe

Heri

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Gagjack
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jul 2004

Werke: 5
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Hallo Sandra, hallo Heri

vielen Dank f├╝r eure Stellungnahmen.
Sie haben mich sehr ber├╝hrt, weil ich jetzt die Situation, in der ich 1999 gewesen bin, ein wenig distanzierter sehe und vielleicht gerade deswegen dar├╝ber schreiben kann. Mich hat eure emotionale Betoffenheit zun├Ąchst einmal in Erstaunen versetzt.

Mir sind meine Gef├╝hle und Wahrnehmungen aus der Zeit des "Schlafkomas" langsam aber sicher bewusst geworden. Eventuell schreibe ich die ganze Geschichte demn├Ąchst ausf├╝hrlich. Mit Sicherheit ist es ein Prozess des Bew├Ąltigens dessen, was ich durchschlafen habe.

Eine Anmerkung noch speziell f├╝r Heri: ich habe mich in der Tat nach vollst├Ąndiger Genesung bei der kompletten Truppe der C1- Intensiv bedankt. Bis heute verbindet mich mit diesen Menschen meinerseits eine enge Beziehung.

Insofern bin ich ein Novum.

An euch beide nochmals einen herzlichen Dank

Christoph
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