Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
85 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
aus meinen memoiren: essen und trinken
Eingestellt am 22. 05. 2001 11:49


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil


Essen und Trinken

1944 war es schwierig, einen S├Ąugling aufzuziehen. Um so unverst├Ąndlicher ist es mir, da├č Ida mich von der Mutterbrust trennte, die noch lange f├╝r mich gef├╝llt gewesen w├Ąre. Ida l├Ąsterte, als ich (elfj├Ąhrig) danach fragte: "Deine Mutta hatte Milch wie ne Kuh!" Mein Fl├Ąschchen bestand aus Wasser, Zucker und Mehl. Ich gedieh dann doch. In den n├Ąchsten Jahren erwies Ida sich als perfekte Hausfrau: Zur Mittagszeit stand immer ein warmes Essen auf dem Tisch, es gab immer ein Fr├╝hst├╝ck (von 1947-54 bestand es aus "Kaffeesuppe" (hier wurden zwei Schwarzbrotscheiben in einen Suppenteller gebrockt und warmer Kaffee-Ersatz dar├╝ber gegossen. Mit zwei E├čl├Âffeln Zucker angereichert schmeckte es gut) und auch immer ein Abendbrot, ein jegliches mit Tischgebet.
Ich wei├č nicht mehr genau, was wir in den ersten Nachkriegsjahren a├čen, aber von 1950 bis 58 ist mir erinnerlich, da├č sich selten ein Gericht innerhalb eines Monats wiederholte, es sei denn, da├č seine Reste aufgew├Ąrmt wurden. Das kam oft vor. Ich hatte eine Aversion gegen Gr├╝nkohl, Wirsingkohl, Wei├čkohl-eintopf (gekocht und dann geschmort a├č ich Wei├čkohl gern!) sowie gegen Graupen und Br├╝hreis. Nur Pr├╝gel konnten mich dazu bringen, dieses zu essen. Ida f├╝gte sich nach mehreren Versuchen und servierte mir Kartoffelbrei, w├Ąhrend sie den Kohleintopf a├č. Damit war ich zufrieden. Es waren zwar nicht gebratene Zwiebeln und Speckw├╝rfel hineingegeben worden, wie es bei "Speckkartoffeln und dicke Milch" ├╝blich war. Das gab es im Sommer, wo die Milch schnell geronn. Ich konnte kaum genug bekommen. Erst die herrlich fetten Speckkartoffeln und dann noch die gro├če Sch├╝ssel (ein halber Liter) dicke Milch, die ich ganz vorsichtig leerschaufelte, um zu verhindern, da├č die Molke das Festgewordene umst├╝rzte. F├╝r mich war diese Mahlzeit gleichzeitig ein M├Ąrchenland.
Also, was a├čen wir in jenen Jahren? Erbsen (gr├╝ne oder gelbe), Bohnen (gr├╝ne oder wei├če), Heringe, Schollen, Flundern, Rotzungen, Rotbarschfilet, Kabeljaufilet, Haferflocken, Grie├čbrei, Milchreis, Rinderherzen, Lungen, Lebern, Nieren, Kaninchen (aus eigener Zucht!), H├Ąhnchen, Bouletten (Frikadellen), Linsen, Nudeleintopf mit Suppengr├╝n und Knochenmark (Waltraud ekelte sich vor dem fetten Mark, Ida aber sagte: "Det jibt Kraft!" Ich wollte gro├č und stark werden, also a├č ich es mit Begeisterung), Blumenkohl als Beilage oder als Hauptgericht, Kartoffelsuppe, Kohlrouladen, Kartoffelbrei mit Spiegelei, Spinat mit Ei (sie legte die gekochten Eier neben die Kartoffeln; 1957 schenkte ihr die Freundin meiner Mutter einen Eierschneider, so konnte sie das Ei scheibenweise ├╝ber den Spinat legen, das sah h├╝bsch aus), Koteletts, Sauerkraut mit Bratwurst, Blutwurst, Eisbein, Spitzbein, Dickbein (die drei letztgenannten mit Kartoffel- oder Erbsp├╝rre); Milchnudeln, Eierkuchen, "Arme Ritter" (hier wurden alte Br├Âtchen in Scheiben geschnitten, in Milch geweicht und in gequirltem Ei paniert), Rindsgoulasch, Schweinegoulasch, Mischgoulasch (Rind- und Schweinefleisch sowie Ka├čler, und zwar an Feiertagen, wo sicher war, da├č der Aufwand lohnte), Rippchen, gebratener Schweinebauch, Zwiebelsuppe, Bollenfleisch (Schafsgoulasch), Kohlrabieintopf, Kohlr├╝ben, M├Âhren, "Falscher Hase" (eine Riesenfrikadelle), Karpfen, Pellkartoffeln mit Wei├čk├Ąse (Quark - er wurde mit Lein├Âl und Zwiebeln angereichert und mit Pfeffer und Salz gew├╝rzt, in den sp├Ąten 50ern gab es noch ein St├╝ckchen Butter dazu), Pellkartoffeln mit Delikatess-Hering, der in ├ľl eingelegt war, Bratkartoffeln mit S├╝lze (selbstgemacht!), Bratkartoffeln mit saurem Hering (selbst eingelegt! und wenn Rogen und Milchen in den gr├╝nen Heringen war, dann wurden sie gebraten und als Delikatesse verspeist), saure (russische) Eier, Bratkartoffeln mit R├╝hrei, Rinderrouladen, Kartoffelkl├Â├če mit Birnenkompott, selten Pilze, aber oft die unvergleichlichen Kartoffelpuffer. Waltraud mochte bei gekochtem Ei das Gelbe nicht (sie wollte kein ungeborenes K├╝ken essen), so tauschten wir. Sie bekam mein Eiwei├č und ich ihr Eigelb.
Solange Waltraud bei uns wohnte, gab es zum Sonntagsessen auch Kompott oder einen Pudding. Ida kannte mehrere Arten von Pudding - den normalen aus Puddingpulver und Milch, G├Âtterspeise mit Vanilleso├če und Grie├čflammerie - einer so lecker wie der andere. Und solange Waltraud bei uns wohnte, gab es am Sonntag auch Kaffee und Kuchen. Danach gab es am Sonntag zum Fr├╝hst├╝ck "Schnecken" oder "Plunderst├╝cke", je nachdem, was ich am Sonnabend vom B├Ącker holen sollte.
Fisch gab es freitags. Steckte Ida sich einen Packen Zeitungspapier ein, wu├čte ich, da├č wir zum Fischgesch├Ąft gehen. Die Verk├Ąuferin freute sich ├╝ber das sch├Âne Einwickelpapier. 1952 wurde Ida der Gang zum Fischgesch├Ąft zu beschwerlich. Mich Achtj├Ąhrige schickte sie nicht mehr hin, nachdem ich mir beim ersten Versuch von der H├Ąndlerin statt der geforderten Schollen (sie waren an jenem Tag nicht vorr├Ątig) Flundern verkaufen lie├č, wobei sie mir die kleinsten aussuchte, weil ich gestand, da├č mir die Gr├Ąten nichts ausmachen. Aber auf den Sylvesterkarpfen wollte Ida nicht verzichten. Sie schickte mich mit einem Deckeleimer los, um einen lebenden Karpfen zu kaufen, so war es Brauch. Der Sylvesterkarpfen wurde Sylvester geschlachtet. Oft schwamm er tagelang in unserer ansonsten funktionslosen Badewanne herum. Ich sagte auftragsgem├Ą├č zur Verk├Ąuferin, da├č ich einen Karpfen nicht unter f├╝nf Pfund zu kaufen w├╝nsche, hielt den Eimer hin und lie├č mir das Tier samt Wasser einf├╝llen. Schon beim Betreten des Ladens hatte ich den Geldschein aus der Tasche geholt, um ihn zur rechten Zeit parat zu haben. So sah die Verk├Ąuferin, da├č es seine Richtigkeit hatte. Sie gab mir das Wechselgeld (wenige M├╝nzen) und bemitleidete mich, da├č ich nun so schwer zu tragen habe. Ich aber war guten Mutes und meiner Sache sicher: Es war ein Deckel auf dem Eimer, was konnte schon geschehen? Der Eimer war so schwer, da├č ich ihn nur mit beiden H├Ąnden tragen konnte. Ein kurzes St├╝ck half mir ein mir unbekannter Mann, der sich sehr dar├╝ber wunderte, da├č ein so kleines Kind einen derartigen Einkauf zu t├Ątigen hatte. In dieser Zeit lag der Fisch bet├Ąubt in seiner Falle. Als ich ihn dann wieder schaukelnd trug, erwachte er zu neuem Leben. Mit einem kurzen Schwanzhieb entdeckelte er das Gef├Ą├č (wobei ich pitschna├č wurde) und begab sich auf das vereiste Stra├čenpflaster. Gl├╝cklicherweise war auch hier ein Mann mit zupackenden H├Ąnden zur Stelle, der mir das Tier wieder in den Eimer tat. Da der Fisch nun nicht mehr gen├╝gend Wasser vorfand, verhielt er sich ruhig, bis er in die Badewanne gesetzt wurde. Ich war sehr froh, da├č ich nicht mit einer Leiche nach Hause kam. So hatte ich verstanden, da├č ich nicht nur das Mindestgewicht, sondern auch das H├Âchstgewicht anzugeben hatte. Im n├Ąchsten Jahr brachte ich nicht nur mehr Wechselgeld, sondern auch einen putzmunteren Karpfen nach Hause. Ida hatte es direkt schwer, ihn zu t├Âten. Nach dem dritten Bet├Ąu-bungshieb sprang er noch vom K├╝chentisch und suchte unter der Anrichte Schutz, wo Irma ihn hervor-holte. Endlich konnte Ida die Kehle durchschneiden und das Blut in einer Sch├╝ssel auffangen, denn sie ben├Âtigte es f├╝r die So├če. Karpfen sind dazu da, gegessen zu werden. Und Fischblut ist kein richtiges Blut, es ist kalt. Ich freute mich auf die Mahlzeit. Ich bekam, wenn Waltraud mit uns a├č, das Schwanzende, sie das Mittelst├╝ck und Ida das Kopfst├╝ck. Das empfand ich als gerecht. Ida war die Kl├╝gste von uns, ihr stand der Kopf zu, Waltraud mochte keine Gr├Ąten, also bekam sie das St├╝ck mit den wenigsten Gr├Ąten, ich geno├č es, Fisch zu essen, also nahm ich die Gr├Ąten in Kauf. Ich beobachtete, wie Ida sorgf├Ąltig das Fleisch vom Fischkopf verspeiste, wie sie jeder genie├čbaren Faser nachsp├╝rte, wie sie letztendlich den Kopf auseinanderbrach und das Gehirn schl├╝rfte. Ich h├Ątte das sp├Ąter gern nachvollzogen, aber um 1960 wurden Karpfen nur noch ohne Kopf verkauft. Und ich wu├čte auch gar nicht, wie man "Karpfen Blau" kocht. Ich durfte nicht zusehen, und die Kochb├╝cher waren mir unverst├Ąndlich. Gut, ich wu├čte, was "eine Prise" ist, auch "ein Teel." bzw. "ein E├čl." sind mir gel├Ąufig, doch bei "eine Tasse" komme ich in Verlegenheit. Wie voll darf die Tasse sein? Bis zum Stehkragen oder zwei Zentimeter unter der Oberkante? Und dann noch die vielen mir unbekannten Gew├╝rze!
Damals jedenfalls blieben von unseren Fischmahlzeiten nur die Gr├Ąten ├╝brig. Die Haut wurde mitverspeist. Auch auf der z├Ąhen Haut der B├╝cklinge knautschten wir herum, bis sie m├╝rbe war.
Es mochte 1948 gewesen sein, als Ida mit mir zur "Freibank" ging. Sie hatte eine Postkarte bekommen, auf der ihr Anspruch auf Freibankware bescheinigt wurde und an welchem Tage sie abzuholen sei. Ich staunte ├╝ber die gro├če Anzahl von Menschen, die sich in einer langen Viererschlange angestellt hatten, um ihre Ware in Empfang zu nehmen. Viele brachen zusammen, bevor sie an der Reihe waren, denn es war ein schreckliches Gedr├Ąnge. Die meisten schimpften und stritten miteinander und mit den Verk├Ąuferinnen, die nach kurzem Blick auf die Postkarte wahllos irgendwelches Fleisch und Wurst in Zeitungspapier schlugen und ├╝ber die Theke reichten. Selten war jemand mit dem, was er erhielt, einverstanden. Ida war eine der wenigen, die "Dankesch├Ân" sagten. Ihr war es einerlei, was sie erhielt; was wir nicht verbrauchten, reichte sie an Familie L. weiter, die daf├╝r sehr dankbar war. Mehrmals ging Ida mit mir zu dem preisg├╝nstigen Einkauf. Mir war entsetzlich langweilig dabei. Es gab nicht die geringste Spielm├Âglichkeit. Sch├Ân, ich konnte mich mit den drei Blumen am Eingang unterhalten, aber das war auch schon alles. Ida verbot mir, auf die Stra├če zu gehen, ich durfte mich nur da aufhalten, wo sie mich sah. So sah sie einmal, da├č ich mich mit einem Mann unterhielt, der f├╝r einen Moment auf der Bank auf dem Hof sa├č. Sie verlie├č ihren Platz in der Reihe, um mich zurechtzuweisen. Da ich diskutierte, ging ihr Platz in der Reihe verloren, mit M├╝h und Not verhinderte sie das Neuanstellen. Zum n├Ąchsten Gang zur Freibank bevollm├Ąchtigte sie Grete L., den Einkauf zu t├Ątigen. Das klappte einige Monate zur Zufriedenheit beider Parteien, doch bald erschien Grete L. der Anteil, den sie dabei erringen konnte, als zu gering. Und das, was sie an Ida ablieferte, entsprach nicht unseren Bed├╝rfnissen. Nun warf Ida die Ank├╝ndigungen der Freibankbez├╝ge in den M├╝ll. Niemals h├Ątte ich mir tr├Ąumen lassen, da├č ich als Erwachsene selbst dort Schlange stehen w├╝rde!
Kurz vor meinem sechsten Geburtstag bat Grete L.: "Oma, jib mir doch mal det Rezept for deine sch├Âne Kohlrolaan." Ich wu├čte, was ein Rezept ist, n├Ąmlich ein kleines St├╝ck Papier, wo der Onkel Doktor aufgeschrieben hat, was Oma sich aus der Apotheke holen sollte. Ich kicherte nun also: "Seit wann jibt det denn in de Appoteeke Mittach?" Grete L. runzelte die Stirn: "Wir ham jetz keene Zeit for deine bl├Âdn Witze." und Ida wies mich aus der K├╝che. Erst, als ich Irma mein Leid klagte, erfuhr ich den Unterschied zwischen einem Rezept vom Arzt und einem Kochrezept.
Zwischen 1948 und 52 wurde im "RIAS" behauptet, da├č die Ostdeutschen hungern m├╝ssen, und es wurde eine Hilfsaktion ins Leben gerufen, wonach sich jeder Ostler ein Paket mit Lebensmitteln abholen konnte. Ich wei├č nicht, von wo diese Pakete abzuholen waren. Grete L. st├╝rzte sofort mit der ganzen Familie los, denn sie konnte sich ein solches Geschenk unm├Âglich entgehen lassen. Ida war der Weg zu weit, Irma sagte: "Ick bin nich so arm, det ick betteln jehn mu├č!" und Gerda hatte nicht einmal f├╝r ihre Tochter etwas bekommen, weil sie nicht in ihrem Ausweis eingetragen war. Grete L. ging dann noch einmal los, um mit gef├Ąlschten Papieren etwas zu ergattern, dann schickte sie - aus Angst, erkannt zu werden - ihre ├Ąlteste Tochter, um f├╝r Ida, Waltraud und mich etwas zu erbeuten. Gitta kam dann auch mit drei Paketen, in denen sich zwei B├╝ch-sen Schmalzfleisch, zwei P├Ąckchen Bouillon-W├╝rfel, ein Pfund Zucker, ein Pfund Mehl und ein Brocken Trockenmilch befanden. Das waren die Standard-P├Ąckchen. Man konnte auch Gl├╝ck haben und in seinem P├Ąckchen ein Pfund Kaffee, ein P├Ąckchen Kakao, eine B├╝chse ├ľlsardinen, Fleisch- oder Wurstkonserven finden. Grete L. hatte dieses Gl├╝ck. Ida bem├Ąngelte die liederliche Verpackung unserer P├Ąckchen - sie waren halb aufgerissen. Auch hatte sie sich einen anderen Inhalt vorgestellt, nachdem ihr erz├Ąhlt worden war, was alles in den P├Ąckchen enthalten sein konnte. Vielleicht mutma├čte sie, da├č Grete L. den Inhalt manipuliert hatte, aber sie konnte ihr nichts nachweisen. Nun, Mehl und Zucker konnte man immer gebrauchen, das Schmalzfleisch kam auf die Stullen bzw. in den Eintopf, die Bouillon-W├╝rfel waren dem Eintopf ebenfalls sehr zutr├Ąglich oder wurden von Ida als abendliche St├Ąrkung aufgebr├╝ht und die Trockenmilch lutschten wir Kinder mit Begeisterung auf.
Wochentags gab es Eintopf, die Fleischmahlzeiten an Sonn- und Feiertagen. Der Sparsamkeit verpflichtet (ob der geringen Rente), kochte Ida h├Ąufig den Eintopf auf Vorrat, soda├č er mitunter sogar f├╝r vier Tage reichte. Da mokierte ich mich 1956: "Wat denn, schon wieda die Erbsn von vorjestan?!!" und Ida reagierte: "Bei dir soll det woll imma nur Jesottnet un Jebratnet jeehm, wat? Dafor ham wa keen Jeld nich, du Dussel!" Da ich inzwischen seit einiger Zeit f├╝r uns einkaufen ging, kannte ich in etwa die Preise und beschwichtigte: "Bratwurscht is billich, Schweinebauch, Speckkatoffiln Blutwurscht, - un Kohlr├╝hm! Wenn schon Eintopp, denn koch doch ma wieda Kohlr├╝hm!" Sie erkannte, da├č es mir nicht darum ging, etwas Kostenaufwendiges zu genie├čen und ge-staltete den Speisenplan dementsprechend. Es freute sie, zu sehen, da├č mir die "Wruken" schmeckten, von denen sie in der Nachkriegszeit mehr als genug essen mu├čte. Sie kochte sp├Ąter sogar "Gef├╝llte Paprikaschoten", etwas f├╝r sie "Neumodisches", nach einem Rezept der Freundin meiner Mutter. Sie schmeckten uns allen. Ebenso die "J├Ągerschnitzel" - in Scheiben geschnittene und wie Kotelett behandelte Jagdwurst.
Als Vorschulkind habe ich ihr oft in der K├╝che helfen wollen, aber sie wies mich zur├╝ck: "Det kannst de nich, dafor bist de zu kleene!" Als ich ├Ąlter wurde, sagte sie: "Dazu bist de zu deemlich!" So hatte ich nur selten Gelegenheit, einen Blick auf die K├╝chenarbeit zu werfen. Einmal sah ich zu, wie sie Koteletts panierte. Erst klopfte sie sie mit einem Fleischklopfer weich, dann wurden sie gepfeffert und gesalzen, danach in gequirlten Eiern und zuletzt noch in Paniermehl gew├Ąlzt. Das tat sie alles mit den Fingern, die sie zuletzt ableckte, damit nichts verlorenging. Einige Jahre sp├Ąter sah ich bei der Mutter meiner Freundin, da├č man das Fleisch auch panieren kann, wenn man es mit der Gabel bewegt. Auch auf diese Weise geht nichts verloren. In dieser Familie kamen auch diverse Milchmixgetr├Ąnke auf den Tisch, auch Zuckereier (steif geschlagenes Eiwei├č, mit unterschiedlichen Obsts├Ąften versetzt). Das bezeichnete Ida als ekliges Gemansche, mir aber hatte es sehr gut geschmeckt.
Selbst, als es uns in den sp├Ąten 50ern wirtschaftlich besser ging, knabberten wir auch die letzte Fleischfaser von Kotelett- und anderen Knochen. Wenn Manfred gefragt wurde: "Wo is n Paul?" oder: "Wo is n Christa?", dann antwortete er grinsend: "Uff n Friedhof, Knochen knabbern!"
Als ich zw├Âlf Jahre alt war, hatte Ida Grete L. gebeten, ihr vom Marktgang 5kg gr├╝ne Bohnen mitzubringen. Diese gro├če Menge konnte sie nicht mehr alleine an einem Tag putzen und kochen. Ich durfte ihr dabei helfen. Sie zeigte mir, wie es zu machen war und ich hatte sogar Spa├č daran. Die Arbeit ging gut voran und ich begann, mit Ida zu plaudern. Doch sie interessierte sich nicht im geringsten f├╝r das, was ich von meinen Erlebnissen in der Schule und auf meinen Spazierg├Ąngen erz├Ąhlte. Sie sagte bald: "Halt die Klappe!" So schwieg ich eine Weile. Dann sah ich, da├č die Arbeit noch sehr lange dauern wird. So schlug ich vor, da├č wir zusammen singen, um die Zeit zu verk├╝rzen. Ich nahm an, da├č Ida au├čer den Kleinkinderliedern, die sie fr├╝her mit mir sang, auch andere kannte. Gern h├Ątte ich neue Lieder von ihr gelernt. Sie aber sagte: "Mir is nich nach sing zumute." Da sang ich alleine Volkslieder. Ich hoffte, ihr eine Freude zu machen. Als ich das vierte Lied anstimmte, wies sie mich aus der K├╝che, weil mit mir "bl├Âdem J├Âr" ├╝berhaupt nichts zu anzufangen war.
Ida hatte es zwar nicht verstanden, mich zur Hausfrau auszubilden, aber sie war noch immer empf├Ąnglich f├╝r neue Rezepte. "Essen und Trinken h├Ąlt Leib und Seele zusammen." Ich wurde ein guter Esser - d.h. in meinem Fall, da├č ich gerne esse, was mir vorgesetzt wird. Selber kochen ist mir ein Graus. F├╝r meine Kinder mu├čte ich kochen, als sie der Brust entwachsen waren. Ich war da leider nicht wie meine Mutter gesegnet wie eine Kuh. Aber es gab nun abgepackte Kindernahrung: Milasan f├╝r das Fl├Ąschchen und f├╝r die nachfolgenden Monate Babybrei-Gl├Ąser, viele unterschiedliche f├╝r jeden Lebensmonat. Ich habe sie alle gekostet und als schmackhaft empfunden. Namentlich Spinat mit Leber, das w├Ąrmte ich mir selber gern als Mahlzeit auf.
Sp├Ąter habe ich mich daran zu erinnern versucht, auf welche Weise Ida ihre wohl-schmeckenden Mahlzeiten zustande brachte. Der erste Braten, den ich f├╝r mich garte, war mir so gr├╝ndlich daneben geraten, da├č ich nie wieder ein Pfund Fleisch ungeschnitten kaufte. Auch die ersten Kuchen, die ich 25j├Ąhrig buk, wurden ausnahmslos "Brandenburger", d.h., ich mu├čte eine gewisse Schicht Kohle von ihnen herunterkratzen, bis das Genie├čbare zum Vorschein kam. Meine Eint├Âpfe waren gew├Âhnlich zu schwach gew├╝rzt, nachdem ich den ersten t├╝chtig versalzen hatte. Nachsalzen kann man immer, aber etwas Versalzenes kann man nur noch wegsch├╝tten.
Doch zur├╝ck zu 1948. Wenn wir Kinder auf der Stra├če spielten, erblickten wir so manches Kraut. Eines nannten wir "K├Ąseblume", denn seine Fr├╝chte sahen aus wie eine Schachtel mit K├Ąseecken. Diese Fr├╝chte - ca. 4 mm im Durchmesser - waren genie├čbar, wenn man die ├Ąu├čeren Bl├Ątter entfernte. Dann gab es noch eine Pflanze, deren dreieckige Bl├Ątter wir a├čen. Sie hatte eine wei├če Doldenbl├╝te, hielt sich in der Vase aber nur einen Tag. Auf den Sauerampfer st├╝rzten wir uns wie die Ziegen! Und wenn im Fr├╝hsommer die Linden bl├╝hten, brachen wir ganze ├äste ab, um uns an den s├╝├čen Bl├╝ten g├╝tlich zu tun. Sehr erfreut waren wir, wenn wir Kirsch-, Pflaumen- oder Pfirsichkerne auf der Stra├če fanden. Sie wurden geknackt und das Innere gegessen, wenn es auch noch so bitter schmeckte. Aber niemals a├čen wir Brot, das jemand weggeworfen hatte. Wenn Ida erfuhr, was wir auf der Stra├če gegessen hatten, wurde sie fuchsteufelswild und schimpfte: "Ihr werdt eich noch vajiftn, ihr Dreckfressa!"
Ida schnitt mir meine Stullen in kleine St├╝cke, die sie "Sch├Ąfchen" nannte. Sie f├╝tterte mich mit den "Sch├Ąfchen", bis Irma sagte: "Wie lange willste denn det noch machen, die Christa is doch l├Ąngst alt jenuch, um alleene zu essen!" Ida antwortete: "Is se nich, die kr├╝melt ja wie var├╝ckt!" Aber dann meinte auch Gerda, da├č ich nie vern├╝nftig essen lernen w├╝rde, wenn ich weiterhin gef├╝ttert werde, so durfte ich endlich mein Brot selber in die Hand nehmen. Aber ich kr├╝melte wirklich "wie verr├╝ckt", ich wei├č nicht, wie das zustande kam. Vielleicht war mein Spieltrieb st├Ąrker als mein Hunger.
Mein Pausenbrot in der Schule a├č ich - oh Wunder! - ohne zu kr├╝meln. Nach einigen unguten Erfahrungen zog ich mich mit meiner Klappstulle in einen Winkel zur├╝ck, aus welchem ich meine Klassenkameraden beobachten konnte, um sicherzustellen, da├č sie mir nicht die H├Ąlfte stahlen. Das hatten sie getan, aber nicht, weil sie meine Stullen essen wollten, sondern nur, um sie zu zertreten. Da├č sie mein Brot zertraten, wertete ich als feindliche Aktion. Essen war f├╝r mich Leben.


__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 87
Kommentare: 1122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Willi Corsten eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Liebe oldicke

ich freue mich jedes Mal, wenn etwas Neues von dir in der LL steht.
Die Erinnerungen sind richtig gut geschrieben und viel zu schade f├╝r die Schublade daheim.
Bitte schicke mir ÔÇô wenn du m├Âchtest ÔÇô deine Mailadresse an
willicorsten@comundo.de.
Ich kann dir einen Verlag nennen, der ??vielleicht?? an diese Art Texte interessiert ist.
Freundliche Gr├╝├če sendet Dir
Willi

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
danke,

lieber willi. mach ich gerne. hoffentlich klappts. bis bald
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
es

w├Ąre sehr schade, wenn du das schreiben aufgibst. bei├č dich durch! du hast was zu sagen, du hast was zu erz├Ąhlen und es sind nicht alles hohlk├Âpfe hier. wir kennen dein problem und k├Ânnen ├╝ber kleine schw├Ąchen hinwegsehen. mein lieblingsbruder ist auch legastheniker. er wurde als kind immer "der doofe" genannt. in wahrheit hatte und hat er mehr wissen im kopf als ein durchschnittsmensch. es kommt - mir jedenfalls - beim schreiben mehr auf inhalt und ausdruck an, als auf orthografie und grammatik.
├╝brigens - an den madenk├Ąse kann ich mich auch erinnern. die meisten speisen die ich aufz├Ąhlte, gab es erst in den f├╝nfzigern. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!