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Leselupe.de > Kurzprosa
aus meinen memoiren: nachbarn
Eingestellt am 07. 03. 2001 16:29


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flammarion
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Nachbarn

Das Haus, in welchem ich meine Kindheit verlebte, war ein Eckhaus, eine sogenannte "stumpfe E-cke". Alle Stubenfenster blickten zur Stra├če hin, alle K├╝chenfenster zum Hof. Die stumpfe Ecke wurde im Parterre von einem Gartenlokal ausgef├╝llt. Hier konnten G├Ąste an mehr als zehn Tischen Platz finden. Die Tische und St├╝hle konnten zusammengeklappt und nach Bedarf aufgestellt werden, daher habe ich mir die genaue Anzahl nicht gemerkt. Der Boden des Gartens war mit wei├čem Kies bestreut, am kunst-voll verzierten Metallgitterzaun wuchsen dichte niedrige Str├Ąucher. Au├čer dem Schankraum gab es noch ein Vereinszimmer und ein Billard-Zimmer. Das Vereinszimmer wurde manchmal f├╝r Familienfeiern ge-nutzt (ich erlebte im Vor├╝bergehen, da├č dort eine Hochzeitsfeier stattfand und dachte mir: "Das ist sehr praktisch, kostet zwar ein bi├čchen mehr, aber die eigene Wohnung bleibt unber├╝hrt!"); das Billardzimmer wurde, da das ├Âffentliche Spielen in der DDR verboten war, dem Schankraum zugeschlagen.
Der Wirt hie├č Karl Rachow. Er war mittelgro├č und hatte einen sehr dicken Bauch, den eine breite goldene Uhrkette zierte. Er war ein starker Raucher. In seinem von einem dreifarbigen Bart umgebenen Mund qualmte st├Ąndig eine dicke Zigarre. Aus seinem rotwangigen Gesicht musterten kleine bla├čgraue Augen die G├Ąste "von oben herab". Es war f├╝r mich jedesmal ein besonderes Schauspiel, wenn ein neuer Gast, der gr├Â├čer als der Wirt war, die Schankstube betrat und sich dann diese Musterung gefallen lassen mu├čte.
Als ich noch sehr klein war, waren wir h├Ąufig zu Gast in diesem Lokal. Ich erinnere mich noch gut daran, da├č ich unter einem schweren schwarzen Holztisch auf dem ungestrichenen und schlecht gereinig-ten Fu├čboden sa├č und mit Bierdeckeln und Flaschenkorken spielte. Auch durfte ich manchmal bei den M├Ąnnern, die mit Ida tranken, auf dem Scho├č sitzen und aus ihren Gl├Ąsern trinken. Ich war ja so niedlich, wenn ich das Gesicht verzog, die Augen verdrehte, mich sch├╝ttelte und sp├Ąter lallend durch das Lokal torkelte! Ich erinnere mich an einen Tag, an dem es besonders schlimm war: Der Wirt wurde pl├Âtzlich zu einem tapsigen Riesen, die Worte mu├čten sich einen langen Weg durch Watte bahnen, ehe sie in mein Bewu├čtsein drangen und im Fu├čboden waren kleine H├╝gel. Ich fiel hin, ohne mich wieder erheben zu k├Ânnen. Die G├Ąste lachten. Ich merkte, da├č ich das Gel├Ąchter verursacht hatte und war gl├╝cklich, die Leute in dieser schweren Zeit zum Lachen gebracht zu haben.
Ida war recht trinkfest. Der Wirt scherzte einmal: "Na, Ida, det beste w├Ąr wohl, wenn ick dir ne Bier-leitung nach ohm lejen w├╝rde?" Sie antwortete ernst: "Ne Schnapsleitung w├Ąr bessa, aber am allaliebstn h├Ątt ick jerne beedet."
Ida war mit dem Wirt und einigen Stammg├Ąsten per "du". Wenn ihre Wangen vom Alkohol ger├Âtet waren und ihre Augen funkelten und sie jedem Bonmot Bescheid gab, war sie eine recht ansehnliche alte Dame. Hier in fr├Âhlicher Runde wurde ihr auch der letzte ernstgemeinte Heiratsantrag gemacht. Aber sie lachte ├╝ber den "Trottel, der sich einbildt, det ick uff meine altn Daare mir noch an n fremm Mann je-w├Âhn k├Ânnte". Sie war damals bereits 80 Jahre alt. Um diesem Mann nicht wieder zu begegnen, ging sie nicht mehr in die Kneipe hinunter. Wenn sie den entsprechenden Durst hatte, schickte sie jemanden mit einer Kanne nach Bier, je nachdem, wer gerade verf├╝gbar war. Oft durfte ich - auf meine nachdr├╝cklichen Bitten (ich wollte keine Gelegenheit, aus der Wohnung zu kommen und die Welt zu sehen, ungenutzt vergehen lassen) - mitgehen, sp├Ąter schickte Ida mich allein hinunter. Die anderen Familienmitglieder durften das Bier in einer Glaskaraffe holen, welche am Bauch mit einem bunten Jagdmotiv und am Rand und Henkel mit Goldauflage verziert war. Mich "Trottel" schickte sie mit einer Blechkanne, meist am Sonntagnachmittag.
Als ich wieder einmal mit meiner Kanne am Tresen stand, sa├č der Wirt bei einer feiernden Runde an einem der hinteren Tische. Die G├Ąste sangen, das Radio ├╝bert├Ânend: "Heute blau, und morjen blau und ├╝├╝├╝bermorjen wieder, und wenn wir dann mal n├╝chtern sind, besaufen wir uns wieder!" Und just, als der Gesang endete, sagte eine helle Kinderstimme aus dem Radio: "Das war der RIAS-Kinderfunk!" Auch ich lachte herzlich ├╝ber diese ungewollte Komik. Endlich bemerkte mich der Wirt und kam zu mir. Er sagte: "Deine Oma mu├č sich schon selbst herunterbem├╝hen oder einen Erwachsenen schicken. Jetzt gibt es n├Ąmlich ein Jugendschutz-Gesetz, nach dem Alkohol nicht mehr an Kinder ausgegeben werden darf." Ida glaubte mir die Worte des Wirts nicht, packte mich am Arm und ging mit mir, so wie sie war in Sch├╝rze und Pantoffeln, in die Kneipe hinunter, wo der Wirt seine Rede wiederholte. Ida sagte: "Aba Karrrl, du kennst mir doch!" - "Ja," entgegnete der Wirt, "wir sind uns einich, aber ick kann nich f├╝r je-den meiner J├Ąste die Hand int Feuer lejen. Vaschteh mir, Ida, ick m├Âchte nich wejen dein Durscht die Konzessjon valiern." Sie verstand und trank in Zukunft nur noch dann Alkohol, wenn ihn jemand zu einer Familienfeier mitgebracht hatte.
Dieses Vorkommnis wurde nat├╝rlich mit Grete L. besprochen (von Familie L. ist sp├Ąter noch ausf├╝hr-lich die Rede). Grete L. ereiferte sich: "Mannomann, wat is det jetz blo├č for n Schdaat! Die beschdimm, wat de mit deine Kinda machn d├╝rfst un wat nich! Ja, sin det denn nu meine Kinda oda nich? Jurend-schutzjesetz! So n Bl├Âdsinn! Wenn der Schdaat Kanohnfutta brauch, denn is det allemal hinf├Ąllich! Imma detselbe, ejal, wie die Rejierung hei├čt, der kleene Mann is imma anjeschissn!"
Ich fand es gut, da├č es f├╝r Kinder und Jugendliche nun nicht mehr ganz so einfach war, an Alkohol heranzukommen. Schlimm genug, da├č sich Erwachsene in den w├╝rdelosen Zustand der Trunkenheit be-gaben!
Als ich lesen lernte, war jeder Buchstabe f├╝r mich hochinteressant und ich las auch den Namen dieser Gastst├Ątte. Da fiel mir so recht das Firmenschild der beliefernden Brauerei "Berliner Kindl" auf. Ich mo-kierte mich dar├╝ber, denn "Kindl" ist bayrisch. Trinken die Berliner etwa mit Vorliebe bayrisches Bier? Und warum ist das Kind blond? Die im S├╝den Deutschlands lebenden Bayern haben doch dunkle Haare? Ich fragte Ida, und sie antwortete: "Det is eehmd so." Ich fragte Grete L., sie antwortete: "Deine Sorjen m├Âcht ick hahm!" Ich fragte Irma, sie erkl├Ąrte mir, da├č das Firmenschild irgendwann einmal so beschlos-sen wurde, da├č es gesetzlich gesch├╝tzt ist und ganz bestimmt nicht ge├Ąndert wird, nur weil ich mich in meiner Eigenschaft als Kind beleidigt f├╝hlte, aus dem Bierglas blicken zu d├╝rfen. Doris L. meinte zu dem Thema sarkastisch: "Det Schild bedeutt, det man beim Saufn schnella Kinda machn kann."
Zur Gastst├Ątte geh├Ârte auch ein wei├čer Spitz, Whisky gerufen. Manche Nachbarskinder hielten es f├╝r ein Vergn├╝gen, den Hund zu ├Ąrgern, wenn das Gartentor geschlossen war. Er kl├Ąffte dann in den h├Âch-sten T├Ânen und sprang w├╝tend gegen das Gitter. Er tat mir leid, und ich sagte zu den Kindern: "Whisky merkt sich euch, und wenn ihr vorbeikommt und det Tor is offen, denn wird a euch bei├čn!" Dann hatte der Hund seine Ruhe. Das war die einzige Weise, in der ich mich mit ihm abgab. Ihn zu streicheln kam mir nicht in den Sinn, denn er war als Wachhund angeschafft. Und ein Wachhund bleibt nicht scharf, wenn jeder ihn streicheln darf. 1952 wurde im Hauskeller Rattengift ausgelegt. Dummerweise hat Whisky davon gefressen und ist j├Ąmmerlich eingegangen.
Einmal in der Woche kam ein Pferdewagen von der Brauerei und lieferte in aller Herrgottsfr├╝he zwei riesige Eisbl├Âcke f├╝r den Eisschrank der Gastst├Ątte (damals gab es noch keine elektrischen K├╝hlschr├Ąnke, man mu├čte in einen mit Metall ausgeschlagenen Schrank Eisst├╝cke hineinlegen, wenn man Verderbliches l├Ąngere Zeit frisch halten wollte). Die Gespannlenker wechselten h├Ąufig, und mancher kannte die genaue Adresse des Wirtschaftsein-gangs nicht. So lag das Eis mitunter vor unserer Haust├╝r. Da suchte der Wirt es nicht und glaubte, es w├Ąre keines geliefert worden. Im Sommer schmolz das Eis nutzlos vor sich hin oder wurde von Stra├čenpassanten gestohlen, im Winter aber blockierte es die Haust├╝r. Auf diese Weise kam ich an einigen Tage zu sp├Ąt zur Schule, denn ich konnte das Eis nicht mit der Haust├╝r zur Seite schieben und Ida lachte mich aus ob der Behauptung, da├č ich die T├╝r nicht aufbekomme. Es nutzte mir auch nichts, ├╝ber den Hof zu laufen und durch die Friesickestra├če zur Schule gehen zu wollen, denn ent-weder unsere Hoft├╝r oder die gegen├╝berliegende waren verschlossen, und wenn nicht, dann war die Haust├╝r in der Friesickestra├če verschlossen. - Das stimmt mich jetzt aber sehr nachdenklich. War ich an manchen Wintertagen das einzige Schulkind des Hauses, obwohl so viele Kinder hier wohnten?
Im Parterre rechts wohnten Mutter und Sohn. Den Familienamen wei├č ich nicht, denn ihr papiernes Namensschild war v├Âllig unleserlich. Die Mutter konnte kaum ├Ąlter als 50 Jahre sein, sah aber ├Ąlter aus als Ida. Sie ging sehr selten aus. Ihr Sohn war ein stiller junger Mann, der sich nur per Rollstuhl fortbe-wegen konnte. Als ich in das "Warum?" Alter kam, fragte ich ihn (im Grunde genommen sehr neidisch): "Onkl, warum sitzt n du im Rollstuhl?" - "Weil ich nicht laufen kann wie du." antwortete er z├Âgernd, aber l├Ąchelnd. "Und warum kannste nich laufn?" fragte ich wi├čbegierig weiter. "Weil meine Beine nicht funktionieren." - "Un warum duhn die det nich?" - "Wenn ich das w├╝├čte, w├╝rde ich auch einen Arzt finden, der mir hilft." Von nun an schlo├č ich ihn in mein Abendgebet ein und betete, da├č er einen Arzt finden m├Âge, der ihn aus dem Rollstuhl erl├Âst und ihm das normale Gehen erm├Âglicht. Das normale Gehen beinhaltete f├╝r mich das normale Leben. Doch Ida bemerkte meine F├╝rbitte und untersagte mir diese Gebete und gebot mir, mich von dem "licht-scheuen Gesindel aus dem Parterre" fernzuhalten, ich m├╝sse lernen, da├č nicht JEDER Gottes Hilfe wert sei. ├ťber diese Worte war ich sehr erschrocken, denn sonst sagte sie doch immer, da├č vor Gott alle Men-schen gleich seien.
Bei dieser Parterrewohnung waren tats├Ąchlich fast immer die Jalousien herabgelassen. Weil die Augen des jungen Mannes das Tageslicht nicht vertrugen. Seine Mutter hatte ihn w├Ąhrend der Nazi-Herrschaft in einem Schrank eingeschlossen, denn sie f├╝rchtete um das Leben ihres gehbehinderten Sohnes.
Er war der erste Erwachsene, mit dem ich mich normal unterhalten konnte. Oft stand ich neben sei-nem Fenster in der Hoffnung, da├č er die Jalousien hochzieht und mit mir redet. Aber meist h├Ârte ich nur sein Radio spielen. Da h├Ârte ich sehr gern zu, obwohl es keine Lieder waren. Ich wu├čte auch nicht, was die Ansagerin meinte, wenn sie von "Rhapsodie" oder "K├Âchelverzeichnis" sprach oder "Ouvert├╝re". Wenn ich zu Hause danach gefragt h├Ątte, w├Ąre es herausgekommen, da├č ich da unten gelauscht hatte . . .
Im 1. Stock rechts wohnte eine Witwe mit ihrem Sohn. Er war etwa acht Jahre ├Ąlter als ich, eventuell ein Spielkamerad von Waltraud. Sie hie├čen mit Familiennamen Sprung und ich kann mich weder an die Frau noch an den Jungen deutlich erinnern.
Ihnen gegen├╝ber wohnte ein ├Ąlteres Ehepaar namens D├Âring. Er war ein kn├Âcherner Beamter mit Backenbart, sie sein molliges Frauchen. Sie hatten die gleiche Zweizimmerwohnung wie wir, aber bei ihnen lagen Teppiche sogar im Korridor, und ihr Bad war nach dem Krieg das erste funktionsf├Ąhige im Haus.
Frau D├Âring sagte einmal bewundernd zu Ida: "Man h├Ârt ja gar nicht, da├č Sie kleine Kinder haben, wie machen Sie das blo├č?" Sie hatte ja keine Ahnung, wie oft wir Laudanum bekamen, wenn wir unruhig waren . . . Da├č wir es bekamen, wei├č ich durch eine Unterhaltung, die ich auf einer Familienfeier unge-wollt mitanh├Ârte. Ida gab diesen "guten Rat" unserer Nachbarin Grete L., als deren j├╝ngster Sohn unru-hig schlief.
Einige Zeit lie├č ich von unserem Balkon ein K├Ârbchen an einer Schnur hinunter. Das war f├╝r mich manchmal eine Zugbr├╝cke, manchmal das Seil, an welchem sich ein Prinz die Zitadelle empor arbeitete, oder auch die Eisenkette, an der der Retter mit der Maid - oder auch nur um sein eigenes Leben zu retten - (je nachdem, was ich gerade tr├Ąumte) hinunterhangelte. Einmal lie├č ich das K├Ârbchen dann einfach h├Ąn-gen, und Frau D├Âring legte einen Bonbon hinein. Nun lie├č ich das K├Ârbchen ├Âfter h├Ąngen, in der Hoff-nung, da├č Frau oder Herr D├Âring mit mir reden. Aber ich erhaschte nur einen Keks oder ein St├╝ck Scho-kolade (Schokolade war damals f├╝r mich das Non Plus Ultra aller Leckereien). ├ťber jeden Fund war ich stets sehr gl├╝cklich. Wenn ich der Frau D├Âring auf der Treppe begegnete, trug ich ihr gern und ungebe-ten die Einkaufstasche hoch oder den M├╝lleimer hinunter, jenachdem.
In der Wohnung uns gegen├╝ber wohnte die Witwe eines Herrn Dr. Heidemann. Als die Familie L. noch nicht in unserem Haus wohnte, war Ida mit dieser Witwe so gut wie befreundet. Wenn sie sie be-suchte, standen beide Wohnungst├╝ren offen. So bin ich oft der Ida nachgekrochen und machte auf diese Weise meine erste Bekanntschaft mit der Treppe, indem ich n├Ąmlich kopf├╝ber hinunterfiel und unten schreiend liegenblieb. Wenn es stimmt, da├č man sich erst ab dem dritten Lebensjahr an Vorkommnisse erinnert, k├Ânnen Sie sich denken, wie alt ich damals war. Ich erinnere mich deutlich, da├č ich auf der Treppe stets getragen wurde und habe sogar noch Idas Klagen ├╝ber mein Gewicht im Ohr. Ebenso deut-lich erinnere ich mich daran, wie ich zum erstenmal alleine versuchte, die Treppe zu erklimmen. Ich schob zuerst das Knie auf die Stufe, zog mich an der Strebe des Gel├Ąnders hoch, setzte dann den Fu├č auf die Stufe und zog danach das andere Knie auf die n├Ąchste Stufe. Die Treppe hinunter ging schneller, beson-ders, wenn ich r├╝ckw├Ąrts ging oder gar rutschte. Alle l├Ąchelten ├╝ber meine Verfahrensweise, nur Irma zeigte mir endlich, wie es richtig zu machen ist.
Jedenfalls wurde f├╝r mich ein Laufgitter angeschafft, als ich die ersten unbeobachteten Gehversuche auf der Treppe unternahm. Ich f├╝hlte mich beengt und eingesperrt und protestierte heftig gegen das Lauf-gitter. Aber es n├╝tzte alles nichts, ich mu├čte mich damit abfinden. Das Laufgitter hatte einen Boden aus d├╝nnem Stoff. Nachdem ich ihn beim Spielen aus Versehen an einer Stelle losgetreten hatte (Ida bemerk-te es nicht gleich), l├Âste ich einen gr├Â├čeren Teil des Bodens ab und konnte nun mitsamt dem Gitter we-nigstens bis zur T├╝r marschieren. Da die Breitseite des Gitters nicht durch die T├╝r pa├čte, drehte ich das Gitter und versuchte, die Spitze hindurchzuschieben. Dabei stellte ich fest, da├č ich es anheben konnte! Schnell war ich unter dem Gitter hindurchgeschl├╝pft und lief zur Wohnungst├╝r. Aber Ida war nicht bei der Nachbarin gegen├╝ber (das merkte ich daran, da├č ihre T├╝r geschlossen war), sondern bei der neuen Bekanntschaft im 3. Stock. Ich erklomm auf meine spezielle Weise die Treppe bis zu jener offenen Woh-nungst├╝r, aus der ich Idas Stimme h├Ârte. Mich sehend, forschte sie sogleich, wer mir herausgeholfen ha-ben k├Ânnte und hatte sofort b├Âse Worte f├╝r die Nachbarin, denn jemand anderes kam nach ihrer Meinung nicht in Frage. Das gefiel mir ja nun ├╝berhaupt nicht, zumal am Vortag Sonntag war, wo der Pfarrer ge-predigt hatte: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen N├Ąchsten." Ich erz├Ąhlte den Hergang so gut ich konnte. Ida schimpfte: "Also bei die J├Âre d├╝rf man ├╝bahaupt nich aus de Wohnung jehn! Die d├╝rf man keene f├╝mf Minutn alleene lassn!" Dennoch tat sie es immer wieder. Bevor sie die Wohnung verlie├č, schilderte sie mir mit gro├čer Deutlichkeit, was mir alles Schlimmes passieren k├Ânnte, wenn ich nicht artig bin in ihrer Abwesenheit. Und ich lie├č mich einsch├╝chtern und war immer artig.
Einmal ging sie am fr├╝hen Nachmittag fort und kam erst nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause. Ich war auf dem K├╝chenfu├čboden eingeschlafen. Als ich sie kommen h├Ârte, setzte ich mich auf. Dadurch erweckte ich unbewu├čt den Eindruck, die ganze Zeit gespielt zu haben. Ida schritt laut schreiend auf den Herd zu, ergriff den Feuerhaken und drosch auf den Herd ein, da├č die Funken flogen. Erschrocken rief ich: "Oooma, wat maachst du denn?" Sie sagte: "Ja, siehste denn den Rattnf├Ąnga nich? Den Rattnf├Ąnga, der die kleen Kinda mitnimmt, wenn a keene Rattn kricht!" Sie machte noch ein paar beschw├Ârende Arm-bewegungen und sagte dann: "So, nu iss a wech." Ich sch├╝ttelte innerlich den Kopf. Ich hatte auf dem Herd nichts Verd├Ąchtiges gesehen, betrachtete ihn aber in Zukunft mit Argwohn.
Mir wurde untersagt, die Witwe von gegen├╝ber zu gr├╝├čen. Es war Grete L. gelungen, Ida davon zu ├╝berzeugen, da├č Frau Heidemann einen schlechten Charakter habe (genaugenommen hatte sie der Frau all die negativen Attribute angehangen, die ihr selber eigen waren). Als ich ein paar Jahre sp├Ąter durch die Wand hindurch h├Ârte, da├č bei der Witwe auf Familienfeiern Volkslieder zur Gitarre gesungen wurden und die G├Ąste sich verabschiedeten, ohne sich zuvor sturzbetrunken miteinander gezankt zu haben, bilde-te ich mir meine eigene Meinung.
In die Wohnung ├╝ber uns zog 1951 eine Familie Romianowski ein, nachdem in der bis dahin leerste-henden Wohnung ein Bad installiert und ein paar leichte Kriegssch├Ąden beseitigt worden waren. Herr Romianowski war ein schlanker, ruhiger Mann mit gepflegtem Oberlippenb├Ąrtchen und hoher Stirn, seine Frau eine elegante Blondine mit weichen Rundungen. Ihre Tochter hie├č Karin, war etwa f├╝nf Jahre ├Ąlter als ich und ein fr├Âhliches, argloses M├Ądelchen mit blauen Augen und blonden Locken, die ihr bis auf die Schultern reichten und stets von unterschiedlich breiten farbenfrohen Seidenschleifen gehalten wurden. Sie wurde oft "P├╝ppi" gerufen. Ich erlebte zum erstenmal, da├č ein Kind von seinen Eltern geliebt und geachtet wurde. Sie riefen ihre Tochter P├╝ppi und behandelten sie wie einen Menschen, die Kinder der Familie L., Waltraud und ich wurden bei unseren Vornamen gerufen und oft wie Gegenst├Ąnde behandelt. Besonders verha├čt war mir Grete L.s Art, beim Anblick eines Kleinkindes die H├Ąnde zusammenzuschla-gen und in deutlich ├╝bertriebener Verz├╝ckung - nur um der Mutter zu schmeicheln - piepsig auszurufen: "Achatjeitdomannee, is die/der Kleene s├╝├╝├╝├╝├č!"
Die Familie L. hatte seinerzeit beantragt, die Wand zwischen ihrer und der angrenzenden Wohnung durchbrechen zu d├╝rfen, um mehr Wohnraum und somit Platz f├╝r die Kinder zu haben. Der Antrag wur-de abgelehnt. Der Familie wurde geraten, sich anderen Orts eine gr├Â├čere Wohnung zu suchen. Aber so ein Umzug kostet Geld, und Geld war bei L.s ├╝beraus knapp. Fluchend beugten sie sich der "Beh├Ârden-willk├╝r" und schikanierten die neuen Nachbarn. Bei Familie R. wurde die T├╝r beschmiert, auf Klinke und Klingelknopf kam Schuhcreme, auf den Fu├čabtreter Asche und Urin, in das T├╝rschlo├č Streichh├Âlzer und Papier, ihr Keller wurde immer wieder aufgebrochen und alles Brauchbare entwendet. Im Treppenhaus standen Schmierereien wie folgt: "Pollacken raus!" - "Russenknechte nach Sibirien!" - "Haut die Sachsen nach Sachsenhausen!" (Die Familie R. sprach mit s├Ąchsischen Dialekt.) Ich konnte die Krakel nicht selber entziffern, Waltraud las sie mir auf meine Bitte vor, man m├Âchte ja wissen, was um einen her vorgeht, auch wenn man nicht alles versteht. Wir wu├čten nicht, was Sachsenhausen bedeutet und hielten es f├╝r ein gelungenes Wortspiel. Ich hatte keine Ahnung, da├č das alles Angriffe auf die neuen Nachbarn waren, ich hielt diese Schmierereien f├╝r einen Auswuchs der Dummheit fremder Kinder, es konnten nur fremde ge-wesen sein, denn wer beschmiert das Haus, in welchem er wohnt? Romianowskis hielten diesen Terror zwei oder drei Jahre lang aus. Sie konnten die T├Ąter nicht fassen und f├╝r die Polizei war es ein Bagatellfall.
Einmal h├Ârte ich, wie Grete L. zu Ida sagte: "Die Sachsnpollackn traun sich wat! Nenn ihre J├Âre Ka-rin! So hie├č doch die Frau des F├╝├╝├╝ras! Die wolltn sich woll damit bei die Beh├Ârdn einschmeicheln! Aba nich bei mir! Un denn dieset affije Jetue mit die J├Âre! P├╝ppi! Wenn ick det schon h├Âre! Die wern schon noch sehn, wat man davon hat, wenn man ne J├Âre so vazieht!" Ich war inzwischen sieben Jahre alt und durchaus in der Lage, die Ehe der R.s als harmonisch zu empfinden. Ich beneidete Karin darum, da├č ihre Eltern mit ihr spielten und ihr bei den Schulaufgaben mit Rat und Tat zur Seite standen wie in allen ande-ren Lebensdingen. Wenn die Familie am Sonntag spazieren ging, durfte das gro├če M├Ądchen auf Papas Schultern reiten, das fand ich unaussprechlich toll! Und das war nun die Art, wie man ein Kind verzieht?
Eines Tages sa├č Waltraud in unserer K├╝che und weinte zum Steinerbarmen. Sie war v├Âllig untr├Âst-lich, und es dauerte eine Weile, ehe Ida in Erfahrung bringen konnte, was sie bedr├╝ckte. Stockend und schluchzend berichtete Waltraud, da├č Doris L. sie ein "unehrliches Kind" genannt hatte. Ida emp├Ârte sich: "Die soll man blo├č die Schnauze haltn, die l├╝├╝cht ja selba wie jedruckt!" Waltraud erkl├Ąrte aufheu-lend, da├č es nicht so gemeint war, sondern weil ihre Mutter nicht mit ihrem richtigen Vater verheiratet ist, sondern mit einem anderen Mann. Ida lie├č pfeifend die Luft entweichen. Einen Moment war sie sprachlos ├╝ber die einzigartige Frechheit dieser G├Âre. Aber sie war der Meinung, da├č uns kleine Kinder fremde Familienverh├Ąltnisse nichts angingen und sagte nur: "Die hahm selba soviel Dreck am Steckn, det se eijentlich jar nich jradeaus kieckn k├Ânn! Traute, du mu├čt dir nischt dadraus machn, wat die Doris saacht. Det hat die blo├č jesaacht, um dir zu ├Ąrjan. Un du Dussl duhst ihr ooch noch den Jefalln! Du bist jenau so n Kind wie alle andan, det hat seine Jr├╝nde, weshalb dein Vata deine Mutta nich heiratn konnte, da wa schlie├člich Kriech. Au├čadem vaschteh ick iebahaubt nich, warum du mit die olle Doris schpielst! Schpiel doch mit die Karin von ieba uns!" Nun erz├Ąhlte Waltraud bedauernd, da├č sie mit Doris gemein-sam Karin geh├Ąnselt hatte und das M├Ądchen nun nicht mehr gewillt war, mit einer von ihnen zu spielen. Ida wetterte: "Siehste, det haste nu davon! Schtatt dir n Meechn warm zu haltn, wat dir ne richtje Freun-din h├Ątte sein k├Ânn, vaschei├časte die un l├Ą├čt dir mit so ne Kr├Âte ein, die nischt ausl├Ą├čt, womit se dir ├Ąrjan kann! Anscheinnd biste nich ville bessa als Doris. Also jeh hin un vadraach da wieda mit se. Pack schleecht sich un Pack vadreecht sich!" Ein paar Tage sp├Ąter waren Waltraud und Doris tats├Ąchlich wie-der die besten Freundinnen, als w├Ąre nichts geschehen. Waltraud erkundigte sich bei ihrer Mutter nach ihrem leiblichen Vater und verk├╝ndete dann mit einigem Stolz ihren Spielkameraden: "Mein Vata is n Italjeena, ├Ątsch!", woraufhin sie von einigen Kindern "Italiernersalat" geschimpft wurde.
An einem hellen Sommertag wurde Karin R. auf dem Heimweg von der Schule abgefangen, ihre Schultasche wurde auf den Boden entleert, die Hefte und B├╝cher zertreten, ebenso die Federtasche samt Inhalt. Ihre blonden Haare wurden b├╝schelweise ausgerissen, das Kleid mit Tinte bespritzt. Zu diesen Taten hatten die L.-Kinder ein paar andere Schulkinder aufgestachelt, um nicht selbst daf├╝r belangt zu werden. Mit diesem "Intelligenzstreich" hatte Wolfgang L. sich vor seinen Kumpels gebr├╝stet, als ich rein zuf├Ąllig in H├Ârweite war. Nun war das Ma├č voll. Romianowskis zogen in einen anderen Stadtbezirk.
Als ich Tage nach ihrem Wegzug etwas Ausgeborgtes zu L.s nach oben bringen mu├čte, sah ich, da├č die T├╝r der leerstehenden Wohnung schief in den Angeln hing. Neugierig schl├╝pfte ich durch den Spalt und erschrak. S├Ąmtliche T├╝ren und Fenster der Wohnung waren zerst├Ârt, aus jedem Zimmer einige Die-len entfernt. Heute kann ich mir vorstellen, wer das getan hat und aus welchem Grund. Damals w├Ąre ich im Traum nicht darauf gekommen. Die Wohnung stand dann lange Zeit leer. Die n├Ąchsten Mieter habe ich mir nicht gemerkt, sie zogen erst ein, als ich schon lange tief in meiner Traumwelt lebte und die reale Welt nur zur Kenntnis nahm, wenn es unumg├Ąnglich war.
Die vierte Etage war der Hausboden. Er war sehr ge-r├Ąumig. Als ich ihn - vierj├Ąhrig - erstmalig betrat, erschien er mir endlos. Grete L. hatte unsere W├Ąsche gewaschen und ich hatte solange gebettelt, bis sie mich mit nach oben nahm zum W├Ąscheaufh├Ąngen. Zu-erst war ich bem├╝ht, ihr zuzureichen, aber die Handt├╝cher waren zu lang, ihre Zipfel wischten den Fu├č-boden; und die Bettw├Ąsche war zu schwer. So konnte ich ihr nicht behilflich sein und sie gestatte mir, mich auf dem Hausboden umzusehen. Da hatte ich dann auch prompt viele Fragen: "Warum is der Bodn so jro├č?" Darauf antwortete sie noch freundlich: "Weil a zu zwee H├Ąusa jeh├Ârt." Als ich dann wissen wollte, wieviele Menschen in unserem Haus wohnen und warum soviele Leinen leer sind und warum an manchen Stellen gar keine Leinen h├Ąngen, antwortete sie ausweichend oder gar nicht. Ich ging ihr mit meinen Fragen auf die Nerven. Ich dachte nicht daran, da├č sie die tausend Fragen ihrer eigenen Kinder zu beantworten hatte. Ich wollte auch etwas lernen. Sie schickte mich fort: "Kiek dir um, denn siehste wat!" Ich kroch in alle Ecken des Hausbodens und war dann h├Âchstwahrscheinlich reif f├╝r ein Bad. Jedenfalls ist mir dieser Hausboden noch sehr deutlich im Ged├Ąchtnis mit seinem unwegsamen Fu├čboden (statt der Dielen sah man stellenweise Steinchen und Stroh), mit den sauber gemauerten Schornsteinen, die W├Ąn-den glichen, mit den ├╝berall herumstehenden Eimern und Wannen (hier wurde das durch das undichte Dach tropfende Regenwasser aufgefangen) und den geteerten Dachbalken, die lange Teerf├Ąden hernie-derlie├čen. Ich wollte mit dem weichen Teer spielen, aber Grete L. sah das und sagte: "Die Teerfleckn kricht man nie wieda raus, la├č die Finga davon!" und ich lie├č die Finger davon. Aber es gab sonst nichts zum Spielen, so wurde mir langweilig. Ich wusch meine Finger in einem der Eimer und steckte dann den Daumen in den Mund.
Der Boden verband zwei H├Ąuser miteinander, also nutzten die L.-Kinder im Notfall diesen Weg, um der v├Ąterlichen Strafe zu entrinnen. Aber der hatte das bald spitz und fing die Ausrei├čer am anderen Hauseingang ab. Wenn ich heute in meinen Angsttr├Ąumen ├╝ber den Hausboden fliehe, erwischt mich kei-ner. Ich wunderte mich damals dar├╝ber, da├č die L.-Kinder beide Bodenschl├Âsser gebrauchsunf├Ąhig m-achten, um entwischen zu k├Ânnen, wo doch der Hof ebenfalls eine M├Âglichkeit bot. T├Ąglich sah ich die gegen├╝berliegende Hoft├╝r einladend offenstehen. Man konnte bequem ├╝ber den Hof zur anderen Stra├če gelangen. Ja, aber die Hoft├╝r wurde von einem gewissenhaften Menschen regelm├Ą├čig verschlossen, f├╝r ihn war es nur der Zugang zur M├╝lltonne; und Fremde hatten auf unserem Hof nichts zu suchen. Dieser Mensch - sein Name ist mir unbekannt - erneuerte das Schlo├č, so oft es auch zerst├Ârt wurde. Und wenn ich in meinen Angsttr├Ąumen den Weg zur Bodentreppe versperrt sehe und ├╝ber den Hof fl├╝chte, erwischt mich "das B├Âse".
Die Familie L. ist eigentlich ein Kapitel f├╝r sich. Nachdem Ida sich auf Grete L.s Betreiben mit der Witwe von gegen├╝ber verkracht hatte, wuchs sich die Bekanntschaft mit Grete L. direkt zu einem Mutter-Tochter-Verh├Ąltnis aus. Grete L. wu├čte bald in unserem Haushalt genauso gut Bescheid wie in ihrem. Und wenn Ida f├╝r uns Eintopf kochte, blieb in der Regel etwas f├╝r die L.-Kinder ├╝brig. Oft schmeichelte Grete L.: "Du hast dein Naam zu Recht, Ida Seele, du bist ja so eene jute Seele!" und ich war dann sehr gl├╝cklich, bei dieser "guten Seele" leben zu d├╝rfen.
Grete L. hatte zehn Kindern das Leben geschenkt (auf sie traf diese Formulierung voll-inhaltlich zu). Zuerst einer Tochter, die sie Brigitte nannte. Bei ihrer Geburt war Grete 15 Jahre alt, so wuchs das M├Ąd-chen bei seiner Gro├čmutter auf. Ich lernte sie 1949 kennen, als Grete L. ihre j├╝ngste Tochter Doris zu ihr schickte, um Eier und Gem├╝se zu erbitten. Brigitte lebte n├Ąmlich mit ihrem Mann in einer Stadtrandsied-lung und zog im Garten Gem├╝se f├╝r den eigenen Bedarf und hielt auch H├╝hner und Kaninchen. Doris konnte damals schlecht ohne Waltraud sein und Waltraud durfte selten ohne mich spazieren gehen, so gingen wir zu dritt los. Ja, wir gingen, denn die M├Ądchen wollten das Fahrgeld f├╝r einen Kinobesuch auf-heben. Nat├╝rlich kamen wir sp├Ąt bei Brigitte an. Nat├╝rlich waren wir hungrig und durstig. Die rundliche rothaarige Frau mit dem ernsten sommersprossigen Gesicht gab uns, was sie entbehren konnte unter dem Hinweis, da├č ihr derartiges nicht alle zwei Wochen m├Âglich sei. Rasch wurden die Liebesgaben verstaut und Doris bat ihre Schwester um Fahrgeld f├╝r uns drei. Ich sah, da├č Brigitte durchaus nicht die Reichste war und eigentlich nichts zu verschenken hatte. So sagte ich, da├č ich erst f├╝nf Jahre alt bin und kein Fahr-geld brauche. Waltraud und Doris waren nun b├Âse auf mich und lie├čen mich die schwere Tasche tragen zur Strafe daf├╝r, da├č das Geld nun nicht f├╝r den geplanten Kinobesuch reichte, zu welchem sie mich oh-nehin nicht mitgenommen h├Ątten, aber das war nicht mein Motiv, obwohl sie es mir unterstellten. Da wir damals alle drei regelm├Ą├čig zur Sonntagsschule gingen, rief ich ihnen die Worte des Pfarrers ins Ged├Ącht-nis: "Du sollst nicht l├╝gen". Sie kl├Ąrten mich dahingehend auf, da├č das Verschweigen einer Tatsache kei-ne L├╝ge ist. Ich war anderer Meinung, kam aber gegen die beiden Gro├čen nicht an. Zu Hause angekom-men - wir waren wieder den ganzen Weg gelaufen - wurden wir gefragt, wo wir uns denn um alles in der Welt solange herumgetrieben h├Ątten. Doris sagte weinerlich: "Gitti hat uns kein Fahrgeld gegeben!" Ich h├╝tete mich, ihr zu widersprechen, denn ich kannte ihren J├Ąhzorn und vermutete auch, da├č sie geschlagen werden w├╝rde, wenn die Wahrheit ans Licht kam. Sie hatte uns einmal ihre Striemen gezeigt. Ich wollte nicht, da├č sie meinetwegen zu leiden haben w├╝rde.
Mit 16 bekam Grete L. das zweite Kind. Es starb wenige Monate nach der Geburt und ich wei├č nicht, ob es ein Junge oder ein M├Ądchen war. Mit 17 bekam sie wieder eine Tochter, die sie Gitta nannte. Gitta war, als ich sie kennenlernte, eine h├╝bsche, rundliche Br├╝nette mit gro├čen braunen Augen; offensichtlich keine Tochter von Walter L. Er mochte das M├Ądchen nicht und schlug es, so oft es ihm vertretbar schien. Gitta trug st├Ąndig die Verantwortung f├╝r die j├╝ngeren Geschwister, die sich allesamt nicht das Geringste von ihr sagen lie├čen. Sie hat sehr jung geheiratet - einen amerikanischen Besatzungssoldaten, wenn ich mich recht erinnere - und sich danach sehr selten bei den Eltern blicken lassen.
Im darauffolgenden Jahr bekam Grete einen Sohn, den sie Horst nannte und gleich nach der Geburt zur Adoption freigab. ├ťber sein Schicksal ist mir nichts weiter bekannt.
1936 wurde Sohn Fritz geboren. Weil Grete nicht genau wu├čte, ob der Kindesvater, Walter L., sie heiraten wird oder nicht, gab sie auch diesen Jungen zur Adoption frei. Das er-fuhr ich erst, als ich schon 17 Jahre alt war. Kurioserweise lebte Fritz mit seinen Pflegeeltern in genau dem Haus, wo auch meine Eltern wohnten. So wurde Fritz der engste Freund meiner Br├╝der. Er war hochintelligent und mitunter auch sehr flei├čig. Meine Br├╝der hatten ihn sehr gern, so mochte auch ich ihn (er war sp├Ąter der Erzeuger der Tochter meines Bruders Paul, n├Ąheres dazu in dem Kapitel "Meine Br├╝der").
1937 kam kurz nach der Eheschlie├čung mit Walter L.die Frucht eines Fehltritts, Karl-Heinz, zur Welt. Er hatte dichte schwarze Locken, nahezu schwarze Augen und war von kleiner, gedrungener Statur. Er war das Wunderkind der Familie. Seine ├╝berdurchschnittliche Intelligenz bef├Ąhigte ihn, in der Unterstufe eine Klasse zu ├╝berspringen. Er war ein sehr ruhiger, besonnener und friedfertiger Knabe. Ich fand ihn h├╝bsch und liebenswert. Doris fand ihn doof. Daraufhin versuchte Waltraud, ihn zu necken: "Karl-Heinz, warum hei├čt n du nich Heinzkarl?" Er antwortete ohne lange nachzudenken: "Damit man zu dir nich Traudwal sagen mu├č!" Ich war die einzige, die dar├╝ber lachte.
Wie jeder richtige Junge ging auch Karl-Heinz Mutproben nicht aus dem Weg. Es begann damit, die Treppe au├čen hoch zu steigen, also auf der 4cm schmalen Kante hinter dem Gel├Ąnder (was wir alle nach-machten, um unseren Mut zu beweisen) und setzte sich damit fort, die "Millionenbr├╝cke" auf ihrem Ge-l├Ąnder zu ├╝berqueren. Dieses Gel├Ąnder war in der Br├╝ckenmitte 20m hoch. Wer abst├╝rzte, fiel auf die Br├╝cke, oder - im ung├╝nstigeren Fall - auf die Eisenbahngeleise in mindestens 60m Tiefe. Bei dieser ge-wagten Unternehmung waren wir M├Ądchen niemals dabei. Und ich w├Ąre auch nicht mitgegangen, nach-dem die Presse berichtete, da├č ein Kind abgest├╝rtzt war.
Wenn Karl-Heinz im Winter Kohlen aus dem Keller holte (damals hatten wir noch kein elektrisches Licht im Keller, es mu├čte eine Kerze mitgenommen werden - das war billiger als eine Taschenlampe), schrieb er mit Kerzenru├č an die Decke der Kellertreppe: "Nur die Ruhe kann es tun!" Auf diese Weise machte er sich Luft ├╝ber seine Familienverh├Ąltnisse. Er hielt jedoch stets fest zu seinen Geschwistern. Als ich mich einmal bei ihm ├╝ber Wolfgang beschweren wollte, antwortete er auf meinen Zorn: "Es gibt n sch├Ânet Wort auf Erden: Du mu├čt bedeutend ruhija werden!"
Er war es auch, der der Polizei seinerzeit einen wichtigen Hinweis zur Ergreifung der Gladow-Bande gab. Daf├╝r ├╝berreichte ihm der Polizeipr├Ąsident eine Armbanduhr. Solange tolerierte Walter L. den Bastard, aber jetzt hatte er ihn satt. Ein Wunderkind in der Familie, das konnte jedem mal passieren ("det kommt in die besten Familien vor!"), aber ein Polizistenknecht? Er suchte solange Streit mit Karl-Heinz, bis dieser im Zorn das Elternhaus verlie├č - er war damals 17 Jahre alt - und niemals zur├╝ckkehrte.
Das n├Ąchstfolgende Geschwister war Ingeborg, geboren 1938. Sie mochte es nicht, wenn man sie In-geborg rief, Inge gen├╝gte. Die Geschwister und andere Kinder h├Ąnselten sie oft: "Inge, borg mir was!" Sie war eine d├╝rre, grobknochige Blondine mit den w├Ąssrigen graublauen Augen ihrer Mutter. Ihre Fin-gern├Ągel waren stets abgekaut. Sie war sehr nerv├Âs und unberechenbar. Keine Beziehung, die sie als Er-wachsene kn├╝pfte, hielt l├Ąngere Zeit, auch weil sie dem Alkohol zusprach und in angetrunkenem Zustand gegen jedermann ausf├Ąllig wurde.
Nachdem Grete L. gelernt hatte, bei sich selber Abtreibungen vorzunehmen, tat sie es auch bei ihren T├Âchtern. Bei Inge unterlief ihr ein Fehler und die 21j├Ąhrige gebar ein blindes M├Ądchen. Ihr einziges Kind, soviel ich wei├č. Sie blieb mit dem Kind allein und f├╝hlte sich wie eine Bettlerin. Ich wu├čte, da├č es die Blindenschrift gibt und ich dachte, da├č im Sozialismus jeder seinen Weg findet. Ich machte mir keine Sorgen um Inges Tochter, ehe um Inge. Jedoch besuchte ich sie nie. Ich wu├čte nicht, wie ich ihr h├Ątte beistehen k├Ânnen, denn ich war ja f├╝r sie nur die "kleene doofe Krille".
Jedenfalls verknickte Grete L. nach diesem Mi├čgeschick bei ihrer j├╝ngsten Tochter den Geb├Ąrmut-terhals, um wenigstens hier allen Eventualit├Ąten einf├╝rallemal vorzubeu-gen. Das erfuhr ich alles erst, als ich erwachsen war. Grete L. sagte stets im Brustton der ├ťberzeugung: "Lieber zehn Kinder auf dem Kis-sen als eins auf dem Gewissen!" Ich m├Âchte nicht z├Ąhlen m├╝ssen, wie viele Abtreibungen sie vorgenom-men hatte! Es wurde zu einer lukrativen Einnahme-quelle f├╝r sie. Es wurde scherzhaft "Haarewaschen" genannt, und sie verlangte 300,- Mark daf├╝r. Das war 1966 mehr als die H├Ąlfte des Monatsverdienstes einer Produktionsarbeiterin.
Wolfgang wurde 1939 geboren und war das genaue Ebenbild seines Vaters. Dunkelblond, graue Au-gen, schlaksig, frech, verschlagen, hinterh├Ąltig, gemein und verlogen war er der Tyrann der gesamten Fa-milie. Von den Geschwistern konnte einzig Karl-Heinz ihn ein wenig im Zaume halten. Obwohl - oder weil? - er seinem Vater so ├Ąhnlich war, bekam er die meisten Schl├Ąge von ihm.
Damals erfreute sich das Spiel mit Murmeln gr├Â├čter Beliebtheit. Ich bettelte bei Gerda solange, bis sie mir ein Beutelchen gl├Ąnzender Murmeln aus Westberlin mitbrachte. Stolz ging ich mit meinen Murmeln zum Spielen auf die Stra├če, wo ich mir mit aller Sorgfalt ein eigenes Murmelloch schaufelte, und begann das Spiel probehalber. Da kam Wolfgang des Wegs, sah meine sch├Ânen Murmeln und wollte mit mir spielen. Ich f├╝hlte mich sehr geschmeichelt, da├č ein gro├čer Junge mit mir spielen wollte, aber ich wu├čte, da├č er ein guter und gewitzter Spieler war und ich ja eben erst beginnen wollte, mir das Spiel anzutrainie-ren. Ich lehnte sein Anerbieten l├Ąchelnd ab. Mir war v├Âllig klar, da├č ich meine Murmeln an ihn verlieren w├╝rde. Da drohte er, mich von Whisky kaputtbei├čen zu lassen (er durfte damals oft den Hund des Gast-wirts "Gassi" f├╝hren, und ich hatte beobachtet, da├č Wolfgang den Hund auf Kinder hetzte, so lie├č ich mich erpressen). Es kam, wie ich vorausgesehen hatte - Wolfgang gewann mir alle Murmeln ab. Es dau-erte nur wenige Minuten, so rigoros ging er vor. Heulend ging ich nach Hause. Ida sagte: "Wat l├Ą├čt du dir ooch mit den jro├čn Bengel ein! Det haste nu davon, du Dusseltier! Un iebahaupt, wat brauchst du Jungsschpielzeuch!" Zuf├Ąllig kam Grete L. in dem Moment zu uns, um Zucker zu borgen. Sie wollte f├╝r ihre Kinder auf der Bratpfanne Karamel-Bonbons fertigen aus Milch und Zucker, und ihr Zucker reichte nicht. "Warum heult denn die Christa?" erkundigte sie sich. Ich jammerte: "Der Wolfjang hat mit mir Murmeln jeschpielt un er hat imma jewonn, imma jewonn!" Sie l├Ąchelte: "Wenn Wolfjang jewonn hat, denn kannste nich heuln, denn war det n Schpiel und damit Schlu├č!" Sie war sehr stolz darauf, wenn ihre Kinder anderen ├╝berlegen waren. Wenn ich in der n├Ąchsten Zeit dem Wolfgang auf der Treppe begegne-te, schlug er mir auf den Kopf und streckte mir die Zunge heraus. Ich trug noch lange Zeit die damalige Kinderfrisur, den "Hahnekamm", so taten diese Hiebe sehr weh. Es war nutzlos, Klage gegen ihn zu f├╝hren. Seiner Mutter gegen├╝ber bestritt er die Hiebe. Ida riet: "Jeh ihm aus m Weech!" Nun geh mal auf der Treppe jemandem aus dem Weg, der so lange Arme und Beine hat!
Wolfgang hielt sich ├╝brigens f├╝r einen gro├čen Tierfreund. Er ging n├Ąmlich oft an den Wei├čen See, um dort Kaulquappen zu fangen und mit ihnen zu spielen, bis sie krepierten.
Dann fand ich ein Taschenmesser auf der Stra├če. Stolz ging ich nach Hause und wollte der Ida mei-nen Fund zeigen. Sie war oben bei L.s. Kaum, da├č ich das Messer hervorgeholt hatte, behauptete Wolf-gang, da├č es sein Messer sei. Ich mu├čte es ihm geben. Ich wunderte mich sehr dar├╝ber, da├č die Erwach-senen nicht merkten, da├č Wolfgang log.
Nach langem Bitten und Betteln bekam ich zu meinem zehnten Geburtstag einen bunten Ball (B├Ąlle sind Jungsspielzeug, sowas braucht ein M├Ądchen nicht, meinte Ida). In der Wohnung durfte ich nicht ballspielen, also erwirkte ich die Erlaubnis, auf die Stra├če zu gehen. Nach einer halben Stunde kam Wolf-gang des Wegs, den Schulranzen hinter sich herschleifend. Den Ball kaum erblickt, scho├č er ihn schon mit einem gut gezielten Schu├č ├╝ber die gegen├╝berliegende Friedhofsmauer. Wieder kam ich heulend nach Hause. Ida fragte sofort: "Wo haste denn den Ball?" Ich schilderte den Vorfall. Diesmal hatte ich Gl├╝ck. Ida war gerade ein wenig uneins mit Grete L. Sie ging mit mir zu "Tante Grete" nach oben. Sie wollte meinen Worten nicht glauben. Wir gingen auf den Balkon, von wo man den Friedhof gut einsehen konnte. Da lagen mindestens zehn B├Ąlle zwischen den Gr├Ąbern, nicht nur meiner! Endlich wurde auch mein Bericht ├╝ber die Kopfn├╝sse geglaubt. Inge wurde losgeschickt, meinen Ball zu holen. Da sie nicht wu├čte, wie mein Ball aussah, brachte sie in ihrer Sch├╝rze alle B├Ąlle mit, die dort lagen.
Waltraud erz├Ąhlte mir, da├č Wolfgang daf├╝r eine f├╝rchterliche Tracht Pr├╝gel von seinem Vater bekam. Wahrscheinlich habe ich damals geantwortet: "Det j├Ânn ick ihm!" Es konnte kein Zufall sein, da├č so viele B├Ąlle genau gegen├╝ber unserem Haus zwischen den Gr├Ąbern lagen. Wolfgang wird mehrere Kinder beraubt haben. Er konnte die B├Ąlle nicht mit in die Wohnung bringen; die Eltern h├Ątten nach ihrer Herkunft geforscht. Wenn er einen Ball ben├Âtigte, brauchte er nur ├╝ber die Friedhofsmauer zu klettern. Er hat scheinbar nur selten einen Ball benutzen wollen, denn unter den aufgelesenen B├Ąllen gab es wel-che, die nicht nur ihre Farbe, sondern auch ihre Luft verloren hatten. Mein Ball geh├Ârte nun wieder mir, die restlichen geh├Ârten als "Gefundenes" den L.-Kindern, die sich sofort um den neuen Besitz stritten.
Auf dem Weg zum Balkon kamen wir an einem Schrank vorbei, dessen T├╝ren bei einem Streit der L. Kinder zertr├╝mmert wurden. Grete funktionierte das gute St├╝ck zum Spielzeugschrank um. Mit einem Blick konnte ich das gesamte Spielzeug durchz├Ąhlen: drei nackte Puppen mit zerzausten Haaren (einer fehlte ein Arm, einer ein Bein und der dritten gar der Kopf), vier zerbrochene Autos, zwei unvollst├Ąndige Bauk├Ąsten und eine geringe Menge von undefinierbarem Papierspielzeug. Ida sagte immer, da├č wir arm seien. Nach diesem Anblick empfand ich mich als reich. Ich besa├č zwar kein Jungsspielzeug, aber meine Puppen waren sauber und heil und gut gekleidet.
Bevor ich die beiden j├╝ngsten L.-Kinder vorstelle, m├Âchte ich ein paar Worte ├╝ber den Familienvater verlieren. Er war Handlanger auf dem Bau. Seine H├Ąnde und F├╝├če waren kalkzerfressen, er konnte keine festen Schuhe tragen, sondern nur Fu├člappen und Holzpantinen. In seinem wettergegerbten Gesicht be-fand sich unter borstigen dunkelblonden Haaren eine niedrige Stirn, unter der die Augen so stechend her-vorblickten, da├č ich mir ihre Farbe nicht merken konnte. In den ersten Ehejahren war er au├čerhalb von Berlin besch├Ąftigt und kam nur an den Wochenenden nach Hause.
Einmal kam er au├čer der Reihe zu Besuch. Grete L. war gerade bei Ida zum Gardinenwaschen. Wal-ter L. kam pers├Ânlich, um seine Frau zu holen (sp├Ąter schickte er gegebenenfalls ein Kinder nach ihr). Er stand in seiner schmutzigen, l├Âchrigen Maurerkluft in unserer K├╝che und sagte herrisch: "Beeil dir, Jrete!" Sie hatte aber versprochen, die Gardinen nach dem Waschen gleich wieder anzubringen, weil man so das B├╝geln spart. Eher lie├č Ida sie nicht gehen. Walter L. stand wie ein Bock in unserer K├╝che. Er nahm weder den angebotenen Sitzplatz noch die Tasse Kaffee an. Er tat mir leid und ich wollte etwas Nettes zu ihm sagen: "Na, da sin wa ja man alle froh, det du mal au├ča de Reihe zu Besuch kommst, Onkl Walta!" Er richtete seine stechenden Augen von hoch oben auf mich und zischte: "Wenn ick dein Onkl w├Ąr, w├Ąrst du janz andas azooren, du Kr├Âte!" Kalten Schwei├č auf dem R├╝cken wich ich vor ihm zur├╝ck. Ich wu├čte, da├č er seine Kinder mit der Peitsche erzog. Die Jungen wurden mit einer langen geflochtenen Peitsche gez├╝chtigt, die M├Ądchen mit einem "weichen" Siebenstriemen, von dem durch den h├Ąufigen Ge-brauch schon zwei Striemen fehlten.
Walter L. ging ebenso gern zum Pferderennen wie in die Kneipe. Das Geld, welches vom Saufen ├╝brig-blieb, wurde auf dem Rennplatz verwettet. Manchmal gewann er sogar etwas. Dann kaufte er f├╝r die ge-samte Familie Geschenke: Papiertuten, aus denen beim Hineinblasen Papierfransen wedelten und Neck-b├Ąlle f├╝r die Kinder und billigen Schmuck f├╝r seine Frau, die ├╝ber all diese Dinge sehr gl├╝cklich war: "Er war besoffen und hat doch an uns jedacht! Wat ham wa doch f├╝r n lieben Papa!" ├ťbrigens - dieselbe Be-geisterung, die er f├╝r Pferderennen hegte, lie├č ihn auch das Fleisch dieser edlen Tiere verspeisen.
Wenn seine Frau nach dem Wirtschaftsgeld fragte, sagte er: "Vadien dir wat!" Anfangs verdiente sie sich Geld mit W├Ąschewaschen und Treppenreinigung, sp├Ąter durch Kartenlegen und Abtreibungen. Auch ich habe 1965 ihre Hilfe nach einer Unvorsichtigkeit in Anspruch genommen, daher kenne ich den Preis.
Grete L. war ihrem Mann sehr ergeben. Sie lie├č sich nicht scheiden, als er sich eine Freundin nahm, nein, die Freundin schlief mit ihm in den Ehebetten und Grete im Wohnzimmer auf dem Sofa. Als er dann zu dieser Freundin zog, ergab Grete sich dem Trunke.
Dieser Mensch war mir nur dann sympathisch, wenn er mit seiner angenehmen Stimme bei unseren Familienfeiern sang oder heitere Weisen auf der Mundharmonika spielte. Ansonsten bestaunte ich ihn als "Mann". Es gab 1949 nicht viele. Genaugenommen war Walter L. der erste Mann, den ich sah.
Nun kommen wir zu Doris L. Sie wurde 1940 geboren, war dunkelblond und blau├Ąugig, sehr lebhaft und einfallsreich und sehr lebensdurstig. Sie war sehr z├Ąh, ausdauernd und unerbittlich. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, erreichte sie es auch. W├Ąhrend ihre Geschwister h├Ąufig f├╝r Fehler gestraft wur-den, die sie nicht begangen hatten, ging sie oft trotz schlimmster Vergehen straffrei aus. Sie konnte ihre Eltern um den Finger wickeln und gegeneinander ausspielen. Sie war die gewitzteste von allen; stets auf ihren Vorteil bedacht, setzte sie sich ├╝ber alle gesellschaftlichen Normen hinweg.
Kurze Zeit nach Doris' Geburt war Grete L. wieder schwanger. Das w├Ąre ihr zehntes Kind geworden. Stolz ging Herr L. zum Amt, um f├╝r seine Frau das Mutterverdienstkreuz zu beantragen. Der Beamte nahm getreulich alle Fakten auf und sagte dann: ÔÇ×Es stimmt schon, da├č eine Mutter von zehn Kindern das Mutterverdienstkreuz bekommt, aber nur, wenn sie die Kinder auch selbst erzieht. Eine Frau, die ihre Kinder weggibt, hat keinen Anspruch auf diese Ehrung." Nun wurde schnell abgetrieben. Und man hatte schon im Geiste das mit der Ehrung verbundene Geld ausgegeben!
Grete L. erz├Ąhlte auf einer Familienfeier, da├č Doris sich sehr vor Waltrauds Teddy gef├╝rchtet habe. Dieser Teddy war ca. 60 cm gro├č und so dick, wie es sich f├╝r einen Teddy geh├Ârt. Die dreij├Ąhrige Doris hatte das Spieltier versehentlich angesto├čen, es fiel vom Stuhl und gab dabei sein tiefes Teddygebrumm von sich. Wer erschrickt da nicht, wenn ihm pl├Âtzlich ein brummendes Ungeheuer in den R├╝cken f├Ąllt? Doris betrat in Zukunft unsere Wohnung nur mit Heulen und Z├Ąhneklappern. Grete L. sagte zu Ida: "Wenn de det Viech nich abschaffst, kann ick nich mehr mit Doris runtakomm. Du wee├čt, det ick die J├Â-re ooch nich oohm alleene lassn kann." Der Teddy war so schwer, da├č Waltraud ihn nicht tragen konnte. Es war aber ihr Lieblingsspielzeug, deshalb pflegte sie ihn an einem Ohr hinter sich herzuziehen. Nat├╝r-lich l├Âste sich das Ohr eines Tages. Zuf├Ąllig hatte gerade die Heizperiode eingesetzt und Ida verbrannte den Teddy vor den Augen des Kindes, ohne sich um das Entsetzen zu k├╝mmern. Waltraud erfuhr nie, da├č nicht das abgerissene Ohr Schuld an der Hinrichtung war. Die Trauer um das geliebte Spielzeug hielt jahrzehntelang an.
Im schneereichen Winter des Jahres 1949 gingen Waltraud und Doris mit mir zum Schlittenfahren in den Friedrichshain. Dort war ich nie zuvor. Zuerst hatte ich Angst vor der hohen Schlittenbahn, aber dann jauchzte ich bei der Abfahrt. Hei, war das ein Abenteuer, den Berg so schnell hinunterzusausen! Unten angekommen, fragte ich aufgeregt: "D├╝rf ick noch ma?" Doris erwiderte gener├Âs: "Ja, wenn de den Schlittn ruffziehst!" So zog ich den Schlitten f├╝r den Rest des Tages den Berg hinauf. Bei schwieri-gen Stellen halfen mir die beiden Gro├čen.
Wir merkten nicht, wie schnell die Zeit verging. Es war so sp├Ąt geworden, da├č wir auch mit h├Âchster Laufgeschwindigkeit nicht zum Glockenl├Ąuten zu Hause sein konnten. Ich wurde auf den Schlitten ge-setzt und ab ging es im "Schweinsgalopp". Unsere Kleidung war voller Schnee, denn wir hatten das Win-tervergn├╝gen nach allen Regeln der Kunst genossen: Uns im Schnee gew├Ąlzt, uns gegenseitig eingeseift (was ich durchaus nicht f├╝r ein Vergn├╝gen, sondern eher f├╝r eine Feindseligkeit halte), Schneeball-schlacht geschlagen und waren durch die h├Âchsten Schneewehen gestapft. Nun begann der Schnee in meinen Schuhen zu schmelzen. Die F├╝├če wurden entsetzlich kalt und ich begann zu jammern: "Mir friat! Mir friat!" Ich hatte mit Doris meine M├╝tze gegen ihren Schal getauscht. Sie sagte, er sei ihr beim schnellen Laufen hinderlich. Ich wollte, da├č wir schnell nach Hause kommen. Sie band ihn um meinen Mantelkragen, damit meine Ohren gesch├╝tzt sind. Es erhob sich ein kalter Abendwind, der am Mantel-kragen vorbei mit aller Sch├Ąrfe in meine Ohren fuhr. Ich wimmerte leise, denn die Gro├čen hatten gesagt, da├č ich alte Zimperliese endlich die Schnauze halten sollte.
Bald sp├╝rte ich meine F├╝├če nicht mehr. Mir war alles ganz egal, auch das Donner-wetter, welches uns zu Hause erwartete ob unserer sp├Ąten Heimkehr. Wir waren vier, neun und zehn Jahre alt und man hatte sich bereits Sorgen gemacht. Die Dunkelheit war l├Ąngst hereingebrochen und man bef├╝rchtete das Schlimmste. Das vernahm ich alles kaum. Ich hatte Sch├╝ttelfrost, es tat entsetzlich weh, die Schuhe aus-zuziehen und meine Ohren gl├╝hten wie Feuer. Ich konnte mich nicht mehr aufrecht halten und fiel vom Stuhl. Ida h├╝llte mich sofort in s├Ąmtliche verf├╝gbaren Decken, fl├Â├čte mir ein Hausmittelchen ein und steckte meine F├╝├če in warmes Wasser. Sie schimpfte: "Ihr vaflixtn J├Ârn habt eian Schpa├č bis a nich mehr wee├čt wo a wohnt un wenn a zu Hause ze komm habt un ick hab denn die Plaare mit die J├Âre! Un warum habt a ihr nich die Mitze uffjelassn? So n Schall is doch for umsonst, so n Schall w├Ąrmt doch die Ohrn nich!ÔÇť Am anderen Tag hatte ich hohes Fieber. Der etwa 70 Jahre alte Hausarzt wurde geholt. Er diagno-stizierte eine Lungenentz├╝ndung. Ich mu├čte lange Zeit das Bett h├╝ten. Jede Woche sah der "Onkel Dok-tor" nach mir und scherzte: "Machen wir s wie in jenen Jahren, als wir kleine Kinder waren, H├Âschen runter, Hemdchen hoch . . ." Ida kicherte wie gekitzelt. Ich lachte mit, doch ich sp├╝rte, da├č der Arzt Ida hoffierte. Er horchte mich ab und verga├č, in die Ohren zu schauen. So wurde die Mit-telohrentz├╝ndung nicht behandelt, als deren Sp├Ątfolge ich, sobald die kalten Winde wehen, ein dickes Kopftuch tragen mu├č, weil die Ohrenschmerzen sonst unertr├Ąglich werden. Zum Schlittenfahren durfte ich jedenfalls nie wieder.
Im Sommer gingen wir zur "Planschwiese" an den Wei├čen See. Das war f├╝r mich stets ein besonderes Erlebnis. Ich freute mich unb├Ąndig auf den weiten Weg zum See. Wir gingen dorthin ohne die Begleitung durch Erwachsene, so konnte ich, sobald wir au├čer Sichtweite von zu Hause waren, rennen und springen und kreischen und tanzen und hinfallen, ohne daf├╝r gema├čregelt zu werden. Je n├Ąher wir dem See kamen, desto ausgelassener wurde ich.
Auf dem Wege zum See gab es mehrere Blumenwiesen. Ich liebte jede Bl├╝te, und war sie auch noch so klein. F├╝r mich war jede ein Wunderwerk, ein echtes Geschenk Gottes. Beim Betrachten der Blumen entdeckte ich auch K├Ąfer und andere kleine Tierchen. Ich beobachtete sie und freute mich an ihrer Ge-schicklichkeit, am zierlichen Bau ihrer Leiber, am Glanz ihrer Fl├╝geldecken und an der zauberhaften Durchsichtigkeit ihrer Tragfl├╝gel. Stundenlang h├Ątte ich so in der Wiese liegen k├Ânnen, um den Tierchen zuzuschauen. Aber Traute und Doris sagten: "Die wern dir noch in n Hintan krauchn oda inne Ohrn, un denn fressn se dir von innn her uff. Du wee├čt doch, det die Dootn ooch von ne Keefa uffjefressn wern!"
Bei der Planschwiese angekommen, stellte es sich heraus, da├č Doris keinen Badeanzug besa├č. Sie zog meinen an. Ich badete nackt. Was war denn schon dabei? Bis zu meinem achten Lebensjahr ging das so, dann sprach uns eine Frau an und sagte, da├č es besser w├Ąre, wenn ich wenigstens eine Hose anh├Ątte. Ich verstand das nicht. Wieso ist ein achtj├Ąhriges nacktes M├Ądchen in einer Kinderbadeanstalt unschicklich? Eine nasse Hose ist so ├╝beraus unangenehm! Just an jenem Tag hatte aber die inzwischen stark gewach-sene Doris ein Loch in meinen Badeanzug gewetzt. So kam alles ans Licht. Waltraud wurde von Ida hef-tig gescholten, da├č sie meine Sachen verborgt hatte. Doris aber setzte bei ihrer Mutter durch, da├č sie ei-nen eigenen Badeanzug bekam, einen neuen und nicht einen von ihren Schwestern bereits getragenen!
Ich galt als wasserscheu, weil ich es nicht mochte, na├čgespritzt zu werden. Ich ging langsam ins Was-ser hinein, jede Welle einzeln begr├╝├čend. Aber da waren zuviele Kinder, die mit gro├čem Geschrei in Ufern├Ąhe entlangliefen und sich freuten, wenn ihre F├╝├če recht gro├če Wasserfont├Ąnen lostraten. Vor ihnen und den kalten Spritzern suchte ich mich schnellstens in Sicherheit zu bringen. So nahm ich immer wieder neuen Anlauf zu einer Bekanntschaft mit dem Wasser. Wenn ich erst einmal richtig drin war, konnte es mir gern bis zum Hals reichen, es durfte nur nicht in die Ohren kommen, da sa├č noch der Frost von jenem Winter drin.
Die Rutschbahn in der Mitte des Planschbeckens erschien mir sehr aufregend. Ich versuchte mehr-mals, die Treppe zu erklimmen, wurde aber stets von gr├Â├čeren Kindern verdr├Ąngt. Ich bettelte Walt-raud, mich rutschen zu lassen und hatte nach Stunden Erfolg. Ich sauste die Bahn hinunter. Im Vorjahr fing Waltraud mich auf, diesmal schluckte ich eine eklige Menge Wasser, ehe ich festen Fu├č fassen konn-te. Damals ermutigte Waltraud mich, die Rutschbahn zu benutzen. Doch die Bahn erschien mir suspekt und es kam so, wie ich bef├╝rchtete: Mein Hinterteil wurde stark gerieben und ich geriet unter Wasser. Da spielte ich dann doch lieber im Buddelkasten! Die Kinder dort waren in der Regel viel j├╝nger als ich, und ich half ihnen beim "Kuchenbacken", beim Bau von Burgen und Autobahnen, trug ihnen vergessenes Spielzeug nach und freute mich, so viele Stunden ohne Zank und Streit zu erleben.
Manchmal fuhren wir auch zum Baden an den Oranke-See. Dort gab es einen breiten Strand und man konnte etliche Meter in den See hineinlaufen. Hier hatte ich Ruhe, einen See kennenzulernen. Ich beging ihn in allen Richtungen, begr├╝├čte die Schlingpflanzen an den Begrenzungen des Badebereichs und kehrte brav ans Ufer zur├╝ck, denn ich konnte nicht schwimmen, was ich zutiefst bedauerte. Am Strand zu bud-deln war mir kein Vergn├╝gen, denn nach dem vierten Schippenstich begann das zu Tage Gef├Ârderte zu stinken und die "Baugrube" lief voll Wasser. Es kam einfach aus dem Boden. Ich gab das Spielen auf und sah den Menschen zu. Auf dem Heimweg - die beiden "gro├čen" hatten das Geld f├╝r Eis ausgegeben (meist fragten sie mich sogar, ob es mir recht ist, mit ihnen nach Hause zu laufen) - machten sie sich das Vergn├╝gen, "Klingelstreiche" auszuf├╝hren. Sie dr├╝ckten an zwei bis f├╝nf H├Ąusern s├Ąmtliche Klingelkn├Âp-fe gleichzeitig und rannten eilends davon. Ich behielt mein Schrittempo bei. Einmal kam ein Mann aus einer Haust├╝r und fragte mich, ob ich wohl w├╝├čte, wer alle Klingeln in Gang gesetzt hatte? Ich sagte: "Wahrscheinlich die, die da vorne rennen." Ich hatte sie davon abhalten wollen - in meinen Augen waren diese Klingelstreiche keine Kinderei, sondern b├Âsartige Dumm-heiten, aber ich war ja f├╝r sie nur "die doo-fe". (Als ich Waltraud viele Jahre sp├Ąter rein zuf├Ąllig wiedersah, waren ihre T├Âchter neun und sieben Jah-re alt. Ich fragte, womit sich die M├Ądchen besch├Ąftigen, wenn sie den ganzen Tag allein sind - Waltraud lie├č sie nicht in den Schulhort gehen - und sie sagte: "Die schpieln mit n Telefon." Ich glaubte, es handel-te sich um ein Spielzeugtelefon, aber Waltraud erkl├Ąrte weiter: "Die suchn sich irrjend eene Numma aus t Telefonbuch aus, un da rufn se denn an." Ich gab zu bedenken, da├č sie einen Menschen bei einer wichti-gen Arbeit st├Âren k├Ânnten oder aus der Badewanne holen oder eine Stillende ihr Kind ablegen m├╝├čte, um ans Telefon zu gehen. Waltraud erbla├čte: "So weit hab ick nich jedacht, aba du hast ja recht, Mensch! Ick werde die J├Ârn det vabietn.")
Wie alle richtigen M├Ądchen besa├č auch Traute Lackbilder. Es gab solche, bei denen nur die Bildseite gl├Ąnzte und solche, bei denen auch die R├╝ckseite gl├Ąnzte. Letztere nannte man "Echte Lackbilder". Von jeder Sorte gab es auch welche, die mit Glitzerstaub noch "sch├Âner" gemacht worden waren. Ich Acht-j├Ąhrige betrachtete den Kitsch sehr gern, dachte mir mitunter ganze Geschichten zu den Bildern aus und wollte gern eine komplette Kollektion haben. Aber diese "Lackies" gab es nur "dr├╝ben", und Westgeld besa├č Ida nicht. In der DDR gab es zwar auch Lackbilder, aber da waren Tiere und Pflanzen abgebildet, auf der R├╝ckseite waren die Namen der Tier- und Pflanzenarten aufgedruckt. Ich fand das alles recht lehrreich und n├╝tzlich, aber nicht so phantastisch wie die "von dr├╝├╝├╝├╝m", nicht einmal diejenigen, welche M├Ąrchenthemen aufgriffen. So bettelte ich bei Gerda solange, bis sie mir einen Satz "Lackies" mitbrachte. Das Geld bekam sie wahrscheinlich von den westberliner Verwandten ihres Mannes. Traute half mir beim Ausschneiden. Daf├╝r mu├čte ich ihr von jedem der drei Bl├Ątter das nach ihrem Geschmack sch├Ânste Bild ├╝berlassen und bekam als Ausgleich daf├╝r aus ihrer Sammlung pro Bild zwei, die ihr weniger gefielen ("du kannst sie bei deinen Spielkameraden eintauschen" sagte sie. Sie lebte nur ihr Leben und wu├čte nicht, da├č ich gar keine Spielkameraden hatte). Sie gab mir auch ein altes Schulheft, damit ich ein ordent-liches Steckheft habe. Ich war m├Ąchtig stolz auf meinen neuen Besitz!
Doris h├Ątte auch gern Lackbilder besessen, aber ihre Eltern hatten kein Geld f├╝r solche "Kinkerlitz-chen" und auch kein Verst├Ąndnis f├╝r dies "absolut wertlose Zeug". So schnitt sie aus Illustrierten, Bon-bonpapier und Zigarettenschachteln Lackbild├Ąhnliches aus und versuchte, damit bei anderen Kindern ech-te Lackbilder einzutauschen. Das war mit Hilfe des Steckheftes ganz einfach. Man hielt sein Steckheft hin, der Tauschpartner steckte das Bild, das er tauschen wollte, zwischen eine beliebige Seite, man fragte nach rechts oder links und gab das versteckte Bild heraus und sortierte das gewonnene ein. Dann nahm man selbst ein Bild, das man tauschen wollte, zielte auf eine Seite des Tauschpartnersteckheftes und ge-wann irgendein anderes Lackbild. Aber man konnte auch Pech haben, denn so ein Steckheft enthielt min-destens vier leere Seiten, da war dann das eingesetzte Bild verloren und man mu├čte ein neues riskieren, wenn man etwas gewinnen wollte. Vor Beginn des Spieles hatte jeder den vollst├Ąndigen Besitz des Geg-ners gesehen, nun kam es darauf an, die begehrten St├╝cke in ihren Verstecken zu erahnen.
Ich h├Ątte lieber offen getauscht: "Dieses Bild entspricht nicht meinen Vorstellungen, das w├╝rde ich gern gegen ein anderes tauschen. Das Bild, welches du in 12. Position einsortiert hast, gef├Ąllt mir, das h├Ątte ich gern, wenn du damit einverstanden bist." Aber so ging das Spiel leider nicht. Es ging so, da├č ich meine Lackies im Handumdrehen los war, weil Doris` Steckheft viele leere Seiten hatte und weil sie die gewonnenen Bilder geschickt aus dem Heft auf ihren Scho├č gleiten lie├č. Als ich es bemerkte, sagte sie: "Die sind ehmd erst rausjefalln, den Moment!" Ich sah, da├č sie das n├Ąchste gewonnene Bild ebenfalls auf ihren Scho├č gleiten lie├č, doch sie grinste: ÔÇ×Beweise, beweise!ÔÇť Wie sollte ich beweisen, da├č ich es gesehen hatte? Waltraud hatte es nicht gesehen und stand mir nicht bei. Ich bekam keine neuen Lackbilder, weil ich mich hatte ├╝bert├Âlpeln lassen. Waltraud hatte mir das Spiel erkl├Ąrt und mich ├╝berredet, es mit Doris zu spielen.Sie
Als ich 1991 ein westberliner Kaufhaus betrat und in die Schreibwarenabteilung geriet, staunte ich sehr dar├╝ber, da├č es dort genau die gleichen Lackbilder zu kaufen gab, um welche ich damals so geweint hatte. Mir fielen all die Geschichten wieder ein, die ich damals spann, und ich betrachtete mit gro├čer Ehr-furcht nagelneue Exemplare jener auf alt getrimmten Lackbilder, die Gerda als ihren unver├Ąu├čerlichen Besitz nie ihrer Tochter Waltraud ├╝berlie├č.
Manfred Seeger - der Sohn von Bruno Seeger (mein Gro├čcousin) - war Idas Lieblingsneffe. Wie vie-le andere Jungen in seinem Alter vergn├╝gte auch er sich manchmal damit, auf der hinteren Bordwand der damals noch offenen Lastkraftwagen ohne Wissen des Fahrers mitzufahren. Dabei l├Âste sich eines Tages die Halterung der Bordwand und die Jungen knallten auf das Pflaster. Die Spielgef├Ąhrten kamen mit ein paar Prellungen davon, Manfred aber hatte sich das Genick gebrochen. Ida weinte bitterlich um den so lieben und klugen Jungen. Erstmalig sah ich sie weinen. Grete L. kam dazu und fragte mitleidig: "Wat duht dir denn weh, Oma? Sinds wieder die Beene?" Ida machte eine abwinkende Handbewegung, wischte die Tr├Ąnen fort und schilderte stockend die Sachlage. Grete L. blickte ungl├Ąubig drein: Ida weint um ei-nen Neffen? Es gibt doch noch mehr Bengels auf der Welt! Ida quollen abermals die Tr├Ąnen aus den Au-gen. Nun wu├čte Grete, da├č die Trauer echt war. Sie stellte sich flugs auf die Situation ein und heuchelte Mitgef├╝hl: "Ja, ja, Oma, so is det, die Besten sterhm imma zuerst!" Ida nickte kummervoll und best├Ątigte: "Jaaa, so is det!" Verbl├╝fft sah ich die beiden an und ├╝berlegte: Stimmte das wirklich? Die Oma ist doch schon sooo alt, ist sie etwa kein guter Mensch? Rasch sch├╝ttelte ich diesen Gedanken weit von mir.
Ein paar Tage sp├Ąter durfte ich mit Grete L. einkaufen gehen. Leider machte sie so gro├če Schritte, da├č ich an diesem Tage nicht dazu kam, irgendetwas auf der Stra├če zu bemerken. Ich hatte so sehr damit zu tun, mit ihr Schritt zu halten, da├č mir nicht einmal bewu├čt wurde, wohin wir gingen! Ich fragte nie wieder, ob sie mich zum Marktgang mitnimmt!
Im Sommer 1950 war Herr L. f├╝r l├Ąngere Zeit nicht zu Hause; sei es, da├č seine Baustelle in einer weit entfernten Stadt lag oder er einsitzen durfte - er war nicht da und Grete L. mu├čte aus irgendeinem mir unbekannt gebliebenen Grund ins Krankenhaus, so waren die L.-Kinder mehrere Tage allein. Das Geld reichte nicht, um jeden Tag Mittagessen zu haben. Ida konnte die vielen hungrigen M├Ąuler auch nicht stopfen. Da hatten die L.-Kinder eine tolle Idee: Sie studierten ein Theaterst├╝ck ein! Ein paar Tage lang zogen sie mit Plakaten um den Hals durch die Stadt, auf denen der rei├čerische Titel sowie Ort und Zeit-punkt des Geschehens geschrieben stand. Mitwirkende waren die L.-Kinder und zwei Freunde von Gitta und Karl-Heinz. Die Auff├╝hrung fand in der L.schen Wohnung statt. Zu diesem Zwecke wurde das eine Zimmer g├Ąnzlich ausger├Ąumt. Doris und Waltraud kassierten das Eintrittsgeld. Es kamen so viele Leute, da├č Traute und Doris St├╝hle aus der Nachbarschaft zusammenborgen mu├čten. W├Ąhrenddessen soll-te ich die Kasse ├╝bernehmen. Ich kannte zwar das Geld und auch die Zahlen darauf, aber ich ging noch nicht lange genug zur Schule, um schnell rechnen zu k├Ânnen. Ich verlie├č mich auf die Ehrlichkeit der Leute. Pl├Âtzlich kam Wolfgang aus der T├╝r geschossen, ergriff fast das gesamte Geld und ging in die Wohnung zur├╝ck. Karl-Heinz und Gitta wunderten sich sp├Ąter, da├č so wenig Geld eingekommen war, obwohl das "Theater" berstend voll war. Nun hie├č es, da├č die doofe Christa nicht richtig aufgepa├čt h├Ątte, denn Wolfgang bestritt, Geld an sich genommen zu haben. Er sagte mit treuem Augenaufschlag: "Sowat w├╝rde ick doch nie tuhn, ick wee├č doch, det davon Essen jekooft weern soll!"
Was es f├╝r ein Theaterst├╝ck war, wei├č ich nicht. Es wurde mir gegen├╝ber ein gro├čes Geheimnis daraus gemacht. Es war f├╝r Kinder und Jugendliche nicht zugelassen, obwohl von Kindern gespielt. Ich wei├č nur, da├č Gitta und Inge sich f├╝r eine Szene nackt ausziehen mu├čten. W├Ąhrend das St├╝ck in der Wohnung seinen Fortgang nahm, sollte ich die Leute abwimmeln, die keinen Sitzplatz mehr bekommen konnten. Wer l├Ą├čt sich von einer Sechsj├Ąhrigen abweisen, nachdem er in den 3. Stock geklettert war, um etwas als "einmalig" und "unwiederholbar" angek├╝ndigtes zu sehen? Die Leute standen bis zu den n├Ąchsten Treppenpodesten. Erst, als einige Besucher fluchend das "Theater" verlie├čen (so n Quatsch, bl├Âde J├Ârn und weiter nischt!) leerte sich das Treppenhaus.
Grete und Walter lobten ihre Kinder f├╝r diese Initiative. Auch daf├╝r, da├č sie in der na-hegelegenen Gartenkolonie alle aus den Z├Ąunen herausragenden Beeren und anderes Obst geerntet hatten, um davon zu leben. Bei derartigen Unternehmungen durfte auch ich manchmal mittun. Eben, weil Waltraud Doris' beste Freundin war und Waltraud selten ohne mich aus dem Haus durfte. Als sie die ersten Fr├╝chte pfl├╝ckten, sagte ich: "Du sollst nicht stehlen! Det wi├čt ihr doch!" Sie beruhigten mich: "Det is nur Mundraub! Sowat is alaubt! Un wenn die Jaatnbesitza da w├Ąrn, w├╝rn se uns det Obst wahscheinlich schenkn." Nun wunderte es mich nur noch, warum wir dann so schlichen? Die Antwort darauf erfreute mich: "Wir sin jetz Injana." Rasch erfand ich f├╝r uns indianische Krieger-namen, die aber von den beiden Gro├čen nicht anerkannt wurden. Zuletzt hie├č Waltraud "Wei├če Taube" und Doris "Rote Blume", das waren indianische Frauennamen, ich aber war der junge Krieger "Kleiner Hund" und trug diesen Namen mit Stolz, denn ich wu├čte, da├č indianische Namen stets nur bezeichnend, nie aber kr├Ąnkend waren.
Wenn Wolfgang mit uns war, war es kaum m├Âglich, mich von der Richtigkeit unseres Tuns zu ├╝berzeugen, denn er kletterte ├╝ber die Z├Ąune und stahl alles, was ihm gefiel. Darum schickten sie mich voraus, damit ich im Falle eines Falles die Flucht nicht behindere. Wenn unser Raubzug ohne Zwischenf├Ąlle verlief und unsere Taschen gef├╝llt waren - wir f├╝llten in der Regel nur unsere Jackentaschen und die Handt├Ąschchen der beiden jungen Damen - nannte Waltraud uns die Namen all der sch├Ânen Blumen, die wir in den G├Ąrten erblickten. Ich war hell begeistert dar├╝ber, meine Freunde, die Blumen, nunmehr mit ihren Namen anreden zu k├Ânnen.
In dieser Laubenkolonie gab es auch einen freien Platz mit einer B├╝hne. H├Ąufig produzierten wir uns darauf, namentlich Doris und Waltraud. Was ich darbot, war f├╝r sie nicht akzeptabel. Von Jahr zu Jahr wurde die B├╝hne unansehnlicher. Doch einmal - wenn ich mich recht erinnere 1952 - gab es ein gro├čes Sommerfest, welches wir nicht vers├Ąumen wollten. Die B├╝hne war neu hergerichtet worden, ein wahrer Augenschmaus. Aber das Programm lie├č auf sich warten. So gingen wir um die B├╝hne herum. An ihrer R├╝ckseite waren mehrere Zelte f├╝r die Darsteller errichtet worden. An einem dieser Zelte war deutlich der Abdruck eines Menschenr├╝ckens zu erkennen. Wolfgang stie├č sein Taschenmesser in diesen R├╝cken, freute sich ├╝ber den Aufschrei aus einer weiblichen Kehle und sagte: "Wir vahaltn uns janz ruhich, denn merkt keena, det wir det warn." Gleichzeitig st├╝rzte eine schreiende junge Frau aus dem Zelt mit einem S├Ąugling auf dem Arm. Ob ihrer Stichwunde hatte sie vergessen, ihren Busen zu bedecken. Auf dem Heimweg fragte Wolfgang euphorisch: "Habt ihr die Titten jesehn?" Worauf Doris nur erwiderte: "Na, du hast Sorjen!"
Grete L. glaubte ├╝brigens auch, schauspielerisch begabt zu sein. Wenn es nach ihr gegangen w├Ąre, m├╝├čte man sie ohnehin Greta (Garbo) nennen. Eines Tages bat sie Traute, Idas Brille zu verstecken. Waltraud tat es und sch├Ąrfte mir ein, absolut die Schnauze zu halten, weil sonst alles verdorben w├Ąre. Als es klingelte, ging ich wie gewohnt, die T├╝r zu ├Âffnen und erblickte ein sonderbares Gesch├Âpf, offensichtlich eine Ausl├Ąnderin, denn ihr Gesicht war dunkel und irgendwie k├╝nstlich, da war nicht nur Schminke, sondern auch etwas masken├Ąhnliches. Mit unnat├╝rlich hoher Stimme bat die Bettlerin (es war damals durchaus nicht ungew├Âhnlich, da├č Bettler in die zweite Etage gingen) um ein St├╝ck altes, hartes Brot. Wahrheitsgem├Ą├č antwortete ich ihr, da├č ich nicht wei├č, ob derartiges im Hause ist und rief nach Ida. Sie kam m├╝rrisch angeschlurft: "Wat is denn?" Nun erkl├Ąrte die Bettlerin ihre mi├čliche Lage und bat um ein St├╝cklein Brot f├╝r ihre armen kleinen Kinder. Ida kam die ganze Sache mehr als spanisch vor und sie suchte nach ihrer Brille, um die sonderbare Bittstellerin in n├Ąheren Augenschein nehmen zu k├Ânnen. Aber die Brille war unauffindbar. Inzwischen wurden die Bitten der "Zigeunerin" immer massiver. Waltraud kr├╝mmte sich hinter der Stubent├╝r vor verhaltenem Lachen und erkl├Ąrte mir im Fl├╝sterton: "Det is Tante Jrete!" Ich begriff, da├č mit unserer Oma Scherz getrieben wurde und hoffte inst├Ąndig, da├č die Sache nicht noch ein b├Âses Ende nimmt. Ida suchte letztendlich ein paar alte Brotkrumen zusammen und gab sie der Bettlerin, nachdem sie ihr mehrere Ratschl├Ąge erteilt hatte, wie man sonst noch auf halbwegs ehrliche Weise zu Geld kommt. Als die Bettlerin die Gnadengaben in H├Ąnden hielt, streifte sie den Hut und den das Gesicht entstellenden Nylonstrumpf ab, machte den R├╝cken gerade, schob die schiefe Schulter in die gesunde Position zur├╝ck und pr├Ąsentierte sich als die gute alte Nachbarin Grete L. Ida war schockiert. Sie sank auf ihren K├╝chenstuhl, griff sich ans Herz und sagte kopfsch├╝ttelnd: "Wie kannste nur so n Quatsch machen, du deemlijet Kamel! Ick denke Wunda, wat da for ne iebrichjebliehmne Zijeunerin vor de D├╝re schteht un dabei bist du det nur!" Ich wu├čte nicht, wie ich diese Art von Humor einordnen sollte. Ist es wirklich lustig, einen arglosen hilfsbereiten Menschen in die Irre zu f├╝hren?
Irgendwann brachten die L.-Kinder eine schwarz-wei├č gefleckte Katze mit nach Hause. Grete erlaubte, da├č das Tier in der Wohnung bleibt. Als der Vater am Wochenende nach Hause kam, bef├Ârderte er es mit einem Fu├čtritt ins Treppenhaus. Seitdem versteckten die Kinder die Katze vor der Heimkunft des Vaters im Keller oder auf dem Hausboden. So wurde sie ein Streuner. Zweimal im Jahr warf sie Junge, stets im Beisein von Grete L. Die Katze zupfte Grete solange an der Sch├╝rze, bis sie ihr in die K├╝che zu dem Platz folgte, den die Katze sich als Nest f├╝r ihre Jungen ausgesucht hatte, erst dann brachte sie sie zur Welt. In den ersten zwei Jahren waren die L.-Kinder bem├╝ht, liebe Katzeneltern f├╝r die Jungen zu finden. Bald war der Markt restlos ges├Ąttigt. Nun mu├čten die ├╝berz├Ąhligen Jungen get├Âtet werden, um nicht eine Katzenplage hervorzurufen. Grete L. wollte nicht, da├č ihre Kinder das tun, so stellte sie meinen Bruder Manfred an, damit er f├╝r ein paar Mark die Katzenjungen in einem Eimer ertr├Ąnkt. Daraufhin warf mir Waltraud eines Tages an den Kopf, da├č mein Bruder ein M├Ârder sei.
Streunende Katzen wurden ├╝brigens von den L.-Kindern mit Baldrian "verw├Âhnt". Sie waren sehr erheitert, wenn die Tiere sich nach dem Genu├č unnormal verhielten.
Auch wir hatten ein Katzenkind abbekommen, d.h. Gerda hatte sich eins gew├╝nscht. Aber es dauerte eine Weile, ehe sie ihren Mann dazu ├╝berreden konnte, die Katze in der Wohnung aufzunehmen. So hatte ich einen Spielkameraden. Es machte mir nichts aus, wenn er mir Schrammen in die Arme kratzte. Daf├╝r bekam er von mir kleine Ohrfeigen. Es ging darum, wer schneller war. Schaffte ich es, ihn zu ohrfeigen, hatte er den Schaden, schaffte ich es nicht, hatte ich den Schaden. Wenn ich genug Schrammen hatte, nahm ich den Kater auf den Scho├č und streichelte ihn, denn er hatte so ein sch├Ânes weiches Fell. Ein Fell zum Endlosschmusen. Ich tr├Ąumte ihn zum L├Âwen oder Tiger und erz├Ąhlte ihm die tollsten Geschichten von unseren gemeinsam erlebten Abenteuern und freute mich, da├č er schnurrend zuh├Ârte.
Der Kater bekam unsere Essenreste und Ida wurde w├╝tend, wenn ich ihm einen Wurstzipfel gab. Aber er fra├č nun mal nicht gern Erbsen und Mohrr├╝ben oder gar Kohlsuppe.
Da er ein schwarzes Fell hatte, wurde er "Mohrchen" gerufen. Er hatte am Hals einen kleinen wei├čen Fleck, den wir scherzhaft "Sabberlatz" nannten. Er durfte nicht in die Wohnstube. Aber an Wintertagen war es ihm wohl zu kalt oder zu einsam in der K├╝che. So sprang er gegen die Klinke, hielt sich mit den Krallen an ihr fest und fuhr - an der T├╝rklinke h├Ąngend - in die Stube hinein. Als Belohnung f├╝r diese Intelligenztat durfte er dann in der Stube bleiben.
Als Grete L. noch nicht so genau wu├čte, wie sie sich am ehesten bei Ida einschmeicheln k├Ânnte, sagte sie (ich war gerade vier Jahre alt): "Ick jloobe, die Christa wird mal h├╝bsch!" Ida sah mein gl├╝ckliches L├Ącheln und antwortete von oben herab: "Ja, h├╝bsch deemlich!"
Ein paar Tage sp├Ąter kam Grete L. mit mehreren schweren Taschen vom Einkaufen nach Hause und machte bei uns Station, weil sie auch f├╝r uns einiges eingekauft hatte. Pl├Âtzlich fragte sie: "Oma, wo haste denn det jro├če Messa zu liejen?" Ida gab ihr unser Brotmesser: "Wat willste denn damit?" - "Det siehste jleich." Grete L. f├╝hrte mich in die Stube und sagte: "Setz dir uff dein Bett und heb den Rock." Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was das werden sollte und lachte, um der Situation die Sch├Ąrfe zu nehmen. Grete L. lie├č das Messer in der Hand wippen und fragte: "So, Oma, du wee├čt doch Bescheid, wo is denn nun die Schdelle, wo man so n Been abschnein kann? Mir duhn meine Beene so weh, ick nehm mir jetz die von Christa." Ich sehe das Messer heute noch vor meinen Augen blitzen, obwohl Ida den Kopf sch├╝ttelte.
Grete L. erz├Ąhlte gern Horrorstorys, z.B. die von der jungen Witwe, die 1947 F├╝nflinge bekam, die alle tot geboren wurden, weil sie blind waren, Hundek├Âpfe und lange Schw├Ąnze hatten und Fell an den B├Ąuchen. Ich war ├╝berzeugt, da├č das genau so ein Unsinn ist wie das Gerede, da├č der schwarze Mann die Kinder holt, wenn sie nach dem Abendgebet nicht gleich einschlafen; doch sie hatte Wahres berichtet, wie ich acht Jahre sp├Ąter durch die Freundin meiner Mutter erfuhr. Ich erwischte Grete L. so oft beim L├╝gen, da├č ich ihr so gut wie gar nichts mehr glaubte.
Einmal hatte Grete L. von einer Bekannten Geld geborgt und war au├čerstande, es zu-r├╝ckzuzahlen. Als der Termin der R├╝ckgabe kam, fl├╝chtete Grete zu uns und sagte: "Wenn det klingelt, machste uff, un wenn denn ne Frau X vor de D├╝re schdeht, denn saachste, det ick nich da bin." Ich war f├╝nf Jahre alt. Als es klingelte, vergewisserte ich mich: "Sind Sie Frau X? Denn is Tante Grete nich hier." Und schlo├č sofort die T├╝r. Grete wollte sich aussch├╝tten vor Lachen und dachte nicht daran, da├č man das durch die d├╝nne Wand h├Ârt, sie sa├č ja in der K├╝che fast neben der Wohnungst├╝r. Nun lie├č die Frau sich nicht abwimmeln, sondern klingelte wieder. Ich wurde zur T├╝r geschickt, um zu erkl├Ąren, da├č ich ganz allein in der Wohnung sei und unser Kakadu gelacht habe und ich sollte, bevor ich die T├╝r ├Âffne, die Kette vorlegen. Die Frau glaubte mir nicht und klingelte und klopfte, holte einen Nachbarn zur Verst├Ąrkung. Der gab bald auf, denn ich sollte die T├╝r nicht mehr ├Âffnen. W├Ąre die Frau von Gretes Kaliber, h├Ątte sie einen Fu├č in die T├╝r gestellt und sich vergewissert, ob ich wirklich allein in der Wohnung bin!
Die L.-Kinder wurden mit der Zeit auff├Ąllig. Mehrere Nachbarn hatten schon Anzeige er-stattet wegen kleiner Diebst├Ąhle, Beleidigung, Rowdytum und Ruhest├Ârung. So kam eine Frau von der Jugendf├╝rsorge, um sich die Familienverh├Ąltnisse n├Ąher anzusehen. Den Kindern wurde eingesch├Ąrft, nicht zuzugeben, da├č sie mit Peitschen geschlagen wurden, denn dann w├╝rden sie in Heime kommen - jeder in ein anderes! - und da h├Ątten sie es bei weitem nicht so gut wie zu Hause. Die Amtsperson sagte, da├č die Mieter vom Hause gegen├╝ber gesehen haben, wie der Vater die Peitsche schwang. Grete L. antwortete: "Er schl├Ągt die Kinder nicht, er droht ihnen nur." So verlief die Untersuchung im Sande. Die L.-Kinder nahmen sich f├╝r einige Zeit zusammen und trieben ihren Bl├Âdsinn dann in Gegenden, die weit von ihrer Wohnung entfernt lagen. Sie entfernten vom "Stillen Portier" das Namensschild ihrer Familie in der Hoffnung, da├č es so etwas schwieriger sei, sie zu finden.
Im Juni 1995 besuchte ich das Haus meiner Kindheit zum erstenmal nach 30 Jahren wieder und sah, da├č der "Stille Portier" all die Zeit nicht erneuert worden war. Es standen die Namen Seele, Selling und Romianowski immer noch darauf sowie ein verkrakeltes "Nitz" und sonst nichts weiter (der Name D├Âring war 1955 abgenommen worden, als das Ehepaar kurz nacheinander starb).
Herr L. war recht musikalisch. Wenn er zu Familienfeiern in unserer Wohnung war, sang er die Trinklieder mit angenehmer Stimme. Aber gew├Âhnt, aus allem, was er hatte oder konnte, Kapital zu schlagen, schlug er den Anwesenden eine Wette vor, da├č er ein Lied kennt, das Striche aufs Papier zaubert. Nachdem jeder seinen Einsatz entrichtet hatte, f├╝hrte er uns das Wunder vor. Es bestand darin, da├č er an den Stellen, wo der Ton ├╝ber zwei Takte gehalten wurde, f├╝r jeden Takt einen Strich aufs Papier malte, soda├č am Ende mehr Striche auf dem Papier waren als das Lied T├Âne bzw. Wortsilben hatte.
Grete L. hatte auch "Humor". Einmal fragte sie mich, mit welcher Hand ich mir den Hintern wische? Mir war beigebracht worden, da├č alle wichtigen Verrichtungen von der rechten Hand ausgef├╝hrt werden. Ich hielt es f├╝r wichtig, ein sauberes H├Âschen zu tragen und antwortete spontan: "Mit der rechten." - "Pfui, du Ferkel," h├Âhnte sie, "dazu nimmt man doch Papier!" Ein paar Tage sp├Ąter fragte sie Waltraud, ob sie den Unterschied zwischen Kochtopf und Nachttopf kennt? Waltraud vermutete, einen guten Witz vorgesetzt zu bekommen und lachte: "Nee, azeel ma!" Grete r├╝mpfte die Nase: "Wat, du kennst den Untaschied nich? Na, denn m├Âcht ick ja schpeeta nich mal deine Wirtschaft sehn!"
Mitunter versuchte sie, uns ein wenig Allgemeinbildung beizubringen. Dann h├Ârten wir S├Ątze wie: "N Kind ohne Kopp bleibt n Kr├╝ppel sein Leehm lang." oder "Die Menschn wolln beschissn weern!" oder "Jekochte Milch is jes├╝nder wie rohe, jekochte Milch neehrt, rohe Milch zeehrt!" oder: "Rote Haare, Sommaschprossn, sind des Teufels Eidjenossn!" oder: "H├╝te dir vor die, die Jott jezeichnet hat!" (wenn jemand einen K├Ârperfehler hatte oder auch nur eine Warze im Gesicht, war er von Gott gezeichnet und also gef├Ąhrlich!) oder: "M├Ąrznschnee tut die Saatn weh!" Mir tat ihr schlechtes Deutsch weh, aber das finde ich bezeichnend: Sich in der eigenen Muttersprache nicht richtig auskennen, aber ausl├Ąnderfeindlich sein!
An einem kalten Wintertag im Jahre 1955 war ich zuf├Ąllig bei L.s oben, als sie Besuch bekamen. Es war eine hagere Frau unbestimmbaren Alters mit langen schwarzen Zottelhaaren, die unter einem rotbunten Kopftuch hervorlugten. Sie war stark geschminkt und trug einen schweren Pelzmantel, darunter ein schwarzes Samtkleid, um den Hals mehrere Goldketten von unterschiedlicher St├Ąrke. Mit ihr kam ein etwa zw├Âlfj├Ąhriges M├Ądchen in einem d├╝nnen M├Ąntelchen, darunter ein kurzes, arg verwaschenes Sommerkleid. Sie hielt den Kopf gesenkt und richtete die Augen nur ganz kurz auf jede zu begr├╝├čende Person, die sie jeweils mit einem stummen Kopfnicken bedachte. Grete L. fragte: "Warum haste denn det Kind so d├╝nne anjezooren? Die wird sich noch wat wegholn!" Die Besucherin antwortete von oben herab: "Die hat det nich anders verdient. Im ├╝brijen mach ick mit die J├Âre, wat ick will. Det is neemlich meine!" Mir tat das M├Ądchen in der Seele leid. Grete L. sagte nun: "Wir jehn inne Schtube, da wolln wa ne Weile unse Ruhe haam, wir haam wat wichtjet zu beredn. Bleibt ma alle hier inne K├╝che, untahaltet euch und seid aatich!" Ich blickte auf Doris. Sie hatte den Kopf zum Fenster gewandt und sagte nichts. Da ergriff ich die Initiative: "Du meine J├╝te, deine Mutta is aba schtreng mit dir!" Das M├Ądchen hob den Kopf, richtete ihre schwarzfunkelnden Augen auf mich und zischte: "Halt die Schnauze, du bl├Âde Kuh!" und senkte wieder den Kopf. Doris lachte schallend, kletterte auf das Fensterbrett und sagte zu dem M├Ądchen: "Komm ruff hier, ick zeich dir wat intressantet!" Die Aufforderung wurde befolgt und ich ging hinunter zu Ida. Ich war drei Jahre j├╝nger als die beiden, also wohl als Spielkameradin ungeeignet. Ich war es derart gew├Âhnt, beschimpft zu werden, da├č ich nicht fragte: "Wie kommt dieses M├Ądchen, das doch nichts von mir wei├č, dazu, mich eine "bl├Âde Kuh" zu nennen?" Ich hatte akzeptiert, eine bl├Âde Kuh zu sein.
Kommen wir nun zu dem j├╝ngsten L.-Kind, Maximilian, 1948 geboren und M├Ącky gerufen. Grete L. war der st├Ąndigen Abtreibungen ├╝berdr├╝ssig und wollte ihrem Mann klarmachen, da├č er auch einen Teil Verantwortung f├╝r die Entstehung eines Kindes tr├Ągt und gef├Ąlligst auch einen Teil (den obendrein leichteren!) der Schwangerschaftsverh├╝tung ├╝bernehmen k├Ânnte. Walter L. antwortete: "Wenn de jetz zum Blauschtrump wirscht, denn sin wa jeschiedne Leute!" Als M├Ącky geboren war, sagte Wolfgang aufs├Ąssig: "Denk ja nich, det ick mit deen in een Bette schlafe!" Und Doris legte ebenfalls Protest ein: "Speckelier nich dadruff, det de mir det J├Âr uffh├Ąng kannst!" So geno├č M├Ącky den Luxus, in einem eigenen Bettchen schlafen zu k├Ânnen. Er war ein zartes Kn├Ąblein mit blauen Augen und blonden Haaren, der absolute Liebling seiner Mutter. Sie lie├č ihm alles durchgehen und hielt jederzeit die H├Ąnde sch├╝tzend ├╝ber ihn, wenn eine Tracht Pr├╝gel f├Ąllig war.
Er wurde mein Spielkamerad. Mir wurde befohlen, wie eine Schwester f├╝r ihn zu sein. Ich durfte h├Ąufig auf ihn aufpassen, wenn Grete L. irgendwelche Besorgungen zu machen hatte. Zu Anfang gefiel ihm meine Gesellschaft auch recht gut und wir spielten artig miteinander. Aber dann begann er, Unfug zu treiben und lie├č sich von mir nichts mehr sagen. Er liebte es z.B. von unserem Balkon den G├Ąsten im Gartenlokal Sand und Steinchen aus unseren Blumenk├Ąsten in ihre Gl├Ąser zu werfen, wof├╝r ich dann zur Rechenschaft gezogen wurde. Ich konnte seiner nicht Herr werden. Er hatte sich t├Ąglich gegen seine ├Ąlteren Geschwister zur Wehr zu setzen, die wesentlich gr├Â├čer als ich waren. Wenn ich drohte, ihm eine runterzuhauen, stie├č er mir seine kleine Faust so geschickt gegen die Nase, da├č sie blutete. Davon ist meine Nase ein klein wenig schief gewachsen.
1951 richtete das "Evangelische Kinderhilfswerk" eine Adventsfeier f├╝r bed├╝rftige Kinder aus. M├Ącky und ich waren auch eingeladen und wir gingen zusammen dorthin. Die Feier war erst nach Einbruch der Dunkelheit zu Ende. Auf dem Heimweg machte sich M├Ącky den Spa├č, mitten auf dem vereisten Fahrdamm zu laufen. All meine Vernunftsappellationen nutzten nichts. Er begann obendrein, lautstark um Hilfe zu rufen. Aus einem der H├Ąuser kam ein junger Mann und fragte, was los sei. Ich sagte: "Der Bengel hat n Knall, der schreit nur so aus Schpa├č!" Der junge Mann sah mich giftig an und ging. Minuten sp├Ąter rief M├Ącky wieder in den klagendsten T├Ânen um Hilfe. Wieder kam ein Mann aus einem der H├Ąuser, der Vorgang wiederholte sich. M├Ącky bl├Ąkte weiter. Doch nun kam ein Mann, der nicht mit sich spa├čen lie├č. Er verpa├čte M├Ącky eine saftige Maulschelle. Unger├╝hrt sagte ich: "Siehste, M├Ącky, so is det, h├Ąttste jleich uff mir jeh├Ârt, h├Ąttste keene Maulschelle jekricht." Nun wurde er w├╝tend, warf sein Weihnachtsgeschenk auf den Boden und zertrat es. Er heulte, bis wir zu Hause waren und erz├Ąhlte seiner Mutter, da├č ich das Geschenk kaputt gemacht h├Ątte. Aber das war nun wirklich l├Ącherlich. Es war allgemein bekannt, da├č ich zum L├╝gen viel zu d├Ąmlich war und sich die Sache also genau so abgespielt hatte, wie ich sie schilderte.
Zu erz├Ąhlen, was er mir sonst noch antat, w├╝rde mehrere Seiten f├╝llen, also gehen wir lieber zu einem anderen Thema ├╝ber.
Auf dem Nachbarhof links von unserem Haus stand ein gro├čer Walnu├čbaum. Der Hof war gut verschlossen, es war nicht leicht, an den Nu├čbaum heranzukommen. Ida sagte in ihrer unerh├Ârt autorit├Ąren Art: "Jnade dir Jott, wenn ick dir dabei awische, det du ├╝ber den Zaun klettast wie die L.-J├Ârn un von den Nu├čbaum klaust! Die N├╝sse sin erst reif, wenn se runtafalln, un denn jeh├Ârn se den, den der Nu├čbaum jeh├Ârt, merk dir det, do!" Es w├Ąre mir im Traum nicht eingefallen, ├╝ber den hohen Bretterzaun zu klettern, schon weil er oben mit Stacheldraht versehen war und auf dem Hof ein gro├čer Sch├Ąferhund frei herumlief. Man wu├čte nie, ob der Hund im Hof war oder nicht, seine H├╝tte stand so, da├č man nicht in sie hineinsehen konnte. Der Hund ging erst auf die Eindringlinge los, wenn sie sich bereits im Hof befanden. Das beobachtete ich, als Wolfgang L. ├╝ber den Zaun kletterte. Er wollte sich gerade nach den N├╝ssen b├╝cken, als pl├Âtzlich der Hund laut kl├Ąffend aus seiner H├╝tte scho├č. Hui, wie schnell war Wolfgang wieder auf unserer Seite des Zaunes! Bei seinem n├Ąchsten Versuch, an die N├╝sse zu gelangen, hatte er ein St├╝ck Wurst bei sich. Nun konnte Wolfgang in Ruhe N├╝sse sammeln, solange der Hund fra├č.
Als ich acht Jahre alt war, fand Ida es an der Zeit, da├č ich endlich Handarbeiten lerne. Waltraud war gerade mal wieder mit Doris zerstritten, so setzten wir uns auf den Hof (wir besa├čen damals rosafarbene Kinderst├╝hle und einen dazu passenden Tisch). Waltraud lehrte mich das H├Ąkeln und ich begann einen Rock f├╝r meine Puppe. Waltraud stickte an einem Zierdeckchen, das sie ihrer Mutter zu Weihnachten schenken wollte. Wir sa├čen da im Sonnenschein, freuten uns des Lebens, sangen Volks- und K├╝chenlieder und waren felsenfest ├╝berzeugt davon, da├č wir in diesen Stunden zu den artigsten M├Ądchen der Stadt gez├Ąhlt werden konnten. Nachdem wir das drei Tage lang getan hatten, kam Grete L. und fauchte die Ida an: "Saach ma, wat denkst de dir eijentlich dabei, die beedn J├Ârn da unten sitzn zu lassn? Det sieht ja aus wie uff n Nuttenmarcht! Wat meinst de woll, wie die Leute sich ├╝ba die beedn Weibscht├╝ckn die M├Ąula zarei├čn?" Ida verbot uns nun, auf dem Hof zu sitzen, wir mu├čten unsere Handarbeiten in der Stube vollenden.
Manchmal langweilte ich mich entsetzlich in unseren vier W├Ąnden. Da kam mir einmal die Idee, einen Spiegel auf das gegen├╝berliegende Haus zu richten und zuzusehen, wie der Sonnenfleck wandert. Dabei fiel der Spiegelreflex auch in die Fenster. Einem Fenster gegen├╝ber hing ein gro├čer Spiegel an der Wand, der den Reflex zu mir zur├╝cksandte. Das fand ich sehr lustig. Ich hatte keine Ahnung, da├č ich die Leute in der Wohnung nun doppelt blendete.
Ungef├Ąhr zu jener Zeit begann Grete L., sich auf das Kartenlegen zu spezialisieren. Doris hatte die Bedeutung der einzelnen Karten abgelauscht und vermittelte uns diese Kenntnisse. Nun sa├čen wir tagelang da, legten uns gegenseitig die Karten und stellten tausend Fragen, was uns die Zukunft wohl bringen werde. Treu nach dem Vorbild ihrer Mutter (man prophezeit nach M├Âglichkeit Positives!) sollte die Zukunft f├╝r uns alle reiche M├Ąnner, zwei liebe Kinder und ein freudvolles Leben bereithalten. Die Einzige, auf welche das sp├Ąter einigerma├čen zutraf, war Waltraud. Ihr Mann hatte ein gutes Einkommen und sie haben zwei wohlgeratenen T├Âchter. Doris hat vielleicht reiche M├Ąnner gehabt (sie lie├č sich dreimal scheiden), war aber geb├Ąrunf├Ąhig. Ich fiel v├Âllig aus dem Rahmen, denn meine "M├Ąnner" waren meistenst nicht einmal reich an Emotionen; und ich habe vier Kinder geboren.
Eine Nachbarin, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, war als Folge eines Unfalls auf einem Auge blind geworden. Alle bemitleideten die h├╝bsche junge Frau. Grete L. sagte bedauernd: "Ach, die arme Frau! Konnte det denn nich eene passiern, die sowieso schon n Fehler hat?" Soviel Gedankenlosigkeit kann man schon Herzlosigkeit nennen.
Wann immer ich auf die Stra├če durfte, versuchte ich, mich gr├╝ndlich auszutoben. Darum sagte Grete L. eines Tages zu Ida: "An der Christa is n Bengel valorn jejang! Wat soll dadraus blo├č noch weern! Wom├Âchlich ne zweete Irma!" Sie wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Ida, die daraufhin eine Schnute zog. Ich wu├čte damals noch nicht, wie die Worte gemeint waren und begriff nur, da├č Irma wahrscheinlich minderwertig war. Ich fand sie gar nicht so schlecht. Sie war mir jedenfalls wesentlich sympathischer als Grete L., deren Verlogenheit mir sehr zuwider war, ebenso ihre Art, sich bei Ida einzuschmeicheln, um dies und das zu erbeuten. Aber gleich bei meiner ersten zaghaften Andeutung diesbez├╝glich wies Ida mich mit hart zurecht, da├č Kinder sich ├╝ber Erwachsene kein Urteil zu erlauben haben und Erwachsene wissen, was sie tun.
Gegen Ende der F├╝nfziger Jahre sprach Grete L. mit Ida auch dar├╝ber, ein Testament zu machen. Ida lachte: "N Testament? Uff wat denn? Ej, wat de hier siehst, is allet, wat ick habe. Det kricht Gerda. Wenn se et will. Wat se nich will, kann se vaschenkn oda wegschmei├čn. Un det wee├č se. Un dazu brauch ick keenn Notaa, der mir noch Jeld kostn w├╝rde. Basta!" Grete L. meinte, da├č da vielleicht noch irgendwelche Werte seien, historische Werte, wie z.B. die Krone der Silberbraut oder auch das alte Buffett. Ida sagte mit verschlossener Miene: "In det Beewee sin schon lange die W├╝rma. Un mein Silberbrautschmuck is meina. Ick will, det a mir mit int Jrab jejeehm wird."
Ich wei├č nicht, ob Idas Silberbrautkrone mit ihr bestattet wurde. Ich hatte inzwischen eine neue Welt f├╝r mich entdeckt (meine Phantastereien), und wu├čte seit langem, da├č ich von Idas Wertigkeiten weit entfernt war. So war mir jegliche Entscheidungskraft genommen. Ich hatte mich zu f├╝gen wie eh und jeh und konnte nicht einmal f├╝r die Rechte meiner Erzieherin eintreten. Ich war ja auch erst f├╝nfzehn, also lange nicht "maascher├Ąng" (majorin).


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Old Icke

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