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Leselupe.de > Kurzprosa
aus meinen memoiren: schulzeit
Eingestellt am 18. 06. 2001 18:09


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flammarion
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Old Icke geht zur Schule

Nach meinem fĂŒnften Geburtstag hörte ich oft: "Na, waate, wenn de erscht ma in de Schuhle jeehst, denn wird dir der Leehra schon die Dußlichkeitn austreihm!" Dann wandte ich mich ab, damit Ida mein Lachen nicht sieht. Ich lachte sie nicht aus, oh nein, ich wußte nur ganz genau, daß ich in der Schule kei-ne Dußlichkeiten machen werde, ich freute mich aufs Lernen! Ich war sehr begierig darauf, viel zu lernen, damit man mich nicht mehr "blödet Jör" schimpfen konnte. Ich freute mich riesig auf die Schu-le. Auch Waltrauds Warnung: "Det is ja nich so einfach in de Schule!" konnte meine Freude nicht ein-dĂ€mmen.
Auf Idas Geburtstagsfeier 1950 fragte ich ebenso neugierig wie ungeduldig: "In welche Schule wer ick denn komm?" Alfred antwortete grinsend: "In ne Baumschule, hÀhÀhÀ!"
Ida erkundigte sich bei Grete L., "welche Schule denn jetz in die neue Zeit ewentuell for so n blödet Jör zustĂ€ndich is". Grete L. sagte abfĂ€llig: "Die jehn jetz alle in die selbe Schule, Jungs un Meechn durchnnanda. Schulkleidung is nich nötich un SchulbĂŒcha kriejen die Jörn ooch alle von de Schule, ooch Hefte. Du brauchst nur ne SchultĂŒte koofn, ne Schulmappe, Schiefatafl un Jriffl." Ida atmete auf. Die Einschulung wĂŒrde viel billiger sein, als befĂŒrchtet. Nun fragte Grete L.: "Waaste denn schon zu n Schu-lazt mit se?" Ida wunderte sich: "Zu n Schuulaazt? Warum det denn?" - "Damit der die Schulfeehichkeit festschdelln kann, ob se ĂŒbahaupt schon in de Schule jehn kann." - "Na, janz blöd isse ja nu ooch wieda nich." Tage spĂ€ter ging Gerda mit mir zum Schularzt. Ich war schrecklich aufgeregt. Zu Hause hatte man noch einmal nachgemessen, ob ich schulfĂ€hig sei. Das lĂ€ĂŸt sich nĂ€mlich ganz leicht feststellen - wenn das Kind den rechten Arm ĂŒber den Kopf legt und die Hand bedeckt das linke Ohr, ist das Kind schulfĂ€hig. Leider war es mir auch unter grĂ¶ĂŸter Anstrengung nicht möglich, das Ohr mit der Hand zu bedecken, ich erreichte es nur mit den Fingerspitzen. Alle hofften, daß ich bis zur Einschulung noch wachse.
Das Wartezimmer war fast leer, so freute sich Gerda: "Hier sin wa bald wieda raus!" Aber es dauerte einige Zeit, ehe wir aufgerufen wurden. Eine freundliche Ă€ltere Frau reichte mir ihre gepflegte Hand und strich mir ĂŒbers Haar: "Du brauchst keine Angst zu haben, meine Kleine, von mir bekommst du keine Impfung, ich möchte nur sehen, wie groß du bist - dazu stellst du dich hier an die Meßlatte, so - schon fertig. Nun schaun wir mal, wie schwer du bist, dazu stellst du dich ohne Schuhe hier auf die Waage - nein, nicht an der Waage festhalten! Jetzt möchte ich wissen, ob du gut siehst. Ich sagte: „Wie ick heute aussehe, seh ick nich imma aus, heute hab ick neemlich det jute Kleid an.“ Ich hatte „siehst“ bisher nur gehört, wenn Ida, Gerda oder Waltraud tadelten: „Kieck bloß ma, wie du wieder aussiehst!“ Die andere Form: „Siehste, siehste!“(bei meinen Mißgeschicken) hielt ich fĂŒr eine andere Form von „Ätsch, Ă€tsch, ausgelacht!“ Die SchulĂ€rztin erlĂ€uterte, daß „siehst“ eine gebeugte Form von „sehen“ ist und fĂŒhrte an: „Ich sehe, du siehst.“ Ich war baff. Der Test ging weiter: „Schau her zur Tafel. Auf welches Bild zeige ich?" Ich antwortete spon-tan: "Na, uff ditte da." und wies mit ausgestrecktem Arm auf das Bild, welches sie mit dem Zeigestock berĂŒhrte. Die Ärztin verzog keine Miene und fragte geduldig weiter: "Und was siehst du auf dem Bild?" Ich antwortete zu ihrer Zufriedenheit, bis sie feststellte: "Die Au-gen sind in Ordnug. Nun zum Gehör." Ich krĂ€hte: "Hörn kann ick ooch jut, Oma saacht imma, det ick aatich bin!" Die Ärztin erklĂ€rte mir, daß "hören" und "gehorchen" zweierlei sind, setzte mir Kopfhörer auf und ließ mich ein unangenehmes GerĂ€usch hören, mit der Anweisung, ihr zu sagen, wann ich es nicht mehr höre. "So, das ist auch erledigt. Jetzt un-terhalten wir uns ein wenig. Freust du dich auf die Schule?" - "Jaaa!" schrie ich begeistert. "Ist ja gut, nicht so laut! Kannst du denn schon zĂ€hlen?" Nun kam ich in Verlegenheit. Ich plapperte rasch alle Zahlen heraus, die je an mein Ohr gedrungen waren. Man kann sich das Durcheinander vorstellen. Die Ärztin lachte und legte mir einige bunte TĂ€felchen vor: "Wieviele siehst du?" Ich strahlte sie an und wußte keine Antwort. Sie nahm ein paar TĂ€fel-chen weg und stellte die Frage erneut. Ich wußte nicht, wieviele KĂ€rtchen fĂŒr die Zahl 3 stehen! Nun fragte sie nach den Farben. Ich erkannte nur rot und grĂŒn. Sie fand das sehr ungenĂŒgend. Ich rief: "Aba ick kenne doch noch schwaaz un weiß!", denn ich hatte große Angst, nicht eingeschult zu werden. Sie klĂ€rte mich auf, daß schwarz und weiß keine Far-ben sind und ich war todtraurig.
Da Gerda versucht hatte, mir bei den Farben vorzusagen, wurde sie hinausgeschickt. Die Ärztin legte mir mehrere Abbildungen geometrischer Figuren vor und ich sollte sie be-nennen. Das Quadrat war bei mir eine Schachtel, das Rechteck eine Kiste, der Kreis ein Ball, das Dreieck erkannte ich einwandfrei als ein Verkehrszeichen, bei der Raute kicherte ich vertraulich: "Da fehlt der Schdrich in ne Mitte!" und das Trapez deklarierte ich mit Be-schimpfungen fĂŒr den Zeichner als falsch gemalt. Sie erklĂ€rte mir auf angenehm ruhige Art, was die Figuren darstellten und legte mir danach drei Zeichnungen vor, zu denen ich eine Geschichte erzĂ€hlen sollte, die den Zusammenhang der Bilder erlĂ€utern. Da ich bisher so viele Fehler gemacht hatte, war meine Angst, die PrĂŒfung nicht zu bestehen, ins Unermeßli-che gestiegen. Ich glaubte, es sei das beste, gar nichts mehr zu sagen. Es dauerte eine Wei-le, ehe die Ärztin mich wieder zum Reden bringen konnte. Die Geschichte, die ich dann zu den Bildern erzĂ€hlte, gefiel ihr. Sie rief Gerda wieder herein und sagte ihr, was alles mit mir geĂŒbt werden muß, wenn ich in diesem Jahr noch eingeschult werden soll. Wir bekamen einen neuen Termin und wurden entlassen.
Auf dem Heimweg schimpfte Gerda: "Mein Jott, det du doof bist, det wissn wa ja nu alle. Aba det du sooo doof bist, det hĂ€tt ick nie jedacht! Du weeßt ja buchschdeeblich nischt! Jar nischt! Blamierst een bis uff de Knochn! Wie kann een einzelnet Kind bloß sooo doof sein!" Tja, liebe Tante, von Necken und VerĂ€ppeln lernt ein Kind nicht viel!
Daheim gab sie mich dem allgemeinen GelĂ€chter preis. Ich schlug die Augen nieder und hielt mĂŒhelos die TrĂ€nen zurĂŒck. Ich kannte ja den Satz: "Dummheit muß bestraft wer-den!" und nahm geduldig meine Strafe hin. Gerda zĂ€hlte auf, was ich alles schnellstens ler-nen muß. Dann stotterte sie: "Die Doktasche hat jesaacht, Christa kann nich abscha . . . abschahiean. Weeßt du, wat det is, Oma?" Ida zog die Stirn kraus und machte eine Schnute. Ich warf ein: "Det heißt "abschdrahiern", so hat die Doktasche jesaacht." Gerda sagte verwundert: "Jenau! Mensch, det du dir det merkn konnst, wo de doch sonst so blöd bist!" Ida vermutete, daß es das neue Wort fĂŒr "Weniger" beim Rechnen sei.
Als Irma von der Arbeit kam, wurde sie nach der Bedeutung des Wortes gefragt, das Ida schon vergessen hatte. Ich durfte es noch einmal nennen. Irma sagte: "Det kommt von "abstrakt" und bedeutet, daß Christa nich abstrakt denken kann." Ida schĂŒttelte den Kopf: "So n Blödsinn brauchn die Jörn heutzudaare? Na, Christa hat sich det Wort jemerkt, da is et jut mööchlich, det se denn ooch den Rest kapiert." (In der Schule gab es soviel zu lernen und zu sehen, daß ich nie nach dem „abstrahieren“ fragte.) Waltraud wurde beauftragt, mir alles Erforderliche beizubringen. Mit aller HĂ€rte trichterte sie mir die Zahlen, die Farben und die wichtigsten geometrischen Figuren ein. In wenigen Tagen konnte ich bis zwanzig zĂ€hlen und kannte alle Farben, selbst Farbtöne, nach denen die Ärztin nicht gefragt hatte.
Zu dem neuen Arzttermin ging Grete L. mit mir. Gerda hatte Protest eingelegt: "Ick blamier mir doch nich no maa mit die Jöre!" Auf dem Weg sagte Grete L. zu mir: "Wenn de wieda so blöd bist, laß ick dir daa bei die Doktasche, denn nehm ick dir nich wieda mit zu Hause!" Ich hoffte, daß das nicht geschehen wĂŒrde, und betete instĂ€ndig, daß Waltraud mir wirklich alles beigebracht hatte, was ich fĂŒr den Nachweis der SchulfĂ€higkeit benötigte. Sie ging ja schon lange zur Schule, sie MUSSTE wissen, was ich brauchte.
Die ersten Fragen der Ärztin konnte ich leicht beantworten und fĂŒhlte mich dadurch immer sicherer. Ich erzĂ€hlte auch einiges, was sie gar nicht wissen wollte. Ich bestand alle PrĂŒfungen mit Bravour und sie schenkte mir ein Bonbon. Nun wurde Grete L. gefragt, warum nicht meine Mutter mit mir diesen wichtigen Gang gemacht habe? Grete L. sagte verĂ€chtlich: "Die ihre Mutta sitzt." Ich erbleichte und wĂ€re am liebsten in der Erde versun-ken. Jetzt wĂŒrde es wieder so eine scheußliche Hetztirade gegen meine Mutter geben! Aber die Ärztin sah mich nur mitleidig an und strich mir ĂŒber das Haar. Diese Frau war gnĂ€diger mit mir als die Leute, die stĂ€ndig in meiner NĂ€he waren. Sie sagte nur noch leise: "Ein klein wenig disziplinierter und ruhiger muß Christa noch werden, ansonsten erfĂŒllt sie alle Vor-aussetzungen." Grete L. gab zu bedenken, daß meine Hand noch immer nicht das Ohr be-deckt, wenn man meinen Arm ĂŒber den Kopf legt. Die Ärztin entgegnete, daß solche Äu-ßerlichkeiten nebensĂ€chlich sind, die Hauptsache sei die Auffassungsgabe, und die sei bei mir in ausreichendem Maße vorhanden. Fröhlich hĂŒpfte ich neben Grete L. nach Hause.
Nun ich den Einschulungstermin fest in der Tasche hatte, ĂŒbte Waltraud nicht mehr mit mir, so hatte ich einen Teil der Zahlen ĂŒber den Sommer wieder vergessen.
Zur Einschulung hĂ€tte ich liebend gern das duftige weiße Spitzenkleid der kĂŒrzlich ver-gangenen Sommersonntage getragen, aber Ida sagte: "Det is dir doch schon ville zu kleene, Mensch! Wißt de villeicht aussehn wie n Schpringa?" ("Springer" wurden die SeiltĂ€nzer genannt. Sie trugen so knappe GewĂ€nder, daß man die Körperform sah. Das galt als unan-stĂ€ndig.) So wurde mir ein Kleid angezogen, welches Waltraud zu klein geworden war. Es war mir zu lang und zu weit. Die "auf Zuwachs" gekauften weißen KniestrĂŒmpfe waren das einzige, was an Bekleidung fĂŒr meine Einschulung angeschafft worden war. Sie bildeten eine Zieharmonika an meinen Beinen. Die an Fersen und Zehen abgeschnittenen Halbschu-he deklarierten mich endgĂŒltig als Armeleutekind. Ida sagte: "Armut schĂ€ndet nich! Wir könn nich dafor, det wir nich mehr haam!" So war ich es zufrieden, zumal das "Einschu-lungskleid" doch zu meiner großen Freude weiß war, mit roten PĂŒnktchen.
Am Abend vor der Einschulung plĂ€rrte ich, weil meine schöne große SchultĂŒte von Ir-ma zu vier FĂŒnfteln mit Zeitungspapier ausgestopft wurde, denn ich hatte geglaubt, sie wĂŒrde bis an den Rand mit SĂŒĂŸigkeiten gefĂŒllt werden. Ida schimpfte mich ein "janz aus-vascheemtet Jör", Gerda tobte: "Wo solln wa denn det allet heerneehm?" und Alfred sagte: "Dadran wĂŒrdeste doch zwee Jahre lang futtan; bis dahin is det meiste schlecht, Mensch!" Irma gab mir die TĂŒte in den Arm und fragte: "Na, kannst de die jut traaren?" Die TĂŒte war unhandlich und schwer und fiel mir aus der Hand, weil ich nicht mit ihrer Kopfla-stigkeit gerechnet hatte. Irma fing sie rechtzeitig auf. "So", sagte sie, "nu schtell dir ma vor, die TĂŒte wĂ€r bis ohmhin voll Bonbons und allet sowat. Denn könnte noch nich mal ICK die TĂŒte hochheem! Du mußt nich denkn, det ooch nur eeen Kind uff de Welt jemals seine SchultĂŒte richtich voll SĂŒĂŸichkeitn hatte, det is doch jar nich mööchlich." Nun war ich still und getröstet. Aus den GesprĂ€chen der Erwachsenen wußte ich, daß die Einschu-lungsfeier in einer Aula stattfinden wird. Ich fragte Waltraud, was eine Aula ist. Sie ant-wortete: "Na, Aule is doch Schpucke, wa? Nu weeßte allet." (Als einmal die Rede von der berliner Klosterstraße war, sagte sie angewidert: "Ih, ne Straße aus Klosetts!")
Freudig erregt schritt ich neben Ida zu meiner Einschulungsfeier und war sehr froh, daß es sich bei der Aula um einen festlich geschmĂŒckten Saal handelte, der mit vielen fröhlichen Menschen angefĂŒllt war. Die ErstklĂ€ssler waren leicht zu erkennen an ihren schönen Klei-dern, an ihren leuchtenden, forschenden Augen und natĂŒrlich an den SchultĂŒten. Vom Ver-lauf der Feier weiß ich noch, daß der Direktor eine lange Rede hielt, welcher Ida gelang-weilt lauschte, nach ihm noch eine Frau etwas redete und der Schulchor sang. Danach wur-den wir Kinder in unsere Klassenzimmer gefĂŒhrt, wo wir BĂŒcher und Hefte erhielten. Ich zitterte vor Freude: Jetzt hat die Dummheit bald ein Ende, jetzt werde ich alles lernen, alles erfahren, was ich zu wissen begehre! Und so viele Kinder werden meine Kameraden sein! Wir werden zusammen lernen und spielen und miteinander reden! Vor der SchulhaustĂŒr schoß Alfred das Einschulungsfoto. Bei der Feier zu Hause war das Wichtigste das Essen und Trinken. In den TischgesprĂ€chen wurde zum x.male erwĂ€hnt, daß mein Bruder Man-fred eine Hilfsschule besucht und mein Bruder Paul sehr schlechte Zensuren nach Hause bringt. Man befĂŒrchtete Ă€hnliches auch bei mir.
Die Einschulung war an einem Sonnabend. Am Montag wußte ich nicht mehr genau, wie meine Klassenkameraden aussahen. Die Lehrerin hatte uns gezeigt, an welcher „1" an der Schulmauer wir uns wiedertreffen. Ich merkte mir das „1a“. Waltraud ging in die selbe Schule wie ich, wir gingen oft zusammen zur Schule, auch an meinem ersten Schultag. Sie sicherte mir zu, stets fĂŒr mich da zu sein, wenn ich eine Frage oder Schwierigkeiten hĂ€tte. Sie stellte mich zur 1a, weil ich ihr sagte, daß ich in diese Klasse gehörte. Ich be-grĂŒĂŸte fröhlich die Kinder, die dort standen. Sie sagten, ich solle verschwinden, denn ich gehöre nicht zu ihnen. Verunsichert begab ich mich zur 1b, wo ich ebenfalls weggeschickt wurde. Ich blieb allein auf dem Schulhof ĂŒbrig, da ich mich keiner Gruppe anschließen durfte. Hilflos begann ich zu weinen, denn ich wußte nicht, in welches Klassenzimmer ich mich zu bege-ben hatte. Endlich fĂŒhrte mich eine junge Frau in den Raum der Klasse 1a, wo ich ob mei-nes ZuspĂ€tkommens von der Lehrerin gerĂŒgt und von meinen Klassenkameraden ausge-lacht wurde.
Da in der Schule, in die ich eigentlich zu gehen hatte, die Heizung repariert werden mußte, erlebte ich das Winterhalbjahr des ersten Schuljahres in einer etwas weiter entfern-ten Schule. Der lange Schulweg störte mich nicht. Ich rannte, um ja pĂŒnktlich zu sein. Ich wollte lernen. Direkt neben der eisgrauen Schule stand das rote GemĂ€uer einer katho-lischen Kirche. Ich war nicht neugierig genug, um einen Blick in ihr Inneres zu tun, soviel Ruhe hatte ich nicht. Ich habe die Schönheit des Kirchenbaus nur im VorĂŒbereilen zur Kenntnis genommen. Morgens war ich vom Wissensdurst gehetzt, am Schulschluß davon, das Mittagessen warm nach Hause zu bringen. Ida hatte mich fĂŒr zwei Personen zur Schul-speisung eintragen lassen. Ich trug an einem Riemchen ein Eßgeschirr, wo das Essen einge-fĂŒllt wurde. Um den Schulhof zu verlassen, mußte man die Kirchentreppe hinab. Hohe Granitstufen, nur fĂŒr Langbeinige. Ich Kurzbeinige mußte vorsichtig gehen. Da wurde ich oft von den Flinkeren geschubst. Eine Treppe von der LĂ€nge eines Hauses, zwanzig Kinder darauf und eines ist im Weg. Wie schaffte ich das nur? Es bleibt mir ein RĂ€tsel. Jedenfalls hatte ich den Inhalt des Eßgeschirrs am Mantel. Mein Zetern: "Jetz muß meine Oma hun-gan!" löste GelĂ€chter aus. Ich begann, zu trödeln. Ich wollte als letzte den Hof verlassen, um den Attacken meiner Klassenkameraden zu entgehen. Da erwischten mich die SchĂŒler der höheren Klassen. Auch ihnen war es ein Spaß, mich die Treppe hinunterzuschubsen. Zu Hause wurde ich heftig gescholten, weil ich mit leerem Kanister ankam, weil meine Kleidung be-schmutzt und das bezahlte Essen nicht vorhanden war. Lange dachte ich darĂŒber nach, warum die SchĂŒler so garstig zu mir waren. Ich war mir keiner Schuld bewußt und wollte mich auch nicht schuldig machen und ihnen unterstellen, sie seien von Natur aus so. Ich hoffte, daß sie als Erwachsene anders sein werden. Schade nur, daß ich ihnen dann höchstwahrscheinlich nicht mehr begegne!
Nach den Sommerferien hatten Waltraud und ich den selben Schulweg. Nun konnte mir nichts mehr passieren. Außer, daß ihr Kinder begegneten, deren Gesellschaft sie sehr ge-noß. Dann schickte sie mich voraus. Ich wehrte mich nicht, denn Waltraud war klug - sie war sechs Jahre Ă€lter als ich und sagte oft, daß ich dumm sei. Ich ging also allein auf den Schulhof und suchte meine MitschĂŒler. Ich konnte mich nur an den Zahlen an der Wand orientieren: Klasse 2a. Ich war im ersten Schuljahr begierig, zu lernen und schenkte meinen MitschĂŒlern wenig Beachtung. Nun fiel es mir schwer, die Kinder zu erkennen, zu denen ich wĂ€hrend der Ferien keinen Kontakt hatte. Ich ging von Gruppe zu Gruppe, wurde ĂŒber-all fortgejagt und letztendlich namentlich aufgerufen.
Einige meiner Klassenkameraden kannten sich vom Kindergarten her, andere, weil sie benachbart waren. Ich kannte keinen. Jedes GesprĂ€ch war von vornherein unmöglich, denn wir hatten kein gemeinsames Thema, wie ich bald schmerzlich feststellte. Nicht einmal ĂŒber die Schule konnte ich mit ihnen reden! Egal, an wen ich mich wandte, keiner war bereit, sich mit mir zu unterhalten. Ich war aber auch ein zickiges Gör! Anstatt mich darĂŒber zu freuen, wenn jemand mein Tintenfaß umwarf, schrie ich ihn an. Ich war nicht der Meinung, daß man auf diese Weise Beziehungen knĂŒpft. Auch liebte ich es nicht, wenn jemand meine SchreibgerĂ€te stibitzte, selbst dann nicht, wenn sie mir kurz darauf zurĂŒckgegeben wurden. Ich wußte, wieviel Geld das alles kostet und daß ich auf meine Sachen aufzupassen hatte. Ein Griffel bzw. ein Bleistift wurde solange benutzt, bis er wirklich abgeschrieben war. Sol-che Dinge zerstört man nicht mutwillig! Und ich durfte erleben, wie Griffel und Bleistifte zerbrochen wurden. Ich wollte mein Eigentum um jeden Preis beschĂŒtzen. Bald ging ich voller Furcht in die Schule. Ich sprach meine Klassenkameraden nicht mehr an, sondern nahm mich vor ihnen in acht. Ich ging ihnen aus dem Weg, so gut es ging.
Niemals hĂ€tte ich gedacht, daß ich mir in der Schule ausgerechnet durch ein Lied den Spott meiner Klassenkameraden zuziehen wĂŒrde. Es handelte sich um ein Lied, welches DDR-Kinder im Kindergarten lernten:
Kleine weiße Friedenstaube, fliege ĂŒbers Land,
allen Menschen, groß und kleinen, bist du wohlbekannt.
Fliege ĂŒbers große Wasser, ĂŒber Berg und Tal,
bringe allen Menschen Frieden, grĂŒĂŸ sie tausendmal.
Und wir wĂŒnschen fĂŒr die Reise Freude und viel GlĂŒck,
kleine weiße Friedenstaube, komm recht bald zurĂŒck.
So etwas wurde bei mir Ida nicht gesungen. Nachdem ich den Text verstanden hatte, begriff ich, daß die Kommunisten dasselbe wollten wie die Christen, nĂ€mlich Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Mir war wie Weihnachten ob dieser Erkenntnis - der neue deutsche Staat, in dem ich aufwachsen wĂŒrde, wollte Frieden, wollte Völker-freundschaft, es wird keinen Krieg mehr geben, sondern fĂŒr alle Menschen GlĂŒck und Wohlstand! Unbewußt faltete ich andĂ€chtig die HĂ€nde vor der Brust. Die Lehrerin nahm den Zeigestock von der Tafel, brach das Lied ab, drĂŒckte mit dem Stock meine HĂ€nde nach unten und sagte: "Du bist hier nicht in der Kirche, hier wird nicht gebetet." Meine MitschĂŒ-ler lachten schallend, und ich stand mit hochrotem Kopf da, unfĂ€hig, mich zu verteidigen.
FĂŒr die Eintragung ins Klassenbuch mußten wir unsere Personalien angeben. Ich wußte von meinem Geburtstag nur, daß er mitten im Winter ist. So erntete ich erneut GelĂ€chter. Bei der Adresse wurde es noch schlimmer. Als ich sagte, daß ich in der Pistoriusstr. 103b wohne, grölten meine MitschĂŒler, denn sie kannten diese Straße nicht und bezweifelten ihre Existenz ebenso wie eine Hausnummer ĂŒber 100. Wenn ich gesagt hĂ€tte: "Ich wohne in der Schokoladenstraße, Ecke abgebissen!", hĂ€tte man mich fĂŒr witzig gehalten, so aber wurde ich verachtet: "Die Seechern wohnt in de Piß - toriusstraße! Na, da jehört se ja ooch hin!"
Ich folgte dem Unterricht mit grĂ¶ĂŸter Aufmerksamkeit. Ich fand es aufregend, die Form der Buchstaben und Zahlen zu erfahren. Noch schöner war es, sie selber auf die Schieferta-fel zu schreiben! Und gar erst die Wonne, als wir in Hefte schrieben! Rechnen liebte ich weniger, lernte aber mit Eifer, denn man muß rechnen können, wenn man im Leben vor-wĂ€rts kommen will, und das wollte ich.
Nahezu atemlos folgte ich dem Heimatkunde-Unterricht. Was ich hier erfuhr, war faszi-nierender als jeder MĂ€rchenfilm. In diesem von Ida als "unwichtig" eingestuften Fach hatte ich gute Zensuren, ebenso in den noch "unwichtigeren" FĂ€chern Musik und Zeichnen.
Ida ĂŒbte im ersten Schuljahr tĂ€glich mit mir lesen und schreiben. DarĂŒber freute ich mich, denn so festigte sich mein Wissen. An dem Tag, wo wir das "x" lernten, entwendete ein MitschĂŒler meine Buntstifte. Ich war furchtbar wĂŒtend darĂŒber, denn diese Buntstifte wurden von Ida als blanker Luxus angesehen; verlöre ich sie, bekĂ€me ich keine neuen. So verpaßte ich an diesem Tage teilweise den Unterricht und jagte - wie es oft vorkam - mei-nem Eigentum hinterher. Als ich der Ida den Text mit dem "x" vorlesen sollte, war mir der Buchstabe nicht gleich gelĂ€ufig und sie schlug mir - just in jenem Moment, als ich das Wort endlich wußte - wĂŒtend ins Gesicht, wobei ihr Ehering mir die Lippe aufriß. Ich weinte weniger ĂŒber den Schmerz als ĂŒber Idas Ungeduld und die HeimtĂŒcke meiner Klassenkamera-den. Wenn ich nicht meinen ĂŒber die ganze Klasse verteilten Stiften hĂ€tte nachforschen mĂŒssen, hĂ€tte ich dem Unterricht besser folgen können. Und am Jahresende schrieb die Lehrerin in mein Zeugnis: "Christa lĂ€ĂŸt sich zu leicht ablenken. Bei etwas mehr Fleiß könn-te sie bessere Leistungen erzielen." Das war der blanke Hohn. Und ich konnte mich nicht dagegen wehren, sondern mußte obendrein noch Idas Beschimpfungen hinnehmen.
Es gab fĂŒr mich zwei Möglichkeiten, zum Schulhaus zu gelangen: Entweder durch die Frie-sickestraße (hier standen auf der einen Seite schmucklose graue WohnhĂ€user, auf der anderen Seite war ein stinkendes FarbfĂ€sser-Lager und ein berĂ€umtes RuinengrundstĂŒck), dann durch die trostlose Charlottenburger (hier standen auf beiden Seiten schmucklose graue WohnhĂ€user mit einigen hohlĂ€ugigen Ruinen dazwischen), von wo aus ich in die Gustav-Adolf-Straße (hier standen kleine HĂ€user mit hellem, mehrfarbigen Anstrich und klassizistischer Fassade) einbiegen konnte, oder durch die freundliche Pistoriusstraße mit dem Schusterladen und dem Spirituosen-geschĂ€ft, die ich oft im Auftrag der Familie besuch-te. Auf der gegenĂŒberliegenden Seite befand sich ein Friedhof, der mit vielen hohen BĂ€u-men bestanden war, die ihre grĂŒnen Zweige weit ĂŒber die Straße reckten bis zum Hambur-ger Platz. Hier standen etliche Silberpappeln, die ich bewun-derte und liebte, weil sie so ge-rade und schlank gewachsen waren und ihre BlĂ€tter nicht nur eine schöne Form hatten, sondern auch zweifarbig waren. Fast in der Mitte des kreisrunden Platzes war eine Wiese mit einem Buddelkasten darin; dahinter begann eine blĂŒhende Laubenkolonie. Bis zum Hamburger Platz war die Pistoriusstr. mit Linden bepflanzt, dahinter mit Kastanien. Mir war untersagt, zum Buddelkasten bzw. zu den Kastanien zu gehen, denn dazu hĂ€tte ich den Fahrdamm ĂŒberqueren mĂŒssen, der damals schon genauso dicht befahren wurde wie heute, sogar eine Buslinie verkehrt dort (vor dem Krieg fuhr auch eine Straßenbahn durch unsere Straße, ich habe die Schienen noch zu sehen bekommen. Ida erzĂ€hlte, daß genau vor unse-rer HaustĂŒr eine Haltestelle gewesen sei), wo ich ebenfalls in die Gustav-Adolf-Str. ein-biegen konnte. Dieser Weg war auch der kĂŒrzere. Ich tanzte förmlich zur Schule hin. Aber auf dem RĂŒckweg wurde ich von Kindern ĂŒberholt, die zwei bis drei Jahre Ă€lter waren als ich. Sie schubsten mich und rissen an meiner Schultasche, bis ich auf das Pflaster stĂŒrzte. Dann entwendeten sie meine ABC-Zeitung und verlangten, daß ich daraus vorlesen sollte. Ich las ihnen vor und ich konnte gut lesen; so ließen sie mich gehen. Nachdem mir solches mehrmals geschah, mied ich den farbenfrohen Weg ĂŒber den Hamburger Platz. Es war, als hĂ€tte ich in den ersten Schuljahren ein Schild auf dem RĂŒcken mit der Aufschrift: "Mit mir kann jeder machen, was er will."
Wenn Ida zu den Elternversammlungen ging (sie tat es nur im ersten Schuljahr), nahm sie mich mit. Zu der protestierenden Lehrerin sagte sie: "Ick kann die Jöre nich alleene lassn, die macht sonst Dußlichkeiten." Da ich einmal tatsĂ€chlich aus lauter Langerweile Unfug getrieben hatte, war das noch nicht einmal gelogen. Ich hĂ€tte auch nicht gewagt, die Lehrerin darĂŒber aufzuklĂ€ren, wie oft und wie lange Ida mich sonst allein ließ.) Nach der ersten Elternversammlung unterhielt Ida sich mit der Lehrerin noch ĂŒber Privates. Zum Schluß sagte sie: "Christa ihre Eltan sin int JefĂ€ngnis, nu hab ick die Plare mit die Jöre. Wenn se nich follscht (gehorcht), könn Se ihr ruhich eene tachteln." Die Lehrerin wehrte ab: "Es ist nicht gestattet, die Kinder zu schlagen, ein Lehrer, der seine SchĂŒler schlĂ€gt, wird fristlos entlassen." Ida war sehr erstaunt und meinte, dann wĂ€re es jetzt wohl sehr schwer, den Kindern etwas beizubringen.
In der zweiten Klasse schrieben wir einen Schulaufsatz mit dem Thema "Mein Zuhau-se". Darin sollten alle Möbel mit ihrem Standort aufgeschrieben werden. Da war fĂŒr mich nicht viel nachzudenken! Ich schrieb also (hier gekĂŒrzt): "In der KĂŒche steht ein KĂŒchen-spinnt, eine Anrichte, ein Tisch mit zwei StĂŒhle, der Kolnkasten, die Kochmaschiene und der Jaskocha. In der Stube stehen zwei Betten, Oma ihrs und meins, ein Ofen, ein Tisch, zwei StĂŒhle, ein Kleiderspinnt, ein Wertiko und der Rejelata. In Tante Irmas Stube darf ich nicht, aber da steht ein Bett, ein Kleiderspinnt, ein Scheeselonk mit zwei Sessel, ein Tisch zum dran sitzen, ein Tisch, wo das Radjo draufsteht und ein schöner Schreibschrank."
Ich war sehr stolz darauf, so rasch vier Seiten geschrieben zu haben, es war fast das doppelte von dem, was die meisten anderen geschrieben hatten und gab meinen Aufsatz in der festen Überzeugung ab, kaum Fehler gemacht zu haben. Ich hoffte auf eine gute Zen-sur, denn ich hatte getreulich alles so aufgeschrieben, wie es von Ida und allen anderen in unserer Wohnung benannt wurde und hatte außerdem noch die Worte der Lehrerin beher-zigt, daß man am Wortende das ungesprochene "e" mitschreibt. Man kann sich denken, daß ich mich in Bezug auf meine erhoffte gute Zensur irrte, aber es kam noch schlimmer.
Als die Lehrerin die AufsĂ€tze zurĂŒckgab - wie immer die Arbeiten mit den guten Noten zuerst - glaubte ich, daß sie mein Heft vergessen hĂ€tte. Nachdem der schlechteste SchĂŒler sein Heft eingesteckt hatte, sagte die Lehrerin: "Kommen wir nun zu einem ganz besonde-ren Aufsatz." - "Huch", dachte ich, "so gut ist er ja nun auch wieder nicht!" und errötete vor Stolz. Indessen sprach die Lehrerin weiter: "Hier hat jemand eine ganz ausgefallene Wohnungseinrichtung. ErklĂ€re mir doch einmal, Seeger, was eine Anrichte ist?" Ich erklĂ€r-te. "Ahaa," triumphierte sie, "es handelt sich also um einen kleinen KĂŒchenschrank. Du hast soviel geschrieben, aber diese Formulierung war dir wohl zu lang? Dann heißt es "Koh-len-ka-sten", und nicht so, wie du das Wort verstĂŒmmelt hast. Auch heißt es "Gaskocher", das schreibst du zehnmal, ebenso das Wort "Radio", das schreibt man doch nicht mit j, man hört doch das i, oder bist du taub? Nun erklĂ€re mir bitte noch, was eine Kochmaschine ist." Ich sagte, daß die Oma den gemauerten Herd so nennt. "Siehst du," sagte sie heiter, "so hĂ€ttest du schreiben mĂŒssen. Es gibt keine Maschine, die kochen kann. Und nun komm nach vorn und schreibe das Wort "Kleiderspind" an die Tafel, "Spind" kommt ja in deinem Aufsatz mehrmals vor." Ich schrieb das Wort so an, wie ich es fĂŒr richtig hielt. Mit großer Befriedigung in der Stimme sagte sie: "Du hast dich tatsĂ€chlich nicht verschrieben. Das Wort heißt "Spind", es kommt nicht von "spinnen". Und außerdem bedeutet es Schrank, ihr habt SchrĂ€nke, nicht Spinde. Und "Vertiko" wird mit "v" geschrieben. Fremdwörter solltest DU lieber vermeiden. "Chaiselongue" enthĂ€lt gleich mehrere Fehler, deshalb mußt du das Wort auch nicht berichtigen, du hast an den anderen Fehlern wirklich genug zu tun. Nun noch das, was mich in die grĂ¶ĂŸte Verlegenheit gebracht hat: Was, bitte, ist ein "Rejelata"?"
Mein Gesicht glĂŒhte vor Scham. Was konnte ich dafĂŒr, daß Ida so sprach? Leise ant-wortete ich: "Det is die jroße Uhr." - "Aha, also eine Uhr, ein Re-gu-la-tor! Eine Uhr ist ebensowenig ein MöbelstĂŒck wie der Ofen, den du ja auch angefĂŒhrt hast." Ich erklĂ€rte, daß ich die Uhr fĂŒr ein Möbel ansah, weil sie aus Holz und fast zwei Meter hoch war. Die Lehrerin schĂŒttelte unduldsam den Kopf: "Uhr bleibt Uhr und ist kein Möbel. So muß ich dir fĂŒr Inhalt und Ausdruck die Note 4 geben, ebenso fĂŒr die Schrift."
Nun wollte ich erklĂ€ren, daß am Vortag ein MitschĂŒler meinen Federhalter aufgestaucht hatte, die Feder daher verbogen war und ich beim besten Willen nicht sauberer schreiben konnte. Mit honigsĂŒĂŸem LĂ€cheln fragte sie: "Du bist immer unschuldig, nicht wahr?" Mit einiger SchĂ€rfe in der Stimme fuhr sie fort: "Steh auf, wenn ich mit dir rede!" Solange durfte ich sitzen bleiben, jetzt sollte ich plötzlich aufstehen! Am liebsten hĂ€tte ich gesagt: "Jetzt versuche ich mit Ihnen zu reden, und ich weiß nicht, warum meine Klassen-kameraden mich nicht mögen!" Stattdessen erhob ich mich langsam aus der Bank, senkte den Kopf und schwieg. Sie gab mir mein Heft und sagte ĂŒberlegen: "Setz dich bloß wieder hin, du lahme Ente!"
Die Klasse johlte. Tagelang hieß es noch: "Die Seechern spinnt!"
Die Lehrerin hatte "Scheeselonk" im Ganzen unterstrichen, und ich wußte nicht, welche Buchstaben darin falsch waren. Sie hatte zwar gesagt, daß ich das Wort nicht berichtigen muß, aber ich erkundigte mich bei Irma nach der Schreibweise und schrieb es mit zu den berichtigenden Worten, zehnmal, wie die anderen.
Ein paar Tage spĂ€ter sagte die Lehrerin: "Ich habe mir gestern Eure Berichtigungen angesehen. Ihr habt das alle sehr gut gemacht. Seeger, komm doch mal an die Tafel und schreibe das französische Wort fĂŒr "Sofa" an die Tafel." Stolz schrieb ich es fehlerfrei an. Wieder hatten meine Klassenkameraden etwas zu lachen. FĂŒr sie hieß das "scheiße lang", und auf dem Heimweg hatte ich ihren Spottgesang: "Seecha, Seecha, scheiße lang!" zu er-tragen.
Warum hatte die Lehrerin mich vor den anderen so lÀcherlich gemacht?
Jahre spĂ€ter las ich in einem Roman, daß nichts eine Gemeinschaft so fest zusammen-hĂ€lt, wie gemeinsame Ziele, besonders, wenn sie sich gegen etwas oder Jemanden richten. Ich hatte also fĂŒr den Zusammenhalt des Klassenkollektivs gesorgt. Befremdlich ist nur die Tatsache, daß die Lehrerin sich zu diesem Zwecke das sozial schwĂ€chste Kind ausgesucht hatte. Niemals vergesse ich das hĂ€mische Grinsen in ihrem Gesicht ob ihres Erfolges. Jahrzehntelang sah ich meinen GesprĂ€chspartnern nicht ins Gesicht, aus Furcht, abermals solch einem niedertrĂ€chtigen LĂ€cheln zu begegnen.
Damals wußte ich - laut Ida - daß alles richtig ist, was Erwachsene tun. Ich maßte mir kein Urteil ĂŒber meine Lehrerin an. Ich habe sie nicht gehaßt oder verachtet. Ich war nur immer wieder verletzt durch ihr Verhalten. Es tat mir sehr leid, ihren Erwartungen nicht zu entsprechen, obwohl ich mir stets die grĂ¶ĂŸte MĂŒhe gab. Sie gehörte zu den Menschen, de-ren Gesicht ich vergaß, sobald sie mir den RĂŒcken zuwandten. So kann ich heute beim be-sten Willen nicht sagen, ob sie wirklich kurze, tiefschwarze Locken, einen dunkelrot ge-schminkten Mund, eine schlanke, drahtige Figur hatte und hohe Stöckelschuhe trug und etwa 35 Jahre alt war - ich habe diese Erscheinung im Unterbewußtsein und jedesmal, wenn eine Frau von diesem Äußeren in meinen Gesichtskreis tritt, bekomme ich ein Signal: "Vorsicht! Gift!" Aber ich bin als moderne Frau dahingehend aufgeklĂ€rt, daß es nichts Übersinnliches gibt, so muß mir jeder Mensch erst mal beweisen, daß er tatsĂ€chlich so ist, wie er aussieht. Und dennoch - wie oft und wie gerne - glaube ich dem schönen Schein!
Jedenfalls bat ich, aus der Schule genommen zu werden. Ida hatte mich auf mein Bitten ja auch aus der Vorschule genommen, weil ich mit den Kindern nicht zurechtkam. Ich war nicht in der Lage, mit Gleichaltrigen umzugehen. Gerade das sollte ich dort lernen, aber das wußte nur die AmtsĂ€rztin. Ich war es gewohnt, Befehle auszufĂŒhren und mein Spielzeug zu kommandieren. So war ich der absolute Außenseiter. Ich erinnere mich, daß die Erzieherin am ersten Tag sagte, ich könne mit jedem Spielzeug spielen, welches sich im Raum befindet. Nun hatte ein Junge von seiner liebsorgenden Mutter eine rotfunkelnde Feuerwehr mitbekommen. Ich wollte unbedingt damit spielen. Die sehr junge Erzieherin ĂŒberredete den Jungen, mir fĂŒr heute das Auto zu borgen und ich spielte den ganzen Tag mit dem Wunderauto. Am anderen Tag zischte mich der Junge an: „Det Auto bring ick nie wieder mit!“ und er wollte auch nicht mit mir und den anderen Autos spielen. Alle Kinder hatten lĂ€ngst eine BeschĂ€ftigung gefunden, ich stand ratlos im Raum. Die Erzieherin fĂŒhrte mich zur Puppenecke, wo ein großes Puppenhaus und viele wunderschöne Puppen aller GrĂ¶ĂŸen zu bewundern. Ich sah eine Weile zu und bemerkte, daß die MĂ€dchen nicht so mit den Puppen umgungen, wie ich es gewöhnt war. Sofort wollte ich das Kommando ĂŒbernehmen, denn eine Mutter geht nicht arbeiten und lĂ€ĂŸt ihr Kind allein. Die MĂ€dchen sagten: “Unsere MĂŒtter gehen arbeiten!“ und ich verstand die Welt nicht mehr. Wir stritten wie die Blöden, dann nahm die Erzieherin mich zur Seite, gab mir ein Bilderbuch und ich mußte stillsitzen, bis ich abgeholt wurde. Wie am Vortag fĂŒhrte die Erzieherin Beschwerde wider mich. So war es leicht, Ida zu ĂŒberreden, mich zu Hause zu lassen, auch, weil Grete L. bestĂ€tigte: „Vorschule is unwichtich!“ Doch nun biß ich auf Granit. „Et jibt jetz ne Schulflicht, du blödet Jör! Denkste woll, ick jeh uff meine alten Daare wejen dir int JefĂ€ngnis?“ Alles Heulen und betteln half nichts, ich mußte weiterhin die Schule besuchen.
Irgendwann im zweiten Schuljahr kamen drei Leute in unsere Klasse, die sich mit jedem Kind ausfĂŒhrlich unterhielten. Es ging um unsere körperliche Gesundheit und um unser seelisches Gleichgewicht. Der Arzt war mit meinem RĂŒcken nicht so recht zufrieden, aber ich versicherte ihm, daß mir nichts wehtat. Die Psychologin hielt sich ziemlich lange mit mir auf. Sie kam sogar am anderen Tag wieder, weil ihr eine meiner Bemerkungen keine Ruhe gelassen hatte: "Wenn ick die Ooren (Augen) janz feste zumache, denn seh ick Mon-nefratzn." Das war ein von Grete L. benutztes Wort fĂŒr karikierte Gesichter. Die Psycholo-gin bat mich, ihr so eine Fratze aufzuzeichnen und fand meine Produktion hochinteressant. Sie hatte Buntstifte mitgebracht und ich kritzelte freudig auf großem Zeichenpapier die entsetzlichsten Gesichter, die sich meine Phantasie ausmalte. Besorgt fragte die Psycholo-gin: "Hast du keine Angst vor denen?" - "Nee", lachte ich, "det sin doch nur Fratzn, die duhn jarnischt, da brauch ick keene Angst haam, da sin ja keene Arme un Beene, nur Oo-ren und manchma ne lange Zunge."
Als ich in die 3. Klasse ging, hatte ich im Mai eine schwere Grippe. Unser Hausarzt war gerade dabei, die Praxis an seinen Sohn weiterzugeben, so mußte ich zu einem anderen Arzt. In der Gustav-Adolf-Str. - Ecke Langhansstr. gab es einen Allgemeinmediziner, dort wurde ich hingeschickt. Ich hatte mir keinerlei BeschĂ€ftigung mitgenommen - ich wußte noch nicht, wie lange man in einem Wartezimmer warten kann, bis man aufgerufen wird - und blickte gelangweilt aus dem Fenster. Im gegenĂŒberliegenden Wohnhaus erspĂ€hte ich nach einiger Zeit eine meiner Klassenkameradinnen. Wir hielten ein kurzes GesprĂ€ch, kurz deshalb, weil ich laut rufen mußte, um mich verstĂ€ndlich zu machen. Einer der Patienten schloß das Fenster, um seine Ruhe zu haben. Als ich nach meiner Genesung wieder in die Schule kam und meinen Entschuldigungszettel abgab, den der Lehrer laut vorlas, keifte meine Klassenkameradin: "Die wah ja janich krank, ick hab ihr doch int jejenĂŒbaliejende Haus jesehn, wo se zu Besuch wa!" Ich sagte: "Ja, da wah ick zu Besuch bei n Aazt! Wenn de nachher zu Hause jeehst, kannst de det Aaztschild an det Eckhaus lesn. Det Waatezimma is jenau uff de Ecke, von da aus ham wir uns untahaltn." Erstmalig hatte ich mich erfolgreich verteidigt! Aber ich war stark enttĂ€uscht von dieser Klassenkameradin, die sich so freundlich mit mir von Fenster zu Fenster unterhielt und mich dann der LĂŒge bezichtigte! Auch wunderte ich mich darĂŒber, daß sie augenscheinlich nie soviel Interesse aufgebracht hatte, das große Emailleschild durchzulesen, an welchem sie tĂ€glich mindestens zweimal vorĂŒberkam. Der Lehrer unterbrach: "PrivatgesprĂ€che finden nach Schulschluß statt". NatĂŒrlich sprach
Etliche Tage spĂ€ter wurde ein wenig beliebter SchĂŒler vom Deutschlehrer stark gelobt, weil er seine Schrift erheblich verbessert hatte. Alle standen um seine Schulbank herum und bewunderten die Leistung. Nun wurde auch ich neugierig und warf einen Blick in das Heft. Was ich sah, entsetzte mich. Hatte denn dieser Junge zu Hause niemanden, der ihm das Heft solange um die Ohren schlug, bis er ordentlich schreiben konnte? Was da gelobt wur-de, waren kaum entzifferbare Krakel, der Junge konnte unmöglich vorher noch unleserli-cher geschrieben haben! Zornig nahm ich seinen Bleistift und rief: "Weeßte, wat de dafor vadient hast? Dette!" und strich das Geschriebene so heftig durch, daß die Heftseite riß. Der Junge begann zu weinen und sofort tat er mir leid. Es tat mir leid, was ich getan hatte. Der Lehrer packte mich am Kinn und schĂŒttelte mich, daß ich den Boden unter den FĂŒĂŸen verlor. Er schimpfte mich aus und wandte sich dann ab. Von meinen Klassenkameraden wurde mir Klassenkeile angedroht. In der Pause berieten sie miteinander und beschlossen, daß der geschmĂ€hte SchĂŒler mir eine Ohrfeige geben darf. Ich lief nicht davon, sondern nahm meine Strafe - die ich als gerecht empfand - an. Doch als er mir eine weitere Ohrfeige verpassen wollte, setzte ich mich zur Wehr und besiegte ihn. Die MitschĂŒler akzeptierten es. Ich ging heim, unsicher, ob ich mich oder die anderen verachten soll oder darf.
Da wir im dritten Schuljahr eine neue Klassenlehrerin bekamen, erfuhren wir zur Weih-nachtszeit, was "Julklapp" ist und die Klasse beschloß, einen Julklapp durchzufĂŒhren. Auch ich zog begeistert ein Los. Ida schimpfte: "Ick hab doch keen Jeld nich for Jeschenke for fremde Jörn, du deemlijet Kamel!" Am anderen Tag versuchte ich, mein Los zurĂŒckzuge-ben, aber die Lehrerin sagte: "Du wirst dich doch nicht aus dem Klassenkollektiv ausschlie-ßen wollen! Deine Oma wird wohl wenigstens fĂŒnfzig Pfennig ĂŒbrig haben!" So ĂŒberredete ich Ida beim nĂ€chsten Einkauf, daß sie als Julklapp-Geschenk eine Schachtel Pfefferku-chenherzen kauft. Diese Schachtel war gestaltet wie das Hexenhaus aus "HĂ€nsel und Gre-tel" und ich hĂ€tte selbst allzugern eine solche Schachtel gehabt, wagte aber nie, darum zu bitten. Irma wickelte mir die Schachtel in Geschenkpapier ein und band auch eine schöne Schleife darum, nachdem sie gesehen hatte, daß ich das Geschenk in grobes Packpapier eingeschlagen und einen Schnips-gummi zur Befestigung verwendet hatte. Das waren die Materialien, die ich von Ida bekommen hatte. Als ich mein Geschenk in den Julklapp-Sack versenkte, sah trotz aller Vorsicht jeder, was ich da zu verschenken gedachte. Ein Junge sagte: "Die hat wirklich nur fuffzich Fennich ausjejeben!" Ein MĂ€dchen rief daraufhin: "Na, wehe dir, wenn ick det krieje! Ick hau dir det solange um de Ohrn, bis de weeßt, wat sich jehört!" Ich schĂ€mte mich unendlich und war böse auf die Lehrerin, die mich nicht vom Julklapp befreit hatte. Das Geschenk, das ich erhielt, habe ich unausgewickelt dem Kind gegeben, welches schon ĂŒber das billige Pfefferkuchenhaus weinte. So war ich vor der Klasse rehabilitiert. In den nĂ€chsten Jahren verschenkte ich BĂŒcher, die ich zu Weihnachten oder zum Gebrtstag bekommen hatte. Da ich sie pfleglich behandelte, sahen sie wie neu aus. In der sechsten Klasse bekam ich zum Julklapp etwas, das wie gekauft aussah. Es han-delte sich um ein "NĂ€h-Karussel". Acht Spulen NĂ€hgarn und -seide waren zwischen einer Trommel befestigt, auf welcher ein Nadelkissen trohnte. Doch in jenem Jahr hatte ich gera-de entdeckt, daß ich genauso herumtoben kann wie ein Junge und interessierte mich nicht im geringsten fĂŒr NĂ€harbeit, fĂŒr die ich ja laut Ida auch viel zu dĂ€mlich war. Der Junge, der mir das Geschenk gemacht hatte, bemerkte meinen abfĂ€lligen Blick und fragte: "GefĂ€llt es dir nicht?" Ich klĂ€rte ihn auf. Er sagte: "Aber das habe ich selbst gemacht!" Nun bewunder-te ich seine Kunstfertigkeit und versprach, das Geschenk in Ehren zu halten. Doch in der nĂ€chsten Heizperiode nahm Ida das kleine Kunstwerk auseinander, tat die NĂ€hutensilien in ihr NĂ€hkistchen und steckte das verbleibende Holz in den Ofen.
In der vierten Klasse bekamen wir einen neuen Zeichenlehrer. WĂ€hrend wir zeichneten, ging er von Tisch zu Tisch und half uns bei der perspektivischen Darstellung. Bei mir hatte er nichts zu helfen. Wir sollten ein FabrikgebĂ€ude zeichnen, welches spĂ€ter mit Tusche ei-nen realistischen Anstrich erhalten sollte. Ich verpaßte meiner Fabrik einen Anstrich, den ich aus hellrot und lila zusammengemischt hatte. Die meisten meiner Klassenkameraden hatten grau oder gelb gewĂ€hlt, ich aber hatte genau den Farbton getroffen, den Fabriken aufwiesen. Das Lob des Lehrers und die gute Zensur freuten mich jahrelang.
Weil ich so gerne sang, trat ich - gerade zehnjĂ€hrig - dem Schulchor bei. Es ging mir im Wesentlichen darum, mit anderen zu singen. Ich stillte hier mein kindliches Harmoniebe-dĂŒrfnis (das ĂŒbrigens noch heute in mir wach ist. Ich möchte lieber blind sein, als tĂ€glich die mit Graffittis "verzierten" WĂ€nde zu sehen.). Ich war sehr glĂŒcklich, im Schulchor neue Lieder zu lernen, Lieder, die ich bei Ida nie kennengelernt hĂ€tte. Deutsche Volkslieder, Lie-der anderer Völker, Lieder von Völkerfrieden und Menschenliebe.
Meldete ich mich bei Ida zur Chorstunde ab, sagte sie grinsend: "Jaja, jeh sing." Bei Familie L. war "jeh sing" eine höfliche Umschreibung fĂŒr "verpiß dich". Ich versĂ€umte kei-ne Übungsstunde und gehörte zwölfjĂ€hrig zum Kreise derjenigen, die öffentlich auftreten durften. Wir sangen zur Einschulung der ErstklĂ€ssler, zur Jugendweihe, zum Schulabgang und in Altersheimen. Ein wahres GlĂŒcksgefĂŒhl durchströmte mich, mit Fug und Recht die BĂŒhne betreten zu dĂŒrfen! Mit dem Chor. Niemals hĂ€tte ich allein eine BĂŒhne betreten, selbst dann nicht, wenn keine Zuschauer in der NĂ€he waren! Und ich achtete darauf, nicht zu sehen zu sein, wenn ich auf die BĂŒhne kam bzw. sie verließ. Ich wußte, daß ich ein "Trampel" bin und wollte den Chor nicht diskreditieren. Es genĂŒgte mir, dabei zu sein. SpĂ€ter schob man mich in die zweite, dann gar in die erste Reihe, weil ich so klein war.
Die Schulkinder der DDR wurden seinerzeit klassenweise regelmĂ€ĂŸig zu Zahnarzt ge-fĂŒhrt. Jahrelang registrierte der Arzt, daß bei mir alles einwandfrei ist. Ich war stolz auf meine tadellosen ZĂ€hne. Aber am Tag des Zahnarztbesuches in der sechsten Klasse hatte ich sie nicht geputzt. Der Schulzahnazrzt fĂŒhlte sich bemĂŒĂŸigt, mir eine Plombe einzuset-zen. Ich hatte zeitlebens nur einmal Zahnschwierigkeiten - als mir ein "Weisheitszahn" wuchs. Er mußte gezogen werden. Jener vom Schulzahnarzt sanierter Zahn verlor nach einigen Wochen seine FĂŒllung und hat mir niemals irgendwelche Schwierigkeiten gemacht, außer, daß ich die Essenreste aus ihm herausklauben muß. Aber meine Schulkameraden waren damals recht schadenfroh - die Seechern hat n kaputten Zahn! Gerade war ich dabei, in der Klasse Freunde zu gewinnen, und dann das! Wenn ein Zahn krank ist, macht er im-mer wieder Schwierigkeiten. Jener Zahnarzt hat mir einen gesunden Zahn angebohrt und mich gleichzeitig - ohne es zu wissen oder gar zu wollen - meines Prestiges in der Schul-klasse beraubt.
In der 5.Klasse wurden wir zum Schwimm-Unterricht in die Gartenstraße gefĂŒhrt. Gar-tenstraße - welch romantischer Name fĂŒr eine Straße, in welcher lediglich ein paar BĂ€ume standen! Meine MitschĂŒler waren undiszipliniert wie immer, die Straßenbahnfahrt also stressig fĂŒr mich. Ich bemitleidete die uns begleitende Lehrerin, die vergeblich versuchte, Disziplin herzustellen. In der - ĂŒbrigens Ă€ltesten Badeanstalt Berlins - angekommen, hatten wir uns in der dritten Etage zu entkleiden und dann nackt ins Parterre zu gehen, wo wir uns duschen sollten, bevor wir in die BadeanzĂŒge schlĂŒpfen. Ich wurde in die Ă€ußerste Ecke gedrĂ€ngt, bis ich mich ausziehen konnte. Ich wollte sehr gerne schwimmen lernen, schwim-men zu können betrachtete ich als heldenhaft. Ich erschrak, als ich Nacke-dei im Treppen-haus den gewöhnlichen Besuchern der Badeanstalt begegnete. Rasch lief ich nach unten zu den Duschkabinen. Keine war fĂŒr mich frei. Ich bog um die Ecke, weil ich von dort Dusch-gerĂ€usche hörte und stand plötzlich im Duschraum fĂŒr MĂ€nner. Ich kehrte beim Anblick eines nackten Mannes sofort um, es war mir klar, eine Grenze ĂŒber-schritten zu haben. End-lich fand ich eine freie Kabine und duschte mich rasch, denn meine Klassenkameraden wa-ren lĂ€ngst fertig. Der Schwimmlehrer betrachtete uns und stellte fest, daß ich nicht ganz sauber war. Er schickte mich zurĂŒck in die Dusche. Ich wusch mich mit aller Kraft und kehrte zum Beckenrand zurĂŒck. Der Schwimmlehrer hatte inzwischen einiges an Theori-e verlauten lassen, bei meiner RĂŒckkunft standen meine Klassenkameraden noch am Ort. Nun betrachtete er mich und sagte, daß meine FĂŒĂŸe immer noch nicht sauber seien. Ich hatte im Sommer auf den nackten FĂŒĂŸen Sandalen getragen, so hatten sie Streifen. Er rief eine Frau, die mich Dreckschwein waschen sollte. Sie wusch mich und ich heulte. Als ich nun an den Beckenrand trat, waren alle mit dem "Trockenschwimmen" fer-tig und wir durften ins Wasser. Ich bekam einen Schwimmring und durfte im Wasser plant-schen. Den Unterricht hatte ich verpaßt. Auf dem Heimweg wurde ich von meinen Klas-senkameradinnen böse beschimpft, weil ich so eine ausgespro-chene Drecksau war. Ich hat-te zu jener Zeit nĂ€mlich eine sonderbare PigmentverfĂ€rbung: Auf meinem Bauch befand sich ein nahezu senkrechter Strich, die linke Bauchseite war dunkler als die rechte und obendrein fleckig. Da half kein Waschen und kein Baden, die VerfĂ€rbung blieb. Ich hatte schon hĂ€ufig daran herumgeschrubbt, aber außer einer Rötung der Haut nichts erreicht. Ich schĂ€mte mich so sehr fĂŒr meinen fleckigen Bauch, daß ich mit keinem Wort meine Klassen-kameraden oder gar den Schwimmlehrer aufklĂ€ren konnte. Auch hĂ€tte ich zum Beweis den Bauch herzeigen mĂŒssen, dazu war ich nicht gewillt, weil sich meine Brust bereits entwic-kelte. Ich war mit keiner meiner Klassenkameradinnen so vertraut, daß ich ihr meinen Bauch gezeigt hĂ€tte.
FĂŒrderhin erfand ich Ausreden, wenn "Schwimmen" angesagt war. Ich wollte nicht als Nackedei auf einer Hintertreppe besichtigt werden, ich wollte nicht als Dreckschwein gel-ten - ich gab den Wunsch auf, schwimmen zu lernen. Als ich an einem Tage keine Ausrede wußte, stieg ich sogar aus der Straßenbahn heimlich wieder aus und lief nach Hause. In diesem Jahr erhielt ich fĂŒr das Fach "Körpererziehung" die Note 5.
Die Lehrerin hatte zu uns ZwölfjĂ€hrigen gesagt: „Nehmt Euch etwas zu trinken mit. Es wird ein heißer Tag und wir haben eine sehr lange Wanderung vor uns. Wer kann, sollte sich zwei Wanderflaschen mitnehmen.“ Wir besitzen keine Wanderflasche. Gerne hĂ€tte ich so ein durchsichtiges, halbrundes PlastedgefĂ€ĂŸ mit aufgeschraubtem Trinkbecher gehabt oder besser noch eine Thermoskanne, die laut Aussage der Lehrerin das GetrĂ€nk angenehm kĂŒhl gehalten hĂ€tte. Aber Ida hatte nie Grund, solche Dinge anzuschaffen und meinetwegen wird sie es auch nicht tun, und wenn es noch so preiswert ist.. Ob L.s vielleicht eine Wanderflasche zu verborgen haben? Grete L.antwortete: „Nee, aba hier haste ne Schnapsflasche, da jeht ooch viel mehr rin!“ – „Aber das Etikett?“ gab ich zu bedenken. „Det jeht mit Wassa ab.“ WĂ€hrend ich auf dem nassen Etikett herumschabte, dachte ich: „Meine Klassenkameraden werden mich ganz schön auslachen, wenn sie sehen, woraus ich trinke! Ich werde mich blamieren bis auf die Knochen! Ich geh einfach nicht mit zum Wandertag. Ich schreibe mir einen Entschuldigungszettel und fahre zum MĂŒggelsee und plansche an einer wilden Badestelle. Oma muß mir fĂŒr die S-Bahn sowieso Geld geben.“ Dann redete ich mir ein, daß ich alleine am MĂŒggelsee viel mehr Spaß haben werde als bei einem Klassenausflug. UND – kurz, bevor ich den Heimweg antreten wollte, spĂŒlten die Wellen eine fast neue Wanderflasche vor meine FĂŒĂŸe!
In der 7. Klasse hatte ich viel Spaß am Chemie-Unterricht. Die Bezeichnungen der Ele-mente regten meine Phantasie an. Ich bemĂŒhte mich, alle Elemente mit Namen benennen zu können (ich kann noch heute innerhalb von fĂŒnf Minuten 70 - 80 chemische Elemente nen-nen). Ich saß in der Stube und paukte mir die Bezeichnungen ein, sagte sie laut auf wie ein Gedicht. Ida kam aus der KĂŒche: "Wat quasselst du denn hier die janze Zeit? Ick dachte schon, du hast hier heimlich dein Bruda rinjelassn!" Ich antwortete leichthin: "Ick lerne die Elemente." - "Wat, un dafor brauchst de so lange? Die Elemente heißn Feua, Wassa, Luft un Erde, dafor braucht man doch bloß eeen mal Luftholn!" Ich grinste: "Ja, Oma, im Mittelalter war det so. Nu hat die Wissnschaft festjeschtellt, det diese vier Elemente jar keene sind, sondan aus viele kleene Teilchen zusammjesetzt sind. Et sind ne Menge neue Elemente entdeckt worden. Wassa z.B. beschteht aus zwee Elemente und die Luft aus einem Jasjemisch." - "Wat? Aus Jas? Jas is doch jifftich, du blödet Kamel, det kann doch jar nich sin!" entgegnete sie erregt. "Ja, Oma, du hast schon recht, jedet Jas einzeln is jifftich, aba in der richtjen Mischung is et ehmd tatsĂ€chlich atembare Luft. Die Wissenschaft . . ." Sie unterbrach mich unwirsch: "Die Wissenschaft hat festjeschdellt, det Marmelade Fett enthĂ€lt, ja, ja. Un wozu wird dir det nu nĂŒtzn, det de det weeßt, wie det neue Zeuch allet heeßt?" - "Na, is et nich schön, zu wissen, wat die Welt im Innersten zusammenhĂ€lt?" - "Komm du - olle Kuh - mir nu - nich noch mit Jööte!" rief sie erbost und entschwand wieder in die KĂŒche. Ich amĂŒsiere mich noch heute darĂŒber, daß sie unbewußt rhytmisch gesprochen hatte.
In der achten Klasse gelang es mir endlich, mit einigen meiner Klassenkameraden zu reden. Ich beteiligte mich an den Mutproben der Jungen und es gab MitschĂŒler, die bei mir "abschreiben" wollten. Ich wies sie ab, denn Schummeln hilft nicht, die PrĂŒfungen zu bestehen. Ich sagte ihnen: "Wenn du vor der PrĂŒfungskommission stehst, dann mußt du das wissen, dann mußt du das können! Es nĂŒtzt dir nichts, wenn du es bei mir abschreibst, davon kommt es nicht in deinen Kopf! Du mußt es selber lernen, selber essen macht fett, selber lernen macht schlau!"
In der achten Klasse bekamen wir einen Klassenkameraden, der seinen Sitzplatz schrĂ€g vor mir hatte. Er war ein stiller Junge, tobte in den Pausen nicht herum wie die anderen, sondern blieb - genau wie ich - auf dem Platz sitzen. So kamen wir schließlich ins GesprĂ€ch miteinander. Er stotterte stark, das war der Grund, weshalb er sich nie meldete. Er teilte mir sein großes Bedauern ĂŒber diese Benachteiligung mit und ich erwiderte: "Wenn du singst, dann stotterst du nich. Wie wĂ€re et denn, wenn du beim Sprechen an eene Melodie denkst? Sprich langsam und denk an eene Melodie, vielleicht klappts." Und es funktionierte tatsĂ€chlich! Der Junge verbesserte seine Zensuren und wurde fröhlicher.
Ich hatte nicht das GefĂŒhl, in meinen Klassenkameraden Freunde gewonnen zu haben. Ich wurde akzeptiert, wie ich sie akzeptierte. Bei den MĂ€dchen war das etwas schwieriger. Die, die ich gern nĂ€her kennengelernt hĂ€tte, wiesen mich mit aller HĂ€rte ab. Und die anderen, die Farblosen, interessierten mich nicht. Sie versuchten aber auch nicht, Kontakt mit mir aufzunehmen. Wenn der Unterricht vorbei war, eilte jede stracks nach Hause. Ich auch. Nach Schulschluß kannte ich meine Klassenkameraden nicht mehr.


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Old Icke

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Liebe oldicke


jetzt muss ich zuerst einmal tief durchatmen und das gelesene sinken lassen. Eine tolle Leistung, witzig geschrieben und detailliert ausgeschmĂŒckt. Du hast ein sagenhaft gutes GedĂ€chtnis. Kompliment!
Deine Texte verdienen es unbedingt, veröffentlicht zu werden. Du wolltest doch diesbezĂŒglich Kontakt aufnehmen, also ran an die Buletten, oder wie sagt man auf berlinerisch?
Es grĂŒĂŸt dich ganz lieb
Willi

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flammarion
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vielen dank, lieber willi. leider finde ich meine geschichte immer noch nicht richtig ausgereift, um die einem verlag anzubieten.
auf berlinisch sagt man auch "ran an den speck" oder "ran an den pißtopp, wer n jewinnt, sĂ€uft n aus", je nachdem, in welcher gesellschaft man sich befindet. ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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danke

ja, danke, flammarion!
als der junge, der lange schulzeit vorn an der eselsbank sitzen mußte, langen und innigen dank fĂŒr deine zeilen.

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flammarion
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vielen dank fĂŒrs lesen, lieber norbert. lg
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Hallo flammarion,

kaum erscheint hier eine Geschichte ĂŒber die gute alte Schulzeit, schon melden sich die etwas reiferen Herren, um dir fĂŒr diese wirklich ganz tolle Geschichte? ErzĂ€hlung? Kapitel aus deinem Leben? das gebĂŒhrende Lob zu zollen.
Also Norbert und Willy:

So sei ich, gewÀhrt mir die Bitte,
in eurem Bunde der Dritte!"

Ja, flammarion - eine schöne und zugleich sehr nachdenklich stimmende ErzĂ€hlung. Unter all deinen bisher geposteten Kapiteln deiner Memoiren, nimmt dieses hier auf alle FĂ€lle einen Spitzenplatz ein. Es ist vor allem die Art, wie Du sie erzĂ€hlst, die mich so stark (hier darf ich das in der Lupe so oft strapazierte Wort mit Fug und Recht anwenden) berĂŒhrt hat. Es war nicht nur das, was mir selbst so vertraut vorkam. Es war vor allem das, was ich so nicht erleben mußte. Auch bei uns gab es MitschĂŒler, die nur wenig Sympathie bei ihren Klassenkammeraden genossen, die abseits standen und hin und wieder unter HĂ€nseleien gelitten haben. Ich selbst habe mich wissentlich nie an solchen Taten unter dem Motto "Immer noch eens druff" beteiligt, aber ich habe auch nichts getan, um solchem Tun entgegen zu treten. SpĂ€testens beim Lesen deiner Geschichte begann ich mich ein wenig dessen zu schĂ€men.

Gruß Ralph
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