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Leselupe.de > Kurzgeschichten
ausgependelt
Eingestellt am 10. 05. 2013 00:35


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Hagen
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ausgependelt

Normalerweise sitzen vier bis sechs MĂ€nner am ersten Freitag des Monats bei mir im Keller - von meiner lieben Lydia respektvoll 'Deine Gruft' genannt - um den Tisch, rauchen Zigarillos, essen Chips, nehmen hin und wieder mal einen Schluck Schwarzbier oder Whisky, machen markige Gesichter und SprĂŒche wie: 'Poker wird mit zweiundfĂŒnfzig Karten und sechs Revolvern gespielt', halten schon mal das eine oder andere PĂ€rchen in der Hand und behaupten per Körpersprache, sie hĂ€tten eine Kreuzstraße bis zum Ass.
Das geht zwar hin und wieder mal schief, doch manchmal kommt man mit einem Bluff durch; - genau wie im richtigen Leben. Und genau wie im richtigen Leben immer alle Katastrophen auf einmal kommen, saßen Guntram und ich eines Freitag alleine in der Gruft, lauschten Dave Brubeck, öffneten schon mal die ersten Flaschen Schwarzbier und stellten fest, dass das von unserer Pokerrunde mĂŒhsam hochgehaltene MĂ€nnlichkeitsbild ein wenig im Begriff war zu bröckeln, denn einer besagter Runde hatte eine neue Freundin und sich deshalb entschuldigt.
War natĂŒrlich ein Streitfall, und dass einer wegen eines speziellen Ersatzteils fĂŒr seinen Impala, ein liebevoll gepflegter Oldtimer, nach SĂŒddeutschland musste, sahen wir ein. Jedoch ĂŒberhaupt nicht, dass einer mal wieder mit seiner Frau essen gehen wollte; - noch dazu vegetarisch, und dass noch einer seinen Pullover fertig stricken musste, weil er seiner Frau versprochen hatte, sie zum Strickclub zu begleiten und bis dahin seinen Pullover fertig haben wollte, fanden wir schlicht und einfach Scheiße.
Nicht weil er sich seinen Pullover selber strickte, denn wenn ein Mann meint, sich einen Pullover selber stricken zu mĂŒssen, damit am Schluss etwas Ordentliches dabei herauskommt, dann soll er das tun, aber er hat seine Planung so vorzunehmen, dass der monatliche Pokerabend dabei einbezogen wird, ĂŒberhaupt hatte der Typ beim letzten Mal alkoholfreies Bier mitgebracht, obwohl er nicht fahren musste; - es hĂ€tte nur noch gefehlt, dass er beabsichtigte, bei den deutschen Stickmeisterschaften mitzusticken; - von Frauen vorgegebene BlĂŒmchenmuster und so.
Guntram begann sich eine Zigarette zu drehen, obwohl er eigentlich aufhören wollte zu rauchen, wegen seiner Frau, die in der letzten Zeit mÀchtig auf dem Trennkosttrip und gegen das Rauchen war, weil es im Trend lag.
"Weißt du", sagte er, "Gerda war letztens auf einem Wochenendseminar ‘Pendeln fĂŒr Frauen‘. Seit dem pendelt sie alles aus. Sie hat ausgependelt, dass Rauchen, Alkohol und Fleisch nicht gut fĂŒr mich sind."
"Und wie stehst du dazu? Eigentlich solltest du am besten wissen, was fĂŒr dich gut ist."
"Sicher, bloß wenn ich mir ein Steak brate und dazu ein Bier trinke, muss ich mir stundenlange Diskussionen und Belehrungen anhören; - und das ist es mir auch nicht wert."
"Weißt du was", sagte ich und nickte mitfĂŒhlend, "ich hab eine voll ausgerĂŒstete transportable KĂŒche. Wie wĂ€r's, wenn wir die morgen ins Auto laden und irgendwo hinfahren, wo es schön ist? Nachmittags trinken wir dann Kaffee und abends braten wir uns Steaks, so richtig englisch, trinken ein paar ausgesuchte Biere dazu, hören schöne Musik dabei - Duke Ellington oder so - und nĂ€chtigen sodann unter BĂ€umen."
"Wieso unter BĂ€umen?" fragte Guntram, "ich hab' ein Zelt, ein Steilwandzelt fĂŒr vier Personen."
"Wie lange brauchst du um das aufzubauen?"
"Das weiß ich nicht. Ich hab's noch nie aufgebaut. Gerda hat's geschenkt gekriegt, von einer Freundin, die da irgendwie nicht mit klargekommen ist, weil sie als erstes aus mir unverstĂ€ndlichen GrĂŒnden die Aufbauanleitung weggeworfen hat."
"Das wĂ€re mal eine interessante Aufgabe, aber mir wĂ€re die Zeit zu schade, außerdem schlafe ich gern unter freiem Himmel. Mach so, wie du meinst, dass es gemacht werden muss. - Wir frĂŒhstĂŒcken dann richtig schön - Ham and Eggs oder so - und besichtigen anschließend ein Museum. Ich schlage das Hubschraubermuseum in BĂŒckeburg vor. - Aber wir sollten nicht zu viel planen, denn nichts endet wie geplant."
Guntram stimmte mir zu und wir gingen uns die KĂŒche ansehen. Auch die fand er toll, beanstandete jedoch zunĂ€chst, dass sie keinen Topf beinhaltete.
"Wozu einen Topf? Willst du etwa ein SĂŒppchen kochen? Womöglich eine GemĂŒsesuppe, die stundenlange Vorbereitung erfordert, wie Schnittlauch schnibbeln? Aus diesem Grund gibt es auch keine Suppenteller in der KĂŒche."
"Stimmt. Wir wollen ja Steaks zubereiten. - Äh, du hast vorhin was von Musik erzĂ€hlt?“
"Jep. DafĂŒr habe ich eine sogenannte High-Tech-Kiste mit CD-Spieler, Lautsprechern, einer Lampe und leistungsstarker Autobatterie. In einer weiteren Kiste hier befinden sich zwei weitere Laternen, StĂ€nder fĂŒr die Lautsprecherboxen sowie die Möglichkeit zwanzig Musik-CDs mitzufĂŒhren."
"Klasse!"
Guntram zeigte unverhohlene Begeisterung, als er sich auch diese Kiste ansah, "dann besorg' ich morgen einen Kasten Bier!“
"Nicht ĂŒbertreiben, wir wollen uns ja nicht betrinken, sondern niveauvoll einige Biere verkosten. Ich habe noch ein Köfferchen, welches zwei GlĂ€ser mit Griff an der Seite und Platz fĂŒr acht Dosen Bier einschließlich KĂŒhlkörper beinhaltet. Ich denke, wir erwerben verschiedene gute Biere, die wir dann im Laufe des Abends bei einem guten, hochphilosophischem GesprĂ€ch und einer Partie Schach verkosten werden."
"Genauso machen wir das", sagte Guntram und wir gingen ins Wohnzimmer, unsere Frauen von dem Vorhaben informieren.
Die liebe Lydia meinte nur, ich sollte vorher tanken, aber Gerda wollte alles ganz genau wissen, wo wir hin wollten, was wĂ€re, wenn es regnen wĂŒrde, ob wir sie nicht hĂ€tten eher fragen können, wenn wir unbedingt zelten wollten, könnten wir das ja auch hinten im Garten machen, und wir sollten man lieber in die Heide fahren und da wandern, das wĂ€re doch viel schöner, und wir sollten ja den MĂŒll ordentlich trennen und entsorgen, und so weiter.
Ich ging wieder in die Gruft, baute die Schachfiguren auf und öffnete mir ein Bier. Als ich das zweite Bier in ein Glas goss, kam Guntram wieder und wirkte etwas genervt.
"Geht klar", murmelte er tonlos und griff sich auch ein Bier, "man, wir machen doch keine Expedition ins Amazonasgebiet! - Hier, das Amulett hat sie mir gegeben, es soll mich schĂŒtzen und mir 'Happiness' bringen. Naja. - Holst du mich morgen um zehn ab?"
"Klar", sagte ich und deutete auf das Schachbrett, "möchtest du schwarz oder weiß?"

Klar dass ich Guntram pĂŒnktlich abholte, nachdem ich die komplette AusrĂŒstung einschließlich gefĂŒlltem Wasserkanister fĂŒr den Kaffee und Köfferchen fĂŒr das Bier eingeladen hatte. Einige umweltfreundliche JutesĂ€cke hatte er noch mit und schmiss sie grimmigen Blickes nach hinten.
"Warme Pullover, ein Pyjama, entkoffeinierter Kaffee, Dinkelkekse mein Gott, das macht mich krank, dieses Zeugs!"
Ich grinste und steuerte den nÀchsten Supermarkt an. Guntram war nicht mehr zu halten als wir ausstiegen und uns Einkaufswagen holten.
"Übernimmst du das Bier, und ich die anderen Lebensmittel, ja? Wir treffen uns dann an der Kasse."
Ich nickte, rollte das GetrĂ€nkeregal an und traf dort die Auswahl, was das Bier betraf, so richtig niveauvoll vom Schwarzbier ĂŒber dunkles bis hin zum Lager. Als ich mich an der Kasse anstellte, kam Guntram auch schon entlang und deutete etwas verschĂ€mt auf einen Karton Sahnetörtchen.
"Ich habe einen totalen Beat auf Sahnetörtchen, so richtig fies in Vollfettstufe und Schokolade drauf. Sag's bitte keinem weiter, weil richtige MĂ€nner essen keine Sahnetörtchen.“
"Ehrensache!"
Nach der Kasse luden wir ein und fuhren los.
"Hier", sagte Guntram, kaum dass wir auf der Autobahn waren, "ich hab' drei Sorten Tabak besorgt: American Blend, halfzware Shag und einen schönen Schwarzen. Woraus soll ich dir eine drehen?"
"Halbschwarz bitte. Schwarzer ist fĂŒr nach dem Essen und Blend so gegen Abend und am frĂŒhen Morgen. Aber entscheidend ist die jeweilige GemĂŒtslage."
"Yep! Genauso sehe ich das auch. - Magst du Eartha Kitt?"
"Klar. Hast du die mit? Dann rein damit!"
Guntram schob eine CD ein, lehnte sich zurĂŒck und begann Zigaretten zu drehen. Die Musik passte zu unserer Stimmung; - ein wenig rau, ein wenig sentimental und ein wenig wie bei der Testamentseröffnung eines ziemlich unbekannten Verstorbenen. UngefĂ€hr eine CD-LĂ€nge und etliche BSE-Witze spĂ€ter, die wir angesichts der Tatsache, dass Guntram Steaks gekauft hatte, rissen, verließen wir einvernehmlich und ohne Diskussionen die Autobahn, suchten noch schnell einen Fastfoodfreßplatz auf, um zu frĂŒhstĂŒcken und fuhren sodann genau zwischen zwei Dörfern erst eine winzige Straße und sodann einen Waldweg entlang.
"Weißt du", sagte Guntram, "eines Tages werde ich an eine Frittenbude gehen, mir Pommes, so richtig fett, und Currywurst einpacken lassen, eine Dose Cola dazu, und dann esse ich das alles wĂ€hrend der Fahrt. Und dann", Guntram zog die Unterlider in die Höhe, kniff den Mund zusammen und nickte ein paarmal, "knĂŒll ich die Verpackungen zusammen und schmeiß' sie einfach aus dem Fenster!“
"Tja", pflichtete ich ihm bei, "WunschtrÀume! - Aber sowas machen wir nicht. - Was hÀltst du von der Wiese dort, die, die sich idyllisch an den Waldrand schmiegt?"
"Sieht gut aus", sagte Guntram, "schauen wir mal."
Wir schauten. Die Wiese war wirklich optimal, dicht am Waldrand - ohne ein ZĂ€unchen – ein murmelndes BĂ€chlein und weder von der Straße noch von einer menschlichen Behausung aus einzusehen.
"Hier stört uns niemand", nickte Guntram, "packen wir aus."
"Sag's nicht so laut", grinste ich, "ein Erfahrungswert von mir ist: Wenn die Möglichkeit besteht, dass zwei Ereignisse eintreten können, stets das Schlimmere von beiden eintritt!“
"Ach, Du immer mit deinem Pessimismus! Alles nur eine Frage der Planung."
"Wir wollten ja nichts planen, denn wenn man plant, muss das so getan werden, dass es der schlimmsten Form der UmstĂ€nde widerstehen kann. - Aber wollen wir jetzt schon philosophieren oder die AusrĂŒstung auspacken?"
Guntram wollte jetzt auspacken und spĂ€ter philosophieren. Wir nickten uns zu und zeigten uns die erhobenen Daumen. Das war's. Kaffee kochen, richtigen Kaffee, inzwischen ausladen, bei der 'Musik fĂŒr einen König' von HĂ€ndel aufbauen, das Bierköfferchen in den kĂŒhlen Farn am Fuße einer Eiche legen und einige Sahnetörtchen zu uns nehmen, dazu richtigen, frischen Kaffee. War schon schön, wenn auch etwas unmĂ€nnlich, kaffeetrinkender und sahnetörtchenessender Weise unter einem Baum zu sitzen und in die Sonne zu blinzeln, dazu guten alten Rockabilly; - Guntram hatte eine CD von Brian Setzer mitgebracht. Wir spielten - als die Sahnetörtchen vertilgt waren - Schach bis sich die Sonne anschickte, den Horizont zu kĂŒssen, und da fiel uns auf, dass wir noch keinen Bierdurst entwickelt hatten, aber ein Köfferchen mit, welches dieses Nass in mannigfaltiger Auswahl beinhaltete.
"Und die Steaks sollten wir langsam mal zubereiten", sagte Guntram.
"In der Tat", antwortete ich, "aber vorher nehmen wir noch ein schönes Bier zu uns. Export? Pils? Lager? Schwarz? Stout? Porter? Bock?“
"Da geht mir ja richtig das Herz auf. Hast du auch ein Dunkles vorab?"
"SelbstverstĂ€ndlich - Aber ein Zigarettchen hĂ€tte gerne noch, gedreht aus schwarzem Tabak, dessen Rauch so richtig schön im Munde aufgeht. – Eigentlich mĂŒssten wir ja Pfeife rauchen, und englischen Tabak, aber leider haben wir sowas nicht mit.“
Guntram reichte mir den schwarzen Tabak, ich drehte und entzĂŒndete eine Zigarette, öffnete das Bierköfferchen, gab Guntram ein Glas und nahm mir auch eins.
Guntram entzĂŒndete seine inzwischen gedrehte Zigarette und nahm genussvoll zurĂŒckgelehnt den ersten Zug.
"Dunkles meintest Du?"
"Genau", sagte Guntram, "ist es denn auch gut temperiert?"
Die Dose lag angenehm kĂŒhl in meiner Hand.
"Genau richtig."
"Ausgezeichnet", nickte Guntram, "haben wir denn auch Cool-Jazz mit?"
"NatĂŒrlich. Gerry Mulligan oder Miles Davis?"
"Gerry Mulligan! - Nee warte mal, ich habe 'Back to Back' von Duke Ellington und Johnny Hodges mit. Entspannter kann man den Blues nicht spielen! - Und dann hĂ€tte ich gerne das dunkle, kĂŒhle Bier, und dann möchte ich gerne die Steaks zubereiten, so außen ein wenig knusperig und innen ein wenig blutig
“
Guntram bekam einen trĂ€umerischen Gesichtsausdruck, "weißt du, das kriege ich hin, wenn ich die Steaks in Butter schmore; - aber vorher muss etwas Olivenöl in die Pfanne, dann wird die Butter nicht schwarz."
"Hört sich gut an. Ich bin gespannt", ich legte die 'Back to Back' CD ein und den Zeigefinger unter den Aufreißring der kĂŒhlen Dose.
„Ein Zweiglein Thymian sollte noch dazu
“
In diesem Moment kurvte ein Auto mit hochgetourtem Motor auf die Wiese und hielt neben uns.
"Verdammt", keuchte Guntram, "das sind unsere Frauen! Wie haben die uns gefunden?" Aus stiegen tatsÀchlich Gerda und Lydia sowie unsere Beagle-Dame 'Paula'.
"Wie", fragte Guntram seine Frau wĂ€hrend Lydia und ich uns erst mal in den Arm nahmen und mit Paula das BegrĂŒĂŸungszeremoniell absolvierten, "habt ihr uns gefunden? Wir wussten doch selber nicht, dass wir an diesem PlĂ€tzchen hier kampieren wĂŒrden."
Gerda lĂ€chelte dĂŒnn und ließ ein Pendel von ihrem Zeigefinger pendeln.
"Ausgependelt", sagte sie, "das Pendel hat mir den Weg zu euch gewiesen; - und du hast gelacht, als ich auf dem Seminar war! - Was ist das eigentlich fĂŒr Musik? Wie könnt ihr sowas ĂŒberhaupt ertragen?"
"Duke Ellington und Jonny Hodges", sagte ich, "hören wir gerne. Möchtest du ein Bier mittrinken?"
"Bier!" sagte Gerda verĂ€chtlich und drehte solange wahllos an den Reglern des Recorders herum, bis die Musik verstummte, "und dann auch noch in Dosen! Als wenn es nicht schon genug MĂŒll gĂ€be! Ich habe Wein mitgebracht; - Biowein!"
Ihr Blick glitt auf den Sahnetörtchenkarton, "hab' ich's mir doch gedacht! Sahnetörtchen! Dieses kĂŒnstliche Zeugs verstopft bloß die Arterien! Habt Ihr die etwa gegessen?"
"NatĂŒrlich haben wir die gegessen", sagte ich, "sogar mit Genuss und in Begleitung einer Kanne Kaffee. Wenn wir allerdings gewusst hĂ€tten, dass ihr uns besuchen kommt, hĂ€tten wir euch welche aufgehoben."
"Nein danke! Du weißt genau, dass die ungesund sind! - Lydia und ich waren vorhin auf dem Markt, wir kochen Euch jetzt eine gesunde GemĂŒsesuppe. Ihr könnt schon mal das GemĂŒse putzen."
"Oh nein", widersprach ich, "wir haben Steaks mit und waren gerade im Begriff, diese zuzubereiten.“
"Was? Rindfleisch? Ihr wollt wohl unbedingt BSE kriegen? Wo sind die?"
"In der KĂŒhlbox", sagte Guntram bevor ich es verhindern konnte und Gerda beeilte sich, die schönen Steaks an Paula zu verfĂŒttern. Die freute sich natĂŒrlich und entfernte sich hoch erhobenen Hauptes und Schwanzes um diese in Ruhe achtungsvoll zu verzehren.
Ich hegte die Hoffnung, dass die 'Operation GemĂŒsesuppe' mangels Topf fehlschlagen wĂŒrde, aber leichtsinnigerweise hatte Guntram gestrigen Tages mal erwĂ€hnt, dass meine transportable KĂŒche keinen Topf und keine Suppenteller beinhaltete. Gerda bezeichnete meine KĂŒche, dieses Wunderwerk Ă€sthetischer, logistischer und funktionaler KĂŒchentechnologie daher schlichtweg als 'unvollstĂ€ndig' und prĂ€sentierte einen ĂŒblen Aluminiumtopf sowie ausgesprochen widerliche Plastikteller, GlĂ€ser und Löffel.
"So, dann können wir also", fuhr Gerda gnadenlos fort wĂ€hrend sie Guntram einiges GrĂŒnzeugs auf den Schoß warf, und an mich gewandt: "Du kannst schon mal Kartoffeln schĂ€len"
"Ich werde einen verdammten Scheißdreck tun", sagte ich, "ich mag keine Kartoffeln und werde auch keine schĂ€len!"
Guntram warf mir einen flehenden Blick zu, aber es war zu spĂ€t; - Gerda lief zu ihrer Hochform auf, rĂŒgte zunĂ€chst erbarmungslos meine Umgangsformen sowie mein Vokabular und hielt dann gnadenlos und feinfĂŒhlig wie eine Planierraupe einen Vortrag ĂŒber den Vitamingehalt, die positiven Schwingungen und die LichtkrĂ€fte der Kartoffeln im allgemeinen und im Besonderen der von ihr ausgependelten und mitgebrachten biologisch-dynamischen Biokartoffeln.
Als Fehler erwies sich, dass ich die Frage aufwarf, wie Kartoffeln, die bekanntlich unterirdisch heranreifen, 'LichtkrĂ€fte' zu entwickeln in der Lage sind. Guntram ließ resigniert Kopf und Schultern sinken, beugte sich ĂŒber das ihm zugeworfene GemĂŒse und begann lustlos zu schnibbeln. Lydia raunte mir zu, dass sie das nicht hatte ahnen können, denn Gerda ging ab wie eine Rakete von Cape Kanaveral. WĂ€hrend des folgenden erbarmungslos vorgetragen Vortrages ĂŒber die LichtkrĂ€fte der Kartoffel reifte in mir ein tiefes VerstĂ€ndnis fĂŒr alle die Menschen, die, aus welchen GrĂŒnden auch immer, irgendwann mal vor irgendetwas kapituliert hatten um den bereits angerichteten Schaden an Physis und Psyche nicht zu vergrĂ¶ĂŸern.
"Weißt du", sagte Guntram zu mir, als wir uns - nach der faden Suppe und dem sauren Biowein - zufĂ€llig an einem Baum trafen, "mit einer bestimmten Spezies Frauen - zu der leider auch Gerda gehört - kann man nur vernĂŒnftig reden, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind."
"Sind sie es, da Gerda ihren Willen gekriegt hat'?" fragte ich.
"Noch lange nicht! Aber was das Schlimmste ist: Sie will das Zelt aufgebaut haben! Jetzt, wo es dunkel ist."
"Dann bauen wir das eben auf, sozusagen teamworkmĂ€ĂŸig, damit niemand niemandem einzelnen die Schuld geben kann, wenn es nicht klappt."
Gerda wollte natĂŒrlich mithelfen, nachdem Guntram einen Haufen Stangen, Zeltbahnen, VerbindungsstĂŒcke, HĂ€ringe und vorerst undefinierbare Teile aus dem Wagen gezogen und auf dem Boden ausgebreitet hatte; - allerdings nur mit guten RatschlĂ€gen nach dem Motto: "Ihr mĂŒsst euch nur vorstellen, eins zu werden mit dem Zelt, das ihr aufbauen wollt."
"Du meinst also", versuchte ich die Aussage etwas zu prÀzisieren, "wir sollen mit dem System Zelt zu einem komplexen System zusammenwachsen?"
"Genau", sagte Gerda, "ihr mĂŒsst das philosophisch angehen."
Na, gut, wir gingen den Zeltaufbau philosophisch an, bevor Gerda jedoch zu einem erneuten Vortrag ansetzen konnte, gelangten wir zu der Erkenntnis, dass ein erdachtes komplexes System nicht funktioniert und auch nicht nachtrÀglich so zusammengebaut werden kann, dass es funktioniert. Wir versuchten es erneut, gingen jedoch gedanklich von einem funktionierendem einfachen System aus. Gerda holte ihr Pendel und versuchte es auf ihre Weise.
Was herauskam, war die Erkenntnis, dass komplexe Systeme dazu neigen, ihre eigene Funktion zu behindern, und dass sich Menschen im System nicht so verhalten, wie es das System verlangt, dass sie sich verhalten sollen.
"Tja", philosophierte ich, als wir eine Weile spĂ€ter vor den ausgebreiteten Rudimenten des Zeltes saßen und trotz Gerdas GesundheitsratschlĂ€ge eine aus schwarzem Tabak gedrehte Zigarette rauchten, "komplexe Systeme neigen dazu, ihre eigene Funktion zu behindern."
Gerda verstand das nicht, teilte jedoch mit uns die Meinung, dass dieses Zelt beseelt sein mĂŒsse; - nicht aber die Ansicht, dass besagtes Zelt nichts anderes im Sinn hat, als den grĂ¶ĂŸtmöglichen Schaden an Physis und Psyche desjenigen anzurichten, der versucht, es derart in Betrieb zu nehmen, wie es das Zelt von sich behauptete, dass es von Menschen in Betrieb genommen werden kann; - und das Zelt ging davon aus, dass der Mensch das einzige Geschöpf ist, das in der Lage ist, sich zu irren.
Gerda konnte diese Behauptung im philosophischen Sinne nicht widerlegen, musste zu ihren Notfalltropfen greifen, und Guntram erinnerte sie an ihre tĂ€gliche YogaĂŒbung, was Gerda die Möglichkeit gab, sich von uns ab und unter einen Baum zu setzen.
Wir rauchten auf, stellten fest, dass Teile beim Probeaufbau nur zusammenpassen, um im praktischen Einsatz nicht mehr zusammenzupassen, und erzĂ€hlten dem Zelt, dass es sich jetzt nur um einen Probeaufbau handeln wĂŒrde.
"Jetzt gehen wir ingenieurmĂ€ĂŸig vor", sagte Guntram: "wenn etwas schwer geht, wende Gewalt an, wenn es kaputt geht, hĂ€tte es sowieso erneuert werden mĂŒssen!"
"Genau!", nickte ich, mich meiner Zeit als Konstrukteur erinnernd, "mach's etwas grĂ¶ĂŸer und hau' solange drauf bis es passt!"
"Mit anderen Worten", sagte Guntram, "wir bauen's einfach auf." Das taten wir auch, zehn Minuten spÀter stand das Zelt und wir rauchten wieder eine Zigarette; - diesmal aus hellem Tabak.
"War eigentlich gar nicht so schlimm", sagte Guntram, "schlimm war nur, dass Gerda uns heimgesucht hat. Damit ist der Abend leider hin. Wollen wir's am nÀchsten Wochenende nochmal versuchen, und uns besser verstecken?"
"Wir sollten es nicht als 'schlimm' betrachten, "antwortete ich, "denn wenn etwas wirklich schlimm gewesen ist, wird es nochmal passieren!"
"Hm", Guntram spielte nachdenklich mit seinem Amulett, "und das sollte mich schĂŒtzen und mir 'Happiness' bringen
“
Gerda kam wieder bevor ich eine weitere philosophische Weisheit anbringen konnte und beanstandete eine Falte an einer Zeltwand.
"Weisheit", sagte ich zur praktischen Philosophie zurĂŒckkehrend, "ist die FĂ€higkeit, im entscheidenden Moment auf Perfektion zu verzichten."
Lydia hatte derweil mit Paula einen ausgiebigen Abendspaziergang absolviert, zahlreiche Stöckchen geworfen, die Paula schwanzwedelnd wieder angebracht hatte, unser Nachtlager ein StĂŒck vom Zelt weg unter einer Birke gerichtet und uns in perfektem Timing Cappuccino zubereitet.
Die Nacht war mondlichtdurchflutet, Lydia, Paula und ich verbrachten sie unter dem Sternenzelt, und den Beiden im Leinwandzelt entging die Sternschnuppe, die gegen Mitternacht durchs Firmament glitt; - nur den Augenblick lang, den wir benötigten, einen Wunsch zu formulieren - um dann in der AtmosphĂ€re zu verglĂŒhen, die jegliche Kreatur auf der Erde zum Leben benötigt.

Da Gerda am Vorabend nahezu den gesamten Inhalt der Gaskartusche des Kochers fĂŒr ihre schlecht schmeckende Suppe verbraucht hatte, reichte es gerade noch fĂŒr die Zubereitung von Ham and Eggs. An Kaffee war nicht zu denken; - was von Gerda begrĂŒĂŸt wurde. GlĂŒcklicherweise erinnerte sich Lydia eines Bauernhofes in der NĂ€he und Gerda machte sich auf, frische Milch zu besorgen.
Wir konnten also in Ruhe frĂŒhstĂŒcken und erwĂ€hnten, dass wir diese Aktion, wie geplant am nĂ€chsten Wochenende zu wiederholen beabsichtigten.
Lydia fand das in Ordnung, "macht ihr man euren MÀnnerabend. Wir werden Euch nicht wieder 
 Àh 
 heimsuchen."
Als Gerda wieder zu uns stieß, drĂ€ngte sie uns Unmengen Milch auf, die wir auch zu uns nahmen, bevor sie wieder einen ihrer nicht zu stoppenden VortrĂ€ge abließ.
Obwohl alle mithalfen, benötigten wir ĂŒbermĂ€ĂŸig viel Zeit zur Reinigung des Topfes, beaufsichtigt von Gerda und dem Abbau des Zeltes, obwohl es sich immer bestĂ€tigt hat, dass das, was aus zwei oder mehr Teilen zusammengebaut worden ist, frĂŒher oder spĂ€ter von selbst auseinander fĂ€llt.
Als wir dann recht heiteren GemĂŒts aufbrechen wollten, nachdem die AusrĂŒstung wieder verstaut war und Gerda den MĂŒll eingesammelt und sorgsam getrennt hatte, um das Hubschraubermuseum zu besichtigen, fiel ihr plötzlich ein, dass in der NĂ€he ein Jagdschloss lag, was sie schon immer mal besichtigen wollte, und da sollten wunderschöne GemĂ€lde sein, und das wollten wir lieber anschauen, als die ollen Hubschrauber, von wegen Kunst und Kultur und so. Um nervtötende Diskussionen zu vermeiden und angesichts der Tatsache, dass wir das Hubschraubermuseum am nĂ€chsten Wochenende ungestört besichtigen können wĂŒrden, nickte ich Guntram und Lydia zuliebe mit dem Kopf.
Es wurde eine elende Fahrerei bis wir das Jagdschloss endlich gefunden hatten. Gerda gelang es irgendjemanden zu bequatschen, dass wir uns einer Besichtigungsgruppe anschließen durften und erwartete Begeisterung ĂŒber die Bilder. Diese stellten Jagdszenen dar, in denen hochherrschaftliche JĂ€ger fröhlich ĂŒber tote und verreckende Rehe galoppierten, sowie Schlachtszenen in denen hochdekorierte Feldherren stoischen Blickes beobachteten, wie sich Menschen gegenseitig umbrachten.
Lydia und mir wurde leicht ĂŒbel und wir setzten unter den missbilligenden Blicken des FĂŒhrers und Gerdas demonstrativ ab um im Park ein wenig mit Paula lustzuwandeln.
Als Gerda uns bei ihrer RĂŒckkehr maßregeln wollte, von wegen Kulturbanausen, verabschiedeten wir uns, ich erinnerte Guntram nochmal an unser Vorhaben am nĂ€chsten Wochenende, und Lydia und ich fuhren erst irgendwo Eis essen und dann nach Hause. Ich brachte die KĂŒche und High-Tech-Kiste wieder in den Keller und stellte das Bier in den KĂŒhlschrank. Dort blieb es bis zum nĂ€chsten Sonnabend.

An diesem Sonnabend brachte ich die AusrĂŒstung wieder ins Auto und war gerade dabei, das gut gekĂŒhlte Bier in den Koffer zu legen, als Guntram anrief.
"Ich wollte nur nochmal ganz sicher gehen, dass du mich nicht vergessen hast", sagte er, "sonst alles klar?"
"NatĂŒrlich, ich pack' gerade das Bier ein. In zehn Minuten bin ich bei dir."
"Klasse! Dann also bis gleich."
"Bis gleich. - Äh, Guntram? Mir ist noch was eingefallen. Hast Du das Amulett noch?"
"Klar, da achtet Gerda schon drauf."
"Lass es bitte unauffÀllig zuhause."
"Wenn du meinst. - Also bis gleich."
Ich gab Lydia noch einen Kuss, verabschiedete mich von Paula und beeilte mich zu Guntram zu kommen. Der stand schon in den Startlöchern und wir sausten los zum Supermarkt. Guntram besorgte Steaks und Sahnetörtchen, ich eine neue Gaskartusche fĂŒr den Kocher.
Das war's. FrĂŒhstĂŒcken und wieder auf den Platz von letzter Woche; - niemand wĂŒrde uns dort vermuten. Kaffee ansetzen, aufbauen, Sahnetörtchen. Schön war's.
"Warum", fragte Guntram nachdem die Sahnetörtchen vertilgt und die Schachfiguren aufgebaut waren, "sollte ich das Amulett zuhause lassen?"
"Nun", griff ich philosophisches Gedankengut wieder auf, "du weißt doch, dass jede einigermaßen fortschrittliche Technik an Magie grenzt. Pendeln - Gerda fand uns letzte Woche mit ihrem Pendel - beinhaltet eine gewisse magische Komponente. Dieses lĂ€sst den Umkehrschluss zu dass jede Magie an einigermaßen fortschrittliche Technik grenzt.“
Guntram sah mich fragend an.
"Aus technischer Sicht gesehen", fuhr ich fort, "ist Metall leichter zu orten als eine organische Substanz! Da liegt die Vermutung nahe, dass Gerdas Pendel nicht auf dich sondern auf das Amulett reagiert hat."
"Na", sagte Guntram zweifelnd, "da möchte ich aber einen drauf trinken. Vorige Woche waren wir beim Dunklen Bier stehen geblieben.“
"Oh Scheiße!"
"Was ist?" fragte Guntram, "da ist doch was dran, an der Sache mit der Magie. Jedenfalls kann niemand das Gegenteil beweisen."
"Das meine ich nicht. - Mir fĂ€llt nur eben mit erschreckender Deutlichkeit ein, dass ich das Bier vergessen habe.“
"Was sagtest du letzte Woche? Wenn etwas schlimm gewesen ist, wird es nochmal passieren! - Dass du das Bier vergessen hast, ist schlimmer."
"Stimmt", nickte ich zerknirscht.
Bevor ich mich jedoch in Sack und Asche kleiden konnte, kurvte wieder ein Auto auf die Wiese. Aus stiegen diesmal nur die liebe Lydia und Paula. Lydia hatte das Bierköfferchen mit.
"Hier", sagte sie nach der allgemeinen BegrĂŒĂŸung, "haste vergessen! Ich kann euch MĂ€nner doch nicht ohne Bier campen lassen! – Das geht ja ĂŒberhaupt nicht."
"Wie hast du uns gefunden?" fragte ich in doppeltem Sinne erstaunt.
"Ich bin meiner Intuition gefolgt", sagte sie, "ĂŒbrigens: Gerda hat mich vorhin ganz verzweifelt angerufen, ihr Pendel behauptet, ihr wĂ€rt gar nicht losgefahren
“

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