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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
brief an die liebste
Eingestellt am 08. 08. 2001 19:19


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TheRealCure
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

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brief an die liebste

meine liebste,

nachdem ich nun f├╝nf stunden auf das ende der nacht gewartet habe, nachdem sich in meinem verwirrten kopf viele altbekannte gedanken mit einigen neuen vermischt haben, was meine verwirrung noch vergr├Â├čerte, m├Âchte ich diesen morgen nutzen, dir - meiner liebsten - ein paar zeilen zu schreiben.
wir haben viele dinge besprochen in all der zeit, in all den jahren, da wir uns kennen. ich erinnere mich mit gro├čer freude gerade an jene zeit, als wir uns kennen lernten. erinnerst auch du dich an jenen sonnigen tag. die hitze machte uns zu schaffen, unseren k├Ârpern und unseren sinnen. schwei├č lag in der luft in jenem park in paris, als wir uns das erste mal begegneten? die themen unserer gespr├Ąche waren so erfrischend simpel. wir sprachen ├╝ber das wetter, ├╝ber die dr├╝ckende hitze des sommers in paris. unbeschwertheit bestimmte unsere gespr├Ąche und das machte es so einfach zu reden. wie durch ein wunder synchronisierten sich unsere herzen und da wir beide allein und einsam waren, beschlossen wir uns f├╝r den n├Ąchsten tag in einem der caf├ęs zu treffen. so geschah es und wir begannen uns n├Ąher kennenzulernen. schon damals war mir nicht klar, ob man "kennenzulernen" zusammenschreibt oder ob man "kennen zu lernen" aus ein ander schreibt! das war eine zeit ohne rechtschreibreform. entschuldige mir diesen abschweif, aber mittlerweile kennst du mich ja. in dem o.g. caf├ę trafen wir uns also und wir kamen uns sowohl gedanklich als auch k├Ârperlich n├Ąher. du wei├čt, wie ich das meine. zuerst sa├čen wir uns mit verschr├Ąnkten armen und beinen gegen├╝ber. dann allm├Ąhlich r├╝ckten wir schulter an schulter - erst ohne uns zu ber├╝hren - n├Ąher, bis zuletzt unsere h├Ąnde sich und schlie├člich auch uns ber├╝hrten. ├╝ber dem tisch hing einer dieser hoffnungslos ├╝berdimensionierten ventilatoren, wie man sie aus diesem abgenutzen film mit humphrey bogart kennt, wo seine liebste ihm einst tief in die augen schaute. was f├╝r ein film voller romantik, nicht wahr? aber das ist ja ein ganz anderes thema. unsere h├Ąnde lernten sich also ebenfalls kennen. meine h├Ąnde hatten schon lange keine anderen mehr kennengelernt geschweige denn andere interessante k├Ârperpartien. ich gebe zu, dass zwar viele h├Ąnde gedr├╝ckt wurden, aber das war rein beruflich und es waren meist lasche m├Ąnnerh├Ąnde und ich gebe ebenfalls zu, dass mir das nicht allzu viel gab, ja auch heute noch nicht gibt. die zeit danach in paris war sehr sch├Ân. es war noch sehr oft sehr hei├č in der stadt der liebenden und es roch noch oft nach unserem dampfenden schwei├č in dem alten kleinen hotelzimmer in dem alten kleinen hotel an der seine.
was ist aus uns geworden in all den jahren seit dieser zeit? wo sind sie geblieben die momente der verz├╝ckung f├╝reinander? die themen, die wir heute besprechen, sind ganz andere geworden. vor allen dingen sind sie komplizierter geworden und ich vermisse diese leichtigkeit mit der wir damals sprachen. unsere diskussionen drehen sich meist nur noch um diese alltagsdinge, um die schulden, die wir f├╝r das haus aufgenommen haben. ich frage mich wirklich immer noch, ob es wirklich 300 quadratmeter sein m├╝ssen. ich gebe zu, dass man f├╝r sechs kinder reichlich platz braucht, auch wenn es nicht die meinen sind. du hast sie mit in die ehe gebracht. es hat mir nie etwas ausgemacht, dass du schon viermal verheiratet warst und es macht mir auch heute nichts aus. ich nenne dich ja auch heute noch "meine liebste" und nicht einfach nur "meine frau". du bist ja auch nicht nur "meine" frau, denn du hast ja noch viele andere beziehungen au├čer mir. ich traf erst gestern andr├ę wieder und er erz├Ąhlte mir haarklein, wie toll du im bett abgehen kannst. ja, das hat mir auch immer ganz gut gefallen. kannst du ihm aber nicht bitte mal sagen, dass er etwas feinf├╝hliger mit diesen themen umgehen soll? wei├č er eigentlich, dass wir verheiratet sind? nicht, dass mir das was ausmachen w├╝rde, aber es standen halt gerade ein paar kollegen und wichtige kunden dabei und es k├Ânnte sein, dass sich das jetzt richtig herumspricht. aber, dass ist im grunde jetzt auch egal, denn der eigentliche grund meines briefes ist der, dass ich mich von dir verabschieden m├Âchte. ich werde heute in die seine springen. ich werde es gleich machen, wenn ich den brief eingesteckt habe und wenn du ihn liest, wahrscheinlich sogar schon in dem moment, wenn du ihn ├Âffnest, werde ich bereits f├╝r immer gegangen sein. bitte frage mich aber nicht warum, denn es zu erkl├Ąren, f├Ąllt mir schwer. bitte rufe mich auch nicht an, denn nat├╝rlich werde ich den anrufbeantworter auch nicht mehr abh├Âren k├Ânnen. es ist so eine alte angewohnheit von mir, ihn auch immer dann anzustellen, wenn ich genau wei├č, dass ich ihn in absehbarer zeit nicht abh├Âren k├Ânnen werde. bestell deinen kindern einen sch├Ânen gru├č und all deinen bekannten. au├čer andr├ę nat├╝rlich, denn den kann ich irgendwie nicht mehr ab.

in liebe
dein schatz


__________________
(c) J├╝rgen Erbe

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