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Leselupe.de > Krimis und Thriller
chlum
Eingestellt am 12. 09. 2001 12:53


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mueckstein
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

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“I am sure that audiences in Japan will thoroughly enjoy the performances, and that the members of the Company will make fruitful and lasting contacts with Japanese dancers, choreographers and ballet enthusiasts.”
– Renù Guinot, createur de l’hydradermie

Trompetentöne hallten durch die Nachbarschaft: Jurij Zingarow war tot, und vor seinem kunstvoll gefertigten, ebenholzschwarzen Sarg, der von den engsten Freunden und einigen in Schale gestopften Hilfsarbeitern getragen wurde, marschierte eine schlecht gestimmte Blaskapelle einher, spielte mit entnervendem rhythmischen Impuls populĂ€re Grabesmelodien. WĂ€hrend die Trompeten quakten und schrillten tropfte aus dem gebogenen Spiegelkupfer der Posaunen der ĂŒberflĂŒssige Speichel der ebenso schwitzenden BlĂ€ser, deren Kragen trotz PfingstkĂ€lte dampfte. Mila Zingarowa blieb kapellbefunkelt stehen, in schwere Schleier gehĂŒllt, und zwang auch die marschierende Truppe zum bedĂ€chtigen Innehalten; eine beinahe mĂ€nnliche Stimme bohrte sich durch ihre Schleier und setzte trĂŒgerisch langsam ein Mesecina in die Luft, gefolgt von einem zweiten, und die blinzelnden BlechquĂ€ler nahmen die Melodie entgegen und dröhnten danach, durch winzige Verzögerungen wie eine psychedelische SchĂ€fchenwolke schwebend und zum ersten Mal herzzerreißend und endlich trĂ€nenlösend, des Schmerzes aber mehr als der Trauer.
Ana Zingarij saß in schattenhaften RĂ€umen weißglĂŒhend und versuchte ihre Unterlippe zu essen. Schwere TrommelschlĂ€ge stießen durch ihre Nasenlöcher, ihre Knie schlugen den Takt des Blutes und ließen die zerrenden Melodien zu höllischer Deutlichkeit gerinnen. Noch schmerzten ihre Arme von Angst und SĂ€ure und schlĂ€frigen Schnitten, doch in ihrer Stirn glĂŒhte schon ein neues, fremdes Erwachen, ein von zerfallenden GemĂ€uern und zerfressenen Tapeten delirös gedĂ€mpfter Cocek aus einem backsteingemauerten Kanalnirvana. Die regenzerfressene GebĂ€udewand, deren graugelb noch vorgesellschaftlich imperial gemauerter Schatten durch die ĂŒbermannshoch braunverschmĂ€lerten Dunstscheiben hereinfiel, blickte auf einen halbgeordneten Wust aus Gelegenheitsspielzeug, die verlogenen Schatten einer zurĂŒckgelassenen Kindheit, die mit schwarzgeringtem Schaukelpferd und rotgeschleiftem Regenschirm, mit Seidentuch und Dielenfußboden und Knarrkasten und Samtvorhang eine dĂŒsterschwer nackte Dekadenz in den Stickstaub zeichneten, durchmischt mit weißlackierten WissenslĂŒgen und halbgeschlossenen Kunstfedern inmitten der verkommenen Existenz des wohlgeachteten doch verstorbenen Bildermachers.
Eine andere Sache waren die schwarzen NetzstrĂŒmpfe, der trĂŒgerische Ballettanzug, die gern verachtete, stets ĂŒbersehene Verbindung; eine andere Sache war das Bett, die niemals weißen Laken mit den großmĂŒtterlichen StickblĂ€ttern, die Spitzenpölsterchen und die halbĂ€gyptischen Massenbilder zwischen den dumpfen Lichtern der fremden VĂ€ter, das verzogene Tamburin und die verhaltenen Bewegungen ohne den erhofften Vulkanausbruch. Eine andere Sache war das Ende.
Die Harmonie brach, als sich schwere Rauchwolken ĂŒber den enggepackten Trauerzug legten; trĂ€nenersticktes Schweigen breitete sich ĂŒber den gesamten HĂ€userzug aus. Dort, an der rechten Unterkante von Anas Kieferlade, pochte eine einzelne Ader mit muskelzermarternder Unaufhaltsamkeit eine GefĂŒhlsreihe ĂŒber die schmerz-treibenden Melodien der Stille, pochte Bilder von lĂ€ngst gefĂ€llten Trauerweiden, von TrĂ€nenwahnsinn und TraumflĂŒgen; doch sie pochte nicht fĂŒr sich, nicht fĂŒr die Bilder. Sie war das ganze kunstvolle Netz, war das treibende, das wankelmĂŒtige, unbeirrbare Herz, das allerorten verletzte Muskelgeflecht, die fein gemaserte Haut, die zitternden Haare, die dĂŒnnen, noch biegsamen Knochen; der ganze zerbrechliche Körper des MĂ€dchens, wie ein Ungeborenes gekrĂŒmmt ĂŒber seinem GegenstĂŒck, Herberge eines zerbrochenen Geistes. Alles pochte, alles lebte; doch unter den feingliedrigen HĂ€nden, unter der BerĂŒhrung des lebendigen Blutes, zitterte ein leerer Sack mit den pfeifenden Bettfedern, ein gefurchtes Gebilde aus grauer Haut und stummen Adern, aus fahlem Haar und fauligen ZĂ€hnen, ein halbverfallenes Wesen von ehemals menschlicher Art, noch warm von der BerĂŒhrung der eigenen Tochter.
Unendlich sanft strichen sorgsam gefeilte FingernĂ€gel ĂŒber das erstarrte Fleisch, zogen klare, dunkle Linien in die mattgraue FlĂ€che. Mit metallenem Scheppern kam der Sarg am Boden der Grube auf; doch die Blumen, die seinen Deckel bestĂ€ubten, verfehlten ihren Zweck. Die LeichenwĂŒrmer, die weißlichen Maden des Todes, mußten ihr Opfer anderswo suchen; doch eh die Verwesung ihren Dienst versehen konnte, kam ihr ein glĂŒhender Gedanke zuvor. Mit verschlossenem Gesicht wankte Mila Zingarowa heimwĂ€rts, und bevor sie noch dem drĂ€ngenden Nebel der Grabestöne entkommen war, grub Ana in trĂ€umerischer, leidenschaftlicher Betrachtung ihre ZĂ€hne in das kalte Fleisch ihres Vaters. Gestocktes Blut und erstarrte Muskeln zauberten einen rĂ€tselhaft sĂŒĂŸlichen, wohligen Geschmack aus den mahlenden Kiefern, und mit Biß um Biß, immer lĂŒsterner und gieriger, löste sich der ewige Gegensatz in reine Zufriedenheit auf, wurde fĂŒr einen Moment in einer unbedeutenden Fotografenwohnung der ewige Kreislauf der Natur offenbar, als das Tote das Lebendige nĂ€hrte und blanke GefĂŒhle im kochenden Wust des ewig Wirksamen versickerten. Die Betrachtung war an ihrem Ende angelangt, hatte ihr ursprĂŒngliches Ziel erreicht; und Ana Zingarij wußte endlich, was es bedeutete, ein Mensch zu sein.
Sie spitzte ihre Finger und zog am Saum des Ballettanzugs.


P.S.: Wenn Sie diese Geschichte wirklich verstanden haben, sollten Sie vielleicht Ihre Einstellung zu GemĂŒse ĂŒberprĂŒfen. – R.M.

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flammarion
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oh

mann, was fĂŒr eine sprache! gĂ€nsehaut bedeckt tu ich meine bewunderung kund. da ich die geschichte nicht ganz verstanden habe, geh ich jetzt schweinerippchen knabbern. man liest sich!
__________________
Old Icke

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mueckstein
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der Autor dankt dem Komplimentierer.

Du kannst ĂŒbrigens insofern froh sein, nicht alles verstanden zu haben, da der letzte, der behauptete, instinktiv alle Querverweise und Anspielungen mitgeschnitten zu haben, auch ein bißchen unter existentiellem Schock stand (das is z.T. eine ziemliche Insider-Geschichte)

- und was ich da gerade geschrieben habe, hört sich enorm grĂ¶ĂŸenwahnsinnig an, was? 'tschuldigung, manchmal geht's eben mit mir durch.
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flammarion
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du

kannst versichert sein, daß dein text nicht jedermanns sache ist. hoffentlich Ă€ußern sich noch n paar andere darĂŒber. interessant ist er auf alle fĂ€lle. lg
__________________
Old Icke

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