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Leselupe.de > Kurzgeschichten
das gewissen (3seiten)
Eingestellt am 07. 03. 2002 20:45


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bassimax
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Registriert: Feb 2002

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Das Gewissen



Die Ursache f├╝r meinen Unmut bestand in einem fetten, kleinen Jungen. Er hatte kurze Stoppelhaare, ein rotes Gesicht, und kleidete seinen unf├Ârmigen Leib mit potth├Ąsslicher und schweinsteurer Kleidung. Er d├╝rfte vielleicht zw├Âlf Jahre alt gewesen sein.
Er stand mit seinem Opa vor einem Gesch├Ąft wo es PC Spiele gab. Ich sass auf einer Bank, vielleicht zehn Meter weiter weg. Sein Opa war wohl ein Mittsechziger, bieder gekleidet mit einem karierten Hemd und einer grauen Stoffhose. Der Alte hatte ein gutes Gesicht. Es dr├╝ckte momentan nur eine gewisse Verst├Ąndnislosigkeit f├╝r das Ansinnen seines Enkels aus, der ein Spiel f├╝r DM 100,-- haben wollte. Wenn Menschen einen verst├Ąndnislosen Gesichtsausdruck haben kann sie das manchmal sehr sympathisch machen. Es ist sympathisch, wenn ein Mensch gewisse Dinge nicht versteht, weil er zum Beispiel keinen Sinn darin sieht. Der Alte hat sicherlich gedacht, das man f├╝r dieses Geld auch zwei Hosen in der Kaufhalle kaufen k├Ânnte. Oder ein Ausflug in den Zoo, mit gut Essen w├Ąre drin gewesen. Vielleicht h├Ątte man das Geld f├╝r Weihnachten aufsparen sollen.
100,-- f├╝r ein Spiel? Man kann doch draussen Spielen!
Jedenfalls zog der fette Junge am ├ärmel des Alten. "Wir k├Ânnen
doch mal reingehen!" schrie er. Sein Plan war klar. Erst mal drinnen wollte er seinen Opa zwingen das Spiel zu bezahlen. Indem er Terror machte, den Alten vor dem Verk├Ąufer durch einen Mordsaufstand in Verlegenheit brachte. Auf die anderen Kids im Laden deutete "die auch alles haben d├╝rfen".
Der Opa aber wollte nicht. Er witterte die Gefahr. Er kannte
die g├Ąngigen Taktiken des Monsters, das sein Sohn oder
seine Tochter erschaffen hatten. Ich bekam einerseits Mitleid
mit ihm, andrerseits war ich gespannt wie die Sache weitergehen w├╝rde.

Der Fettsack drehte auf. Er zog noch st├Ąrker am ├ärmel des Opis. Und er schrie lauter "Wir gehen jetzt da rein!" Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit. Schwei├č erschien auf seinem verquollenem Gesicht. Es sah tats├Ąchlich so aus das die Tatsache das er seinen Willen nicht durchsetzen konnte, ihn in eine psychische Ausnahmesituation brachte. Seine Stimme wurde schweinchenhaft schrill.
Ihm war es sicher egal was eventuelle Passanten von ihm denken k├Ânnten. Der Opa aber blickte sich um, in der Hoffnung, das niemand zusah. Der Junge wollte das Geld vom Opa. Das an der Geldb├Ârse noch ein Mensch hing interessierte ihn nicht.
Die Wut wurde noch gr├Âsser, er zog so kr├Ąftig am Alten, das dieser sich mit einer Hand an einem Verkehrsschild festhalten musste. Hass blickte aus dem Auge des Jungen. Der Opa sagte: "Aber Kind das ist doch viel zu teuer!" "Nein, das ist billiiiig!" quietschte das Schwein zur├╝ck. "Lass' und doch erstmal nachhause gehen, was die Mama sagt!" Mittlerweile vor Hass heulend schrie der Dicke "Neiiiiiiiiiiiin!" und das in einer Tonlage die mich einen Tinnitus bef├╝rchten liess. Man mochte meinen, der Junge w├╝rde um sein Leben k├Ąmpfen. "Was ist denn nur los mit dir Florian, ich dachte du wolltest mit mir spazieren gehen!" Jetzt drehte er total durch. Der Junge trommelte auf den alten ein. Der hielt sch├╝tzend seinen Arm vor sich und blickte nicht ge├Ąngstigt sondern nur traurig. Jetzt trat der Kleine heulenderweise gegen das Knie des Alten, und der ging zu Boden. Er konnte sich gerade noch mit den H├Ąnden aufst├╝tzen. Die Brille rutschte von seinem faltigen Gesicht.
Sicherlich liebte dieser Mann seinen Enkel, zumindest bis jetzt. Sicherlich hatte er ihm ein Sparbuch angelegt und freute sich ├╝ber jede gute Note die das Monster nachhause brachte. Aber nun war der alte am Boden, auf allen Vieren. Hielt in einer Hand seine Brille. Blickte nach oben. Und fing an zu Weinen.
Der jugendliche Spieleenthusiast geriet ob des Dramas das er angerichtet hatte noch mehr ausser sich. Er stampfte mit den F├╝ssen auf. "Du bist Schuld! Du bist Schuld! Du Schwein!" br├╝llte er .
Mittlerweile stand der Ladenbesitzer wie erstarrt in der T├╝r. Er konnte nicht fassen was er sah. Er half dem leise Weinenden Alten hoch. Auf einem seiner Knie war ein roter Fleck sichtbar. Vorsichtig f├╝hrte er ihn in den Laden, schloss die T├╝r.

Der Junge blieb draussen, weinte und stand herum, wischte sich das Gesicht. Ich hatte keine Lust gehabt einzugreifen, den Alten zu retten. Denn ich wollte sehen was passiert, das war mir wichtiger.
Pl├Âtzlich f├╝hlte das Kind das ich ihn betrachtete. Er drehte sich abrupt um und sah mir direkt in die Augen. Sofort begriff er das ich ihn die ganze Zeit beobachtet hatte. Und sein Gesicht nahm einen erschrockenen Ausdruck an. Und sofort richtete sich sein immer noch nicht verbrauchtes Wutpotential gegen mich, der ich Zeuge seiner Untat war. Scham und Wut sind eine ├╝ble Mischung die nie zu etwas gutem f├╝hrt. "Schau weg!" quiekte er schrill. "Das ist meine Sache!" , fuhr er fort. Er ging einige Schritte auf mich zu und fuchtelte mit seinen F├Ąusten. Eine Drohgeb├Ąrde sollte das wohl darstellen. "Hau ab Du Arschloch!" Wieder befand er sich im Reich der Hysterie. Ich stand auf. Ging auf ihn zu. Er blickte ├Ąngstlich und verstummte. Ging r├╝ckw├Ąrts. Bis er an der Hausmauer stand. Und ich vor ihm. Jetzt war er aufgewacht. Er sagte nichts. Blitzschnell griff ich in die Haare seine Hinterkopfes, hielt ihn dort fest, und schlug sein Gesicht mit voller Wucht gegen die Hausmauer. Tot war er sicher nicht, die Nase jedoch war sicher hin. Mindestens. Er st├Âhnte dumpf, ging in die Knie. Seine Haare immer noch haltend sagte ich :" Ich bin dein Gewissen. Und ich werde
immer bei dir sein." Dann machte ich mich aus dem
Staub.

meinungen sind ausdr├╝cklich erw├╝nscht! danke!

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ingridmaus
Hobbydichter
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wooow, Bassimax, muss Du denn unbedingt Geschichten hier reinstellen, die die dunkelsten Seiten meines Innersten widerspiegeln? Klar musste, bist ja ein Schreiberling.
Die Geschichte find ich mal wieder klasse, besonders natuerlich, weil ich auch in solchen Situationen gerne mal widerliches Gewissen spielen wuerde (was einem gesellschaftlich ja absolut versagt ist, denn bruellende Kinder haben ja auch recht, wenn sie mit Stuehlen und Tischen nach Dir werfen), aber auch die Sprache ist wieder besonders eindringlich. Man nimmt Dir den objektiven Beobachter vollstaendig ab, der Dialog zwischen dem Opa und dem Kleinen ist beaengstigend lebensecht. Und auch der Uebergang zwischen Beobachtung und Aktion ist sehr glaubwuerdig - ich haette ja am liebsten Cheerleader fuer den Erzaehler gespielt! Was bin ich fies!
Nur zwei Vorschlaege:

"Der Alte hatte ein gutes Gesicht."
Hm, was meinst Du damit? Hat er AlmOehi-Augenbrauen? Oder diese wissenden bleichen Augen, die alte Menschen manchmal haben? Der Erzaehler ist ein scharfer Beobachter (so wie Du offensichtlich auch) - ihm wuerden solche Details bestimmt auffallen.

"Es ist symphatisch, wenn ein Mensch gewisse Dinge nicht versteht,..."
Der Satz holpert irgendwie. Ich finde die Grundidee ganz klasse, der Opa ist ja auf symphatische Weise naiv, aber durch den Satz kriegt das fuer mich eine gewisse herabwertende Qualitaet - ist aber wohl Geschmackssache!

Liebe Gruesse
Deine Stammleserin
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Never wake a sleeping dragon!

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jorunn
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Hallo, bassimax,

drei Seiten waren das? Ich muss sagen, ich hab mich auf einer schon mehr gelangweilt als in dieser Geschichte. man sieht das kleine Mistvieh f├Ârmlich vor sich. Wobei, andererseits, nat├╝rlich die Frage zu stellen ist, wieso ist der Kleine mit seinen 12 Jahren so anspruchsvoll? Wer ist denn da dran schuld?
Aber, Kompliment, klasse Geschichte.
Jorunn

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bassimax
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hallo ingrid!

sch├Ân das dir meine geschichte gefallen hat. "der alte hatte ein gutes gesicht". stell dir einfach vor was du
bei einem ├Ąlteren menschen f├╝r ein gutes geschicht h├Ąltst.
ich denke diesen freiraum muss man dem lesenden lassen.
ich sehe manchmal menschen, wo ich denken musss "der
hat ein gutes gesicht" ich meine damit nicht gut im mora-
lischen sinne, sondern interessant, etwas sagend, viel-
leicht intensiver als gew├Âhnlich ein leben widerspiegelnd.
"es ist sympathisch, wenn ein mensch gewisse dinge nicht
versteht". gemeint habe ich damit, das es einfach wohl-
tuend ist, wenn jemand, wie im diesem falle, nicht begreifen
kann einem knirps ein so teures spiel zu kaufen. dieses
unverst├Ąndnis empfinde ich wie ein gruss aus der welt
des normalen, erdverbundenen denkens. aber ich gebe gerne
zu, das ich mit diesem satz auch nicht ganz gl├╝cklich bin.
ich dachte er k├Ânnte etwas oberlehrerhaft klingen.
wie immer bedanke ich mich f├╝r dein nachdenken ├╝ber meine
geschichte.
liebe gr├╝sse an dich, und auch an jorunn f├╝r das lob
sebastian

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ingridmaus
Hobbydichter
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Kuerze

Hi bassimax,
ich hab noch was vergessen: Mir hat die Geschichte ausserdem noch besonders gut gefallen, weil Du diesmal so schnell auf den Punkt kommst. Sonst schreibst Du ja gerne mal laengere Rueckblicke und dergleichen, die sind zwar auch sehr interessant und angenehm zu lesen, aber man braucht doch ein gewisses Durchhaltevermoegen, um am Schluss zum Sahnehaeubchen zu kommen. Aber diese Geschichte erzaehlst Du in einem Rutsch, in einer Zeitebene und das gibt noch einen Extra-Spannungskick!
Gruesse vom Action-Girl Ingrid
__________________
Never wake a sleeping dragon!

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flammarion
Foren-Redakteur
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ja,

liest sich weg wie 3 s├Ątze. w├Ąren die kleinen fehlerchen nicht, h├Ątt ich 10 punkte vergeben, so sinds nur 9. mann, bin ich froh, da├č meine enkel keine spiele zu 100 dm von mir verlangen . . . ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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