Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92199
Momentan online:
418 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
die Flucht
Eingestellt am 04. 05. 2002 18:17


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
die Flucht

Die Flucht


Aljoscha hatte seinen Spaß gehabt mit mir und mit einigen anderen Kindern. Aljoscha war ĂŒberhaupt ein Pfundskerl. Verbote kannte der Junge nicht. Seine Eltern sahen die Dinge anders: „Es macht nichts!“ sagte er nur, wĂ€hrend wir in der NĂ€he des Spielplatzes auf dem alten Auto seines Vater mit bloßen FĂŒĂŸen hinauf- und hinunter liefen. Man musste sich beeilen, denn das Autoblech brannte unter den Fußsohlen, eine Erfahrung, die man nur machen konnte, wenn man verbotene Dinge tat; ein ganz neuer Reiz fĂŒr mich.

Doch die Nachricht von unseren Eskapaden war eher zu Hause, als ich selber. Das hohe Gericht wartete bereits auf mich: „Stimmt es?“ wollte meine Mama wissen, „dass ihr auf Autos herumlauft?“ Jetzt waren es schon Autos!

„Nein!“ wollte ich ihr gerade zur Antwort geben, doch sie wartete den Rest meines Satzes nicht ab, schon erhielt ich eine saftige Ohrfeige und sah mich wenige Minuten spĂ€ter am hellichten Tag im Bett liegen.

Ich weinte, ob dieser brutalen Behandlung und hörte die TĂŒrglocke. Es musste Aljoscha sein.
Mutter leugnete es ab: „Der Junge ist nicht zu Hause!“ gab sie Aljoscha knapp zur Antwort.
Es war so gemein, diese LĂŒgerei! Ich war erbost, außer mir, ob dieser Ungerechtigkeit und mir fiel nichts anderes mehr ein, als mich mit TrĂ€nen in den Augen in mein Schicksal zu fĂŒgen.

Nicht jedoch Aljoscha: Er stand kurze Zeit spĂ€ter unter meinem Fenster. Ich hörte die kleinen Steinchen gegen die Scheibe klicken; ich hĂ€tte jubeln können. Aljoscha ließ mich nicht allein.
Auch diese Erfahrung war eine neue fĂŒr mich, mochten die Eltern sagen was sie wollten:
„Ich verbiete dir, noch einmal mit diesem WĂŒstling zu spielen! Seine Eltern haben einen denkbar schlechten Ruf, sie kĂŒmmern sich nicht um ihre Kinder und nehmen Drogen!“ FĂŒr mich stieg Aljoscha in meiner Achtung, ja er war ein Junge, fĂŒr den ich alles tun wĂŒrde und wĂ€hrend ich frĂŒher nie den Mut aufgebracht hĂ€tte, mich gegen den Willen meiner Mutter zu stellen, so stieg ich jetzt wie selbstverstĂ€ndlich die Leiter hinunter, die Aljoscha unerschrocken gegen die Wand gelehnt hatte. Ich bewunderte ihn tĂ€glich mehr und seine Freundschaft schien mir von Tag zu Tag wichtiger zu werden.

Das Zimmer hatte ich vorsichtshalber von innen her verriegelt, bevor ich es durch das Fenster verließ. Es gab keinen zweiten SchlĂŒssel, das wusste ich und meine Eltern hatten es versĂ€umt, meine Flucht zu beobachten.

Wir unterhielten uns unterwegs ĂŒber das Thema Freiheit. Bisher war ich der Meinung, ich hĂ€tte alles was ich brauchte und hatte noch nie etwas vermisst, doch Aljoscha zeigte mir meine Grenzen, die sich immer hĂ€ufiger wie eine Wand vor mir aufbauten. Was Freiheit war, das wusste Aljoscha. Sie war jedenfalls nicht: PĂŒnktliches und regelmĂ€ĂŸiges Essen, waschen am Morgen und ZĂ€hne putzen. Seine Freiheit sah anders aus: Essen dort, wo etwas zu finden war, ein zu Hause nur, wenn es gar nicht anders ging und Uhren, die konnte man vergessen, fĂŒr ihn gab es keine Zeit. Ich wusste nie, dass die Tage so lang sein können, seitdem ich Aljoscha kannte. Es war einfach mit ihm, er wischte die Mauern und ZĂ€une in meinem Leben einfach weg. FĂŒr ihn waren sie nicht vorhanden. „Schlaf einfach bei mir diese Nacht sagte er so leichthin. Ich zog es aber doch vor, heimlich ĂŒber die Leiter wieder ins Haus zu schleichen.
„Wie du willst!“ sagte er nur; es schien ihm nicht so wichtig. „WĂ€r ja nur ein Vorschlag, falls du Ärger bekommst.“ Damit war fĂŒr ihn das Thema erledigt, nicht aber so fĂŒr mich, denn als wir uns nach langer Zeit aufmachten – Aljoscha ging mir zuliebe mit und wollte die Leiter verschwinden lassen, wenn ich oben war - da sahen wir schon den Polizeiwagen vor der elterlichen TĂŒr stehn und mir wurde Angst und Bange bei dem Gedanken daran, welchen Aufstand ich jetzt erleben wĂŒrde. Ich entschloss mich kurzerhand, noch schnell Aljoschas Angebot anzunehmen und wir schlichen uns hinter den GĂ€rten entlang davon. Ob es mir leid tat? Nein, es tat mir kein bisschen leid. Wir hatten noch einen schönen langen Abend, denn es interessierte sich keiner fĂŒr uns. Irgendwann recht spĂ€t kamen wir bei Aljoscha zu Hause an.

Die Eltern waren gar nicht da und wir sahen nach, was denn der KĂŒhlschrank noch so hergab.
Aljoscha warf die TĂŒre mit Schwung wieder zu, kaum hatte er hineingesehen. „Igitt, da stinkt es abscheulich! Lass uns woanders suchen!“ empfahl er mir. TatsĂ€chlich war da noch ein Paket Zwieback. Wie alt mochte das schon sein. Wir aßen ihn mit Gurken, das war alles. „Da wird es bei euch wohl bessere Sachen geben?“ erkundigte sich der Freund, wĂ€hrend er die Gurken mit Heißhunger zermalmte. Ich schĂŒttelte den Kopf, obwohl ich ihm beipflichten musste. Aljoschas Schwester kam zurĂŒck und wir beide machten noch einen kurzen Nachtbummel. Von unterwegs rief ich bei meinen Eltern an, „Macht euch keine Sorgen, aber ich komm heut nicht nach Hause. Ich will frei sein!“ dann legte ich schnell den Hörer auf.



Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!