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Leselupe.de > Kurzprosa
die Greisin
Eingestellt am 30. 03. 2005 14:43


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Zarathustra
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Die Greisin

Frische Luft strömte ins Zimmer und blÀhte die vergilbten VorhÀnge wie Segel.
Es war kĂŒhle, wĂŒrzige Herbstluft, in der die Greisin aufatmen konnte.

Nur kurz aufatmen.

Versunken, beinahe schon verschwunden, lag sie in ihren Kissen.
Sie war klein geworden, klein wie ein Kind.
Und sie war leicht wie eine Feder.

Weiß, bleich und wĂ€chsern war ihr Gesicht.
Die frische Luft tat ihr gut.
Ihre AtemzĂŒge wurden wieder hörbar, rasselten pfeifend aus der Lunge, spuckten etwas von ihrem Leben aus.

Die Augen, die mĂŒden Augen, die soviel vom Leid gesehen hatten, sie starrten an die rissige Holzdecke.
Ihr Verstand war trĂŒb geworden und verdeckte das, was sie sehen wollte.
Das Licht!

Wieder strömte frische Luft ins Zimmer
und brachte den Geruch von Laub, von Erde, von nasser Erde.
Es roch nach Verwesung, es roch nach Grab; -
trotz der frischen Luft.

Die blassroten Treibhaustulpen auf der Kommode waren schon lange verwelkt. Sie hingen leblos mit den Köpfen nach unten.

Die Greisin schien etwas zu hören
Sie freute sich; -
sie lÀchelte; -
lÀchelte ganz still und zufrieden.

Die Greisin wollte sprechen, sie wollte antworten.
Sie bewegte den Kiefer ohne den Blick von der Holzdecke zu wenden, der ihr Horizont war und ihr Himmel.
Sie bewegte die Lippen, aber ohne ein Wort zu reden.
Die Sprache hatte die Greisin schon lange verloren.

Es gibt große, tiefe, ungelöste Geheimnisse in dieser Welt. Aber irgendwann wird sie jemand kennen; -
irgendwer wird es wissen. Das Wie und das Warum,
man kann es erforschen.

Doch alle diese Geheimnisse verblassen vor dem Verstand der Greisin. Den kann niemand erforschen. Nie wird jemand erfahren, was sie dachte, als sie an die Decke starrte und ein letztes mal die frische Luft atmete.

****

Epilog


Als spÀter das Fenster geschlossen wurde,
brannten schon die Kerzen.
Ein Kreuz, stand auf ihrem Nachttisch.
Das Kruzifix mit dem geschundenen Heiland, warf einen großen zitternden Schatten an die Wand.
Der Schatten sah merkwĂŒrdig aus; -
er sah aus, als ob eine arme Menschenseele die Wand entlang tastet und versucht das Sterbezimmer zu verlassen.

Der Rosenkranz war um ihre dĂŒrren HĂ€nde gewickelt.


***

Anmerkung:


Am 21. Oktober 2004 starb meine Mutter mit 81 Jahren. Wir hatten Sie ĂŒber 3 Jahre zu hause gepflegt. Sie litt an Alzheimer Demenz. Ihre letzten beiden Jahre waren vom Leiden gezeichnet: Ellebogenfraktur, SchĂ€delfraktur, Oberschenkelhalsbruch; - geistige Umnachtung.
Sie hat viel gelitten.

Unsere Verwandten fragten, ob ihr Tod eine Erlösung war.
Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ihr Tod schön war.
Sie sah den Himmel,in ihrer Todesstunde. Da bin ich mir sicher! Ihre Seele ist entkommen, aus ihrem geschundenen, gequÀlten Leib.

30. MĂ€rz 2005
© Hans Feil
__________________
Was sind das fĂŒr Zeiten, wo ein GesprĂ€ch ĂŒber BĂ€ume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen ĂŒber so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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Montgelas
???
Registriert: May 2004

Werke: 1
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lieber hans, ich kann dich gut verstehen.

vorab und in eile. leider !!

dein ausatmen kommt besser,
wenn die feststellende bemerkung im epilog,
"die greisin war gestorben",
gestrichen wĂŒrde.
textarbeit ist bei autobiografischem sehr schwer.
ich fĂŒrchte, ich bin dem nicht gewachsen.

sobald ich mehr ruhe
habe, komme ich nochmal hierher.

alles gute,
ich komme wieder...

herzlich

montgelas


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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Hallo Montgelas

.. du hast recht.

Ich habe den Satz gestrichen..

Danke dir ganz herzlich fĂŒr das Lesen und die Redaktion..

Bis bald, bis zu den nÀchsten Geschichten, .. den TrÀnen..
oder was auch immer.
Sag Josef einen schönen Gruß von mir.


L.G. Hans
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Perle
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Hans,

Montgelas hat recht, es ist schwer hier Textarbeit zu leisten.
Ich musste den Atem anhalten beim Lesen und vielleicht gerade deshalb will ich es wenigstens versuchen.

Frische Luft strömte ins Zimmer und blÀhte die vergilbten Segel der VorhÀnge.(und blÀhte die vergilbten VorhÀnge wie Segel)
Es war kĂŒhle, wĂŒrzige Herbstluft, in der die Greisin aufatmen konnte.

Nur kurz aufatmen.( Kurz aufatmen.)
Versunken, beinahe schon verschwunden, lag sie in ihren Kissen.
Sie war klein geworden, klein wie ein Kind.
Und sie war leicht wie eine Feder.

Weiß, bleich und wĂ€chsern war ihr Gesicht.
Die frische Luft tat ihr gut.
Ihre AtemzĂŒge wurden wieder hörbar, rasselten pfeifend aus der Lunge, spuckten etwas von ihrem Leben aus.

Die Augen, die mĂŒden Augen, die soviel vom Leid gesehen hatten, sie starrten an die rissige Holzdecke.
Ihr Verstand war trĂŒb geworden und verdeckte das, was sie sehen wollte.
Verdeckte das Licht!(Das Licht!)
Wieder strömte frische Luft ins Zimmer
und brachte den Geruch von Laub, von Erde, von nasser Erde.
Es roch nach Verwesung, es roch nach Grab; -
trotz der frischen Luft.

Die blassroten Treibhaustulpen auf der Kommode waren schon lange verwelkt. Sie hingen leblos, in einer Vase aus grĂŒnem Glas; - sie hingen mit den Köpfen nach unten.

Die Greisin schien etwas zu hören
Sie freute sich; -
sie lÀchelte; - lÀchelte zahnlos,
lÀchelte ganz still und zufrieden.

Die Greisin wollte sprechen, sie wollte antworten.
Sie bewegte den Kiefer ohne den Blick von der Holzdecke zu wenden, der ihr Horizont war und ihr Himmel.
Sie bewegte die Lippen, aber ohne ein Wort zu reden.
Die Sprache der Menschen hatte die Greisin schon lange verloren.

Wisst Ihr,
Es gibt große, tiefe, ungelöste Geheimnisse in dieser Welt. Aber irgendwann wird sie jemand kennen; -
irgendwer wird es wissen. Das Wie und das Warum,
man kann es erforschen.

Doch alle diese Geheimnisse verblassen vor dem Verstand der Greisin. Den kann niemand erforschen. Nie wird jemand erfahren, was sie dachte, als sie an die Decke starrte und ein letztes mal die frische Luft in sich eingeatmete hatte.

FĂŒr mich ein sehr starker Text. Ich habe ihn bestimmt nicht zum letzten Mal gelesen.

Viele liebe GrĂŒĂŸe
Gabi


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Zarathustra
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Hallo Perle,

herzlichen Dank fĂŒr deine redaktionelle Arbeit.
Es bedeutet mir sehr viel, dass sich jemand mit der Geschichte auseinandersetzt.

Eine VorschlÀge habe ich zum Grossteil schon umgesetzt. Er mach die Prosa klarer und verstÀndlicher.

Vielleicht allzuoft habe ich diese Geschichte hin -und her gedreht. Mindestens 5 mal abgeÀndert.

Nun scheint sie fertig zu sein.

Dir und Montelas, herzlichen Dank.

L.G. Hans


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bonanza
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schön hast du deiner alten mutter gedacht.

am text selbst könnte ich das ein oder andere bemÀkeln.
mir ist nur nicht danach.
viel lieber lasse ich ihn wirken.

gruß
bon.

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