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Leselupe.de > Kurzgeschichten
die zerplatzte Seifenblase
Eingestellt am 21. 08. 2014 05:26


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Hagen
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die zerplatzte Seifenblase

Vielen Dank für die Zusendung des Exposés und Ihres Manuskriptes.
Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir keine Möglichkeit sehen, Ihr Manuskript zu veröffentlichen. Bitte haben Sie dafür Verständnis.
Wir bedanken uns sehr herzlich für das Manuskriptangebot und Ihr Vertrauen in unseren Verlag, und wünschen Ihnen noch viel Erfolg für Ihre Arbeit.
Möglicherweise kann Ihnen auch eine Literaturagentur, die beispielsweise im Autorenjahrbuch aufgeführt ist, weiterhelfen.

Mit freundlichen Grüßen……………


Wieder eine Absage. Dabei hatte ich Herzblut und Begeisterung, ekstatisches Hochgefühl und tiefste Melancholie in den Roman gelegt, alles nach den Regelungen des Monomythos aufgebaut mit Adjektiven wie gemalt und Metaphern, wie die Lieder von Leonard Cohen.
Und wieder eine profane Ablehnung.
Ich machte meinen Outlook-Express zu. Lange mochte die Absage drin gelegen haben, denn jetzt stand der Vollmond bereits am nachtblauen Himmel.
Schlafen kann ich bei Vollmond sowieso nicht, und nach diesem Schicksalsschlag schon gar nicht.
Möglicherweise hatte die Kneipe unten im Dorf noch offen. Eine schöne Kneipe, Ziel eines Spazierganges, eingerichtet im Stil der Sechziger, mit den wunderbaren Oldies in der Jucke-Box und dem Flipper mit den knallenden Bumpers. Etwas, was kaum jemand zu schätzen wusste, in einer Zeit ohne Adjektive und Metaphern.
Hoffentlich würde ich mich nicht wieder betrinken, trotzdem zog ich meine Marlon Brando Lederjacke an und war damit auf ‚Krawall gebürstet‘.
Niemand hätte mir jetzt zu nahe kommen dürfen.
Niemand!
Raus an die frische Luft, aber ich nahm sie nicht war, die würzige, abgasfreie Luft in den menschenleeren Straßen.
Vielleicht war es doch schon zu spät für ein paar große Biere, aber noch nicht für den anderen einsamen Mann auf dem Balkon. Gewandet in Frack und Zylinder rezitierte er ‚Hochliteratur‘.
„Im Fenster jenes alt verblichnen Gartensaals
Die Harfe, die, vom leisen Windhauch angeregt,
Lang ausgezogne Töne traurig wechseln lässt…“
Sonst ja, aber jetzt habe ich keinen Sinn dafür, keinen Sinn für erhabene Dichtung. Ungleich dem anderen Man, der bei halb geöffnetem Fenster bei einem halbvollen Glas Rotwein an seinem Computer sitzt und Lyrisches schreibt.
Ich bleibe einen Moment stehen, kann aber nicht erkennen, was er schreibt, sein Gesicht ist jedoch verzückt.
Oder macht er nur die Abrechnung für sein Geschäft?
Oder er ist freischaffender Lektor und hat ein Manuskript, was ihn fesselt?
Warum nicht meins?
Verdammt!
Ich gehe weiter, die Kneipe ist nicht mehr weit und drinnen ist noch Licht an.
Ich trete ein, setze mich an die Theke, schlage den Kragen meiner Marlon Brando Lederjacke hoch und bestelle ein Bier, ein recht schönes großes, mit einem Häublein Schaum oben drauf.
Wer alleine an der Theke sitzt, ist stets der Loser, nur Loser sitzen alleine an der Theke.
Der ungeile Wirt verzieht keine Miene und stellt das Glas unter den Zapfhahn.
Ich zünde mir eine Zigarette an.
„Hier ist Rauchverbot!“
„Welches Rauchverbot?“
Die Luft knistert.
Ich balle die Fäuste.
„Na, gut. Aber nur weil gerade keine anderen Gäste da sind.“
Ich entspanne mich.
Der Wirt zapft weiter.
Die Zeit tropft dahin, ich wartete auf den Schwächeren, gelehnt an meinen innerlichen Hader.
Weil der Schwächere nicht kommt ist mir nach Trashmusik, richtig schöner Trashmusik.
Bloß nichts Anspruchsvolles. Nicht in der Literatur, wie ich es versucht habe, nicht in der Musik.
Und in der Ecke steht die Jucke-Box mit den schönen Oldies, eine echte Rock-Ola Capri II! 49 years old and still going strong.
Fast ehrfürchtig drücke ich „Surfin' Bird, the Bird is the Word!“
Bis die Nadel in der Rille sitzt ist mein Bier fertig. Ich nehme einen großen Schluck.
„A-well-a everybody's heard about the bird.
Bird, bird, bird, b-bird's the word.“
Rein kommt Horst.
Horst ist schwächer als ich.
„A-well-a bird, bird, bird, b-bird's the word.
A-well-a bird, bird, bird, b-bird's the word.“
Es wird ein leichtes Spiel werden, und ich bin meinen Frust los.
„A-well-a bird, bird, b-bird's the word.
A-well-a bird, bird, bird, b-bird's the word.“
Doch Horst ist zu schwach und zudem das letzte Arsch in der Kartonfabrik.
„A-well-a bird, bird, bird, b-bird's the word.
A-well-a bird, bird, bird, b-bird's the word.“
Er hat es jeden Tag schwerer als ich es nur heute habe.
Er wird immer rumkommandiert, verarscht, alle lachen über ihn.
„A-well-a bird, bird, bird, b-bird's the word.
A-well-a don't you know about the bird?“
Zudem hat er ein Feuermahl über die ganze linke Wange.
„Well, everybody's talking about the bird!“
„Hallo Horst“, sage ich, „schön, dass du kommst! Lass uns ein Bier trinken und eine Runde flippern.“
„Well don't you know about the bird?
Well, everybody knows that the bird is the word!“
Horst nickt. Vollkommen glücklich.
„A-well-a bird, bird, b-bird's the word!“


Version vom 21. 08. 2014 05:26

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