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Leselupe.de > Lange Texte
ein unangemeldeter Gast
Eingestellt am 28. 07. 2004 10:55


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kristina
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2004

Werke: 2
Kommentare: 3
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Prolog

Die kalte Luft der Winternacht ließ seinen Atem gefrieren. Fröstelnd hüllte er sich in seinen Umhang, während er über die unebenen Pflastersteine eilte, umgeben von dem Gestank, der aus den Häusern drang. Ein Gemisch aus verbranntem Torf, gebratenem Lammfleisch und entlerrten Nachttöpfen.
Er achtete nicht auf den Geruch, seine Nase war verdeckt von der grauen Kapuze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte.
Niemand durfte ihn sehen, niemand sollte erahnen, wohin sein Weg ihn führte.
Plötzlich blieb er stehen und lauschte, Schritte näherten sich. Er verschwand hinter einer Mauer und blickte die Gasse zurück. Nichts war zu erkennen. Leise hörte er es an einer Tür klopfen, die knarrend geöffnet wurde. Die Schritte verklangen, Ruhe trat ein.
Ein erneuter Blick zurück, dann lief er weiter.
In der Nähe bellte ein Hund vorüberziehende, lärmende Wirtshausbesucher an. Eine tiefe Stimme fluchte, der Hund jaulte auf, wahrscheinlich ein Tritt, der ihn zum Schweigen brachte.
Nachdem er um eine Ecke gebogen war, erreichte er ein verkommen aussehendes Haus, dessen Hintertür sich nur unter Mühen einen Spaltbreit öffnen ließ.
Er schlüpfte hinein, tastete sich im Dunkeln zu einer Treppe vor und stieg diese in die obere Etage hinauf. Ein fahler Lichtstrahl fiel durch die zusammengenagelten Bretter eines Verschlages, deutlich war dahinter das Summen einer Melodie zu hören. Seine Knöchel tanzten über das morsche Holz und hinterließen den Klang eines verabredeten Zeichens.
“Tretet ein, Signore, tretet ein, schnell!”, rief es, als er den Raum betrat. “Ich habe euch schon erwartet!”
Er hatte noch nie vorher die Dienste der Alten in Anspruch genommen, hatte sich immer auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen.
Eine strega sollte sie sein, so munkelten die Leute.
Die Kapuze glitt ihm vom Kopf und enthüllte ein graumeliertes Haupt samt einem langen weißen Bart. Seine eisblauen Augen blickten sich interessiert in dem Raum um, den er heute das erste Mal betrat, und der über und über mit zum Bersten gefüllten Regalen bestückt war.
Er entdeckte in dem Durcheinander Käfige, in deren Ecken sich winzige Mäuse schlafend auf einem Haufen zusammengerollt hatten; Behälter, aus denen ihn Frösche mit ausdruckslosen Augen entgegenstarrten und sogar eine Schlange, deren gespaltenen Zunge seine Anwesenheit durch das Glas zu wittern schien. Dazwischen lagen bunte Steine; stapelweise zusammengefaltetes Pergament; glänzende Kristalle; Döschen, gefüllt mit Pulver und Salben; Flaschen, aus denen ekelerregende Flüssigkeiten quollen; durchsichtige Glaskugeln und skelettierte Köpfe jeglicher Größe und Beschaffenheit.
Von der Decke baumelten Sträuße gewunden aus Kräutern, an Haken gebundene Fuchs- und Biberpelze, bunte Bänder und Tücher, während die Holzdielen mit einem flauschigen Teppich, bequemen Sitzkissen und einer wackeligen Kiste bestückt war.
Sie war eine Hexe, wahrlich, er konnte es mit eigenen Augen sehen. Sie war eine strega.
“Nehmt Platz, Signore! Macht es euch gemütlich!”, forderte sie ihn auf.
Er schüttelte seinen Kopf, hier wollte er sich nicht lange aufhalten.
“Was ich euch zu sagen habe, benötigt Zeit, einen guten Tee und die Weitsicht von zarten Haselmausknochen!”, grinste sie listig und klapperte mit dem Inhalt eines Lederbeutelchens, der an ihrem Gürtel befestigt war.
Unwillig setzte er sich auf ein besticktes Kissen, während die Alte zwei Tassen und eine dampfende Teekanne auftrug. Der Tee war mit einem fruchtigen Beigeschmack versehen, und er war frisch gebrüht – sie musste gewusst haben, dass er sich auf dem Weg zu ihr befand.
Er atmete tief ein. Nein, sagte er zu sich, er würde sich nicht von einer gewöhnlichen Hexe verwirren lassen und beobachtete, wie sie in einem Tongefäß eine Kräutermischung zum Räuchern brachte. Der Geruch von India schwebte durch den Raum, er erkannte ihn an dem Duft von Lemongras, Wachholderbeeren und Süßholz, er wusste auch, zu welchem Anlass man ihn benutzte. Bald schon würde sich seine unheilvolle Stimmung in Wohlgefallen auflösen.
Die Alte schenkte ihm Tee nach, dann löste sie den Lederbeutel und kippte das Innere, dünne, schmale Knöchelchen, auf eine schwarzsamtene Unterlage.
Sie schloss ihre Augen, streifte mit ihren Fingern über die Knochen und murmelte vor sich hin.
Er kämpfte mit aufsteigender Übelkeit, während er das spöttische Lächeln seines Ziehsohnes vor sich sah. “Ungeahnte, schicksalsträchtige Geschehnisse stehen dem Volk von Marethino bevor, dunkle Schatten werden über dieses Land ziehen, viele werden ihr Leben lassen
müssen – !”, konnte er undeutlich hören.
Es war nichts neues, was sie ihm mitteilte. Die Überfälle der Nazals nahmen zu, sie drängten über die Grenze und eigneten sich von Nahrungsmitteln, Pelzen bis hin zu wehrlosen Frauen alles an, was nicht niet- und nagelfest war.
Doch einen Moment, was hatte die Alte gerade geflüstert?
“Könntet ihr noch einmal wiederholen, bitte?”
Das Gemurmel verflachte, sie öffnete ein Auge und warf ihm einen missbilligenden Blick zu.
“Sie wird zurückkehren!”
“Wer wird zurückkehren?”, wiederholte er verdutzt.
“Die Tochter der Marethinos! Die, die ihr vor zwanzig Jahren im Strudel der Welten verloren habt!”
“Nein, das ist nicht möglich!”, schrie er laut auf. “ Das sagt ihr, alte Hexe, aber warum solltet gerade ihr dieses Wissen besitzen?”
Die Alte kicherte. “Ihr solltet euch mehr auf eure eigentlichen Aufgaben besinnen, an eure Fähigkeiten glauben, dann würdet ihr auch die Vorzeichen erkennen!”
Irritiert von dieser Neuigkeit, schwieg er einen Moment lang.
“Wann?”
“In drei Monden, bevor die Sonne sich am Himmel verneigt und Mars, der Frühlingsgott, den Monat der Knospen und Blüten verabschieden wird!”
Energisches Klopfen unterbrach die angespannte Stille, nähernde Stimmen waren zu hören, eine Tür wurde gerüttelt, die er zuvor übersehen hatte.
“Geht jetzt, rasch, man sollte euch nicht hier entdecken!”, rief sie und sprang auf.
Nervös beugte er sich über die Kiste, starrte auf die Knochen und strich mit den Fingern darüber. Nichts.
“Schnell, verschwindet!” Ein erneutes Klopfen ertönte, die Stimmen riefen den Namen der Alten und verlangten nach einem neuen Fass Wein, den die Hexe in ihrem Keller lagerte.
“Ich komme ja schon!”, murrte sie. “Was wollt ihr noch, ihr solltet längst verschwunden sein!”
“Ich –!” Er schluckte schwer. “Wo?”
Nun brach die Alte in Gelächter aus. Er bewegte sich rückwärts auf die Bretter zu, durch die er gekommen war, ohne sie aus den Augen zu lassen.
“Der große Illiasis fragt mich, an welchem Ort seine Fürstin zurückkehren wird?”
Lauter wurde ihr Lachen, Tränen rannen ihr über die Wangen.
“Denkt nach, edler Herr, großer Meister, für den ihr euch haltet! Denkt nach!”
Stumm blickte er sie an, unfähig sich von ihrem runzeligen Anblick zu lösen.
“L` Isola della pietra!”, keuchte er.
Die Alte nickte, dann trat sie näher. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, es erschien ihm, als würde sie ihre Zähne blecken.
“Ich habe noch etwas gesehen!”, konnte er zwischen erneut aufkeimendem Gelächter vernehmen. “ Der Sohn des schwarzen Fürsten, er wird sie begleiten!” Lauthals grölend klopfte sie sich auf ihren Oberschenkel.
Er öffnete den Verschlag und stürmte die Stiege hinab. Rasch lief er die Gasse entlang, als ihm die Puste ausging, wurde er langsamer und atmete tief, die eisige Luft ein.
Hatte sie gesagt – der Sohn des schwarzen Fürsten – oder meinte er, es gehört zu haben, in seinen verborgensten Ängsten bestätigt zu werden?
Er rief sich die letzte halbe Stunde in Erinnerung, ja sicher, damit hatte er nicht gerechnet. Schwer lag ihm diese Nachricht im Magen, doch dahinter begann sich vorsichtig ein nervöses Flattern breit zu machen, das all seine Sinne zu durchlaufen schien.
Aber hatte die Alte nicht auch gesagt, Sie wird kommen?
Sie wird wieder heimkehren?
Er hob seinen Kopf, straffte seine Schultern. Ungeduldig wich er den, mit einer dünnen Eisschicht überzogenen Pfützen aus:
Nun aber rasch, in drei Monden schon – Vorbereitungen mussten getroffen werden!



Schicksal oder Zufall oder gar beides? Eine Art Falle, die das Leben stellt? Gewollt von einer höheren Macht oder einfach geschehen durch Unbedachtheit unsererseits?
Gibt es das Eine, vorbestimmt und unabänderlich?
Oder tritt das Andere ein? Und man schreitet auch hier in das Ungewisse?
Die Sache, die mir widerfahren ist, kann man schwerlich in Schicksal oder Zufall teilen.
War es der Zufall, der mein Schicksal ins Rollen brachte?
Brauchte es überhaupt Zufälle, um die Kieselsteine des Lebens loszutreten, damit diese Gesteinsmassen sich zu einem Berg der eigenen Vergangenheit formten?
Oder war anfangs das Schicksal so hold, es wie einen verdammten Zufall aussehen zu lassen?

Nebliger Dunst zog durch den Wald und verlor sich zwischen hohem Farn und den betäubend süßen Blüten des Geißblattes. Der Moosteppich unter meinen Füßen, der gleich einem Schwamm den Regen in sich aufsaugte, machte den Aufstieg zu einem anstrengenden Vorhaben.
„Ihr müsst den kleinen bewaldeten Berg überqueren, zwei Meilen westlich von hier, dann werdet ihr eine Straße erreichen –!“, hatten uns die Männer geraten. Und wir waren ihrem Rat gefolgt.
Vorsichtig tat ich Schritt für Schritt. Dichtstehenden Pflanzen ließen mir kaum Luft zum Atmen, Schweiß rann mir am Rücken hinab. Der heiße Atem meines Pferdes, das ich am Zügel führte, strich über meinen Nacken, weit hinter mir erklang Lisas helle Stimme, schimpfend verjagte sie kleine schwarze Fliegen, die sich frech auf Arme und Gesicht setzten.
Ich wagte einen Blick den Berg hinauf und entdeckte Mark, der mit seinem Dolch den Weg von überhängendem Buschwerk befreite. Beinahe hatte er das Ende erreicht, der Wald lichtete sich vor ihm, erste Sonnenstrahlen fielen durch die dichten Zweige.
Ich konnte schon den frischen Wind auf meiner Haut spüren, der mich am Ende des Steges erwarten würde.
Allein diese Vorstellung trieb mich an, zügig marschierte ich den steilen Weg hinauf und ließ den beengenden Dunst hinter mir.
Als der Wald sich öffnete, strichen die glitschigen Pflanzen ein letztes Mal über meine Haut und ich betrat eine, mit Gänseblümchen übersäte Wiese, die im Schatten hoher Bäume und Büsche lag. Mark knotete die Zügel seines Pferdes an einen Ast und blickte einen Abhang hinab. Stephan, der auch auf dem Plateau angelangt war, gesellte sich zu Mark. Eine große grüne Ebene öffnete sich unter ihm, in deren Ferne sich Getreidefelder wie Flecken auf die Wiesen legten.
„Das ist ja wunderschön“, flüsterte er.
„Ja, und dort ist auch die Straße!“, beeilte sich Mark zu sagen.
„Wir sollten eine Pause einlegen. Ich habe einen riesigen Durst!“, erklärte Lisa. Um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen, schnappte sie ihre Feldflasche, ließ sich an einen Baum nieder und trank in langen Zügen.
„Wenn wir auf die Ebene kommen, haben wir keinerlei Schutz mehr“, gab Stephan zu bedenken.
„Mmh - “, murmelte Mark, „aber uns wird nichts anderes übrig bleiben. Wir müssen es wagen! Wir haben nichts mehr zu Essen, Stephan! Wenn es da draußen wirklich eine Burg gibt, in der wir ein paar Tage schlafen und uns waschen könnten, dann sollten wir versuchen sie zu finden! Außerdem müssten wir unsere Nahrungsmittelbestände erneuern!“
„Ich gehe unter keinen Umständen in diesen Wald zurück. Dann reise ich lieber ohne Schutz. Aber dieser Aufstieg war zu viel des Guten!“, erklärte Martin atemlos. Gemeinsam mit Zara hatte er sich als Letzter den Berg hoch gequält, zitternd und blass im Gesicht ließ er sich nun zu Boden gleiten und machte nicht den Eindruck, bald wieder aufstehen zu wollen.
„Dort hinten bewegt sich etwas!“, rief Stephan und deutete auf den Horizont.
„Ja, du hast Recht! Dort wirbelt irgendetwas Staub auf!“
„Vielleicht eine Windhose?“, überlegte Lisa, die sich im Gras ausgestreckt hatte.
„Nein, eine Windhose ist es nicht! Aber ich kann es auch nicht genau erkennen, irgendetwas graues!“, erwiderte Stephan.
„Ja!“ Ich kniff die Augen zusammen. „Da ist ein Wagen, der von Pferden gezogen wird. Vielleicht sind es auch mehrere, aber das kann ich aus der Entfernung nicht sehen.“
„Wahnsinn!“ Anna starrte ungläubig zum Horizont. „ Ich erkenne außer dem aufgewirbelten Staub überhaupt nichts.“
„Wer weiß, was uns nun wieder erwarten wird“, seufzte Lisa resigniert. „Ich frage mich, wie konnten wir jemals in so eine Situation gelangen!“
„Wir werden hier im Schutz der Bäume bleiben und warten, was dort auf uns zukommt!“, meinte Mark und ließ sich am Rande nieder. Ich lehnte mich ihm gegenüber an den Stamm einer Eiche. Nachdem Zara, meine Hündin, den Platz abgeschnüffelt hatte, legte sie sich neben mich. Auch die anderen hatten es sich im Schatten bequem gemacht, Anna zupft gedankenverloren am Gras, Martin, den der Aufstieg angestrengt hatte, war eingeschlafen und schnarchte vor sich hin. Mein Blick fiel auf Stephan, der leise zu Lisa sprach. Der Dreitagesbart, der ihm in der Wildnis gewachsen war, wirkte männlich und verwegen.
Ein grün glänzender Käfer surrte an meinem Ohr vorüber. Der Wind blies warm. Die Blätter raschelten. Einschläfernde Stille hatte sich breit gemacht.
Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, träumte von einem weichen Bett, einem guten Essen und einer warmen Dusche, und ich überlegte, wie es mit uns weitergehen sollte – und ob sich des Rätsels Lösung bald finden lassen würde.
„Ich frage mich, wie konnten wir jemals in so eine Situation gelangen?“, hatte Lisa eingeworfen.
Ich wusste es nicht.
In Gedanken wanderte ich zurück zur vergangenen Woche, in der uns unerklärliches passiert war.

Begonnen hatte alles an einem Mittwoch, genauer gesagt, am Morgen des 30. Aprils. An diesem Tag wurde ich nicht durch das Läuten meines Weckers zum Aufstehen drängte, nein, es war die nasse Schnauze meiner Hündin Zara, welche mich aus einem immer wiederkehrenden Traum erwachen ließ.
Es war Zeit, schien sie mir sagen zu wollen; schlaftrunken zog ich mir eine Trainingshose und ein altes T-Shirt über, schlüpfte in meine Turnschuhe und machte mich auf den Weg. Nachdem ich eine gute Stunde gelaufen war, kehrte ich zurück, stellte Kaffeewasser auf und begab mich unter die Dusche. Hier, unter kaltem Wasser, fiel mir wieder der Traum ein, der nur aus einer Folge von Bildern bestand; eine Landschaft, eine kleine Stadt am Meer und das Gesicht eines jungen, blonden Mannes. Oft erwachte ich mit einem Gefühl von Heimweh und einer Sehnsucht, die ich mir nicht erklären konnte.
Dieser Traum verfing sich nach dem Aufstehen in einem Gedankengestrüpp, welches in der hintersten Ecke meines Kopfes ruhte, eingehüllt in die graue Decke des Vergessens.
Ich stellte das Wasser ab, nahm mir ein Handtuch zum Abtrocknen und legte mir währenddessen einen Plan für den Tag zurecht. Um nichts zu vergessen, schnappte ich mir Papier und Stift und stieg gedankenversunken die Treppe hinab, als mich ein Geräusch aus der Küche erschrocken aufhorchen ließ.
Martin, ein Freund von mir, schenkte sich gerade eine Tasse Kaffee ein.
“Wo kommst du her? Wie siehst du denn aus?”, entfuhr es mir in einem Atemzug.
“Die Terrassentür war offen!”, murrte er. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, nahm er auf meiner Couch Platz und schloss seufzend seine Augen.
“Himmel, du blutest – und stinkst wie ein ganzer Schnapsladen!”
“Keine Aufregung, das Blut ist schon getrocknet!”, antwortete er ohne die Augen zu öffnen.
“Aber was ist passiert?” Sorgenvoll blickte ich ihn an.
“Ich habe mich etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt!”
“Was, du bist aus dem Fenster gestürzt?”, wiederholte ich ungläubig.
“Nein, natürlich nicht! Ich meinte das sinnbildlich!”
“Ach so!”
“Ich habe mich mit einem Kerl angelegt, der einige Nummern zu groß für mich war!”, sagte er.
“Aha, dies erklärt alles!”, entgegnete ich und betrachtete seine schmächtige Gestalt und das blasse Gesicht gleich einer Spitzmaus, die unter hohem Blutverlust litt.
Martin stellte die leere Tasse auf den Couchtisch, erhob sich und wankte zur Treppe.
“Du erlaubst doch? Ich habe eine heiße Dusche nötig!”
“Du weißt, wo du alles findest!”, meinte ich, erhob mich ebenfalls, um mich meinem täglichen Arbeitspensum zu widmen, das ich mir als Übersetzerin nach Gutdünken einteilen konnte.
“Ach, übrigens, Anna hat angerufen! Sie fragt, ob du den heutigen Termin für das Picknick noch in Erinnerung hast!”
“Oh, je –!”, rief ich und schlug mir mit der flachen Hand auf die Stirn. Ich hatte es tatsächlich vergessen.

Estiro betrachtete das Mauerwerk, vor dem er stand, die schweren grauen Steine und die Fugen, welche die muratori gut verspachtelt hatten. Seine Hände hielt er hinter dem Rücken verschränkt, fest ineinander geklammert, so dass sie ihm vor Aufregung nicht zu zittern begannen. Langsam löste er den Blick von dem Grau, dessen abgestufte Töne, die Steine mit feinen Linien durchzogen, wandte sich um und wanderte auf den Brunnen zu, der am Ende des langen Saales thronte. Im Vorübergehen warf er einen kurzen Blick auf Silvano, der auf einer Bank vor dem Fenster saß und mit ausdrucksloser Miene hinaus auf das Meer blickte.
„Und – du bist dir ganz sicher, dass es der heutige Tag sein wird?“, wollte er sich zum wiederholten Male von Illiasis bestätigen lassen.
Dieser schreckte aus seinen Gedanken auf, strich sich mit einer Hand über den ergrauten Vollbart und mit der anderen über die Falten seiner langen, weißen Tunika, deren Kragen mit einer goldenen Paspel verziert war. Noch einmal sah er in den Brunnen, doch das Wasser ließ ihn nur sein eigenes Spiegelbild erkennen.
„Estiro, du hast zu wenig Geduld! Setze dich und warte ab!“, erklärte er ruhig und deutete auf einen roten Sessel, der an der Wand stand.
Estiro seufzte und zupfte nervös an seinem knielangen, dunkelroten Oberteil, das von einem schmalen silbernen Gürtel gehalten wurde, dann blickte er hinab auf seine schwarzen Lederstiefel und schlurfte mit gebeugten Schultern auf den Sessel zu. Er ließ sich hineinfallen und schloss seine moosgrünen katzengleichen Augen.
„Die Alte hat den heutigen Tag vorhergesagt!“ Mit dieser Aussage versuchte Illiasis wohl mehr sich selbst, als Estiro zu beruhigen. „– bevor die Sonne sich am Himmel verneigt und Mars, der Frühlingsgott, den Monat der Knospen und Blüten verabschiedet – genauso hat sie gesagt!“
„Die Alte ist eine verrückte Wirtsfrau, die sich zu ausgiebig
mit dem Verkosten ihrer Weine befasst“, erwiderte Estiro.
„Außerdem halte ich wenig von Weissagungen, Orakeln und sehenden Steinen, die sie in ihrem Sortiment mit sich führt!“
„Keine Steine und keine Orakel, Estiro, Haselmausknochen, die hat sie benutzt!“
„Iih!“, ertönte es vorwurfsvoll aus Silvanos Mund, der sich bisher aus dem Gespräch gehalten hatte. Illiasis konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Weiß eigentlich Sandro von der Prophezeiung?“, fragte Estiro.
„Nein, er würde uns für lächerlich befinden!“, meinte Illiasis. „Und das werde ich mir nicht antun! Und du, Estiro, solltest dich etwas gedulden! Ich glaube, dass sie heute ankommen wird und die Zeiten der Entbehrung für immer vorbei sein werden.“
Wieder ertönte ein Seufzer, dann trat Stille ein.
Verstohlen musterte Silvano Estiro, dem es sichtlich schwer fiel, ruhig in dem Sessel sitzen zu bleiben. Er bewunderte dessen athletische Gestalt und das wohlgeformte Gesicht, doch dann wanderten seine Gedanken wieder zu der Frau, die von der Prophezeiung angekündigt wurde, von Estiro, Sandro und unzähligen Marethinos sehnlichst erwartet, aber von ihren Feinden bis aufs Blut gehasst wurde.
Silvano selbst hatte sie nie kennen gelernt, aber er konnte Estiros Aufregung voll und ganz nachvollziehen. Auch er verspürte eine große Unruhe in sich, vermischt mit Aufregung und Freude, denn Sandro, sein Bruder, hatte ihm viel von ihr erzählt. Seine ganze Kindheit lang hatte er sich Geschichten von ihr angehört und sich immer wieder ihr rätselhaftes Verschwinden schildern lassen – an dem Estiro und sein Bruder nicht ganz unschuldig gewesen sein sollten.
Silvano blickte wieder auf das Meer hinaus, beobachtete die Möwen, die kreischend ihre Kreise über den schäumenden Wellen zogen, sog den salzigen Geruch ein und als er die Augen schloss, konnte er die sanfte Gischt auf seinem Gesicht spüren, die der Wind zu ihm trug.

Nachdem die Sonne unmerklich den höchsten Punkt überschritten hatte, bog ich mit dem Auto in einen Feldweg ein und parkte es nach einigen Metern an einem Gebüsch.
Martin hielt seinen Kopf zum Fenster hinaus, einerseits um der Hitze zu entflüchten, die sich im Inneren angestaut hatte, andererseits um mit ausreichend Luft seiner Übelkeit Herr zu werden.
Es war nur eine kurze Fahrt bis zu unserem verabredeten Treffpunkt gewesen, Martin jedoch litt Qualen. Weder der starke Kaffee noch die Dusche hatten ihn erfrischt, sein Gesicht wurde mit jeder Minute bleicher. Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfuhr ihm, als seine Tür geöffnet wurde und Stephan ein fröhliches: “Guten Morgen!”, schmetterte.
“Martin, geht es dir nicht gut?”, fragte Lisa, die nähergetreten war und ihn nachdenklich musterte.
“ Er hat wohl gestern einige Biere zu viel getrunken”, erklärte Stephan und klopfte auf die Martins Schulter, der leicht unter dem Mitgefühl wankte.
“Spät seid ihr, wir dachten schon, ihr kommt gar nicht!”, bemerkte Lisa. Ich zuckte mit den Schultern, öffnete den Kofferraum und drückte ihr eine große Salatschüssel in die Hand.
“Lisa, lass gut sein! Ach, wen haben wir denn da?” Stephan beugte sich und kraulte Zara hinter den Ohren, die freudig zu ihm gelaufen war.
Das Tuckern eines Traktors, der näher kam, war zu hören. An einem Haus oberhalb der Straße hielt er an, ein Bauer stieg aus, um einer Frau, die aus einem der Fenster blickte, etwas zu zurufen. Einige Minuten später entfernte er sich wieder, und als ich aufblickte, erkannte ich Marks alten Fiat den Feldweg einbiegen. Anna saß auf dem Beifahrersitz und winkte – nun hatten sich alle am Treffpunkt eingefunden. Nachdem wir uns begrüßt und kurz geplaudert, Decken, Schüsseln und einen Bierkasten ausgepackt hatten, liefen wir los, um den eigentlichen Picknickplatz zu erreichen.
Der Weg, umgeben von Hecken, führte uns durch einen breiten Gang, bis hin zu einer sonnigen Wiese, die von einem Fluss umschlängelt wurde. An ihrem Ende, unter einer hohen Buche lag ein großer Findling, dort breiteten wir das Picknick aus.
Anna errichtete mit Lisas Hilfe ein gemütliches Ambiente, sie enthüllten Käse und Schinken, zerteilten Brote und schichteten Weintrauben und Erdbeeren auf Teller, die sie in die Mitte der Decken platzierten. Mark kümmerte sich derweilen um die Getränke, stellte sie zum Kühlen in den Fluss, und Stephan und Martin liefen noch einmal zum Auto, um das Holz für das Lagerfeuer zu holen. Ich hingegen war bemüht, Zara von den Speisen fern zu halten.
“Hast du Zara die letzten Tage nichts zu fressen gegeben?”, schmunzelte Stephan, als er Zaras gierige Blicke bemerkte.
“Ha, ha!”, murmelte ich.
Mit einem Prusten stellten die beiden den schweren, mit Holzscheiten gefüllten Bastkorb auf den Boden.
“Ich schlage vor, wir stärken uns erst, bevor wir das Holz aufschichten oder Martin, was meinst du?”
“Oh, ja gerne! Ich habe einen Mordshunger!”, erwiderte dieser und setzte sich zu Stephan auf die Decke – zwei Freunde, die vom Aussehen nicht unterschiedlicher hätten sein können. Neben dem grauäugigen Martin, dessen dunkles Haar ihm ungeschnitten bis über beide Ohren hing, wirkte Stephan groß und muskulös, in seinem gebräunten Gesicht, das von schwarzen Haaren umrandet wurde, dominierten braune, strahlende Augen.
Zufrieden schichtete Martin sich Köstlichkeiten auf einen Teller und trank von dem Bier, das Mark bereitgestellt hatte, dann forderte er mich mit einem Lächeln auf, es ihm gleich zu tun.
Das Picknick zog sich in die Länge, wir sprachen viel über die letzten Wochen, in denen wir uns kaum zu Gesicht bekommen hatten, tauschten Neuigkeiten aus, berichteten von Filmen, die wir im Kino gesehen, von Büchern, die wir gelesen und von Bekannten, die wir getroffen hatten.
Die Hitze wurde unter dem spärlichen Schatten der knospenden Buche unerträglich, so dass Mark eine Runde Frisbee vorschlug.
“Die Sonne macht mich müde, wenn ich mich nicht bewege, schlafe ich ein!”, erklärte er.
Stephan sprang auf. “Du hast Recht, mir geht es ähnlich! Los, Mädchen, auf geht’s!”
Wir erhoben uns träge, und sogar Martin, der seinen Magen nur unzureichend beruhigen konnte, beschloss mitzuspielen.
Doch die Müdigkeit ließ sich auch nicht durch körperliche Anstrengung vertreiben, sie war allgegenwärtig und zwang uns nach einiger Zeit zurück auf die Decken.
Nichts deutete daraufhin, dass diese Müdigkeit unser ganzes Leben verändern würde, unser Wirken und unsere Taten in Frage stellen und die Vergangenheit wie ein Nichts erscheinen lassen würde.
Auch Zara schien sie zu verspüren, hechelnd trottete sie zu mir und rollte sich ein, während ich mich verzweifelt mühte, meine Lider, die wie aus Blei schienen, offen zu halten. Schwer und zu keiner Bewegung fähig, sah ich dabei zu, wie die Sonne schneller als gewöhnlich über das Gebüsch wanderte, der Wind sich erhob und mir die Haare zerzauste. Ob die anderen auch spürten wie seltsam sich dieser Ort veränderte?
Es gelang mir einen letzten Blick auf die Uhr zu werfen,
14 Uhr 30, Mittwoch der 30. April, dann verlor ich den Kampf gegen diese Müdigkeit und schlief ein.

Ich träumte.
Ich spazierte durch einen sonnendurchfluteten Wald. Große, rote Ahornblätter brachen das goldene Licht des Tages, der leichte Wind strich mir über das Gesicht. Ich genoss die Ruhe, die um mich herrschte.
Nach einiger Zeit erreichte ich eine kleine Lichtung.
Dort, auf der anderen Seite, kniete ein unauffällig gekleideter Mann mit dem Rücken zu mir.
Ich blieb stehen, um ihn zu beobachten.
Er hielt ein langes, in der Sonne schimmerndes Messer in der Hand und schnitt Kräuter ab.
Dann erhob er sich und wandte sich um.
Mein Blick ging rasant auf ihn zu, und obwohl ich einige Meter entfernt stand, hatte ich nun sein Gesicht so knapp vor mir, dass ich ihn genau erkennen konnte, und ihn, wenn ich gewollt, über die zarte Haut streichen hätte können.
Er hatte ein wunderschönes Gesicht, sanfte grüne Augen und langes blondes Haar, das er zu einem sorgfältigen Zopf gebunden hatte. Er trug einen dunkelgrünen Umhang, den er mit einer Brosche an seinem Hals befestigt hatte. Die Anstecknadel war aus schwerem Silber gefertigt und stellte einen blühenden Baum dar.
Vorsichtig steckte er den langen Dolch in die dazugehörige Scheide zurück und verstaute das Grünzeug in seiner Gürteltasche. Eine angenehme Ruhe ging von ihm aus.
Als er mich wahrnahm, verzog sich sein Mund zu einem erfreuten Lächeln, wie bei einem alten Bekannten, den man lieb gewonnen und schon länger nicht mehr gesehen hatte.
Ein Blick nach hinten bestätigte mir, dass das Lächeln mir galt. Ich war leicht verdutzt, aber erwiderte es.
Sofort durchflutete mich ein vertrautes Gefühl.
Leise rief er mir etwas in einer fremden Sprache zu.
Sein Blick glitt hinauf zu den Wipfeln der Bäume, kleine Sonnensprengel huschten über sein Gesicht und ließen den grünen Stein an seiner Brosche hell aufleuchten.
Der Fremde rief mir noch einmal etwas zu, diesmal mit einem erschrockenen Ausdruck auf seinem Gesicht – ich verstand ihn wieder nicht.
Es war als hätte ich mir Watte in die Ohren gestopft. Ich langte zu ihnen, um ihn besser hören zu können – doch da war nichts.
Plötzlich verschwand er.
Ich versuchte ihm zu folgen, ihm hinterher zu eilen. Als ich mich jedoch umsah, bemerkte ich, dass ich kein Stückchen vorwärts gekommen war und noch immer auf demselben Fleck harrte. Vögel kreischten laut auf, flatterten von Ast zu Ast, Unruhe herrschte in dem zuvor stillen Wald.
Der Fremde war weg, und mich überkam Angst. Sie packte mich, nahm mir die Luft zum Atmen.
In meinem Augenwinkel bewegte sich etwas dunkles, grauenhaft Schwarzes auf mich zu.
Keinen leisen Blick wollte ich hinter mich werfen, ich verspürte nur noch das Bedürfnis, mich flach auf den Boden zu pressen.

Ich fuhr erschrocken auf.
Was war das eben? Mein Herz klopfte wild, mein Atem ging schnell. Ich hatte kleine Schweißtropfen auf der Stirn, die ich mir überrascht abwischte.
Langsam verflüchtigte sich die Angst, ebenso die tiefe Sehnsucht, die ich beim Anblick des Fremden verspürte.
Wieder einmal hatte er mich in meinem Traum besucht, so als wolle er schnell Hallo sagen, doch die Angst, die hatte heute das erste Mal Einzug gehalten.
Ich lag auf dem Rücken und blickte hinauf zu dem azurblauen Himmel, an dem weiße Wölkchen vorüberzogen, dann weiter zu der Buche, deren Blätter mit den Sonnenstrahlen fangen zu spielen schienen.
Mein Herzschlag beruhigte sich.
Verlegen sah ich mich um; ich hatte doch nicht etwa im Schlaf gesprochen? Und wo waren die anderen?
Waren sie etwa auch eingeschlafen?
Ich richtete mich auf. Ja, Stephan, Lisa und Martin lagen auf ihren Decken und dösten. Anna war nicht zu sehen und Mark setzte sich nebenan mit einem gequälten Stöhnen auf.
“Wie faule Hunde liegen wir in der Sonne!”, meinte ich leise und streckte meinen Rücken durch. Aus dem Gebüsch vor uns erklang das Geräusch eines sich übergebenden Menschen.
“Ist das etwa Anna? Geht es ihr schlecht?”, fragte ich verwundert. Mark nickte und atmete tief ein.
“Was ist los? Du siehst auch aus, als würde es dir nicht gut gehen?” Wieder nickte Mark, gab mir aber keine Antwort.
“Ich werde nach Anna sehen, vielleicht braucht sie Hilfe!”, erklärte ich und sprang auf. Durch meine hektische Bewegung erschrak Zara und glotzte mit einem stupiden Ausdruck vor sich hin. Dann wankte sie auf das Gebüsch zu, drehte sich zweimal um sich selbst und erbrach die Leckerbissen, die sie von den anderen erhalten hatte.
“Das gibt es doch nicht!”, rief ich verdutzt.
“Warte, Helena, ich komme mit!” Mark stand auf und folgte mir mit unsicherem Schritt. Hinter dem Gebüsch schlängelte sich ein Pfad hinab zum Ufer, dort kniete Anna im Sand und starrte zur anderen Seite.
“Anna, was ist los?”
“Seht ihr das dort?” Sie deutete über den Fluss hinweg auf einen meterhohen Kastanienbaum, der zarte weiße Blütenkerzen trug.
“Ja, schöner Baum, aber ich verstehe deine Aufregung nicht ganz!”
“Standen dort nicht vor einer guten Stunde Häuser? Und so etwas wie ein Dorf?”, krächzte Mark mit ausgedörrter Stimme. Er stand so steif hinter mir, dass ich spüren konnte, wie sich seine Muskeln verspannten. “Oder täusche ich mich?”
“Nein, du täuschst dich nicht!” Annas Lippe zitterte.
“Was redet ihr? Ihr verwechselt da sicher etwas! Es können nicht erst Häuser am anderen Ufer stehen und nach einiger Zeit sind sie verschwunden, das gibt es nicht!”, erklärte ich.
“Und da hinten? Dort hat man den Kirchturm von Lorenzenburg erkennen können, und nun –?” Anna wies mit dem Finger in die Richtung, in die unsere Heimatstadt liegen musste.
“Ach, ich weiß auch nicht!”, erwiderte ich lahm.
“Nein, Helena, irgendetwas ist passiert! Hörst du das?”
“Was? Ich höre nichts!”
“Ja, genau! Du kannst nichts hören, weil es nichts zum Hören gibt!” Fragend blickte ich Anna an. Mit einer fahrigen Bewegung band sie ihr schulterlanges braunes Haar zu einem Zopf zusammen und wandte sich dann dem Pfad zu, um zu unserem Lagerplatz zurückzugehen. Ich folgte ihr.
Als wir Stephan erreichten, der irritiert auf dem Boden saß, erklangen weitere Geräusche einer Übelkeitsattacke hinter den Hecken.
“Ist euch das Essen auch nicht bekommen?”, rief er uns entgegen. Anna ließ sich ermattet auf die Decke fallen.
“Ja, allerdings! Mir erging es wie Martin und Lisa!”
“Und ihr zwei?”
Mark zuckte mit den Schultern. “Mir war übel, ich habe aber nicht in die Büsche gemusst. Und dir, Helena, glaube ich, geht es gut?”
Ich nickte.
“Vielleicht war das Essen nicht in Ordnung? Oder ihr habt zu viel des guten Weines getrunken?”, schlug Stephan vor. “Eine Lebensmittelvergiftung?”
“Da redet der Richtige!”, sagte Lisa, die, sich auf Martin stützend, zurückkehrte. “ Wie ich beobachten konnte, hast du dich mit allem vollgeschlagen, was es zu essen gab, aber ich kann nicht feststellen, dass du dich mit Unwohlsein herumplagst!” Martin bat mich leise um den Autoschlüssel, er wollte seinen Rucksack holen, in dem er einen Kaugummi vermutete. Langsam schlenderte er davon.
Anna atmetet tief durch.
“Außerdem, was von dem Essen hätte uns vergiften sollen? Der Käse, der Schinken oder gar das gesunde Obst? Nein, ich habe es gerade zu Helena gesagt, hier ist etwas passiert. Etwas, womit wir nicht rechnen!”
“Wie meinst du das?”, fragte Lisa leise.
“Zum einen sind wir alle gleichzeitig eingeschlafen, das ist an sich schon seltsam, doch als ich erwacht bin, da hatte ich das Gefühl, als würde die Welt aus ihren Fugen gerissen. Die Luft war erfüllt von einem entsetzlichen Krachen – so als würde alles zusammenbrechen. Ich sah doppelt und die Farben waren unnatürlich grell.”
“Und zum anderen –?”, wollte Stephan neugierig wissen.
“Ja, zum anderen haben wir gerade festgestellt, dass die Häuser auf der anderen Uferseite verschwunden sind. Sie sind weg, Stephan, man kann sie nicht mehr sehen!”
“Quatsch, das bildest du dir sicher ein!”
“Nein, das bilde ich mir nicht ein. Geh und sieh selbst, wenn du mir nicht glauben magst! Aber vorher – hört ihr das?” Anna blickte nervös in die Runde und knetete ihre langen, schmalen Finger.
“Ich höre nichts!”, sagte Lisa und auch die anderen schüttelten ihre Köpfe.
“Nein? Ihr könnt nichts hören, weil es nichts zu hören gibt!”
“Aha –!”, erwiderte Stephan misstrauisch. “Und was willst du uns damit sagen?”
“Auf der anderen Seite des Flusses führt eine Hauptverkehrstraße entlang, sie ist stark befahren, es ist Nachmittag und es müssten viele Heimkehrer unterwegs sein! Du kannst sie aber nicht hören, da es diese Straße nicht mehr gibt!”
“Anna, jetzt ist aber Schluss mit den Märchen!”, forderte Stephan ärgerlich, wurde jedoch von Martin unterbrochen, der aufgeregt auf uns zulief.
“Kommt, seht euch das an! Unglaublich – , ich weiß nicht , was ich denken soll! Es ist unfassbar, dass müsst ihr gesehen haben – ihr werdet es nicht für möglich halten!”
“Jetzt beruhige dich! Ja, gibt es denn so etwas? Fangen hier alle an durchzudrehen? Oder wollt ihr mich vielleicht auf den Arm nehmen? Erzähle Martin, was ist los?”, sprach Stephan.
“Ich glaube, da hat sich einer einen bösen Spaß mit uns erlaubt, in der Art > versteckte Kamera <, oder so!” Martin zitterte am ganzen Körper. Ich erhob mich und legte ihm einen Arm um die Schulter.
“Langsam Martin, setze dich kurz und dann berichte, was du gesehen hast!”
Doch Martin schüttelte heftig seinen Kopf. “Nein, ich werde mich nicht setzen, werde mich nicht beruhigen und erzählen werde ich auch nichts! DAS, müsste ihr mit euren eigenen Augen gesehen haben!”
“Okay, gut, dann los Leute, wir gehen und betrachten, was Martin so in Aufregung versetzt!”, meinte Stephan resigniert und verdrehte seine Augen.
Die Neugierde siegte und wir folgten Martin.
Als ich den Durchgang erreichte, bemerkte ich, dass sich der Weg plötzlich verengte. Dort, wo wir vorher zu zweit hatten laufen können, passte jetzt kaum noch einer von uns durch, ohne sich an den Ästen zu kratzen.
Die Hecke stand dicht am Rand, ihre Zweige bildeten über dem Weg ein Tunnel und verhinderten die Sicht auf den Himmel, den ich vor einiger Zeit von hier aus hatte sehen können.
“Wie ist das Gebüsch so schnell gewachsen?”
“Das frage ich mich auch!”, murmelte Mark hinter mir.
Mit einem über meinen Rücken laufenden Schauer trat ich aus dem beengenden Grün heraus und erreichte den Feldweg, an dessen Rand die geparkten Autos stehen sollten.
Sollten – !
“Das gibt es doch nicht!”, entfuhr es mir ungläubig.
“Habe ich nicht gesagt, ihr müsst es mit eigenen Augen sehen? Und Stephan, was sagst du nun dazu?”
Martin hüpfte vor seinem Freund in die Höhe, während in seinem Gesicht eine Vielzahl von Regungen zu lesen waren. Mit seinen Fingern schlug er einen Trommelwirbel an seinem Hosenbein, seine Brust schien unter der Aufregung bersten zu wollen, in seiner Kehle gluckste ein Lachen, doch er schien sich nicht entscheiden zu können, ob er es tatsächlich herauslassen sollte.
“Nein, das kann ich nicht glauben! Das will ich nicht glauben! Wo, verdammt, sind die Autos? Und wie, verflixt, sind die Pferde an diese Stelle geraden?”
“Nein, Stephan, Schluss! Ich will nicht, dass du fluchst!”, bat Lisa.
“Ich soll nicht fluchen? Aber mehr als das, ist mir im Moment nicht möglich!”, erwiderte Stephan lauter als nötig. Lisa trat einen Schritt zurück.
“Stephan, du kannst leiser sprechen, wir verstehen dich alle!”, versuchte Anna ihn zu beruhigen.
“Ich weiß, dass ihr mich versteht! Aber versteht ihr auch das da?”
Die Wiese, auf der unsere Autos geparkt hatten, war nicht leer, wie ich nach Martins Aufregung vermutet hatte. Nein, an ihrer Stelle, und ich konnte meinen Augen nicht trauen, standen Pferde, zum Ausreiten gesattelte Pferde.
Es erschien mir unmöglich, in Worte zu fassen, was mich in diesem Moment bewegte. Ich widerstand der Versuchung zu lachen, hysterisch, vor Bestürzung zu weinen oder wahlweise mit dem Fuß ein Loch in den Boden zu stampfen.
Ich harrte aus, da sich jegliche Gedanken aus meinem Kopf verflüchtigt hatten. Und ich war nicht die Einzige, wie ich nach einem Blick auf die anderen feststellen konnte, die mit diesen Gefühlsregungen zu kämpfen hatte. In den Gesichtern meiner Freunde spiegelten sich eben diese Empfindungen wider.

Ein Stocken in Illiasis Atmung riss ihn aus seinen Träumen.
Silvano blickte auf und sah, dass Illiasis sich an den steinernen Brunnenrand krallte bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Konzentriert starrte er auf das brodelnde Wasser.
Bevor Silvano den im Sessel eingeschlafenen Estiro erreichte, um ihn zu wecken, winkte ihn Illaisis zu sich.
Silvano trat überrascht näher, stieg zaghaft die Treppen zu dem Brunnen empor und warf einen Blick in das zischende Wasser. Zuerst sah er gar nichts, Luftbläschen wirbelten das Wasser auf, doch sie wurden weniger und dann beruhigte es sich bis es still lag und ihm Bilder zu zeigen begann.
Eine sonnige Wiese, übersät mit Blumen, umgeben von dichtem Gebüsch und einem Fluss, Silvano erkannte den Ort – l´isola della pietra.
Er entdeckte einen Korb gefüllt mit Holz, verschiedene Schüsseln, deren Inhalt zum Teil geleert worden war und Decken, auf denen die leichenblassen Ankömmlinge saßen und irritiert miteinander sprachen.
„Ihnen geht es nicht gut?“, fragte er.
Illiasis schüttelte seinen Kopf. „Ich glaube, der Übertritt ist eine wahre Kraftanstrengung!“
Silvano nickte. „Und - wer ist sie?“
Illiasis deutete auf eine dunkelhaarige Frau, deren Gesicht sich ihnen zuwandte.
„Was – sie?“, meinte er verwundert und mehr zu sich selbst.
Illiasis nickte lächelnd. „Ist sie nicht wunderschön?“
Silvano betrachtete das Bild genauer, erkannte das Blitzen in ihren grünen Augen, das kurze Lächeln, als sie ihren herantrottenden Hund gewahrte und die Lichtreflexe, welche die Sonne in ihrem braunen Haar hinterließ.
Silvano spürte sein Herz klopfen, seine Hände schweißnass werden und seine Gedanken im Kopf umherwirbeln. Ab diesem Moment wusste er, er würde alles in seiner Kraft und seiner Macht stehende für sie tun, er wünschte, ihr augenblicklich gegenübertreten zu dürfen. Aus dem roten Sessel ertönte ein lautes Gähnen.
„Nun habe ich mich so beruhigt, dass ich eingeschlafen bin!“, sprach Estiro und streckte sich.
„Und - ?“ Er blickte die beiden Männer erwartungsvoll an. „Hat sich schon etwas in dem Wasser gerührt?“
„Ja!“, sagte Illiasis, der einige seiner borstig aussehenden Haare auf seinem grauen Schopf zurückstrich.
„Sie sind angekommen!“, erklärte Silvano.
„Ach, das ging aber schnell!“, meinte Estiro verwundert.
„Sie ist angekommen, während ich geschlafen habe? Mmh!“
„Ja! Du hast geschlafen - genau wie sie “, antwortete Illiasis schmunzelnd.
Sie sahen sich alle drei ratlos an.
„Dann ist sie also da?“, begann Estiro von neuem und lächelte. „Darf ich sie sehen? Ist sie überhaupt noch zu sehen?“
Illiasis nickte und winkte ihn näher. Er trat an Silvanos Stelle, sein Blick glitt über das Wasser und ein glücklicher, friedvoller Ausdruck huschte über sein Gesicht. Es strahlte wie eine aufgehende Sonne und seine Augen glänzten von den Tränen, die sich in ihnen gesammelt hatten.
Er hatte sie nicht vergessen, er hatte sie die ganzen Jahre gesehen, in Träumen, die bei ihm ein verwirrendes und sorgenvolles Gefühl hinterlassen hatten.
Estiro überkam ein unheimlicher Drang über das Spiegelbild des Wassers zu streichen, ihr Gesicht zu berühren, das sich klar vor ihm erhob.
Langsam senkte er seine Finger der Wasseroberfläche entgegen.
„Nein nicht, Estiro!“, rief Illiasis. Doch es war schon geschehen, die Finger berührten das kalte Nass, es zischte und heißer Dampf stieg auf.
„Au, verflixt!“, schrie Estiro, zog schnell seinen Finger zurück und schüttelte ihn heftig.
Illiasis verdrehte ärgerlich seine Augen. „Habe ich dir nicht gesagt, dass du sehendes Wasser nicht berühren darfst! Nun hast du dich verbrannt, lass es mich ansehen!“
Estiro winkte ab. „Es geht schon wieder. Du kannst mir später eine Salbe geben, mit der ich meine Finger einige Tage behandeln werde!“
Schweigen machte sich in dem großen Raum breit, in dem es nur den Brunnen und ein langes Bücherregal gab.
Unschlüssig standen sie nebeneinander. Nun war eingetreten, worauf sie solange gewartet und gehofft hatten, und nun wussten sie einen Moment lang nicht weiter.
Ihre Blicke trafen sich. Illiasis lächelte seine Begleiter leise an und ging dann zu dem Fenster, das offen stand und den Blick auf das weite Meer freigab. Die weißen, langen Gardinen, die meterlang von der Decke herabhingen, blähten sich im Wind und umhüllten Illiasis wie eine Statue, die noch verhangen auf den großen Moment der Offenbarung wartete. Er schwieg eine ganze Weile, genoss die stille Freude, die sich in ihm breit machte und die Sorgen und Vorwürfe der letzten Jahre verdrängte, bevor er sich wieder den beiden zu wandte, die immer noch geduldig warteten.
„Ja, sie ist wieder da“, sagte er erleichtert und fügte dann in einem ernsten Ton hinzu, „aber sie ist nicht allein gekommen!“
Estiro hob fragend eine Augenbraue. „Nicht allein? Du meinst, sie hat ihre Freunde dabei? Aber das wissen wir doch!“
„Freunde? Ja, wahrscheinlich Freunde, aber da ist noch wer –!“
„Ein unangemeldeter Gast vielleicht?“, witzelte Estiro über Illiasis rätselhafte Andeutung.
„Unangemeldet ganz sicher, aber Gast, das würde ich jetzt nicht dazu sagen!“, meinte Illiasis kopfschüttelnd. Schweigend lief er auf den Ausgang zu und verließ Estiro und Silvano, die verdattert im Brunnensaal zurückblieben.

Einen Moment lang schloss ich meine Augen, um das Gesehen glaubhaft zu machen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich Zara an den langen Beinen der Pferde schnüffeln. Interessiert beugte sich eines hinab und stupste den Hund mit den Nüstern an. Zara sprang erschrocken zur Seite, wagte sich jedoch bald darauf wieder näher.
Martin, ebenfalls von Neugierde beseelt, umrundete die bepackten Pferde. „Oh, seht her, das ist ja nicht zu fassen!“
Beinahe atemlos zog er an einer ledernen Halterung, die sich alsbald von dem Sattel löste. In den Händen hielt er einen Gurt samt Tasche, in der ein Messer steckte. Vorsichtig zog er aus der Scheide. Die Klinge war so lang wie sein Unterarm, leicht gebogen und mit einer unleserlichen Schrift verziert.
„Steck das Messer weg, du weißt nicht, wessen Eigentum du in den Händen hältst!“, forderte ihn Stephan auf.
„Nein, das weiß ich nicht! Aber ich frage dich, wer hat sich meine Sachen, die ich in Helenas Auto liegen gelassen habe, angeeignet und an seinem Pferd befestigt?“, wies Martin auf ein grünes Bündel
„Mein Pullover! Wie kommt der hierher? Und dort, das sieht ganz nach deiner Kleidung aus, und Helena, hattest du nicht auch einen schwarzen Pullover eingepackt? Die Nächte sind noch relativ kühl!“
„Ich weiß auch nicht, wie –!“, rief Stephan, dem es die Sprache verschlug, als er seine Kleidung an einem Pferdesattel befestigt vorfand. Den Übrigen erging es nicht anders, ein jeder entdeckte etwas aus einer Tasche lugen oder am Sattel festgeschnürt, das ihm gehört und er im Auto zurückgelassen hatte.
Vorsichtig trat ich näher an das Pferd, an dem ich meine Kleidung entdeckt hatte, wurde jedoch von Stephan aufgeschreckt, der einen spitzen Schrei ausstieß.
„Noch mehr Waffen –!“
In seinen Händen einen großen Bogen haltend, blickte er uns mit aufgerissenen Augen an.
Mark fand den dazugehörigen Köcher, in dem eine beträchtliche Anzahl Pfeile steckte.
Seine Augen glitten bewundernd über die Waffen, behutsam strich er die Linien und die eingravierten Figuren.
„Das muss eine ziemlich wertvolle Arbeit sein - Handarbeit! Das hier kann keine Maschine herstellen“, meinte er.
„Ich verstehe überhaupt nichts mehr! Wieso sind unsere Autos verschwunden, aber nicht die Kleidung und die Taschen aus ihnen? Weshalb stehen an deren Stelle Pferde, behangen nicht nur mit Waffen, sondern auch unserer Kleidung? Und Nahrungsmitteln, wie ich erkennen kann! Ich frage euch, was ist passiert?“
„Nahrungsmittel?“, fragte Anna misstrauisch.
„Ja, Brot, Äpfel, Säckchen gefüllt mit Getreide und
Maiskörnern –!“ Lisa fischte die aufgezählten Dinge aus der Satteltasche, an dem auch ihre Jacke befestigt war.
„Unglaublich!“, rief Anna. Auch sie beförderte noch einige Lebensmittel ans Licht.
Stephan jedoch, der einen handtellergroßen Lederbeutel in der Hand hielt, machten den größten Fund. Er öffnete die zusammengeknotete Schnur und schüttete den Inhalt auf seine Handfläche.
„Geld, das wird ja immer besser!“, rief Martin. „Hier versucht jemand bestens für uns zu sorgen!“
„Ich hoffe, dieser jemand meint uns auch damit!“, fügte ich hinzu.
„Es sieht aus wie Gold“, erklärte Mark und nahm eines dieser runden Teile, hielt es vor das Auge, um es eingehend zu betrachten.
„Es erinnert mich eher an diese Schokotaler in Goldpapier, die ich als Kind gegessen habe!“, warf Lisa ein.
„Mh, die waren sehr lecker!“ Anna fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
„Das ist Geld!“, meinte Stephan. „Wofür auch immer wir es gebrauchen sollen!“
„Ich kann nicht erkennen, welches Land und welches Jahr eingeprägt ist, aber hier ist eine Krone und die gleiche Schrift, die auch auf den Waffen zu sehen ist!“ Mark reichte Stephan das Goldstück, der es in den Beutel zurücklegte.
„Ja, und was machen wir nun?“, wollte Anna wissen.
„Helena, hast du keine Vorschlag, was wir tun können?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Nein, mir geht es wie euch! Ich habe ein seltsames Gefühl, kann mir das alles nicht erklären!“
„Es ist heiß, ich habe Durst! Ich komme von dem Gedanken nicht los, dass wir uns um die Pferde kümmern müssen! Warum führen wir sie nicht zu unserem Platz, dort können sie saufen und – falls doch jemand auftauchen wird, um die Pferde zu holen, dann können wir ihn zur Rede stellen!“
Mark nickte. „Ja, mehr können wir im Moment nicht tun! Es ist keine Menschenseele zu sehen, auch die Häuser, oben an der Straße – alles ist weg! Es ist später Nachmittag, ich weiß nicht, ob wir uns heute noch auf den Weg nach Hause begeben sollten. Mein Gefühl sagt mir, dass auch hinter der nächsten Wegbiegung nichts von Lorenzenburg zu sehen sein wird.“
„Ich bin wie vor den Kopf geschlagen, ich weiß nicht, was ich denken soll!“ Lisa fuhr mit den Fingern durch ihre kurzen Haare, so dass sie ihr zu Berge standen und ihre Verzweiflung noch unterstrichen.
Als die Sonne untergegangen, die Pferde von ihren Sätteln erleichtert und ein Feuer entzündet war, saßen wir in Decken gehüllt beisammen und stellten uns eine Frage: was war geschehen?
„Ich glaube nicht, dass dies ein Scherz ist!“, warf Mark ein.
„Nein, ich auch nicht!“, bestätigte Anna.
„Wenn es kein Scherz ist, was schlagt ihr dann vor?“, fragte Lisa.
Martin, der bisher geschwiegen hatte, meldete sich zu Wort.
„Zeitreise! Was haltet ihr von einer Zeitreise?“
„Zeitreise? Nein, das ist wirklich Unsinn!“, meinte Lisa.
„Warum? Ich habe Berichte gelesen, in denen man annimmt, dass es Zeitreisen gegeben hat!“
„Und was genau hast du gelesen?“, forderte Stephan ihn auf zu erzählen.
„Es ist schon eine ganze Weile her, ich erinnere mich nicht mehr sicher, aber es ging darum, dass Menschen verschwanden, die nach einiger Zeit wieder auftauchten, um, wie die Forscher zuerst meinten, in einem verwirrten Zustand von einer Reise in die Vergangenheit zu berichten!“
„Das hat sich sicher als Lüge herausgestellt, ein erfundenes Märchen, um sich wichtig zu machen!“, widersprach Lisa.
„Ich weiß nicht recht, die Berichte klangen glaubwürdig, Martin hatte sie mir zum Lesen gegeben“, sagte ich. „Überlegen wir, es scheint Parallelen zu geben!“
„Parallelen?“
„Wir sind alle zur gleichen Zeit eingeschlafen und einige von uns haben diesen Schlaf alles andere als erholsam empfunden, ganz wie die Zeitreisenden erlebt hatten; die Umgebung scheint verändert, wir können keine Fahrzeuge, keine Straßen und keine Häuser mehr sehen, die wir zuvor gesehen haben; wir finden an Stelle unserer Autos Pferde und Satteltaschen wieder, welche mit Kleidung aus unseren verschwundenen Autos bepackt worden sind – ähnliches war ebenfalls in den Berichten zu lesen!“
„Und allerlei Nützliches für eine Reise!“, fügte Stephan hinzu.
„Das mag stimmen und leuchtet mir auch ein, aber warum ausgerechnet wir?“ Lisa schüttelte ihren Kopf.
„Das ist erst einmal unwichtig, wir müssen herausfinden, wenn wir denn eine Zeitreise gemacht haben, wo wir uns befinden und wie wir uns verhalten sollen!“
Dieser Einwurf von Martin brachte uns alle zum Verstummen.
Das Schweigen hielt an, zu müde weiter unsere Situation zu diskutieren, erhob ich mich und suchte mir ein Örtchen, an dem ich einen Moment ungestört sein konnte. Nur Zara folgte mir, um hie und da geräuschvoll zu schnüffeln.
Träge flossen die Wassermassen, nur das Knistern des Feuers und das nächtliche Zirpen erwachender Insekten war zu hören. Kein störendes Geräusch, und doch war mir, als wäre ich nicht allein.
Ganz deutlich spürte ich neugierige Blicke auf mir, die mich anstarrten und beobachteten.
Mein Herzschlag setzte eine Sekunde lang aus, bevor ich weiteratmete und mich zu beruhigen versuchte – würde Zara bei Gefahr nicht bellen? Und die Pferde, auch sie würden doch sicher unruhig werden?
Langsam lief ich zum Feuer zurück, hüllte mich wieder in die warme Decke und legte mich gleich den anderen zum Schlafen nieder.
Wenn wir doch damals schon gewusst hätten wie nah und doch wie fern wir der Wahrheit kamen, so hätten wir in dieser Nacht kein Auge zugetan.

Illiasis saß hinter seinem dunklen Kiefernholzschreibtisch. Sein Blick war auf einen Stapel Briefe gerichtet, der vor ihm lag, seine feine schnörkelige Schrift jedoch, welche die Seitenränder mit Kommentaren zu Fragen, Bitten und Vorschläge entfernter Gutsbesitzer ausfüllte, verschwamm vor seinen Augen.
Zufrieden lehnte er sich zurück und ergriff das Weinglas, dessen Inhalt ein Geschenk von Sandro und seinem Bruder war. Gemeinsam besaßen sie ein großes Gut im Valle di Merino, deren Wein weit über die Grenzen von Marethino bekannt war.
Illiasis lächelte, als ihm die Brüder in den Sinn kamen; Sandro, stets eine kühle Distanz wahrend, ein Krieger, der seine Erfahrung in den entferntesten Ländern gesammelt hatte, und Silvano, der mit einem scheuen Lächeln auf den Lippen seinen Aufgaben mit großem Ernst nachging.
Verschieden in ihrer Art, dass konnte Illaisis nicht bestreiten, aber in ihren Gesten aus einer Familie stammend.
Die Zeit war gekommen, bald schon würde er Sandro die gute Nachricht überbringen können und ihm damit eine gewaltige Last von den Schultern nehmen.
Illiasis blickte auf, es hatte geklopft und bevor er antworten konnte, öffnete sich die schwere Tür.
„Ich halte es nicht aus! Ich muss sie sehen!“, sagte Estiro, der eintrat und an das geöffnete Fenster schritt, in der Hoffnung, die kühle Brise würde seine Aufgewühltheit etwas abschwächen. „Ich habe kein gutes Gefühl, wenn sie alleine durch die Wildnis irren. Illiasis, du hast mir erzählt, dass es ihnen schwer fallen würde, auf ein anderes Leben zu treffen, als sie es bisher gelebt hatten.“ Einen Moment lang schwieg er, dann schnellte seine Stimme empört eine Oktave höher. „Sie können noch nicht mal einen Hasen erlegen, geschweige denn ein Lagerfeuer ohne ihr lächerliches Spielzeug entzünden!“
Er räusperte sich und wandte seinen Blick, der unruhig durch den blühenden Garten schweifte, ohne ein Detail wahrzunehmen, Illiasis zu und durchbohrte ihn streng.
„Ich weiß, wie du dich fühlst!“ Illiasis erhob sich und verbannte seine, in eine Mappe geordnete Briefe, zurück in das oberste Schreibtischfach. „Wir haben alles für sie vorbereitet. Wir haben ihnen ausreichend Verpflegung und Heilmittel zur Verfügung gestellt.“ Illiasis hob seine Hand und zählte an seinen Fingern ab, was er alles bedacht hatte. „Außerdem haben sie gehorsame Pferde erhalten und ein jeder wurde mit ausreichend Waffen ausgerüstet!“
Illiasis senkte seine Hand und stützte sich schwer auf die Schreibtischplatte. Nachdenklich hatte er seine Stirn in Falten gelegt und hörte Estiro zu, der ihm vehement widersprach.
„Was sollen sie mit Waffen, wenn sie noch nicht einmal wissen wie sie einen Bogen oder einen Dolch halten und führen sollen? Was sollen sie mit Pferden, wenn sie nicht wissen wie man sie lenkt und leitet? Überlege doch einmal!“, sagte Estiro und machte eine unwirsche Handbewegung.
„Es geht mir nicht darum, womit wir sie ausgestattet haben und ob sie sich gut fühlen – ich halte sie alle nicht für so unzureichend, dass sie sich nicht alleine durchschlagen könnten und sich zu helfen wüssten, nein!“, meinte Estiro und unterbrach seine Rede, um aus dem Fenster zu starren.
„Um was geht es dir dann?“, fragte Illiasis verwundert. Er stellte sich neben Estiro und blickte ihn unverwandt an.
Dieser seufzte tief und schüttelte kurz seinen Kopf. „Keines der Länder ist mehr vor den Nazals sicher. Stell dir das Unglück vor, wenn sie ihnen in die Hände fallen. Sie wissen nichts von unseren Feinden, die so gefährlich sind, dass man ihnen sofort die Kehle durchschneiden sollte, wenn man ihnen begegnet. Sie können es nicht wissen, weil sie es in ihrer Zeit nicht tun – wie du selbst sagst!“
Illiasis nickte. „Du hast vollkommen Recht. Ich habe lange darüber nachgedacht, nachdem wir gehäuft von Überfällen der Nazals hören mussten. Ich denke, du solltest dich mit deinen Männern auf den Weg machen und sie aus sicherer Entfernung beobachten. Wenn die Nazals auftauchen und sie Hilfe benötigen, aber nur dann, gibst du dich zu erkennen. Ist das klar?“, fragte er Estiro mit strenger Stimme.
„Ich weiß nicht, woran sie sich noch erinnert, aber ich glaube, dass es nicht viel sein wird. Sie war zu jung, damals!“ Jetzt war es Illiasis, der an das Fenster trat und tief Luft holte. „Du könntest zu ihr reiten, ihr die Wahrheit sagen und sie würde keines deiner Worte glauben schenken, Nein, Estiro, auch wenn ich sie sicher hinter den Wäldern Marethinos wägen möchte, den Weg zu uns und ihren Erinnerungen muss sie selbst finden. Wir können sie beobachten und so gut es uns gelingen möge, Gefahren von ihr fern halten, aber mehr können wir im Moment nicht für sie tun!“
Illiasis wandte sich nicht zu Estiro, der zur Tür geeilt war. „Danke, Illiasis! Es reicht mir schon, in ihrer Nähe sein zu dürfen!“, erklärte dieser. Doch bevor er hinaustreten konnte, hörte er Illiasis leise Stimme.
„Wir treffen uns zum Frühjahrsmarkt in der Mundburg.
Zu dem Zeitpunkt sollten auch sie dort angelangt sein. Jeder Gefragte wird Fremde in diese Stadt schicken – es ist schließlich die einzig Größere im südlichen Andoriien!“, seufzte Illiasis resigniert. „Und Estiro, nimm dich vor IHM in Acht, auch bei ihm wissen wir nicht, wie viel Erinnerung er besitzt und wie er sie uns gegenüber nutzen könnte!“
Estiro nickte und verschwand, um die Pferde satteln zu lassen.
Illiasis blieb allein in seinem Arbeitszimmer zurück. Er wanderte unruhig durch den Raum, um gleich darauf vor einem der Bücherregale stehen zu bleiben, deren unzählige Bände er wie ein Gedicht aufzusagen vermochte.
Er fühlte sich mit einer Hilflosigkeit konfrontiert, die er an sich nicht zu entdecken glaubte. Wie wird sie reagieren, handeln und fühlen, wie hat die andere Welt sie verändert? Zu welcher Frau mag sie herangereift sein, welcher Mensch hat sich in ihr entwickelt? Und würde sie das Ausmaß dessen verstehen können, unter dem sich ihr Leben einer Veränderung unterwerfen musste? Eine Frage, die mit bangem Hoffen tief in ihm wurzelte, würde sie dieses Leben und die Entbehrungen, Vorschriften und Verhaltensweisen ihrem alten vorziehen wollen? Illiasis konnte sich einer gewissen Unruhe nicht verwehren, er musste etwas tun, so ging er hinab zu Lucianna in die Küche, die eine beängstigende Anzahl nicht erledigter Arbeiten für ihn bereithielt.


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ka

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