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Leselupe.de > Ungereimtes
eine kleine verstimmung
Eingestellt am 06. 04. 2003 14:16


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margot
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 298
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er hat sich abreagiert. jetzt sitzt er in einem viel zu
lauten cafe. der blick nach draußen ist gut. ein haufen
menschen. eigentlich ist jetzt alles wieder gut. nur das
Ă€ndert nichts. niemand Ă€ndert sich, bloß weil es gut ist.
wenn er sie so reden hört, könnte er vor wut platzen.
dann geht er schwimmen, und alles ist vergessen.
sie geben ihm geld, und er kann es gut gebrauchen.
vergessen? irgendwann, sagt er sich, haut er ab.
ganz allein, schnell vergessen. jeder ist austauschbar.
dann ĂŒberlegt er sich eine geschichte.
er geht zu seiner eigenen beerdigung. ein haufen leute.
seine mutter in trÀnen aufgelöst. das wetter ist beschissen.
warum sollte er gerade jetzt glĂŒck mit dem wetter haben?
ein paar pfĂŒtzen und dreckspritzer auf schwarzen schuhen.
geflĂŒster: „ich verstehe es nicht ... so ein junger bursche.
schrecklich ... schluchz ...“ andere sind still. kurz gesagt:
eine stinknormale beerdigung.
wenn er vorher niedergeschrieben hĂ€tte: „ich will keine
beerdigung – streut meine asche in die luft!“ ?
der ausgefallene wunsch eines toten ist ihnen keinen
pfifferling mehr wert. nur nichts unĂŒberlegtes und unge-
brÀuchliches machen! gel?
aber es soll ihm egal sein, was sie mit dem verwesenden
stĂŒck fleisch machen, das ihn einmal verkörperte.
es ist ein schicksal des menschen, das er nicht aus seiner
vergangenheit lernt, sondern ihr nur nachtrauert. darum
sind beerdigungen traurig. und ĂŒberhaupt das ganze
leben.
am frĂŒhstĂŒckstisch lĂ€sst sich gut argumentieren. da fĂŒhlt
sich der eigene bauch am wohlsten. aus 50 jahren leben
wird weisheit – ein privileg der alten. sie haben etwas,
das er noch nicht hat. haben kann. ein gewisses alter,
in dem man klĂŒger ist. nach der devise: wer mehr hat,
gilt mehr.
ein reicher schimpft: „ich musste mir auch alles erarbeiten.
wollen sie die verantwortung ĂŒbernehmen, die auf mir
lastet? ja, sehen sie. arme und reiche wird es immer
geben.“ und etwas leiser: „ natĂŒrlich helfen wir, wo wir
können ...“
ein hochgekommener kleinbĂŒrger: „ wir schuften ein
leben lang fĂŒr ein hĂ€uschen mit garten und so.
und der nachbar hat 3 autos und eine villa stehen.
ich will nicht wissen, woher. der könnte doch mal was
locker machen fĂŒr entwicklungshilfe und so. aber da soll
der kleine mann wieder herhalten ... damit die bonzen
unsere gelder einsacken?! nein! kommt ĂŒberhaupt nicht
in die tĂŒte. wir zahlen unsere steuern.“ und etwas leiser:
„also, wenn man sich die buden anschaut, in denen die
gastarbeiter hausen, da fragt man sich, ob die nicht selbst
schuld haben an ihrem elend. ein bisschen ordnung ist
doch nicht zu viel verlangt. schauen sie sich diese
zustĂ€nde mal an ... ein bisschen ordnung ...“
ein fabrikarbeiter: „lasst mich nur in ruhe! ich schaffe
meine arbeit. geld macht nicht glĂŒcklich. oder meinen
sie, die reichen sind glĂŒcklicher?“ und etwas leiser:
„wenn ich im lotto gewinnen wĂŒrde, das wĂ€re eine
sache ...“
alte leute ĂŒberweisen einen teil ihrer kleinen renten
auf fragwĂŒrdige spendenkontos. und ganz weit weg weinen
kinder vor hunger. die opfer schreien. der kleine sebastian
lutscht kieselsteine.

er ist bei seiner eigenen beerdigung, doch es bereitet ihm
keine genugtuung. eine langweilige, selbstmitleidige
vorstellung. wenn er ihre gedanken wirklich lesen könnte,
was wollte er dann hören?


(frĂŒhling 1982)

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schlagt mich bitte nicht tot. ich bin kitzlig.

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hi Ralph.

Puh, das war harter Tobak. Jede Zeile, fast eine Geschichte fĂŒr sich. Irgendwie beklemmend und irgendwie melancholisch und irgendwie doch nachvollziehbar. Mir ging der Text unter die Haut. Damit hast Du Dir ehrliche 10 Points verdient. Ich bin beeindruckt, und das sage ich nicht so daher.

Nachdenkliche GrĂŒĂŸe
Socke

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margot
???
Registriert: Mar 2002

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danke socke. zwischendurch ĂŒberarbeite ich Ă€ltere texte.
und dieser fiel mir heute dabei in die hÀnde.
er ist authentisch.

gruß
ralph
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flammarion
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authentisch?

ich finde den text eher autistisch. lg
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Old Icke

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margot
???
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flammarion, danke, daß du ihn gelesen hast.

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Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ralph,

Du hast einen Ă€lteren Text ĂŒberarbeitet. Du hast Recht getan. Er hat nichts von seiner Wahrheit verloren. Der Reiche schimpft immer noch, der KleinbĂŒrger schielt nach wie vor neidisch auf die Villa des Nachbarn, der Arbeiter will seine Ruhe am Stammtisch haben, und die alten Leutchen teilen ihre Rente auch heute mit denen, die in zweifelhaften Bettelbriefen um Spenden bitten...

Ich habe den Text mit Beklemmung gelesen und mich trotzdem deiner Sprache erfreut.

Gruß
Lotte Werther

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margot
???
Registriert: Mar 2002

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danke lotte, ich sehe das genauso.

ralph
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