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Leselupe.de > Kurzgeschichten
fake à gogo
Eingestellt am 19. 02. 2018 21:57


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Val Sidal
???
Registriert: Jan 2013

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Ich hörte ihn mit einer monotonen, geschäftsmäßigen Stimme – weder weiblich, noch männlich. Ruhig, eintönig. Gesprochen, wie gesungen. Dem Vorbeter im perversen Eyes Wide Shut-Ritual ähnlich – man wird sich daran erinnern. Aber ohne Sex und ohne Musik – ohne Mystik. Wie ein Countdown auf einem Möbiusband – Zero kommt nie:

quote:
S1: Hataremo mesanateru omaduns – nirmorunda hesto.
Refrain: Wünsmel mo.
S2: Hataremo mesanateru omaduns – nirmorunda darbemto.
Refrain: Wünsmel mo.
S3: Hataremo mesanateru omaduns – nirmorunda lirto.
Refrain: Wünsmel mo.
– und das Ganze wieder von vorn – Hallo!

Ich – oder @Just-in Wir® – wachte also ausgerechnet am ersten Tag des Events „Atheist in sieben Tagen“ mit dem seltsamen Ohrwurm auf.
Vor einer Woche als Facebook-Seite eingerichtet und freigeschaltet, kamen von den über tausend Einladungen 23 Abonnenten zusammen. Nicht schlecht, Herr Specht!, dachte Ich.
Inspiriert durch Anzeigen wie „Nichtraucher in sieben Tagen!“ wollte Ich mal was Provokativ-philosophisches, Sekulär-aufklärerisches machen. Etwas bewegen. Eine Spur hinterlassen. Bemerkt werden. Ja, ja ...

In die Einladung schrieb Ich:

Die Welt ist ein Hologramm – eine ewige, unveränderliche Holoplatte aus Dunkler Materie. Von dort kommt alles, und hin kehrt alles zurück. Weil alles immer schon dort war. Ich auch (@Just-in Wir® hätte DAS weggelassen – Ich nicht!).
quote:
Licht ist der Schatten, den die Dunkle Energie auf der Zeit spiegelt: Leben ist Licht – der Tod ist nur eine Redensart.

Für den ersten Tag hatte Ich den ersten Absatz des Alten Testaments als Motto gepostet. Mit der 1. These wollte Ich ein bisschen auf Däniken machen – egal.

Moses 1:
quote:
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Dann schrieb Ich die 1. These auf:
Unbestritten ist „Himmel“ eine Metapher und somit sind auch „Gott“ und „Erde“ im übertragenen Sinne zu interpretieren: Gott bleibt dunkel = ein Adjektiv, Erde = Materie und Himmel = Raum. Der nächste Satz unterstreicht diese Interpretation und erweitert das Bild: Der „Geist Gottes“ – das ist die Urdifferenz (die eigentliche Ursünde?). Gott sondert seinen „Geist“=Energie ab (Orgasmus?) und lässt es über dem Wasser, das noch nicht geschaffen war, „schweben“. Jetzt könnte man meinen, es wäre ein logischer Fehler drin – ist aber nicht: Die Zeit dauert am „Anfang“ nicht, wenn alles gleichzeitig ist und nicht-ist – Hallo, Katzenfreunde! Erst mit „schwebte“ kommt die Zeit in den Raum, und mit dem „Licht“ erscheint der Schatten=“gut“ – ein Unterschied wie Tag und Nacht – mit der Zeit. Bereits Sokrates hatte es erahnt!

Ich saß am Computer und hörte dem seltsamen Ohrwurm zu – Wünsmel mo ...

Die Kommentare ließen nicht lange auf sich warten. Linke, Rechte, Faschos, Nazis, Islamisten, Christen – alle hatten etwas dazu zu sagen.

Als gegen Mittag die Diskussion abzuflachen drohte, griff Ich mit einem Kommentar ein:

„Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ – die Reihenfolge „Abend und Morgen“ kann nur bedeuten, dass es bei der Schöpfung sich nicht um ein einmaliges Ereignis handeln konnte, denn es gab bereits einen Abend VOR dem Morgen des Ersten Tages! Moses wußte also über die Multiversen Bescheid! Und Ezechiel über die UFOs:
quote:
Kapitel 1 - 3

Die Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn

1
Und es geschah im dreißigsten Jahr, am fünften Tag des vierten Monats, als ich unter den Weggeführten am Fluß Kebar war, da öffnete sich der Himmel, und ich sah Gesichte
Gottes. <...>
Und ich schaute, und siehe, ein Sturmwind kam von Norden her, eine große Wolke und loderndes Feuer, von einem Strahlenglanz umgeben; aus seiner Mitte aber glänzte es wie Goldschimmer, mitten aus dem Feuer. Und mitten aus diesem [erschien] die Gestalt von vier lebendigen Wesen, und dies war ihr Aussehen: Sie hatten Menschengestalt. Und jedes von ihnen hatte vier Gesichter, und jedes von ihnen hatte vier Flügel. Ihre Füße standen gerade, und ihre Fußsohlen glichen der Fußsohle eines Kalbes, und sie funkelten wie der Schimmer von blankem Erz. Unter ihren Flügeln befanden sich Menschenhände an ihren vier Seiten, und alle vier [Seiten] hatten ihre Gesichter und ihre Flügel. Ihre Flügel waren miteinander verbunden; wenn sie gingen, wandten sie sich nicht um; jedes ging gerade vor sich hin.

Wie erwartet, neuer Schwung kam in die Debatte. Aber im Grunde war es ein Selbstläufer: Gegen 23:00h hatte Ich bereits 144 Kommentare, 482 Likes und 34 neue Abonnenten gezählt.
Jetzt hieß es: Warten auf Godwin
Wünsmel mo ...

Als es dann endlich soweit war und jemand „Hitler lebt!“ postete, schaltete Ich den Computer aus, wärmte sich ein Glas fettarme Bio-Milch auf, rührte etwas Akazienhonig ein, und machte sich bettfertig.

Was bedeutet Wünsmel mo, fragte Ich. @Just-in Wir® konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.

Die wohlige Wärme der warmen Milch verfehlte die Wirkung nicht. Gähnend zog Ich die Zipfelmütze an und legte sich schlafen.

Nach einer geruhsamen Nacht wachte Ich Dienstag mit dem seltsamen Ohrwurm auf:
quote:
S1: Hataremo mesanateru omaduns – nirmorunda hesto.
Refrain: Wünsmel mo.
Wünsmel mo …

Für Dienstag, Mittwoch und Donnerstag hatte Ich das Thema “Auferstehung” vorgesehen. Eingeleitet hatte Ich es mit einem Wikipedia-Hinweis:
quote:
„Eine Auferstehung erhoffen und lehren verschiedene Religionen, besonders die drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Sie folgen der religiösen Vorstellung einer Erweckung aller Gestorbenen zu einem Endgericht eines Gottes über Böse und Gute (Perserreich), unterscheiden sich jedoch von Vorstellungen einer Trennung der unsterblichen Seele vom gestorbenen Leib (Hellenismus) und einer Reinkarnation (Wiedergeburt, Wanderung) der Seele in einen anderen sterblichen Leib (Hinduismus, Ägyptische Mythologie).“
– Stoff genug für drei Tage, dachte Ich.

Als Motto für den Dienstag hatte Ich David Bohms Satz über Realität und Glauben gesetzt:
quote:
“Reality is what we take to be true. What we take to be true is what we believe… What we believe determines what we take to be true.”
– und die 2. These:

Entweder gibt es die Auferstehung nicht, oder das, was man „Jetzt” nennt, ist eine endlose Folge von Auferstehungen. Das Leben – ein Fluss mit nur einem Ufer: Ich sehe das Ufer, von dem Ich in den Fluss der Zeit gesprungen war, obwohl SEINE Realität bereits durch ein vergangenes Jetzt längst zerstört wurde. Das andere, rettende Ufer kann Ich nicht wahrnehmen – es wird erst entstehen, wenn die vergangene Welt vollständig zerstört – Ich auch! – und durch die neue Welt ersetzt wurde. WURDE! – Ich auch! Ich war und werde also. Ich ist also JETZT nicht. Oder JETZT ist nicht. @Just-in Wir® war damit gar nicht glücklich.

Ich sehe das Ufer – es ist immer das Etwas (man nennt es Hoffnung), an dem Ich und @Just-in Wir® GLAUBEN das Ufer zu erkennen – um nicht verrückt zu werden!

Der erste Kommentar kam postwendend: "Arschloch!!!!!!!!!" Du BIST verrückt Aluhut!!!! Verschwurbelte Scheiße!! Drückt euch endlich volkstümlich aus! Kafka und Bertolt Brecht hätten das anders gesagt!!!“

Ach was! – dachte Ich, ließ den Kommentar aber so stehen. Er kam ja von einem Dozenten für Kreatives Schreiben.

Wünsmel mo … – Mist! Irgendwas sagte Ich, dass …

Aber das, mit dem Aluhut, konnte Ich nicht so stehen lassen. Ich schoss schnell ein Selfie mit der Zipfelmütze und postete es als Antwort dem Dozenten für volkstümliches Schreiben, und erklärte ihm, dass die Zipfelmütze mit Stahlwolle ausgekleidet sei, und dass bereits Wilhelm Reich vor der Verwendung von Aluminium im Umgang mit der kosmischen Lebensenergie gewarnt hatte. Aluminium verdirbt sie, kehrt sie in eine negative, graue Todesenergie um. Kein Wunder, dass die „Aluhüter“ soviel Hass versprühten.

Dienstag Abend hatte Ich über 100 Abonenten und 899 Likes. Nicht schlecht, Herr Specht!

Nach einer geruhsamen Nacht wachte Ich am dritten Tag wieder mit dem seltsamen Ohrwurm auf: Wünsmel mo …

Mittwoch und Donnerstag stritt die auf 2721 Abonenten angewachsene Community über das Jetzt, als die Hologramm-Platte aus Dunkler Materie, die, wenn sie mit den zwei Strahlen (Lust und Angst, oder Laster, wie User @mochenigo meinte) beleuchtet wird, das vierdimensionale Hologramm der elfdimensionalen String-Realität erkennen lässt, und – der seltsame Ohrwurm wurde immer lauter.
Ich war zu dem Schluss gekommen, dass es damit eine besondere Bewandtnis haben musste. Aber welche? Wünsmel mo …?

Nach einer unruhigen Nacht wachte Ich wieder mit dem seltsamen Ohrwurm auf.
Wünsmel mo …

Für Freitag hatte Ich das Thema „Prophetische Wahrheit“ vorgesehen und ein Zitat aus Wikipedia voran gestellt:
quote:
„Die evangelische Kirche aber erkennt die Werke von Joseph Smith, insbesondere das Buch Mormon, nicht als weitere heilige Schrift an.[19]
Zeitungen beschrieben ihn schon im Jahre 1829 als Fälscher (eine Sicht, die noch heute von vielen protestantischen Christen geteilt wird).[20]
Jerald und Sandra Tanner bezeichnen Joseph Smith als ein Scharlatan, Fälscher und Freimaurer.[21]
Christopher Hitchens verglich Smith mit Mohammed“
Ich war so sehr mit der Entschlüsselung des seltsamen Ohrwurms beschäftigt, dass Ich den Dialog zum Thema Propheten vernachlässigt hatte. Ich war kaum noch in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen – der Ohrwurm überlagerte alles. Ich konnte ihn körperlich fühlen. Kroch aus dem Ohr in den Gehörgang und stieß schmerzhaft gegen das Trommelfell. Quälend laut. Immer wieder.

"Es muss einen Sinn geben!", brüllte Ich!

Die Nacht zum Samstag konnte Ich kaum noch schlafen. Der seltsame Ohrwurm war nachtaktiv. Er hatte es geschafft, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und körperlich ins Gehirn zu dringen, Wie ein Herpesvirus. Ich konnte fühlen, wie er es sich dort bequem macht, sich einnistet. Wünsmel mo begann Gedanken zu fressen. Und wurde immer fetter, raumfordernd, metastasierend, wie ein Denktumor – ein Dogma ...

Nach Sonnenaufgang (am Sonnabend) wurde Wünsmel mo ruhiger. Er schien zu schlafen, und Ich postete das Thema des sechsten Tages: Die Heilige Schrift. Dazu wählte Ich ein Zitat aus dem Koran (koran-auf-deutsch.de):
quote:
24. Das Licht (An-Nür)
„11. Diejenigen, welche die große Lüge vorbrachten, sind eine Gruppe unter euch. Glaubt nicht, es sei ein Übel für euch; im Gegenteil, es ist euch zum Guten. Jedem von ihnen soll die Sünde, die er begangen hat; und der unter ihnen, der den Hauptanteil daran hatte, soll eine schwere Strafe erleiden.“
Die Nacht zum Sonntag war die Hölle! Ich konnte nicht schlafen. Der seltsame Ohrwurm hatte sich im Rückenmark ausgebreitet und den Brustkorb umschlungen. Ich konnte kaum noch atmen. Ich versuchte tief durchzuatmen, aber Wünsmel mo hatte eine schmerzhafte Zwerchfellblockade verursacht. Jetzt wusste Ich, was die Maus durchmachen musste, als Ich sie damals, als Siebenjähriger, langsam im Schraubstock zerquetsch hatte. Ich hörte das Herz rasen. Überall. Im Hals. Im Ohr. Ich war schweißgebadet. Der Tod nahm sich Zeit.

Bin ich zu weit gegangen? Mein Gott – bin ich zu weit gegangen?

Was, wenn am Ende nur Wünsmel mo übrig bleibt – zu denken gibt?

Ich stieg aus dem Bett und schleppte sich ins Bad. Vor dem Spiegel erkannte Ich sich nicht: Ich sehe aus wie Leonardo da Vinci, dachte Ich.

Doch dann kam die Erleuchtung: Mit letzter Kraft postete Ich das Thema des siebten Tages:
quote:
Sonntag ist Ruhetag
, setzte in die Unbekannte Migränöse Zungenredeschrift(UMS) über und ließ Wünsmel mo im semantischen Irrgarten des Events „Atheist in sieben Tagen“ verstummen.
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valS
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© Meine Werke und Kommentare sind mein Eigentum. Diebe werden verflucht.

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