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Leselupe.de > Kurzgeschichten
gEsChWiNdIgKeIt
Eingestellt am 14. 05. 2003 17:57


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para_dalis
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gEsChWiNdIgKeIt


Sie verstehen sicher, dass ich auf die Geschwindigkeit, bei der ich am besten schreiben kann, nicht nÀher eingehen werde.
Erst kĂŒrzlich erhielt ich ein weiteres Strafmandat bezĂŒglich der vollzogenen GeschwindigkeitsĂŒberschreitung.
Jedenfalls legte ich mir eigens zu diesem Zweck eine stabilere Mappe zu als es die handelsĂŒblichen erlauben. Diese halb auf meinem Schoß, halb aufs Lenkrad gelehnt, schreibe ich. Die Vibrationen des Basses als Luftzug in Höhe des linken Knies.
Vorbei fliegende BĂ€ume.
Zuvor schrieb ich lange Zeit auch auf Bahnhöfen, fĂŒr meine Bekannten unverstĂ€ndlich.
"Bitte alles aussteigen, dieser Zug endet hier. Es bestehen Anschlussmöglichkeiten in folgende Richtungen..."
Irgendwann hatte ich mir angewöhnt, morgens gegen neun mit meinen Schreibutensilien am Bahnsteig zu erscheinen. Meist setze ich mich auf einen dieser StĂŒhle aus Metall, bei denen ich immer befĂŒrchte, dass sie einen Abdruck auf meiner Kleidung hinterlassen. Die Blicke der Anwesenden stören mich nicht, das kalte Metallgitter ebenso wenig.

Wissen Sie, ich sitze einfach nur da und halte regungslos Bleistift und Papier. Eine eigenartige Stimmung ĂŒberkommt mich, wĂ€hrend ich da warte, als ob ich auf einen Zug warte. Als ob ich auf einen Menschen warte, der aus eben einem Zug steigen wird. Ich bewege mich kaum, nur meine Augen blicken interessiert auf die Reisenden und Wartenden, die in ihrer Unruhe in Bewegung sind. Alles ist in Bewegung begriffen, ZĂŒge fahren ein, ZĂŒge fahren aus. Sie spucken die Menschen auf den Bahnsteig, die mit dem Geruch einer langen Reise und langem regungslosen Innehalten behaftet sind. Nach einer Zugfahrt tragen Reisende immer diesen Duft am Körper.
Nirgends sonst riecht man die eigenartige Mischung aus Schlaf und Schweiß, Rauch und etwas anderem, was ich nicht definieren kann. Belegte Brote vielleicht. Und hart gekochte Eier. Manchmal riecht es auch nach Apfel. Nach frischem, gerade erst verzehrten Apfel. Manche Menschen eilen auf die, auf sie wartenden Bekannten zu. Andere steigen eher zögerlich aus den Abteilen, gerade so, als ob sie weiter reisen möchten und sich nicht ĂŒber die Ankunft freuen. Verliebte fallen sich in die Arme, Töchter eilen lachend auf ihre MĂŒtter zu und VĂ€ter nehmen stolz die erwachsenen Söhne in den Arm. All das bemerke ich und möchte es festhalten.
Die Bewegung möchte ich halten, die Menschen, die wechselnden Gestalten. Die unterschiedlichen Charaktere mit den so ganz verschiedenen LebenslÀufen. Ich denke mich in die Menschen, die ich sehe.
Ein Herr Ende vierzig steht mit einer einzelnen roten Rose und zupft nervös an seiner Krawatte. Kennt er die Dame bereits, auf die er wartet? Sehen sie sich das erste Mal? Wie werden sie sich begrĂŒĂŸen? Er hat sich herausgeputzt fĂŒr den Auftritt am Bahnsteig.
Neben ihm tritt ein junges MĂ€dchen mit krĂ€ftig ĂŒberschminkten Augen vom rechten Fuß auf den linken Fuß, winkelt das Bein, stellt es auf einen kleine Vorsprung. Sie stellt das Bein zurĂŒck auf den Boden, winkelt das andere an, tritt vom rechten Fuß auf den linken und wieder zurĂŒck und blickt erneut auf ihre Armbanduhr. Sie streicht die Haare aus dem Gesicht, die ihr immer wieder dahin zurĂŒck fallen, steckt die HĂ€nde in die Taschen, sieht auf ihr Handy, tippt darauf herum, verstaut es zurĂŒck in ihre Tasche und blickt wieder auf die Uhr am zierlichen Handgelenk. Ein PĂ€rchen betritt den nahegelegenen Bahnhofskiosk, die Frau bestellt sich einen Kaffee, der Mann wirft gleich nach dem eintreten MĂŒnzen in einen Spielautomaten.
Sie, die Frau mit dem Kaffee in der Hand ist eine sehr gepflegte Erscheinung und trĂ€gt modische Kleidung. Er, der Mann am Spielautomat, der ihn unermĂŒdlich und zur Freude der Frau hinter dem Tresen, mit neuen MĂŒnzen fĂŒttert, trĂ€gt verschlissene alte Jeans, dreckige Schuhe und sollte seine MĂŒnzen besser in einen neuen Haarschnitt investieren.
Nach einer ganzen Weile, die Frau hat lĂ€ngst ihren Kaffee getrunken, verlassen die Beiden die Imbissstube und begeben sich aus der Bahnhofshalle. Weitere Reisende schleppen ihre ĂŒbergroßen Taschen in leicht schief gebeugter Haltung den Bahnsteig entlang. Ab und an machen sie Halt, wechseln ihr schweres GepĂ€ck und setzen sich erneut in Bewegung. Manche von ihnen bemerken die Frau auf dem metallenen Stuhl, werfen ihr einen flĂŒchtigen Blick zu und eilen weiter.
Begebe ich mich auf meinen Weg zum metallenen Stuhl, komme ich in der Bahnhofshalle an einem CafĂ© vorbei. Immer ĂŒberkommt mich Verlangen nach frisch gebrĂŒhtem Kaffee und knusprigen Baguette, obwohl ich mich doch gerade vom reichlich gedeckten FrĂŒhstĂŒckstisch erhoben habe. Immer ĂŒberkommt mich auf Bahnhöfen Hunger. Im Grunde unnötig. Und dennoch, manchmal erliege ich der Versuchung. Dann beiße ich verstohlen von dem erworbenen Baguette. SpĂ€ter rauche ich eine Zigarette, sitze einfach nur da und warte. Ich genieße die Bewegung, wĂ€hrend ich selbst ruhig und in gleichmĂ€ĂŸigen ZĂŒgen den Rauch inhaliere und wieder aus stoße. Ich sehe die Menschen kommen und gehen, lachen und weinen, zornig und liebend sich begrĂŒĂŸen und sich verabschieden.

Ich weiß nicht mehr, wann ich die Leidenschaft des schnellen Schreibens in meinem Wagen entdeckte. War es, als die Bahnhöfe fĂŒr mich ihren Reiz verloren? Das Schreiben im Wagen. Die Vibrationen des Basses am linken Knie spĂŒrend.
Vor mir fĂ€hrt Frau Christine Tochterhagen. Ich kenne sie von meinen unzĂ€hligen Geschwindigkeitsfahrten ĂŒbers Land. Ohne uns groß verstĂ€ndigen zu mĂŒssen, halten wir meist an der nĂ€chst gelegenen RaststĂ€tte, um uns zu begrĂŒĂŸen. Dann erzĂ€hlt sie von ihrem Mann, von ihrem Leben.
Ich habe den Verdacht, dass sie auf der Flucht ist und ihr Leben hinter sich lassen möchte. Oder ihrem Leben immer mehrere Stundenkilometer voraus eilt.
So auch heute. FlĂŒchtig umarmen wir uns. So flĂŒchtig, als wĂ€re unsere letzte Begegnung erst gestern gewesen.
Es ist ein eigenartiges VerhĂ€ltnis zwischen uns Frauen. Wir begegnen uns bereits ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum und tauschen unsere Gedanken miteinander.
Dennoch ist es, als ob uns irgendetwas davon abhĂ€lt, unsere GesprĂ€che auch außerhalb des Geschwindigkeitsrausches fortzusetzen. Unsere Begegnungen freundschaftlicher werden zu lassen.
Sie berichtet sie mir von dem Mann, den sie liebt.
In mir wirkt die ErzĂ€hlung von Frau Christine Tochterhagen nach, mein Espresso ist lĂ€ngst kalt. Ich weiß, er, der Mann von Frau Christine Tochterhagen wird oft ausfĂ€llig und beschimpft seine zierliche Gattin.
"Wissen Sie, " sprach Frau Tochterhagen,
"Es gibt Tage, da habe ich das GefĂŒhl, aus der Wohnung flĂŒchten zu mĂŒssen. Mein Ehemann schenkt dem keine Beachtung. Er bemerkt weder meine frisch nachgezogenen Lippen, noch meine Aufmachung, die alles andere als auf einen Spaziergang hin deutet."
Frau Tochterhagen bestellt sich einen weiteren Espresso.
"Dann begebe ich mich auf die Straße. Weiter als ein paar Meter kann ich nie zurĂŒck legen, ohne unsicher zu werden. Die Blicke der MĂ€nner auf meiner Gestalt, die ich frĂŒher, vor der Ehe mit Manfred als wohltuend empfand, verunsichern und stören mich jetzt.
Neulich schlang ich mir zum Beispiel trotz der wenig frĂŒhlingshaften Temperaturen meine Jacke um die HĂŒften, da ich das GefĂŒhl nicht los wurde, alle Welt starre auf meinen Hintern.
NatĂŒrlich fror ich, und meine sich aufrichtenden Brustwarzen zogen weitere Blicke der MĂ€nner an. Ich eilte nach Hause zu meinem Ekel."
Ich ziehe an meiner Zigarette und weiß, spĂ€testens jetzt sollte ich mich Ă€ußern.
Wozu sonst erzÀhlte sie mir das alles?
"Wissen Sie, Frau Tochterhagen, diese Situation ist mir bekannt. Ich verstehe sie gut. Meine Versuche einfach nur zu gehen, enden Àhnlich.
Ich komme nicht weit. Ich laufe nach hause und plĂŒndere meinen KĂŒhlschrank."
Erneut macht sich Schweigen zwischen uns beiden Frauen breit. War ich zu förmlich, zu kurz angebunden? Erwartete Frau Tochterhagen im Gegenzug eine Offenbarung?
Wir verabschieden uns.
Dieses mal dennoch eine winzige Spur herzlicher als sonst.
Liegt es am Muschelsucher? Der Mann von dem sie mir erzÀhlte?
In anderen Fahrzeugen sehen wir andere Frauen.
Auf der Flucht? Die AbsÀtze ihrer Schuhe, ihrer rechten Pumps ebenso gezeichnet vom hÀufigen Fahren, wie die unseren?
Frau Christine Tochterhagen wirft mir einen letzten Blick zu, bevor die TĂŒr ihres Wagens mit einem sanften GerĂ€usch ins Schloss fĂ€llt.
(c)hh

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para_dalis
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hallo.
da ich dieses forum sehr schĂ€tze und natĂŒrlich an konstruktiver kritik interessiert bin,
hĂ€tte ich gern eine begrĂŒndung zur mehr als schlechten bewertung meiner geschichte.
man kann ja nur daraus lernen,
nicht wahr?

danke und gruß
Heike
;-)

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Rainer
???
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...ich war es aber nicht...

vielleicht weil du auf dir unsinnig vorkommende kommentare nicht antwortest?


grĂŒĂŸe

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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para_dalis
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Hallo Rainer, hab dank fĂŒr deine Antwort.
;-)

Jetzt war es ja auch merkwĂŒrdigerweise niemand, der mich bewertete, alles ist auf wundersame Weise verschwunden...

Verstehe ich dich jetzt richtig? Ich wurde schlecht bewertet, weil ich irgendwann mal nicht auf einen Kommentar geantwortet habe?
?
Ich dachte, es geht hier um Text und nicht um persönliche Sympathie oder Antipathie?
?

Schade.
Ich dachte wirklich, ich bin hier auf einer Literaturseite.
Hm.
Ich sollte wohl in Zukunft besser ĂŒberdenken, ob ich hier noch was publiziere...

Hab einen schönen Tag Rainer.

Gruß
Heike

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para_dalis
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Halt. Ich berichtige.
Zwei schlechte Bewertungen wurden gelöscht,
zwei sind noch vorhanden.

Nun gut.
Schade, dass die Kritik hierzu fehlt.

Heike

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Zeder
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Wo sind die Bewertungen

Hallo,

es werden gelegentlich User mitsamt den von ihnen abgegebenen Bewertungen gelöscht. UnabhÀngig davon, ob sich ein User selbst löschen lÀsst oder rausgeworfen wird, entscheidet die Standardabweichung der von ihm vergegebenen Bewertungen, ob diese erhalten bleiben oder nicht. (Hohe Standardabweichung=undifferenzierte Bewertungen)

Viele GrĂŒĂŸe,
__________________
"Die Ceder ist ein hoher Baum, oft schmeckt man die Citrone kaum" (Wilhelm Busch)

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