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Leselupe.de > Kurzgeschichten
geburtstagskaffe
Eingestellt am 16. 05. 2002 05:23


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barracuda
Hobbydichter
Registriert: May 2002

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Die Sonne entschied sich bleiern-gelb die Mauern der Stadt anzustrahlen, fegte die D├Ąmmerung aus den Stra├čen, lie├č lange Schatten stehen. Knud stand g├Ąhnend an der Kaffeemaschine, gab auf jede Tasse Wasser drei geh├Ąufte Essl├Âffel Kaffeepulver in den Filterbeutel. Er kochte den Kaffe von dem seine Mutter erz├Ąhlt hatte, dass sie ihn an ihren Geburtstagen getrunken hatte und der ihrer Aussage nach unheimlichen Tatendrang verlieh. Und genau das brauchte Knud heute an seinem neunundzwanzigsten Geburtstag.
Zucker rieselte in eine Tasse, erst ein H├Ąufchen, dann ein zweites und darauf folgend noch ein drittes. Knud betrachtete die schimmernden Kristalle, wie sie mit ihren Ecken und Kanten scheinbar nahtlos ineinander griffen und sich zu einem Ganzen f├╝gten, eine Masse aus vielen, die zusammen doch eins waren. Im Strudel des geschw├Ąrzten Wassers verloren sie sich dann kurz, nur um gleich danach als dessen Bestandteil wieder zueinander zu finden. Die Tasse mit der ├Âlig, s├╝├čen Fl├╝ssigkeit trug Knud an den K├╝chentisch, wo Zigaretten und Zeitung bereits warteten. Zeitung gab’s nur ein Mal im Jahr, Zigaretten sechzig pro Tag. Immer am dritten September wurde von ihm eine Zeitung gekauft, durchgebl├Ąttert, ein paar Tage liegen gelassen um dann mit den anderen im Schuhkarton zu verschwinden. Drei├čig Zeitungen waren es heute. Die Erste von seinem Vater mit stolz geschwellter Brust eine Stunde nach Knuds Geburt gekauft, sollte sich diese Tat die folgenden siebzehn Jahre wiederhohlen. Nachdem der Vater gestorben war und die Mutter aufgrund ihrer Verr├╝cktheiten und Ausraster in eine Anstalt eingewiesen wurde, ├╝bernahm Knud diesen Brauch und besorgte sich jedes Jahr zu seinem Geburtstag eine Zeitung. Sonst interessierte ihn die Welt nicht. Sie interessierte ihn auch nicht an seinem Geburtstag, aber der Welt zumindest an einem Tag im Jahr eine gewisse Aufmerksamkeit vorzut├Ąuschen, schien vertretbar zu sein. Das Besondere an diesem Tag war Knud immer verborgen geblieben, aber Geburtstage waren nun mal Geburtstage, wenn sie auch nur dazu dienten, den Eltern die Geburt zu danken. Nicht das Leben danken, nur die Voraussetzung dazu. Der Kaffee schmeckte grausam, nur die Zigaretten, die den festen Teil des Fr├╝hst├╝cks darstellten, halfen dem Gebr├Ąu die Kehle hinunter. Bald hing die K├╝che voller Rauch, schwerelos, grau und blau. Trotz der Sonne die schon einige Zeit am Himmel stand, erhellte sich das Innere der K├╝che nicht. Mattes, fahles Licht lie├č Schatten verschwimmen und Kontraste verblassen. Die Stille verb├╝ndete sich und setzte sich fest. Knuds Augen wanderten ├╝ber die Seiten ohne dem Gehirn Zeit zu lassen, genaueren Aufschluss ├╝ber den Inhalt des Geschriebenen zu bekommen. Er schenkte sich erneut die Tasse voll. Trank, verzog das Gesicht. Der Kaffe war mittlerweile nur noch lauwarm und bitterer als zuvor. Als Knud den Kopf hob und nach der Zigarettenschachtel griff, stachen ihm die Reflektionen der Sonnenstrahlen auf dem Blechdach des Schuppens im Hof ins Auge. Die Sonne t├Ąnzelte ├╝ber das reflektierende Metall und lie├č Knud an die Sommer seiner Kindheit zur├╝ckdenken. Voll wundersamer Entdeckungen und spannender Abenteuer, mit dreckigen F├╝ssen und H├Ąnden und W├╝rmern die in warmer Erde w├╝hlten. Mit frischen Tomaten, Kirschen und Stachelbeeren die direkt von Baum oder Strauch gezupft im Mund verschwanden. Den schw├╝len Abenden ohne Fragen nach Morgen und warum. Er dachte an den Geruch eines sommerlichen Platzregens und wie er als Kind Barfuss ├╝ber feucht warmen Stein und durch kleine Pf├╝tzen getappt war. Wie er mit seiner Mutter durch den warmen Schauer gerannt war um schnell die W├Ąsche von der W├Ąschespinne im Garten zu holen und wie die dicken Tropfen auf seiner Haut wohlig zersprangen. Wie ihn das wiederaufschwellen des Vogelgezwitschers nach einem Gewitter beruhigt und gl├╝cklich gemacht hatte. Und er schmeckte Erdbeerkuchen. Der Teig nicht zu dick aber saftig, halbierte und ganze Erdbeeren umgeben von einem Hauch Gelatine und obendrauf ein gro├čer Batzen s├╝├čer Schlagsahne.
Eine Zigarette vergl├╝hte einsam im Aschenbecher, als Knud wieder in der K├╝che ankam. Die Zeit stand kurz still, der Sekundenzeiger der K├╝chenuhr misste ein paar Spr├╝nge.
Knud stand auf und ging rauchend zum Fenster. Er blickte durch den Schmutz der auf der Scheibe klebte und betrachtete den Innenhof. Eine rostige Rutsche neben einem Sandkasten, bunte Schaufeln und F├Ârmchen die sich deutlich vom Sand abhoben.
„F├╝r sich allein sind Dinge Wertlos, erst wenn jemand kommt und sie benutzt machen sie Sinn“, dachte Knud und blies Rauch gegen die Scheibe.
Von seiner Wohnung aus, die im Erdgeschoss lag, sah Knud kein St├╝ck des Himmels. Egal aus welchem Fenstern er schaute, nur H├Ąuserw├Ąnde, Fenster, Stra├če und Beton. Manchmal bekam Knud Angst vor all dem Stein der ihn umgab. Es schien kein Entkommen zu geben, keine Freiheit. Den Himmel wollte er sehen, aber nicht den von heute, den von fr├╝her, bevor er sich selbst seines Blaus beraubt hatte und nun selbst im Sommer farblos hing. Die Welt in der er heute lebte hatte sich die Farben gestohlen und schien keine Anstalten zu machen, sie jemals wieder rauszur├╝cken. Knud beschloss sich anzuziehen. Das Koffein zeigte seine Wirkung, er wurde unruhig, musste sich bewegen, irgendetwas tun. Die Unterw├Ąsche wurde erst gar nicht gewechselt, einfach die Hose und ein Hemd ├╝bergestreift. Fertig angezogen und frisiert ging er zur├╝ck in die K├╝che, steckte sich noch eine Zigarette an, wusste nicht wohin. Rauchend ging er durch die Wohnung, hielt einen Moment an, schaute, ging weiter. Durch den schmalen Flur ins Schlafzimmer, durch den schmalen Flur wieder in die K├╝che und zur├╝ck und wieder zur├╝ck. Eine Maus in Gefangenschaft. Irgendwann machte er vor der Wohnungst├╝r halt, ├Âffnete sie und schritt ins Treppenhaus. Sein Schl├╝ssel blieb liegen auf der Kommode im Flur.
Obwohl es noch Vormittag war, brannte die Sonne auf die Stadt. Die Luft flimmerte nerv├Âs, alles Gr├╝n beugte sich ├Ąchzend unter der Hitze, Teerflecken auf den Stra├čen glitzerten, wurden weich und zeigten Abdr├╝cke von Schuhen und Reifen. Selbst das Summen und Kriechen der Insekten blieb aus, die tummelten sich an den wenigen stehenden Wassern, welche die Stadt noch zu bieten hatte. Wer sich im freien bewegte, tat dies langsam und bed├Ąchtig, als w├╝rde eine all zu hastige Bewegung Verbrennungen hervorrufen. Nur Knud schritt, scheinbar ein genaues Ziel im Auge, mit langen Schritten durch die Stra├čen. Doch ein Ziel gab es nicht. H├Ątte sich jemand die M├╝he gemacht, Knuds Weg nachzuvollziehen, w├Ąre ihm die Sinnlosigkeit seiner Richtungswechsel wohl bald aufgefallen. So bog er viermal hintereinander nach rechts ab, nur um an der gleichen Ecke nochmals vorbeizugehen, er ├╝berquerte Fahrbahnen, um bei der n├Ąchsten Ampel wieder auf die vorherige Stra├čenseite zu wechseln.
Knuds Gedanken hingen fest, w├Ąhrend sein K├Ârper immer weiter ging. Die letzten Jahre schienen alles in allem keinen Sinn ergeben zu haben. Ein st├Ąndiges Leben im Leben gef├╝llt mit Vakuum. Ein Knopfloch dessen passender Knopf fehlte und dennoch war immer genug Hoffnung da gewesen um Morgens aufzustehen und alles hinzunehmen was geschehen mochte. Und Knud entschloss sich auf seinem Irrgang, dies zu ├Ąndern. Auf die unz├Ąhligen Komma und Bindestriche einen Punkt folgen zu lassen, der trennte, wenn auch nicht aufhob. Er war sich jetzt im Klaren wo er hin wollte. Nicht zur├╝ck.
Ohne recht zu wissen, was er damit anfangen sollte, hob Knud sein ganzes Geld ab. ├ťberzog soweit es sein Dispo-Kredit zu lie├č und wanderte fortan mit einer nicht gerade besonders gro├čen, aber f├╝r seine Verh├Ąltnisse doch betr├Ąchtlichen Summe durch die Stadt. Die hochgezogene gl├Ąserne Wand eines Reiseb├╝ros, gespickt mit Namen von Orten und Pl├Ątzen die Knud bisher noch nie geh├Ârt hatte, weckte sein Interesse. Nachdem er sich einige Minuten vor dem Schaufenster herumgedr├╝ckt hatte, fand er den Mut hineinzugehen. Im Inneren surrte eine Klimaanlage, Monitore warfen blaues Licht auf konzentriert wirkende Gesichter und W├Ąnde. Stimmen kamen nur gedr├╝ckt aus M├╝ndern die ├╝ber Hochglanzprospekten kauerten. Jemand begr├╝├čte ihn aus einer Ecke des Raumes, bat ihn doch bitte Platz zu nehmen.
Mit einem freundlichen, „Mein Name ist Berger, wie kann ich ihnen helfen“, setzte eine Frau, vielleicht in den Vierzigern an, nachdem Knud sich vor einen Schreibtisch gesetzt hatte. Knud fragte sich, wie ihm diese Frau Berger wohl helfen sollte, wenn er sich nicht mal selbst zu helfen wusste.
„Ich m├Âchte weg fahren“, antwortete er, schaute auf seine im Scho├č verschr├Ąnkten H├Ąnde, „irgendwohin wo’s vielleicht sch├Ân ist.“
„Aha,“, Frau Berger betrachtete ihn kurz und fuhr schnippisch fort, „und wo ist es denn f├╝r sie vielleicht sch├Ân? Wissen sie, die Meinungen ob es irgendwo vielleicht sch├Ân ist gehen ziemlich auseinander.“ Knud wusste nicht, schwieg, schaute kurz hoch, dann wieder auf seine H├Ąnde die feucht und kalt wurden.
Ungeduld lag in ihrer Stimme als sie fortfuhr: „O.K., ich verrat ihnen mal wo ich’s sch├Ân finde. Italien finde ich wunderbar. S├╝ditalien. Olivenhaine, Zitronenb├Ąume und Pasta und Rotwein, das ist ein sch├Ânes Leben da unten. Was halten sie davon?“ Knud wusste zwar mit Olivenhainen und Pasta nichts anzufangen, es schien aber durchaus etwas Positives zu sein und so nickte er zustimmend. „Also“, fuhr Frau Berger fort, „Italien gef├Ąllt ihnen. Wann m├Âchten sie denn fahren?“
„Jetzt gleich“, antwortete Knud, erschreckt von der Lautst├Ąrke und Konsequenz mit der er gesprochen hatte. Die Frau murmelte vor sich hin und tippte in ihren Computer. Ein paar Minuten lang gab sie sich ganz dem blauen Leuchten des Bildschirms hin, bis sie wieder zu Knud schaute und sagte: „Das Einzige das ich ihnen jetzt sofort anbieten k├Ânnte, w├Ąre eine Busreise nach Mailand. Ist zwar nur Norditalien aber ein gutes Angebot. Vier ├ťbernachtungen in einem drei Sterne Hotel, Halbpension. Abfahrt um 20.30 Uhr vom Hauptbahnhof. 465 DM. “ Knud willigte mit einem erneuten Kopfnicken ein und w├Ąhrend die Angestellte das Telefon zu ihrer rechten nahm, eine Nummer w├Ąhlte und seine Fahrt buchte, zog Paul sein Geld aus der Tasche bereit zu bezahlen.
Der Bus war nur halb besetzt. Eine Klimaanlage surrte leise, hatte aber dennoch genug Kraft die Stimmen der anderen Reisenden zu verzerren und verfremdet klingen zu lassen. Knud fand eine freie Sitzreihe, setzte sich ans Fenster und schaute hinaus auf den Busbahnhof in der Abendsonne. Er beobachtete die an- und abfahrenden Busse. Regionalbusse die Pendler aufsaugten oder aufgetakelte Jungen und M├Ądchen, die zum Feiern in die Stadt kamen, ausspuckten. Andere, verdreckte Reisebusse von weit her aus denen matte, erschlagene Menschen ausstiegen und riesige Taschen gef├╝llt mit kleinen St├╝cken Heimat aus dem Fond des Wagens in Empfang nahmen um diese in ihr selbst gew├Ąhltes Exil zu tragen. Dort w├╝rden sie dann in bitters├╝├čen Erinnerungen schwelgen, von dem sch├Ânen Ort den sie verlassen mussten um hier Geld zu verdienen.
Als der Motor ansprang und ein Zittern durch seinen Sitz ging, bemerkte er, dass mittlerweile fast jeder Platz besetzt war. Die T├╝ren des Busses schlossen sich und mit einem Zucken das den Wagen durchfuhr setzte er sich in Bewegung. Der Fahrer lenkte den Bus vorsichtig durch den kurvigen Parcours als er pl├Âtzlich laut fluchend aufschrie und den Wagen mit einem Ruck zum stehen brachte. Die Fahrg├Ąste reckten ihre H├Ąlse, standen auf um zu sehen was passiert war, fl├╝sterten dabei aufgeregt. Der Fahrer war ausgestiegen, unterhielt sich aufgeregt mit jemandem und fluchte unverst├Ąndlich. Nach wenigen Momenten schien sich der Fahrer beruhigt zu haben und an der Seite des Busses wurden die Klappen ge├Âffnet in denen das Gep├Ąck verstaut wurde. Eine Frau betrat den Bus, mit geb├╝ckter Haltung und unter den teils ver├Ąchtlichen Blicken der restlichen Passagiere, schlich sie den Gang entlang um letztlich neben Knud Platz zu nehmen. Knud starrte weiter zum Fenster hinaus, versuchte sie zu ignorieren.
Der Bus fuhr aus der Stadt in den Abend und in die Nacht hinein, rollte bald geradlinig auf der Autobahn dahin, verschluckte langsam Kilometer um Kilometer in Richtung S├╝den. Mit trockenem Mund, Hunger und dem Verlangen nach einer Zigarette schreckte Knud hoch. Orientierungslos lie├č ihn der Schlaf im Bus zur├╝ck, erst als der Nebel in seinem Kopf sich verzog, realisierte er wo er war und was er tat. Er sah sich um, h├Ârte vereinzelt Stimmen durch das Brummen des Motors. Die Frau neben ihm sa├č aufrecht auf ihrem Platz, starrte ins Leere ├╝ber der R├╝ckenlehne vor ihr. Ihr Alter vermochte Knud nicht zu sch├Ątzen. Sie gefiel ihm nicht, sa├č ihm auch zu nah. Leicht roch er ihr blumiges Parfum, vermischt mit Schwei├č. Angeekelt betrachtete er ihr schemenhaftes Spiegelbild in der Scheibe rechts von ihm. So war sie leichter zu ertragen, hier war sie nicht real, nur ein Abbild einer Person. Knud fragte sich, ob es nicht besser w├Ąre, nur noch Spiegelbildern zu begegnen, die riechen nicht und wenn man die Augen schlie├čt, sind sie weg.
An einer Rastst├Ątte machten sie halt. Die Mehrzahl der Leute ging zur Toilette, Knud rauchte hastig. Z├╝ndete sich eine an der anderen an, unterbrochen nur von einem kurzen Gang zum Kiosk, wo er sich etwas zu trinken besorgte. Auch die Frau rauchte, auch viel, auch hastig. Knud bemerkte, dass sie zu ihm schaute. Sie stand nur ein paar Meter entfernt, die Zigarette st├Ąndig am Mund. Knud wollte nicht mit ihr sprechen, musste nicht, konnte gar nicht mit ihr sprechen. Spiegelbild das sie war.
Obwohl er gern noch eine geraucht h├Ątte, stieg er ein. Er wollte auf seinem Platz sein, bevor die Frau wieder sa├č. H├Ątte er sich doch sonst an ihr vorbei quetschen m├╝ssen, oder gar fragen, ob er denn bitte an seinen Platz d├╝rfe. Im inneren des Busses war es k├╝hl, vereinzelt brannten kleine Leselampen ├╝ber den Sitzen, deren gelbes Licht dick wirkte. Langsam f├╝llten sich die Sitzreihen wieder. Die Menschen kamen zur├╝ck, fr├Âhlich plappernd, aufgeheitert durch die Bewegung und die Abwechslung in deren Genuss sie gekommen waren. Auch die Frau kam den Gang entlang, Knud mit den Augen suchend um ihren Platz zu finden. Der wand den Kopf wieder zu Seite, nur eine Spiegelung betrachtend wie sie sich auf einen Sitz setzte, den es ebenso wenig gab wie die Person. Schon seit geraumer Zeit rollten sie wieder ├╝ber die Autobahn. Knud hatte die Fahrt in Abwesenheit verbracht, als er eine Stimme h├Ârte. N├Ąher als die anderen, fordernd, fragend. Irritiert sah er sich um. Es war die Frau neben ihm, die jetzt l├Ąchelte und wieder sprach, doch Knud h├Ârte nur, verstand nicht. Es schien als w├Ąre er so lange fort gewesen, dass er die menschliche Sprache verlernt hatte, musste sich erst wieder an sie gew├Âhnen, sie neu lernen.
„Will dich nicht st├Âren,“ verstand er dann, „aber ich hab vergessen mir was zu trinken mit zu bringen. K├Ânnte ich vielleicht einen Schluck von deinem Wasser haben?“
Knud z├Âgerte, blickte auf die gr├╝ne Wasserflasche vor ihm und war au├čerstande einen klaren Gedanken zu fassen.
„Hast du dir denn nichts mitgebracht.“, sagte er mehr zu sich selbst und reichte ihr die Flasche, obwohl er selbst nicht verstand warum. Dankbar nahm sie ihm die Flasche ab und trank hastig in langen Z├╝gen. Knud betrachtete sie beim trinken und ekelte sich mehr, als sie absetzte und sich ein langer Speichelfaden von der Flaschen├Âffnung bis zu ihrem Mund zog. Ihm wurde schlecht.
„Die Flasche k├Ânnen sie behalten. Ich will sie nicht mehr.“
„Hey, Hey! Ich wisch ja ab. Hab keine Krankheiten. Sei nicht so spie├čig.“, antwortete sie ├╝berheblich. Knud sagte nichts. Der Ekel vor dem Menschen war zu gro├č, als dass er sich h├Ątte ├╝berwinden k├Ânnen sich weiter mit ihr abzugeben. Er wollte nicht mit dieser Person konfrontiert werden. Ihre Anwesenheit fl├Â├čte ihm schon gen├╝gend Angst ein, dass sie so nah bei ihm sa├č, verst├Ąrkte das noch mehr. Nachdem sie die ├ľffnung an ihrem Kleid abgewischt und den Deckel aufgeschraubt hatte, hielt sie ihm die Flasche hin. Knud machte keine Anstalten das Wasser aus ihrer Hand zu nehmen, schaute geradeaus und hoffte, sie w├╝rde aufgeben und kapieren, dass er genug hatte. Von ihr und wahrscheinlich auch von allen anderen. Sie hielt weiterhin die Flasche hin, provozierte ihn, „Bist wohl was besseres, oder wie? Da hab ich mich ja neben den Richtigen gesetzt.“ Knud schwieg weiter.
„Nimm jetzt schon die beschissene Flasche, kann auf Almosen deinerseits verzichten.“, resolut f├╝gte sie hinzu, „Ich geb’ dir das Geld“, und kramte in ihrer Handtasche bis sie ihr Portemonnaie gefunden hatte und es hervor zog.
„K├Ânnen sie sich nicht wo anders hinsetzen.“, presste er immer noch starr nach vorn blickend zwischen den Lippen heraus. Die Frau stockte kurz, legte ein Zweimarkst├╝ck auf die Armlehne zwischen ihnen, blieb aber sitzen und trank laut schluckend die Flasche aus. Als sie absetzte r├╝lpste sie leise und Knud roch ihren Magen. Die S├Ąure und der Gedanke wo der Geruch her kam lie├čen ihn zusammenzucken. Mit Daumen und Zeigefinger hielt er sich die Nase zu, sp├╝rte wie der Brechreiz im Rachen sich ausweitete und gab nach. Knud kotzte sich ├╝ber die Oberschenkel und obwohl er nicht viel gegessen und getrunken hatte spritzte noch eine beachtliche Menge unidentifizierbarer Pampe auf seine Sitznachbarin. Als er die Tr├Ąnen aus den Augen bekommen hatte, sah Knud, dass etliche Passagiere um ihn herum standen und mit ihren Blicken durchbohrten. Irgendwo h├Ârte er, dass sich ein oder zwei empfindliche M├Ągen ihm angeschlossen hatten. Die Frau neben ihm starrte auf die Flecken auf ihrem Kleid. Gr├╝nliche Schlieren klebten an ihren nackten Armen und stanken.
Knud stand auf dem Rastplatz isoliert von den Anderen. Die Hosenbeine hatte er notd├╝rftig mit Klopapier, Wasser und Seife gereinigt. Den Gestank der Magens├Ąure wurde er aber nicht los und da er nichts zum Wechseln bei sich hatte, fand er sich damit ab. Der Busfahrer hatte sich schnell beruhigt, als er gesehen hatte, dass nur ein paar Spritzer von Knuds Erbrochenem auf dem Boden des Busses gelandet waren. Die Anderen, die dem Geruch nicht standgehalten hatten, konnten rechtzeitig T├╝ten oder sonstige Beh├Ąlter auftreiben um ihren Mageninhalt aufzufangen. Knud beschloss, einen kleinen Spaziergang zu machen um dem Geplapper der Leute zu entkommen. Er lauschte dem Rauschen der B├Ąume im Wind und st├Ârte sich nicht an den Ger├Ąuschen der gelegentlich auf der Autobahn vorbeirasenden Autos. Die Luft war warm und der Wind blies den Kotzegeruch seiner Hosen von ihm Weg. Es gefiel ihm in der Dunkelheit alleine zu stehen. Er atmete tief ein als er einen Pfiff h├Ârte und sich umdrehte. Der Busfahrer gab ihm Zeichen, dass es an der Zeit w├Ąre weiterzufahren und die unfreiwillige Pause schon lange genug dauerte. Nur widerwillig ging Knud zur├╝ck und als er an seinen Platz kam, stellte er erstaunt fest, dass die Frau wieder den Sitzplatz neben ihm eingenommen hatte. Sie stand wortlos auf und machte ihm Platz. Als er sa├č und versch├Ąmt versuchte sie nicht wahrzunehmen sah er, wie sie ihm etwas hinhielt. Das Zweimarkst├╝ck lag in ihrer flachen Hand, gl├Ąnzte leicht. Knud nahm z├Âgernd das Geld, schaute ihr Kurz in die Augen und sagte leise „Danke“, als der Motor ansprang und sich der Bus langsam in Bewegung setzte.


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PF

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