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Leselupe.de > Anonymus
heute & morgen
Eingestellt am 12. 07. 2004 15:53


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Anonymous
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Vorwort: Ich habe diese kleine Geschichte als eine Art Geschenk für einige Bekannte geschrieben, weswegen mich konstruktive Kritik sehr freuen würde. Was man eventuell noch wissen sollte, da es nicht unbedingt offensichtlich wird: der Hauptcharakter hat dunkelblonde Haare und braune Augen. Ansonsten bedanke ich mich im Vorfeld für jeden, der diese doch etwas längere Geschichte bis zum Ende liest.


heute & morgen

~Mama, wann ist endlich morgen?
Morgen kommt nicht, Schatz...~

Und so blieb fĂĽr immer heute...




Die hohen Absätze klapperten auf der steinernen Treppe und kündigten das Eintreten der Frau an, welche am Türrahmen des Zimmers anhielt, mahnend zur Uhr schaute und unbewusst mit dem Fuß tippelte.
„Marcel, ich warte schon seit mindestens fünf Minuten auf dich.“

Der Angesprochene bemühte sich darum ein widerspenstiges Sortiment an CDs anders – und möglichst passend – in seinen Rucksack zu packen, spürte vor lauter Fummelei schon eine hitzige Röte auf seinen Wangen und schenkte seiner Mutter nur ein Minimum an Beachtung.
„Heute kontrolliert doch noch gar keiner, ob ich pünktlich bin oder nicht. Außerdem gibt es immer jemanden, der zu spät kommt. Denk doch nur mal an die Thomsons. Jedes Mal, wenn du mit ihnen einen Termin vereinbart hast, sind sie gute zehn Minuten zu spät gewesen!“
„Hier geht es aber nicht um unsere Nachbarn, sondern um dich!“ Die kurze Fönfrisur behielt ihre starre Form, als sich die genervte Mutter durch zwei Schritte zu einem hinüber begab, den Reißverschluss an sich nahm und mit einem rabiaten Zug schloss. Es ratschte bedrohlich und die braunen Augen Marcels nahmen im Zuge der Befürchtung, der Rucksack würde aufgrund von zuviel Innenleben sogleich wieder aufplatzen, eine misstrauische Färbung an. Doch nichts dergleichen geschah, zumindest nicht in den ersten Sekunden, in denen man diesen nun abwarten anstarrte, bevor Frau Mutter ihn anhob und einem kopfschüttelnd in die Hände drückte.
„Los jetzt. Was macht das denn für einen Eindruck, wenn du dich am ersten Tag verspätest? Ich habe dir nicht umsonst 15 Jahre lang beigebracht, sich an feste Zeiten zu halten.“

Das hohe Schuhwerk klapperte bereits wieder extravagant im Flur, als Marcel das letzte Mal für die kommenden Monate den perfekt aufgeräumten Raum durchstreifte. Wieso nur hatte seine Mutter heute solch eine gereizte Laune? Stand diese nicht eher ihm zu? Schließlich war er derjenige, den sie gegen halb acht in der früh an einem Sonntag aus dem Bett geworfen hatte und noch vor dem Mittagessen in diesem einige Stunden entfernt liegenden Internat ablud.
Durch die hellen Vorhänge schlich sich eine laue Brise des alsbald endenden Sommers und vermengte sich mit einem feinen Rauschen der Büsche im Garten unten vor dem Fenster. Solch ein Bild der Ordnung würde es demnächst nicht mehr geben, außer auf dem Internat existierte ebenfalls Taschengeldabzug als Strafmaßnahme für ein Nichteinhalten der solchen.
„Marcel!“
„Komm ja schon!“
Hastig schulterte man den Rucksack, trat aus der Türe und zog diese hinter sich zu, nur um kurz darauf die steinernen Treppen des Flures hinunter zu sprinten und die kitschigen Bilder von Blumenmädchen und Kornkörben mitsamt den wuchtigen Teppichen hinter sich zu lassen. Was seine Mutter an diesen so besonders toll fand, konnte der Junge ohnehin nie nachvollziehen – ganz gleich wie oft er im Tran der Langeweile eines ihrer Bücher zur Hand nahm, den Klappentext las und wieder weglegte oder eine ihrer Zeitschriften durchblätterte. Nach all der Zeit war Marcel zu dem Schluss gekommen, dass es sich dabei um eine erbliche Belastung, ausgeprägt bei zwei X-Chromosomen, handelte: im Hause seiner Großeltern fand er dieselbe Einrichtung, die gleiche Art von wuchtigen, dunklen Polstermöbeln und eine ebenso weiße Küche mit plastikartig im Licht leuchtenden, goldenen Griffen an den Schränken. Trotzdem würde einem das Glasschälchen mit der chicen Form eines Blattes fehlen, wenn man in Zukunft Quark mit Erdbeeren aß.

Die Beifahrertüre zuschlagend und sich anschnallend, beobachteten die dunklen Augen wie das Haus nach dem Verlassen der mit Kies ausgelegten Garagenauffahrt immer kleiner wurde und der weiße Zaun bloß noch wie aus mühelos umzupustenden Streichhölzchen gebaut wirkte. Bis zu den Herbstferien würden knappe drei Monate vergehen; drei Monate, in denen man sich in einer komplett neuen Umgebung zurechtfinden musste und keine Möglichkeiten haben würde, dieser zu entkommen.

Obschon das eigene Heim seit gut einer Minute nicht mehr erkennbar war, gelang es dem dunkelblonden Jungen erst jetzt seinen Blick vom Seitenspiegel zu lösen und ihn zur Seite wandern zu lassen. Aufkommende Strahlen der heute erstaunlich kühlen Vormittagssonne spiegelten sich auf der Sonnenbrille seiner Mutter und durch das graue Licht erkannte man einige kleine Fältchen auf ihrem Gesicht. Trotzdem passte das Gesamtbild – bestehend aus grauem Blazer, weißer Bluse und grauem Rock – zusammen und die in einem Ton zwischen Braun und leichtem Rotanschlag gehaltene Haarcoloration wurde vom farblich angeglichenen Lippenstift begleitet.
Marcel kannte seine Mutter nicht anders als so und oder ähnlich angehauchten Zusammenstellungen und seine Vorstellungskraft reichte auch nicht aus, um sie sich „umzudenken“. Seine Mama war nie der Typ Frau gewesen, der in einem leichten Sommerkleid nachmittags in der Küche stand und Essen kochte oder dergleichen tat.

„Hast du auch das lachsfarbene Hemd eingepackt? Das steht dir so gut...“
„Ja, danach hast du mich doch gestern schon gefragt.“ Aus unerfindlichen Gründen konnte dennoch in keiner Weise ein patziger Ton hervorgebracht werden. Vielmehr schlug die Stimme in etwas über, was die Aufmerksamkeit der Fahrerin auf einen richtete. Es war der Hintergedanken, es sich nicht erlauben zu dürfen, in einem ausfallenden Tonfall mit dieser zu kommunizieren.
„Bei dir kann man ja manchmal nie wissen. Als du im letzten Jahr in die Jugendherberge gefahren bist, habe ich dich zuvor sogar drei Mal gefragt, ob du genügend Paar Socken dabei hast. Und was war?“
„Ich hatte genügend Socken rausgesucht, aber die sind irgendwie unter mein Bett gerollt beim Packen. Deswegen hab ich gedacht, sie wären in meiner Tasche...“ Müde von diesem schon viel zu oft aufgeführten Beispiel lehnte man sich bequemer im Sitz des BMWs zurück und klappte die Sonnenblende ein Stückchen hinunter. Draußen zogen die einem bekannten Geschäfte und Gebäude vorbei; zugegebenermaßen nicht all zu viele, handelte es sich hier auch eher um eine kleinere Stadt, doch soweit man informiert war, würde er in der Gegend rund ums Internat noch weniger Zivilisation antreffen. Was sollte das nur für einen Zweck haben? Dass man nicht die bösen Seiten der Großstadt kennen lernte?! Lächerlich...

Eine leichte Drehung, bei der man eine bessere Aussicht auf die bis vor kurzem noch besuchte Schule gewann, weckte Erinnerungen an unerträglich viele Gesichter und Stimmen. Wie oft hatte man hinter diesen Fenstern gesessen und sich weit weg gewünscht? An einen Ort, an dem alles perfekt war. Ein Ort, den es irgendwo auf dieser Welt geben musste, wo Menschen nicht bloß auf oberflächliche Dinge achteten, sondern einen weiteren Horizont besaßen. Im Erdkundeunterricht hatten die Finger das Buch aufgeschlagen und sich das Ausmaß der britischen Insel angesehen, sich gefragt, ob es sich im Norden genauso lebte wie im Süden, bevor man einige Seiten weiterblätterte und Visionen von Amerika, Europa oder Asien hegte. Besonders ein Land hatten die braunen Augen in nahezu jeder verdammten Stunde studiert: Frankreich.
Frankreich, das beinhaltete sowohl heute als auch morgen.

„Hast du Oma gestern Abend noch angerufen? Sie wollte dich vor deiner Abreise noch einmal sprechen. Und hast du dich für den Kuchen von letzter Woche bedankt?“ Mahnend reflektierten Sonnenstrahlen von den Brillengläsern in die eigenen Augen, als man von seiner Mutter kurz fixiert wurde.
„Ja, sie meinte, sie wollte mir eigentlich noch einen Pullover stricken. Obwohl das angeblich deine Aufgabe wäre.“
„Sei froh, dass ich dieser Aufgabe nicht nachkomme...“
Und wie froh Marcel darüber war. Die zu Anfang der Autofahrt vorliegende Anspannung hatte sich geringfügig gelockert; wohl weil Mama sich selbst nicht vorstellen konnte, jemals eine Stricknadel anzufassen. In dieser Hinsicht hatte es nie Kompromisse gegeben: war ein Kleidungsstück kaputt, wurde es entweder zur Reparatur gebracht oder – und dies in knapp 98% aller Fälle – einfach durch ein neues ersetzt.
„Aber Mama, du kannst doch sicherlich wunderschöne Pullis stricken. In so einem aubergine mit fetten, magentafarbenen Karos drauf. Und dazu trag ich dann ein Wollmützchen, auf dem vorne mein Name in sumpfgrün eingestickt ist.“
„Und dann hältst du auf der Straße 10m Abstand von mir, okay?!“
Beiden Gesprächspartnern entwich ein kurzes Lachen. Nein, so tief würde man niemals sinken...

Mit Hilfe eines Vorlehnens stellte Marcel das Radio an und ließ sich von diesem belullen, um die überschüssigen Überlegungen in seinem Hirn loszuwerden. Leider trat die gewünschte Wirkung nicht ein: es blieben die haarsträubenden Zweifel, ob man Anschluss finden würde und inwiefern die eigene Privatsphäre Berücksichtigung fand. Bei der Verkündigung vor einige Monaten, auf ein Internat zu gehen ab dem nächsten Schuljahr, war zunächst nur rumgeknatscht worden in jeglicher Hinsicht: Türe knallen, beleidigte Kommentare, bockiges Ignorieren und übertriebenes Gezicke. Doch selbst das letztendliche Betteln mit dem geübtesten aller Hundeblicke hatte nicht gewirkt.
Bis heute wusste der Dunkelblonde nicht, warum es irgendjemand geschafft hatte seiner Erziehungsberechtigten einzureden, Internate seien der beste Bildungsweg. Aus dem eigenen Blickfeld stellten sie das genaue Gegenteil dar. Die permanente Beobachtung erlaubte nicht, hier und da mal einen Tag blau zu machen und da man mit seinen Klassenkameraden im selben Gebäude vegetierte, würde man diese ständig um sich herum haben.

Wollte man das? Nur wenn sie einen leiden konnten. Nur wenn sie nicht wie die Leute waren, die man beinahe tagtäglich des abends irgendwo hin begleitete. Kaffee trinken hier, Kino da, Rumlungern dort und zugleich nicht mehr sein als ein Entertainer, der als Flirt für die Mädels und cooler Kumpel der Jungs fungierte. Unfraglich war man einer der beliebtesten Kerle aus der ehemaligen Stufe, konnte sich zu beinahe jedem Mitschüler gesellen, wenn man nur Lust hatte und würde – den belanglosen Smalltalk miteinbezogen – lediglich Zeit vergeuden.
„Marcel erzählt alles weiter. Dem darfst du niemals was Persönliches anvertrauen.“
Wer hatte dieses, nicht mehr als eine infame Lüge darstellende Gerücht in die Welt gesetzt? Doch auch die, die es nicht kannten, beeinflusste es, wenn auch nur unterbewusst. Nichts war doch naheliegender. Jemand, der überall zugleich war und seine Nase in so viele Angelegenheiten steckte, konnte unmöglich verschwiegen sein. Nein, das würde das Klischee sprengen, nicht wahr? Allerdings sah die Wahrheit viel mehr so aus, dass es keine einzige Person gab, die einem wirklich Vertrauen schenkte. Gleichzeitig bedeutete dies aber auch, dass man selbst niemandem vertrauen konnte – ganz gleich wie gern man es täte...

Die imaginäre Welt aus dem Erdkundeunterricht tat sich bei der schmerzlichen Erkenntnis ein jedes Mal wieder auf. Die Welt, die weit weg von hier lag und wo man ein ganz normaler Junge war, der ganz normal zur Schule ging, einen ganz normalen besten Freund hatte und nicht als die Tratschbase Nr. 1 der Schule galt. Ein Ruf, den man bedauerlicherweise auch mit Stolz trug.
„Du kannst doch echt jeden zum Lachen bringen!“

War das ein Lob oder ein Vorwurf, was man schon aus so vielen Mündern zu hören bekam? Zu schade, dass sich keiner die Mühe machte Marcel zum Lächeln zu bringen, wenn er es sehr dringend brauchte. Andere konnten sich wohl nicht mal im Entferntesten vorstellen, dass jemand wie er ebenfalls Trauer empfinden konnte. Und das in mehr als nur einer Lebenslage.

Daraus folgte die bestmögliche Vermeidung aller Ursachen oder das, was man sich in den vergangenen Jahren antrainiert hatte: sie überspielen. Humor war ein ausgezeichnetes Hilfsmittel und wer konnte Lach- und Kummertränen auseinanderdividieren? Letztlich nur man selbst.

Erneut musste der Junge zur Fahrerin des Autos schielen, die soeben die Lautstärke des Radios heraufgeschraubt hatte, damit sie die Nachrichten und dazugehörigen Verkehrsmeldungen besser verfolgen konnte. Positive Wetterprognose, freie Fahrt auf den Straßen, was wenig verwunderlich war in Anbetracht der Tatsache, dass man - je näher man dem Internat kam - umso kleinere Straßen passierte. Und trotzdem drang ein Seufzen zu einem herüber; lag es an den Umständen? Der Arbeit, die man verursachte?
Unangenehm getroffen rückte Marcel nervös auf dem Beifahrersitz und probiert abermals sich abzulenken, indem er aus dem Fenster guckte und sich auf die Unterlippe biss. Er hatte nie vorgehabt seiner Mutter eine zusätzliche Belastung zu sein, doch in all den Jahren hatte sich dies immer klarer herauskristallisiert und in tiefen Abgründen des Gedächtnisses hallten die lauten Sätze, die des abends zu einem ins Zimmer hinauf drangen und deren Ursprung im Wohnzimmer zwischen den Eltern lag.

Wie stellst du dir das eigentlich vor? ...Du wolltest kein Kind?! Ach, jetzt erzähl mir doch nichts; natürlich wäre eine Abtreibung ethisch vertretbar für dich gewesen. Du warst doch selbst unglücklich darüber schwanger zu sein! Aber ich war es nicht, der sofort an Heirat gedacht hat! Stimmt, du hast immer nur an deine Karriere gedacht! Das ist nicht wahr, Richard! Natürlich ist es das! Schau dich doch selbst erst einmal an, du Egoist!

Fakt war, Marcel war nicht mehr gewesen als ein ungeplanter und vor allem unwillkommener Zellhaufen, zu dem keiner eine rechte Beziehung führte. Dass man seiner Mutter die Zukunftspläne durchkreuzte und sie sich dennoch von diesen nicht abbringen lassen wollte, bewies die mit einigen Kindermädchen gespickte Kindheit. Über zwei Ecken wurde später erfahren, als man langsam begann all die Worte zu verstehen, die vor guten zehn Jahren fielen, wie zügig Mutter sich wieder hinter ihre Arbeit geklemmt hatte und wie wenig Bereitschaft von Vater ausging sich um das, was im Volksmund Familie genannt wird, zu kümmern.

„Na, wo bist du gewesen?“
Im Nachhinein schien es so falsch, als dieser Mann einen mit geheuchelter Freundlichkeit begrüßte, als man eines Nachmittags vom Spielplatz heim kam mit der sich knapp verabschiedenden Nanny. Aber in jenen Tagen war man schlicht und ergreifend zu jung, um irgendwelche Anzeichen zu erkennen, Hintergründe zu verstehen oder gar Förmlichkeiten zu durchschauen. Stattdessen hatte Marcel fest an das Theaterspiel geglaubt, in welchem ihm sein Vater, ein Mann von stattlicher Statur und ewig gleicher Stimme, ins Zimmer trug und dann aufs Bett setzte. Als seien sie Narben, waren all die Ereignisse des Tages im Inneren eingebrannt. Angefangen bei den kindlichen Spielen im Sand und auf der Schaukel bis hin zu der unendlich groß und schützend erscheinenden Hand des eigenen Vaters, die einem die zerzausten Haare glatt strich.

„Papa? Spielst mit mir Lego?“ Eine Frage, die man beinahe täglich stellte und wie so oft ausgeschlagen wurde.
„Nein, mein Kleiner. Heute nicht. Weißt du... Papa muss gleich noch weg.“
Wegfahren, zu tun haben, keine Zeit haben; für Marcel war die Inkarnation all dessen die Arbeit, welche wie ein düsterer Dämon stets über dem Anwesen und den dort wohnhaften Personen thronte, ohne dass dieser von Menschenhand vertrieben werden konnte.
„Musst du in die Arbeit? Wann kommst du wieder?“ Den braunen Augen fiel wie so oft das heimliche Windspiel in den Gardinen auf. Damals genauso weiß wie heute. Erstere der beiden Fragen war für den kindlichen Geist auch mehr eine Bemerkung, um sich selbst einen rationalen Grund für die elterliche Abwesenheit zu suchen.
Umso seltsamer war es, als dieser Mann den Kopf verneinend schüttelte und das Gedächtnis an dieser Stelle aus dem heutigen Blickwinkel betrachtet ein nervöses Lächeln auf dessen Lippen zu erkennen glaubte.
„Nein, ich muss nur wegfahren. Weißt du, wo Frankreich liegt?“

Die dunkelblonden Haare integrierten sich in ein leichtes Wippen von links nach rechts und zurĂĽck, weswegen Vater einen kleinen Zettel vom Schreibtisch holte und mit Hilfe eines Kugelschreibers eine Skizze auf diesem anfertigte.
„Siehst du das? Das ist Europa. Und hier liegt Frankreich. Da muss ich hinfahren.“
Europa, Frankreich... Marcel hatte nicht den Hauch einer Ahnung, welche Distanzen zwischen diesem Land und dem eigenen herrschten und sein Vater machte sich nicht die Mühe, ihn dahingehend aufzuklären. Er wollte nur vermeiden, dass man quengelte und wie so oft vor Enttäuschung in Tränen ausbrach.
„Oh... wann bist du wieder da?“ Erneut blitzten die runden Augen voller Hoffnung, da sich vielleicht schon morgen die Möglichkeit ergab mit Papa zu spielen. Wie lange dieser seine Antwort herauszögerte, hatte der Junge auch erst Jahre rückblickend festgestellt.

„Morgen. Sei lieb zu deiner Mutter, ja? Mach ihr keinen Ärger.“
Bestimmt nicht. Eifrig nickend lächelte man den Menschen auf der Bettkante an, der dies für einen erbärmlichen Moment erwiderte, dann auf seine goldene Armbanduhr schaute und aufstand.
„Na komm.“
Vater an der Hand folgend, tapste man die Stufen der Treppe hinab und schaute sich die zerbrochene Komödie an, welche einkehrte in vollkommener Stille, als der Herr des Hauses seine Jacke anzog und die Frau anstarrte, die soeben zu ihnen in die Halle getreten war.
Keine Abschiedsworte; wie in Eis verweilten alle Beteiligten kurzweilig, bevor sich der Mann zum Gehen wandte, die Haustür hinter sich schloss und kurz darauf das Geräusch des Wagens außerhalb ertönte.
Hätte Marcel geahnt, seinen Vater damals zum letzten Mal in seinem Leben zu sehen, wäre er garantiert nicht zu seiner Mutter hinüber gehopst und hätte sie mit Milchzähnen angegrinst, während er fragte, ob er Eis bekäme.

Wie konnte ein geliebter Mensch einen nur derartig belĂĽgen?


„Mama? Wann ist endlich morgen?“ Tage waren verstrichen und Marcel wippte gelangweilt auf den Zehenspitzen, lugte auf den hohen Schreibtisch und versuchte seine Mutter hinter einem Stapel Bücher zu Gesicht zu bekommen.
„Wenn du morgen früh wach wirst, ist morgen, Marcel.“
„Und dann ist Papa da?“

Ein eigenwilliges Papierrascheln war die erste Reaktion auf die naive Bemerkung, das die Kinderseele nicht als so abblockend einordnen konnte, wie es gemeint war.
„Nein. Geh spielen, Schatz.“
„Aber Papa hat gesagt, dass er morgen wieder da ist!“
„Was?“ Erstmalig in der Konversation gelang es die tiefen, erschütterten Augen der Frau zu sehen, die völlig vor den Kopf gestoßen von all dem erschien. Sich mit einer Hand die unbeweglichen Haare zurückstreichend, entrann ihr ein weiterer Seufzer und ein unmissverständliches Murmeln.
„Richard- ich meine, dein Vater hat dir gesagt, er sei morgen wieder da?“
Energisch bejahte man dies, konnte aber dieses Mal unverkennbar die Anwesenheit von etwas DrĂĽckendem im Raum spĂĽren.

Der edle Bürosessel, auf dem die eigene Mutter saß, machte ein ächzendes Geräusch, als diese sich erhob, um den Tisch herum schritt und vor einem in die Hocke ging.
„Nein, weißt du, es ist so... dein Vater ist weg gegangen. Und er wird nicht wiederkommen. Er lebt jetzt an einem anderen Ort. Kannst du das verstehen?“
„Nein.“ Die eigene Stimme war hoch und piepsig, als sie wahrheitsgemäß antwortete und Mutter einen innerlichen Fluch über die Misere einbrockte. Sie wollte nicht erklären und Marcel im Grunde nichts von all dem wissen, was ihn wie durch unsichtbare Hände unter Wasser zog und keine Luft zum atmen ließ.
„Wir konnten einfach nicht mehr zusammen leben.“

Du hast damit nichts zu tun... Diesen Satz hätte man damals unsagbar gerne gehört, doch er kam nicht. Und er war bis zum heutigen Tage nicht gefallen. Tatsache war, dass Marcel das Bindeglied zwischen diesen beiden Menschen einst ausmachte, allerdings zu schwach war, um sie dauerhaft zusammen zu halten. Ohne ihn hätte es keine Hochzeit gegeben, keine Scheidung und kein unglückliches Zurückstecken.

So ein groĂźer Junge weint doch nicht...
Es passte nicht zusammen: Mutters Aussage, ein jedes Mal, wenn man Tränen vergoss und das darauffolgende Verabreichen von Süßigkeiten zum Trost. Fatal, denn auch wenn es keine Auswirkungen auf das Gewicht hatte, so behielt Marcel diese Methode ungewollt bei, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Je schlimmer das Gefühl von Einsamkeit, Trauer und Enttäuschung, desto mehr konsumierte er. Und es beschämte den Dunkelblonden, seit er die Kontrolle dermaßen darüber verloren hatte, dass er sich hinterher über dem Klo wiederfand. Zwei bis vier Mal im Monat, und das seit gut einem Jahr. Schleichend war man so tief gesunken; hatte das erste Mal in Massen gefressen und darauf alles ausgekotzt im Alter von 13 Jahren, sich erschreckt, sich niedergemacht und krampfhaft jegliche Süßigkeit vom Tagesplan gestrichen. Ohne Erfolg, weil dies rein gar nichts an dem Impuls änderte, die Wonne zu brauchen – krankhaft zu brauchen.

Kaugummi gehörte zur Standartausstattung seitdem, genauso wie vermengtes Zähneputzen, obwohl der Verstand bezweifelte, dass es irgend einem Menschen jemals auffallen würde. Dem Problem, nicht mehr genügend Zeit alleine zu verbringen, in der man ungesehen erbrechen konnte, würde man sich erst auf dem Internat stellen müssen. Es war so absurd, aber die größte Angst war tatsächlich dabei entdeckt zu werden und es nicht erklären zu können, sich nicht rechtfertigen zu können und im schlimmsten Falle vor Schande in erneutes Weinen auszubrechen, das einen manchmal nach der gesamten Prozedur ergriff. Denn fest stand doch ohnehin schon, dass keine große Hoffnung bestand, in der neuen Schule eine andere Rolle zugeschrieben zu bekommen als bislang.

Dabei mochte man reden – wirklich. Gespräche waren etwas, an dem mehrere Person teilnahmen und deswegen liebte Marcel sie: sie boten ihm die Gelegenheit zu teilen, wenn leider auch nur auf einer oberflächlichen Basis. Letztlich damit andere zum Lachen zu bringen, war ebenfalls eine Bereicherung, da man auf diesem Wege den einzigen Funken Talent nach außen kehrte. In den schwerwiegendsten Depressionsphasen stellte diese Methode allerdings auch nicht mehr als eine Beraubung dar, weil andere von einem zehrten, immer nur nahmen und einen danach ohne mit der Wimper zu zucken fallen ließen.


Die Finger öffneten das fordere Fach des Rucksacks, worauf einem der Krempel in diesem nahezu entgegen quoll. Diesen schwerfällig beiseite schiebend, ohne dass er hinaus fiel, wurde eine Tafel Schokolade zutage gefördert. Der Rest an Notstandproviant war gut verborgen in sämtlichen Koffern und Taschen im Kofferraum.

„Was machst du denn da? Du hast doch eben erst gefrühstückt! Wenn du so weitermachst, wirst du nachher deinen Babyspeck zurückbekommen.“
„Nein, werde ich nicht!“ Schließlich war dies trotz immensem Verbrauch ungesunder Speisen nie geschehen. Trotzdem raschelte das Papier, als Marcel sich schnell noch einige Stücke abbrach und den Rest der Tafel zurück in das Fach zwang. „Außerdem war’s eben noch zu früh. Da hatte ich keinen richtigen Hunger. Du isst morgens auch nie viel. Immer nur Joghurt. Übrigens ist dieser eine Sahnejoghurt von neulich voll lecker gewesen.“
„Das hab ich gemerkt. Die waren ja innerhalb von zwei Tagen alle verschwunden! Wo hast du die nur gelassen?“
Antwortlos lieĂź der dunkelblonde Junge den Inhalt des Mundes von einer Backentasche in die andere wandern, unbewusst den Gehalt von Zucker und GlĂĽckshormonen genieĂźend, den er der Prozedur abgewann.
„Ich esse immer so viel.“
„Ich weiß. Das liegt garantiert an diesem Sport.“

Dieser Sport namens Volleyball. Aber davon verstand seine Mutter wenig bis gar nichts. Ihre Vorlieben lagen im Bereich der Gymnastik und die wurde sowieso nur auf dem Laufband betrieben, sofern es in den wöchentlichen Terminplan passte.
„Jetzt muss mein Team ohne mich spielen. Dabei hätten wir’s dieses Jahr sicher geschafft die Kingstonschool zu schlagen!“
„Hast du das nicht letztes Jahr auch gesagt?“
„Ich mein’s ernst! Die hatten letztes Mal nur Glück und mehr Zuschauer!“ Spitz betonte man das letzte Wort und blinzelte scharf, konnte jedoch keinerlei Veränderung in Mutters Mimik ausfindig machen. Es war so sinnlos und armselig, zu versuchen sie für eigene Fähigkeiten zu begeistern.

„Du kannst auf deiner neuen Schule bestimmt auch im Volleyballteam spielen.“

Natürlich; was auch sonst? Immerhin hatten einem etliche Prospekte bereits eingetrichtert wie nobel und exquisit diese Einrichtung war. Irgend einen ausgleichenden Reiz musste es schließlich geben, handelte es sich ja um ein reines Jungeninternat, wogegen Marcel so gesehen nichts hatte, selbst wenn er sich seit je her mit beiden Geschlechtern gut verstand. Öffentlich charmeurte man in jeglicher Hinsicht gerne, kaschierte es gegenüber anderen Jungen allerdings als eine pubertäre Albernheit, denn das Hauptinteresse galt dann doch der Damenwelt. Ob man sich überhaupt dauerhaft mit Jungen auf dieser Ebene befassen konnte, wurde schwer in Frage gestellt.

~*~


Sie sahen tatsächlich so aus wie in den Broschüren: die Räumlichkeiten und das Zimmer, welches man soeben betrat, in jeder Hand eine Reisetasche und den Rucksack auf dem Rücken tragend. Die braunen Augen scannten die neue Heimat, entdeckten Schreibtisch, Bett, Schrank und Regale aus dem edlen, hellen Holz und dem modernen Metall, die allesamt wie neu wirkten und zum Teil mit Glas versetzt waren. Der einzige Unterschied zum eigenen Heim dürfte sein, dass es hier keine Putzfrau gab.

„Das sieht doch sehr nett aus.“ Mutter schien wahrlich entzückt, wenn für ihren Geschmack auch irgend etwas aus Porzellan fehlte. Inspizierend durchquerte sie den Raum, um einen Blick aus dem Fenster zu ergattern, durch das man vom Bett aus hinaussehen konnte.

„’N bisschen weiß und kahl...“ Daheim hatte sich der Junge seit je her daran ergötzt Poster und Bilder in sämtlichen Variationen aufzuhängen, was ihm einige Male Protest einheimste, der sich auch jetzt in der kühlen Erwiderung zeigte.
„Du musst doch nicht jede Wand zukleistern!“
„Es sieht aber sonst langweilig aus. Stell dir vor, ich sitz den ganzen Tag mal hier rum und sehe nur weiße Wände an. Da krieg ich doch einen Schaden.“
„Das bezweifle ich. Außerdem würdest du doch eh nie so lange an einem Ort ausharren.“
Was wusste sie schon? Marcel rollte mit den Augen, sodass seine Mutter es nicht bemerkte und plante die Neugestaltung seines Gemachs, als sich durch ein Räuspern die Anwesenheit des Hausmeisters zeigte, der sie herauf geführt hatte und ein stiller Zuhörer in der Unterhaltung war. Vorangehend hatte er ebenfalls zwei Koffer die Stufen heraufgeschleppt und sie neben Türe und Schrank abgestellt, wofür man sich kurz bedankte.
„Gegen 12 Uhr findet ein erstes Treffen im Speisesaal statt. Dieser liegt im unteren Stockwerk des Hauptgebäudes. Dort werden noch einige Informationen an die neuen Schüler gerichtet.“
„Ich find das schon.“ Während man sich auf das Bett plumpsen ließ, grinste man den Mann mittleren Alters an, der sich darauf entfernte, um wieder seinen Aufgaben nachzugehen. Der Zimmerschlüssel klimperte leicht, als Marcel das gute Stück von einer Hand in die andere warf und sich erleichtert fühlte, weil er tatsächlich auch ein eigenes Badezimmer besaß.

„Den Rest wirst du auch ohne mich schaffen, oder?“
Das Blickfeld des Angesprochenen wechselte zur Mutter hinüber, die nun – nachdem sie sich Schrank und Schreibtisch genauer angesehen hatte – vor einem stand und auf ihre kleine Armbanduhr schaute. Geheimnisvoll glitzerte der ein oder andere teure Stein auf dem Schmuckstück.
Nein, man würde doch niemals ohne Mamis Hilfe seinen Plunder eingeräumt bekommen! Marcel seufzte innerlich und zauberte ein falsches Grinsen auf die Lippen.
„Klar, ich leb aus der Tasche. Dann brauch ich im Herbst nicht wieder alles einpacken, wenn die Ferien anfangen.“
„Untersteh dich.“
„Scherz!“ Verteidigend hob man die Hände und behielt die sorglose Miene, als man beobachtete wie sich das Gegenüber den Blazer zurechtrückte. Sie würde sofort wieder die Rückfahrt antreten und nicht mal bleiben, um noch einen Kaffee oder dergleichen zu sich zu nehmen. Theoretisch sehr enttäuschend, wäre es nicht schon Gewohnheit geworden.

„Ja, du bist mir ein Scherzkeks.“
Die eigenen Gesichtszüge entglitten, als man urplötzlich locker umarmt wurde und zugleich bemerkte, wie jemand den Faden durchschnitt, an dem das Herz aufgehangen war, sodass dieses ungehindert in die Tiefe stürzen konnte.
„Übrigens weiß ich noch nicht, ob ich in der ersten Woche deiner Herbstferien Zuhause sein werde. Wahrscheinlich werde ich mit deiner Tante schon an dem Freitag vorher nach Hawaii fliegen. Aber näheres dazu sage ich dir, wenn wir das nächste Mal telefonieren.“
Nein, warte, Moment! Dieses vollends überrumpelte Kind in einem wollte gerne etwas sagen, konnte aber lediglich dabei zusehen, wie sich die eigene Mutter von einem in Richtung Türe entfernte und einen Gesichtsausdruck aufwies, der genauso unterkühlt wie ihre vorhergehende Geste wirkte. Die zum Abschied erfolgenden Worte wurden von Marcel hypnotisch erwidert, der auch noch die geschlossene Türe fixierte, als seine Mutter unlängst durch diese verschwunden war.

Das alles war nicht verwunderlich, absolut nicht. Seine Mutter wĂĽrde endlich ihren wohlverdienten Urlaub bekommen, weit weg von ihrem mit Arbeit zugepflasterten Haus und ihrem Sohn; ganz so, wie sie es sich insgeheim immer wĂĽnschte. Was hatte man selbst schon fĂĽr ein recht, ihr dies zu verĂĽbeln? Gar keines, da man einfach in ihr Leben getreten war.

Energie aus der Aggression gegen sich selbst gewinnend, stürzte sich der Junge auf sein Gepäck, öffnete die erste Tasche und schloss seinen CD-Player an, um im nächsten Moment die Musik in angenehmer Lautstärke anzudrehen. Mit dieser im Hintergrund, wuselte Marcel von einer Tasche zur anderen, hievte Klamottenberge in seinen neuen Kleiderschrank, bezog sein Bett mit einer dunkelblauen Wäsche mit einem Sternzeichenkreis, sortierte einige Bücher aus den Koffern und platzierte sie geistesabwesend im Regal. Das ganze nahm Gestalt an – schneller als erwartet – und wirkte dennoch chaotisch, selbst wenn man soeben alles an Büchern und sonstigem Krimskrams neu ordnete im Regal und die Schreibtischschubladen mit Papier, Heften und anderem Schulkram voll stopfte. Das Gehirn hatte sich auf Leerlauf gestellt, was dem Dunkelblonden spätestens beim Aufbau seines Computers auffiel, da er zweimal irgendwelche Stecker falsch montierte und sich ein jedes Mal ärgerte, warum dementsprechend etwas nicht funktionierte.

Seine Mutter berappte sehr viel Geld dafĂĽr, dass sie ihn bloĂź abschob. Galt sicherlich der Beruhigung ihres Gewissens. Frustriert drehte man sich auf dem Schreibtischstuhl und starrte den Monitor an. Der fixe Gedanke jemandem eine E-Mail zu schreiben, wurde sogleich verworfen: wem? Denen, die einem die Schulter geklopft hatten und irgendwelche SprĂĽche ablieĂźen, die das Wort Kontakt enthielten? Marcel kannte die Leute die Reihe durch; keiner hatte die Disziplin eine Freundschaft auf Distanz aufrecht zu erhalten. Noch weniger eine, die sie nicht sonderlich vermissten.

Resignierend machte man sich daran die Wände „zuzukleistern“ und ignorierte es, wenn das ein oder andere Poster schief hing. Wen sollte das hier noch stören? Ihn bestimmt nicht; genauso wenig wie es ihn störte dieses Treffen um 12 Uhr versäumt zu haben vor Einräumeuphorie. Schließlich war das nur ein Treffen für all diejenigen, die bereits angereist waren und es würden noch mehr dieser blöden Informationsveranstaltungen folgen, weil einige Schüler erst abends eintrudelten.
Im Mülleimer war eine Schicht aus der leeren Schokoladenpackung, Schokoriegel- und Bonbonpapierchen entstanden, über die sich die leere Tüte legte, als man das letzte Zuckerkügelchen aus dieser genommen und zwischen die Zähne geschoben hatte.
Was machte man hier eigentlich? Sich vorbeugend spuckte man das Bonbon zu den übrigen Papierchen in den Müll und ekelte sich vor den an ihm hängenden Speichelfäden, an deren Enden sich Tropfen bildeten, deren Gewicht so lange zunahm bis sie abrissen.
Tu’s nicht...
Um Disziplin bemüht kramten die Finger träge in der zweiten Schublade des Schreibtisches und zogen zunächst ein weißes Blatt hervor und dann eine Mappe. Sie existierten – auch wenn Marcels Mutter es sich nicht vorstellen konnte – die Zeiten, in denen ihr Sohn sehr lange sehr ruhig ausharrte an einem Fleck, sich dreckig fühlte und belanglos vor sich hinkritzelte. Die skizzierten Gegenstände oder Figürchen wirkten aber allesamt so starr, dass die braunen Augen ihren Anblick genauso wenig ertragen konnten wie den eigenen oftmals. Zerknüllt trat das Papier den gleichen Weg an wie die vielen Plastikpapierchen und das Bonbon zuvor.

Durch die Glasplatte des Schreibtisches starrte man die dunkle Tastatur an, stützte die Ellbogen auf den Tisch und raufte sich die Haare. Theoretisch hätte sich Marcel in dieses Leben außerhalb seiner vier Wände stürzen können, jedoch fühlte er sich jetzt einfach noch nicht bereit dazu und niemand wartete dort auf ihn, weswegen sich die kleine Pause gedankenlos genehmigt werden durfte, ohne hinterher von irgendjemandem gefragt zu werden, was er bisher getan hatte.
Stattdessen wurde sich träge erhoben und ins Bad geschlurft. Die bereits eingeräumten Handtücher und Pflegeartikel schienen deplaziert in dem künstlichen Licht und ein Blick in den Spiegel belehrte ihren Besitzer dieselbe Ausstrahlung zu haben. Ein Windstoß im Kopf durchwirbelte die Gedanken zugleich, der einen ermahnte an die 100gr gefüllte Schokolade, zig Schokoriegel und eine ganze Tüte von abartig süßen Zuckerkugeln gefressen zu haben, deren säuerlicher Inhalt mit einem Mal aufstieß. Aber es war gut so; gut so dass man all diese schädlichen Dinge aus sich heraus beförderte im Zuge des Erbrechens und mit jedem erneuten Raufwürgen hoffnungslos versuchte belastende Gefühle mit auszuscheiden.

Erschöpft lehnte sich der Dunkelblonde an die erfrischend kalte Wand, guckte verschwommen die Lichtquelle an der Decke an und legte dabei den Kopf in den Nacken. Irgendwo im Hintergrund rauschte die Klospülung, während die Finger hervorgekrochene Wasserperlen von den Wimpern putzten, bevor sich zum Waschbecken gebeugt wurde, um ein mechanisches Zähneputzen zu beginnen.
Du hast es schon wieder getan...
Sich belügend beruhigte Marcel die innere Stimme damit, diese Unsitte in Zukunft zu unterlassen. Der Tag war schuld: die Verabschiedung, die nicht nachvollziehbare Freude seine Mama in einigen Monaten wiederzusehen und die zerfressende Trauer in ihr nicht dieselben Empfindungen auszulösen.

Wie in Zeitlupe wanderte der Pfefferminzgeschmack ausstrahlende Schaum im Mund umher, bevor sich endlich dazu durchgerungen werden konnte diesen auszuspucken und den Mund zunächst mit normalem Leitungswasser und dann mit Mundwasser auszuspülen. Automatisch hielt man die rechte Hand eng vor die eigenen Lippen, hauchte und vergewisserte sich keinerlei verräterischen Gerüche mehr abzusondern. Einen unbestimmten Moment lang stand Marcel wieder einfach nur da und ließ den Blick überall und zugleich nirgendwo hin wandern, beschloss dann duschen zu gehen und sich danach für einige Stunden hinzulegen, um wenigstens heute Abend zu einem kurzen Rundgang präsent zu sein.


Und so kam es, dass man nur mit einem Handtuch bekleidet bald darauf die Jalousie des groĂźen Fensters im Zimmer herab lieĂź und den Tag somit aussperrte; zum Schrank tapste, eine Shorts aus diesem holte, sie anzog und sich in die Kissen schmiegte. An diesem Ort wĂĽrde gewiss nichts besser werden, doch Marcel dachte ohnehin aus einer anderen Perspektive: zumindest war seine Mutter nun glĂĽcklicher und da er sie absurderweise immer geliebt hatte, konnte er sich damit zufrieden geben fĂĽr ihr GlĂĽck das eigene zurĂĽck zu stecken.
Auf dem Gang hallten dann und wann Stimmen und Schritte wider, die im Halbschlaf ebenso verloren gingen wie die Singlaute der Vögel in den Grünanlagen um das Gebäude herum. Das Vorhaben, in Zukunft so unbeschwert wie eh und je zu agieren, ahnte nicht, dass dieses Internat der Platz war, an dem sich heute und morgen sehr bald unverhofft kreuzen würden...




~Mama, morgen ist gekommen...
Was meinst du? Marcel? Wieso weinst du denn?~

Und das angebrochene morgen ist schlimmer als das gestern jemals war...

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