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Leselupe.de > Gereimtes
ich bring dich um
Eingestellt am 23. 10. 2001 01:36


Autor
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Paul
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 286
Kommentare: 62
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"... dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt, ein jeder sieht, was er im Herzen trÀgt..."

- Goethe -










ICH BRING DICH UM


StĂŒck in einem Akt mit einem Bild, das zwischen den Redephasen, in vollkommener Dunkelheit, umgebaut wird. In der Zeit der UmbauverĂ€nderungen ertönt Musik.

personae:
· Dichter
· Sein "alter ego"
· Krankenpfleger 1 und 2

situs:
Dichter in einem weißen Nachthemd und sonst nackend, steht mit wirrem zerzaustem Haar und mit dem RĂŒcken zum publicum und schaut in einen Spiegel, der ziemlich groß und vor ihm steht.
Neben Dichter steht ein Holztisch, auf dem Papier, ein Federkiel und Tintenfaß, ein Weinglas nebst Flasche (beide leer), eine Schale voll bunten Obstes, ein Laib Brot, eine FischgrĂ€te und ein Ei, einem Stilleben gleich stehen. Dem beigefĂŒgt ist ein Bilderrahmen, beinhaltend das Bildnis einer jungen Frau.
Dichter spricht mit seinem Spiegelbild, bis jenes nach dem ersten Monolog ein Eigenleben (Spiegel wird durch Glasscheibe ersetzt) annimmt und somit zu seinem a.e. wird.
Dichter: "Leere glotzt mich an,
wohin ich glotze,
nichts als Leere,
Leere strotzt hier allerorten,
und sie kĂŒndet:
leer der Wein und
leer das Blatt,
leer das Sein -
ach, ich hab's satt! -
hab es satt und
bin doch hungrig,
hungrig, durstig,
ja, richtig gierig
bin ich nach ... -
ja, nach was? -
das ist's ja,
was mich quÀlt,
dieses Sehnen, Streben, Suchen
nach -
bin schon sĂŒchtig nach dem Sehnen
nach, nach, nach - ach,
was ist dies "nach" denn
fĂŒr ein Ort,
oder ist der Ort
nur wie ein Wort,
ein Wörtchen nur
und liegt mir auf der Zunge,
liegt mir auf der Zunge,
die belegt ist
wie die Toilette,
die man dringlichst
brÀuchte und sie
findet dann
verschlossen,
versperrt
mir,
dieses Örtchen,
dieses Wörtchen
auf der Zunge und
zurĂŒck bleibt
nur ein
bittrer Geschmack,
verbleibt in
meinem Rachen,
schweigt und bleibt stumm ...
ach, ich kann nicht mehr -"
(beginnt zu schluchzen)

BĂŒhne verdunkelt sich. Es wird das Lied "Sehnsucht" von "EinstĂŒrzende Neubauten" eingespielt. Spiegel wird durch Glasscheibe ersetzt, dergestalt, daß "alter ego" nun als eigenstĂ€ndiges ego dahinter Wesen annimmt. Licht
alter ego: "oh, was bist ein
Wirrkopf du geworden,
du, der einstmals feurige Reden schwang,
ausgebrannt nun ist dein Stammeln,
jetzt, schwaches FlÀmmchen ohne Glut -
zu erschöpft du selbst,
um noch zu schöpfen,
ohne Glanz, verblaßt,
und ohne Mut,
suhlst dich hier
in deinen Mitleid
mit dir selbst
in deinen Dreck -
ach, du armer Tropf,
wie tröpfelt's karg nur
noch aus deiner Quelle,
deine Seele,
sie ergießt sich nur
noch in den Ausguß,
ich wollt sie gerne spĂŒlen weg ...
doch dein Abbild bin ich,
bin dein Freund,
Genosse, bin dein Ich
und ich bin's der hier
spricht zu dir,
spricht dir zu und
zu deinen Sinnen,
daß sie sich besinnen,
mögen auf sich selbst
und auf ihr Können,
auf ihre Kunst und
auf die deine -
du, der Dichter
verstricktest dich in
deinem Dichten,
in der Dichte deines
HirngestrĂŒpps,
Schluß damit,
nimm die Machete,
ergreife sie und
schaffe Licht,
schaffe wieder,
schöpfe Lieder,
schöpfe aus dem Vollen
Faße
deiner Seele
und mach faßbar
was in ihrer Tiefe
unfaßbar schien und
scheinen soll -
durch deiner HĂ€nde Kraft,
die Kelle sei gefaßt,
geschöpft und von
dir gefĂŒhrt uns
an den Mund,
zu kosten von
der SĂŒĂŸe deiner Worte,
oh, wir wĂŒrden alle
wahrhaft satt!
Sodenn, wohlan,
es ist an Dir!"
Das Lied "Land in Sicht" von "Ton, Steine, Scherben" ist zu hören.
alter ego verschwindet, d.h. das Spiegelbild verschwindet. Dichter zunĂ€chst noch etwas ratlos und verwirrt ob des Verschwindens, faßt sich alsbald wieder und sein Dichtermut gewinnt an neuer Kraft und Farbe kommt in sein Gesicht und glĂ€nzend werden seine Augen, als er sich besinnt auf seine Schaffenskunst - bis zuletzt der letzt Funke Hoffnung in seinem eigenen Sinnieren verglimmt. Neben dem Dichter ist der Holztisch mit seinem darauf gebahrten Stilleben verschwun-den, er ist itzt nur noch als Spie-gelbild zu sehen.
Dichter: "Potzblitz, wie wird mir,
was ist hier geschehen? -
mein Spiegelbild,
es sprach zu mir,
und hier der Tisch,
er ist verschwunden,
verschollen er,
der g`rad noch greifbar -
unbegreiflich ist mirÂŽs,
irreal -
und dies Bildnis meiner Geliebten,
weg,
und Spiegelbild nunmehr,
und dieses Glas,
ein Spiegelglas
und hier das Ei,
zum Spiegelei geworden -
nichts kann ich mehr fassen,
unfaßbar all das ist®s -
ich kann nichts mehr berĂŒhren,
nur mich noch kann ich spĂŒren,
und spĂŒren auch, wie mich berĂŒhrten
diese Worte meines Spiegelbilds -
Lieder schaffen soll ich wieder,
wieder schöpfen Spraches Klang -
Dichter bin ich, war ich,
wahrhaft Dichter,
Trichter gar, wenn man so will,
trichterte, filterte den Schwall
der unerschöpflich Sprache,
verdichtete diese Masse
und leitete sie in feine Bahnen,
daß sie zum Ausdruck fanden
sich und ich mich
selbst ausdrĂŒckte,
wie ein Schwamm,
so, daß Worte trofen, troffen,
tropften aus den Tiefen,
aus mir trÀufelten sacht und ich macht'
ihnen ein schön' Gewand -
ich war's und bin's,
der hier im Zaume hielt,
was bÀumte sich und
baumstark sich
entĂ€ußern wollte -
Form gab ich und
formvollendet nahm Gestalt
an, was ich jĂŒngst gestaltet,
Wesen wurd's, was
ich fĂŒr wesentlich
erachtet,
hauchte Odem ein
was einstmals Lehm,
Ton war, tonlos und stumm,
macht ich tönend,
klingend und belebt,
belebte ich mit meiner Kraft,
Dichterblut, die so was schafft!
verfĂ€llt in GrĂŒbeln
doch was bleibt?,
bleibt von mir,
dem Dichtermenschen? -
bleibt nicht durch
dies Schaffen,
durch dies Schwitzen
im Schweiße seines
Angesichts, als er
am Dichtertische
sitzend, schweißte in
Form,
Buch und Buchstabe
transliterierte,
transpirierte,
bleibt der Dichter
nicht entleibt zurĂŒck,
ausgehöhlt und
ausgelutscht,
bleibt nicht HĂŒlle
nur noch Kokon,
der Schmetterling entflogen,
und er, der Dichter
betrogen um sein Ich
verfĂ€llt ins GrĂŒbeln
fÀllt in seine eigene
Gruben,
wo er gefangen, gefesselt
in seinem eigenen
Verließ
von allen guten Geistern
verlassen,
gekettet an die
Mauer seiner
Sehnsucht,
Beute wird fĂŒr
all die bösen
Geister, die
begeistert Zagen,
Zaudern, Zweifel sÀhen,
bis der Dichter endlich
bricht und bricht zusammen,
bleibt am Boden
wehrlos Beute,
der Wahnsinns fette ...?"
bricht zusammen
Dunkelheit, das Lied "Mensch gib acht" von "Konstantin Wecker" wird entfacht. Licht geht an. alter ego ist im Spiegel wieder aufgetaucht, der Tisch ganz verschwunden.
alter ego von dem Zusammenbruch seines realen Ichs und GegenĂŒber sichtlich enttĂ€uscht und erzĂŒrnt ob dessen SchwĂ€che.
alter ego: "Nur Narr bist nur noch
nicht mehr Dichter,
narrhaft jetzt
was einst narrativ, -
statt Schönheit laut zu ehren
in GesÀngen und in Oden,
kriechst jammernd jetzt und
winselnd am Boden -
ein Wehgeheul ist's nunmehr,
was du anstimmst,
was deine Stimme einst von Höhen sang,
sang und sank hinab ins Jammertal,
so wie du in dich zusammen,
ein ScherbenhÀufchen nur noch,
Staub und Asche -
Ach ich kann's nicht mehr ertragen,
dein Bildnis ist mir widerlich,
und dein Stöhnen, weinen klagen,
ba!, mich ekelt's,
Schluß, vorbei -
Sollst krepieren du in deiner Umnachtung,
verrecken in deinem dunklen Wahn -
ich selbst noch komponier dir ein Requiem,
das strotzen soll von Hohn und Verachtung.
Genug der Worte,
die Zeit ruft zur Tat,
wohlan, du Wurm:
Ich bring dich um!

Dunkelheit, wird mit kurzen Blitzen erhellt, lauter Knall

Dichter (schreit): "Aaaaah, ich werde wahnsinnig...

tobt herum und zerschlÀgt sein Spiegelbild, verletzt sich dabei und verschmiert alles mit Blut.
Dann Stille, die durch ein lauter werdendes TatĂŒtata gebrochen wird.
Es wird hell, Dichter liegt am Boden, röchelt und hat Schaum um den Mund.
Zwei Krankenpfleger, voraussicht-lich aus der Irrenanstalt betreten den Raum und legen den Dichter, nachdem sie ihn in eine
Zwangsjacke gestopft haben, auf eine Bahre und tragen ihn ab.
Krankenpfleger 1 (lakonisch): "Der hat sich umgebracht."
Krankenpfleger 2: "Er zappelt doch noch ganz schön ..."
Krankenpfleger 1: "Um den Verstand gebracht..."

Vorhang fÀllt. Zu hören das Lied "Der goldene Reiter", von "Joachim Witt"

SCHLUß, VORBEI

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Sanne Benz
Guest
Registriert: Not Yet

Wow..das ist toll.
gerade so etwas zu schreiben,braucht man noch mehr vorstellungsvermögen..
mal was anderes hier. Und total gut geschrieben.
Kritik kann ICH nicht geben,dazu bin ich nicht fÀhig.
lg
Sanne

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Bernd
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Aug 2000

Werke: 2248
Kommentare: 11067
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Hallo, Pawel, gefÀllt mir sehr.

Es erinnert mich an eine Oper nach einem StĂŒck von Charms, die ich vor etwa 2 Jahren gesehen habe.

PS: Absurdistan ist eröffnet.

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__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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