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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
im pensionistenheim 2
Eingestellt am 18. 07. 2008 14:27


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bittersweetsymphony
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2008

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Aus dem Leben gegriffen – eine stolze Schauspielerin wird nostalgisch


Ich betrete ein kleines, aber liebevoll eingerichtetes Zimmer in einem Pensionistenheim. Eine weißhaarige, zierliche Frau liegt auf einem Pflegebett, umgeben von fürsorglichen Schwestern, die mich ihr vorstellen. Ich würde gerne ein Interview mit ihr führen, ob sie einverstanden sei. Ihre schlagfertige Antwort und die schwungvolle Dynamik, die in der Frau steckt, überraschen mich. Gewandt und gewitzt zugleich, wehrt sie sich verschmitzt lachend. Sie sagt, sie würde mit niemandem mehr ein Interview führen. Die Schwestern lächeln wissend, reden gut zu, liebäugeln ein bisschen und lassen mich dann mit ihr allein. Etwas hilflos schnappe ich mir einen Stuhl, rücke ihn nah an ihr Bett und setze mich. Verlegen beuge ich mich zu ihr vor, weiß nicht recht wie ich anfangen soll. Irgendwie finde ich mein Selbstvertrauen wieder und taste mich nun behutsam mit meinen Fragen vor. Sehr zurückhaltend reagiert die ehemalige Schauspielerin zuerst, gibt verhaltene Antworten auf meine zaghaften Fragen. Sie bittet mich, ihren Namen nicht preiszugeben; diesen Wunsch erfülle ich ihr gerne. Bald gewährt sie mir kleinere Einblicke in ihr Leben, redet unbefangener und fröhlicher und ich darf eintauchen in ihre Erinnerungen an die frühere Zeit, die bei ihr doch ein wenig Nostalgie auslösen und mich melancholisch stimmen.


„Ein großes Tier“

Geboren in eine erfolgreiche Schauspielfamilie, zieht sie gemeinsam mit ihrer Theatertruppe – also mit ihrer Familie– durchs Land. Profilieren kann sie sich seit ihrem dritten Lebensjahr auf der Wanderbühne und wird als gediegenes, beflissenes Mädchen und später als junge Frau heiß und innig vom Publikum geliebt. Als ich vorsichtig frage, ob sie je den Wunsch gehegt hat, einen anderen Beruf zu erlernen, erwidert sie schockiert: „Ich habe jede Rolle geliebt wie mein eigenes Leben“. Die tiefe Überzeugung und Verbundenheit mit ihrem Beruf imponiert mir. „Ein großes Tier“ taufte sie ihre Familie und noch heute höre ich den glücklichen Stolz in ihrer Stimme, wenn sie davon erzählt. Jede Rolle bringt Geld, in jeden Charakter muss sie schlüpfen, sich losschütteln und abwenden von eigenen Gefühlen und Gedanken. Das strapaziert zwar, aber sie liebt diese Herausforderung. Wahres Können erfordert Flexibilität und Wandlungsvermögen, nicht nur konstante Leistung im Spielen ähnlich gestrickter Charaktere. Dieses Können macht sie zum Publikumsliebling. Andere Wandertruppen werden von Neid geplagt und ächten ihre reüssierende Familie, die sehr darunter leidet. Nach dem Tod ihrer Familienmitglieder ist sie gezwungen, sich eine neue Arbeit zu suchen. So muss auch sie einige Zeit lang das trostlose Geschick einer Arbeitslosen kennenlernen.


Exklusiver Besuch aus obersten Kreisen

Ich lese die Trauer aus ihren Augen und die Sehnsucht nach vergangenen Tagen. Ich frage immerzu mit Bedacht und stoße auch öfters an Grenzen. Persönliche Grenzen, die ich nicht überschreiten soll.
Jedoch, bevor ich gehen muss, verrät sie mir mit leuchtenden Augen noch eine Anekdote: Ein hochrangiger Bürger, der Sekretär der Stadt, klopfte eines Tages bei ihnen an die Haustür. Er bat um Einlass und flehte ihre Familie an, ihn aufzunehmen. „Ich will alles lernen, aber bitte nehmt mich!“ Ihr Onkel antwortete daraufhin, er solle lernen Schauspieler zu werden und dürfe bleiben, solange er wolle. Ich lausche gespannt, und die betagte Frau, die nichts an Eleganz und Gewieftheit verloren hat, blickt mich freudestrahlend an: „Er ist geblieben, bis zu seinem Tod“.
Wenig später klopft eine Schwester an die Tür, das Mittagessen wird serviert. Ich bedanke mich höflich für das Gespräch und verlasse das Zimmer, seltsam beschwingt und irgendwie doch betrübt über die Vergänglichkeit des Ruhms und der Lebenskraft.




Version vom 18. 07. 2008 14:27

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