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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
im westen nix neues
Eingestellt am 25. 10. 2003 22:08


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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

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Im Westen nix Neues.

Wir suchen den Superstar, das Popsternchen, das Idol.
Ein Fernsehformat breitete sich flĂ€chendeckend, natĂŒrlich ausgehend von Amerika, langsam aber sicher in Richtung Deutschland.
Immerhin fast 20 Jahre brauchte die Enthusiasmuswelle, bis sie es schaffte, ĂŒber den Atlantik zu schwappen, aber mit den ersten Gischttropfen der „Popstars“, erstmals ausgestrahlt von RTL2 im Jahr 2000, war sie kaum noch aufzuhalten. Mittlerweile hat sie sich tsunamiĂ€hnlich ausgebreitet und beinahe alle großen deutschen Fernsehsender schwimmen mit.
Warum auch nicht. Das Format verspricht kostengĂŒnstige Quotengenerierung: Die Produktionskosten liegen unter dem ĂŒblichen Niveau; zusĂ€tzliches Geld fließt durch Televotings und Merchandising in die Kassen. An der Angel die werbewirksame Zielgruppe der Teens und Twens, die dem Köder, ihren eigenen schaumigen TrĂ€umen, hinterher schwimmen- beinahe unbegrenzte Ressourcen. Zur Zeit lagern in den Archiven der zustĂ€ndigen Produktionsfirmen rund 60000 Castingsequenzen. Allein die Zahl angeforderten Bewerbungsunterlagen fĂŒr die zweite „Deutschland sucht den Superstar“-Staffel betrug 160000(!)- 19500 der ambitionierten Bewerber wurden gecastet und in „recall“ und „re-recall“ genannten Auswahlverfahren immer weiter selektiert.
Köder an der Angel sind Versprechungen. Parolen, die den Traumschaum schlagen.
Jeder kann ein Star sein. Die besten kommen weiter.
NatĂŒrlich, so funktioniert der Kapitalismus, und der (Sozial)darwinismus sowieso.
Und wir haben uns gut daran gewöhnt
In einer kulturvergleichende Untersuchung ließen die Psychologen Hakness und Super zum Beispiel Mitglieder einer afrikanischen Dorfkultur und Amerikaner verschiedenen Linien emotionale ZustĂ€nden zuordnen. Interessanterweise sahen die Afrikaner den Zustand „GlĂŒck“ eher in einer flachen, leicht gezackten Linie, wĂ€hrend amerikanische Kinder und Erwachsene eine schwundvolle, schleifenförmige Linie bevorzugten. Alles andere kam ihnen langweilig vor.
GlĂŒck der westlichen Zivilisation bedeutet Stimulation, Erleben. Suche nach GlĂŒck ist sensation-seeking. Die Superstar-Welle greift dies auf. Die Casting-Shows bieten jedem die Chance, in die Popmaschinerie einzusteigen und entweder mehr oder weniger knallhart (das Spektrum geht hierbei vom Dieter Bohlen- bis Jeanette Biedermann-Stil) von Jury (und schlussendlich auch vom Publikum) abserviert zu werden oder aber glorreich in den Himmel der Popsternchen als One-Hit-Wonder (oder vielleicht auch mehr?) aufzusteigen.

Ob wirklich Talente entdeckt werden, sei dahingestellt. Und ob die Juroren der verschiedenen Shows sowie das per Telefon mitwĂ€hlende Publikum wirklich nach kĂŒnstlerischer QualitĂ€t auslesen ebenfalls.
Dass Anspannung nicht gerade ein kreativitĂ€tsfördernder Faktor ist, dĂŒrfte jedenfalls allgemein bekannt sein. Sofern das ĂŒberhaupt wichtig ist.

Bezeichnenderweise heißt RTL2s neuste Show FAME Academy.
Aber natĂŒrlich geht es auch da nur um MUSIK. Aha.

Wenn das mal nicht Stimulation pur ist. Wer braucht Brotberufe, wenn es auch Kaviar und Koks gibt? Die horrenden Bewerbungszahlen beweisen es. Die Quote auch.

Auch Christoph Matschie, Parlamentarischer StaatssekretĂ€r im Bundesbildungsministerium, sieht die Gefahr solcher Shows: dementsprechend Ă€ußerte er sich laut dPA kurz nach Beginn der zweiten Staffel Superstar. Seiner Meinung nach bewirken die Casting-Shows RealitĂ€tsverlust bei den Jugendlichen, indem sie sie in eine Scheinwelt entfĂŒhren und mit Erfolgsmodellen konfrontieren, die nur bei den wenigsten funktionieren und sie somit von ihren eigenen Problemen ablenken.

Man diskutiert viel ĂŒber die Orientierungslosigkeit der Nach-68er Generation; vom Werte-Vakuum. Wer fĂŒllt es? Die Suche ist nicht neu. Allenfalls das, was an den Strand gespĂŒlt wird.
Deutschland sucht den Superstar?
Bleibt einzig und allein zu hoffen, dass auch diese Welle, gleich dem Big Brother-PhĂ€nomen, frĂŒher oder spĂ€ter still verebbt, weil niemand mehr darĂŒber spricht. Oder dass man endlich stĂ€rkere DĂ€mme baut.


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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
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Hallo Ingwer,

Casting-Shows gibt es ja schon lange; an Dieter Pröttels "Talentschuppen" kannst du dich natĂŒrlich nicht erinnern, das war in den Sechzigern. Der jetzige Hype wird sich, du vermutest ganz richtig, wieder legen. Das geht allen Modewellen so. Wenn erst mal die Hefte und Spiele zur Sendung nicht mehr gekauft werden, ist das Schlimmste ĂŒberstanden

Was deinen Artikel fĂŒr mich so lesenswert macht, sind die Überlegungen zum GlĂŒcksbegriff. Da hast du einen sehr bedenkenswerten Unterschied herausgestellt.

Gruß,
Gabi

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Sandra
Guest
Registriert: Not Yet

Mir gefĂ€llt Dein Artikel auch sehr gut. Du verteufelst nicht gnadenlos, sondern gibst DenkanstĂ¶ĂŸe und hinterfragst.
Dieses lĂ€ĂŸt dem Leser genug Platz die eigene Meinung zu bilden. FĂŒr mich ein wichtiger Faktor.

Gruß Sandra

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rogerwilco
???
Registriert: Feb 2001

Werke: 3
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alles klaro

schon seit dem beginn der kĂŒnste (naja - oder auch fernsehen, medien, musik, sonstwas) gibt es dort eine art selbstreflektion. ein drehbuchschreiber schreibt beispielsweise auch ĂŒber sich selbst als drehbuchschreiber- weil das einfacher ist und authentischer wirkt. - der schauspieler spielt besonders die rollen perfekt die ihn umgeben. hebt also die medienszene zu sehr ab, dann kann man diese scheinwelt auch gleichzeitig im fernsehen, kino, ... sehen. die grenzen zwischen dem was ist und dem was dargestellt wird scheinen also zu zerfallen.
durch diese darstellung bekam man also schon immer ein bild von den phÀnomenen startum & karriere, wie es ist sÀnger, schauspieler, autor, regisseur produzent, usw. zu sein. die medien sind dadurch die meist promotesten berufe. kein wunder also dass jetzt alle vor oder hinter die kamera wollen.
glammour puur

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