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Leselupe.de > Kurzgeschichten
keine Worte
Eingestellt am 01. 10. 2010 18:21


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memo
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Registriert: Nov 2005

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Die K√ľchent√ľr stand offen. Er sah ihre nackten Beine auf dem Fu√üboden. Sie stand da und blickte ihn erschrocken an, die K√§lte der Fliesen kroch unter ihr Nachthemd. Schwei√üperlen standen auf ihrer Stirn; kraftlos hingen die Arme herab und sie senkte den Kopf. Er trat n√§her, der Schnee hing noch an seinen Stiefeln. Er wollte sie umarmen, aber ihre Augen sahen ihn an, als w√§re er ein Fremder. Sie zitterte. Die Lampe, die mitten im Raum herabhing, leuchtete in ihr Gesicht. Es war blass und die Farbe der Wangen, deren Rot er oft bel√§chelt hatte, war wei√ü wie das Hemd, das sie trug, und alles an ihr bat um Schutz. Doch als er einen Schritt auf sie zuging, streckte sie abweisend die H√§nde aus. Dieser Widerspruch verunsicherte ihn.

Es gab keine Worte, die richtig sein w√ľrden, die helfen k√∂nnten - dieser Frau, die ihm einmal so vertraut gewesen war. Er hatte geglaubt, es w√ľrde so bleiben, diese N√§he, dieses Einssein und dieses Gef√ľhl der Ewigkeit. Bei ihr, hatte er gedacht, w√§re es anders. Bei ihr w√ľrde er bleiben und einfach da sein.
Als er sich nicht mehr bewegte, entspannten sich ihre Glieder, sie ging langsam zum K√ľchenstuhl und setzte sich.
‚ÄěWollen wir ins Wohnzimmer gehen, dort ist es w√§rmer?‚Äú
Sie sch√ľttelte den Kopf.
Er zog den Mantel aus und legte ihn auf den Stuhl. Ihre Hand ber√ľhrte den weichen Stoff.
Die Haare klebten noch an ihrer Stirn, nur die feinen H√§rchen an den Schl√§fen trockneten langsam. Selbst in diesem ungeschminkten, verweinten Gesicht, fand er ihre Sch√∂nheit noch. Er dachte an ihr unbeschwertes Lachen von fr√ľher.

Er sah ihren Körper unter dem Kleid. Ihre Hände vergrub sie im Schoß. Sie hatte seinen Blick bemerkt. Erschrocken fuhr sie in die Höhe und ging wieder hin und her. Er wandte sich ab. Dann schloss er die Augen und atmete tief. Der Arzt hatte ihnen diese Tabletten gegeben. Wo waren sie?

Vor einiger Zeit hatte sie begonnen, abends oft ohne ersichtlichen Grund zu weinen. Er wollte sie tr√∂sten, aber sie drehte sich um. Er dachte dar√ľber nach, ob er Anlass f√ľr ihre immer wieder kehrende Melancholie sein k√∂nnte. Auf seine Fragen gab sie keine Antwort. Er schenkte ihr etwas unbeholfen einen Strau√ü Blumen. Sie freute sich, lief durch die Wohnung, suchte aufgeregt eine Vase, k√ľsste ihn und wirkte sehr fr√∂hlich und unbeschwert. Doch wenige Tage sp√§ter war ihre Traurigkeit zur√ľckgekehrt.
‚ÄěLiebst du mich noch?‚Äú fragte sie ganz leise.
Er merkte, es fiel ihr schwer, aber er verstand sie nicht. Nun sprach sie nicht mehr.

Nach Weihnachten brachte er sie ins Krankenhaus. Sie war abgemagert und apathisch. Wenn sie aus dem Fenster sah, in die Ferne, sp√ľrte er die Sehnsucht, ihr nahe zu sein, mit ihr zu sprechen. Manchmal hielt er ihre Hand. Ihre Augen trafen sich nicht mehr.



Version vom 01. 10. 2010 18:21
Version vom 02. 10. 2010 12:40
Version vom 07. 10. 2010 16:39

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Retep
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2008

Werke: 41
Kommentare: 607
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Morgen memo,

du hast eine tragische Situation in der Beziehung zweier Menschen gezeigt, ohne auf Tr√§nendr√ľssen zu dr√ľcken. Ich konnte mich einf√ľhlen und mitf√ľhlen.

Kleine Anmerkungen:

quote:
Er sah ihre nackten Beine am Fußboden.
- mich stört ein bisschen "am"

quote:
deren ungewolltes Rot er oft belächelte
- belächelt hatte ?
- ungewolltes ?

quote:
das sie trug (Komma) und alles an ihr bat um Schutz.

quote:
die ihm einmal so vertraut war.
- vertraut gewesen war ?

quote:
‚ÄěWollen wir ins Wohnzimmer gehen, dort ist es w√§rmer?‚Äú

quote:
Er machte eine Bewegung zur T√ľr
- diesen Satz verstehe ich nicht

quote:
Selbst in diesem ungeschminkten, verweinten Gesicht , fand er ihre Schönheit

quote:
Er schenkte ihr etwas unbeholfen einen Strau√ü Blumen. Sie freute sich, lief durch die Wohnung, suchte aufgeregt eine Vase, k√ľsste ihn und wirkte sehr fr√∂hlich und unbeschwert. Doch wenige Wochen sp√§ter, war ihre Traurigkeit zur√ľckgekehrt.
- dass das Geschenk mehrere Wochen ihren Zustand verbessert hat, erscheint mir etwas merkw√ľrdig

quote:
Er merkte, es fiel ihr schwer, aber er verstand sie nicht.
- ich verstehe diese Formulierung auch nicht

Manchmal hielt er ihre Hand. Ihre Augen trafen sich nicht mehr.
- Diesen Schluss finde ich sehr schön. Er sagt alles aus.

Gerne gelesen.

Gruß

Retep
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann bei√üen sie hinein und sagen: ‚ÄěSchmeckt gar nicht wie Birne.‚Äú< (Max Frisch)

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Dirk Paulsen
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2010

Werke: 2
Kommentare: 8
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Hi memo,

mein Vorredner hat eigentlich alle technischen Schwachpunkte angesprochen. Mir ist noch etwas anderes aufgefallen:

quote:
..., die Kälte der Fliesen kroch unter das Nachthemd. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn; ...

Die Frau zittert also schon vor Kälte und hat dennoch Schweiß auf der Stirn. Da wäre eine andere Wortwahl, vielleicht auch eine Ergänzung wichtig.

quote:
..., die Kälte der Fliesen kroch unter das Nachthemd. Trotzdem standen Schweißperlen auf ihrer Stirn; ...

Damit wird der Zustand zwar als "irgendwie absurd" erkannt, aber der Grund f√ľr die Schwei√üperlen liegt noch v√∂llig im Dunkeln. Meines Erachtens w√§re es besser, dem Leser hier noch einen Tip mit zu geben, der die psychische Schieflage etwas mehr in den Vordergrund holt. Etwa so:

quote:
..., die Kälte der Fliesen kroch unter das Nachthemd. Trotzdem stand ihr der Angstschweiß auf der Stirn; ...
oder √Ąhnliches.

Ansonsten kommt die Atmosph√§re gut her√ľber, hat mir gefallen.

__________________
Gruß, Dirk
----------
"Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt." (Albert Einstein)

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Lakritze
Autorenanwärter
Registriert: Oct 2010

Werke: 5
Kommentare: 39
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Hallo memo, was f√ľr eine schreckliche, traurige Geschichte! In wenigen Abs√§tzen umrissen, ist sie doch ergreifend.

Ein paar Vorschläge hätte ich noch:

Er sah ihre nackten Beine auf dem Fußboden.
> Logik: es m√ľ√üten die F√ľ√üe sein, sie steht ja.

die Kälte der Fliesen kroch unter das Nachthemd.
> Perspektivwechsel: die Geschichte ist aus seiner Sicht erz√§hlt, aber die K√§lte kann nur sie sp√ľren. Vielleicht: ¬Ľdie K√§lte der Fliesen musste unter ihr Nachthemd kriechen.¬ę --?

Die Lampe, die mitten im Raum herabhing,
> schön: selbstverständliche Dinge werden bemerkenswert, ein Versuch, sich zu positionieren, weg vom Schrecklichen ...

Dieser Widerspruch verunsicherte ihn.
> Ist die Erkl√§rung n√∂tig? Mit ¬ĽEr blieb stehen.¬ę kann sich der Leser das eigentlich denken.

Bei ihr hatte er gedacht, wäre es anders.
> Bei ihr, hatte er gedacht, wäre es anders.

in diesem ungeschminkten, verweinten Gesicht, fand er ihre Schönheit.
> in diesem ungeschminkten, verweinten Gesicht fand er ihre Schönheit.
(Evtl. am Ende ¬Ľnoch¬ę einf√ľgen?)

Er wandte sich ab.
> das w√ľrde ich nach ihrem j√§hen Auffahren erwarten -- ¬ĽEr wandte sich ab. Dann schloss er die Augen und atmete tief.¬ę

Vor etwa 10 Monaten begann sie ...
> Der ganze Abschnitt m√ľ√üte ins Plusquamperfekt: ¬ĽVor etwa zehn Monaten hatte sie begonnen, abends oft ohne ersichtlichen Grund zu weinen. Auf seine Fragen hatte sie ihm oft keine Antwort gegeben¬ę ...

Doch wenige Tage sp√§ter, war ihre Traurigkeit zur√ľckgekehrt.
> Doch wenige Tage sp√§ter war ihre Traurigkeit zur√ľckgekehrt.

Nach Weihnachten brachte er sie ins Krankenhaus.
> Ab hier dann wieder die erzählte Gegenwart, nehme ich an?

Ihre Augen trafen sich nicht mehr.
> Dieser Schlu√ü macht schlucken -- wie schrecklich endg√ľltig ... Anr√ľhrend.
__________________
¬ĽDie einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.¬ę

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