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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 14. 05. 2013 23:33


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Hagen
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"Sie sind also der Mann, der fĂŒr uns Science Fiction und Ă€hnliches schreibt? Nehmen sie doch Platz!"
Ich setzte mich. Der Typ mir gegenĂŒber war zwar mein Boss, aber er trug Anzug und Krawatte, sowie eine goldene Uhr und eine Grundeinstellung zur Literatur mit sich herum, die durch den Fleischwolf des Marketings gedreht war.
"Also, mein Lieber, folgendes: Mein Marketingteam ist der Ansicht, dass es mal wieder Zeit ist fĂŒr eine dystopische SchlĂ€ferstory im klassischen Sinne, verstehen sie?"
"Ich verstehe nur zu gut. Wie lang?"
"Die ĂŒbliche BuchlĂ€nge, 300 bis 350 Seiten, und beeilen sie sich, wir mĂŒssen das Buch im nĂ€chsten Monat auf den Markt werfen, sie wissen ja, wie das mit den BĂŒchern so ist."
"NatĂŒrlich. Ein Buch ist sowas wie ein Comic, bloß ohne Bilder."
"Heben sie sich ihre Witze gefĂ€lligst fĂŒr ihre Story auf, vielleicht gefĂ€llt den Lesern so was. Wir haben die MarktlĂŒcke entdeckt, sie haben sie zu stopfen, dafĂŒr sind sie da, haben sie verstanden?"
"Freilich. Ich habe ja schon mal ein Buch fĂŒr Sie geschrieben. Gestatten Sie mir noch eine Frage: Soll Sex mit rein, Crime, Fantasy...?"
"Herrgott, Sie stellen aber auch Fragen! Woher soll ich das wissen? Bin ich Schreiber oder Sie? Vergessen Sie nicht, wir mĂŒssen mal wieder eine tolldreiste, ĂŒbermĂŒtige Geschichte rausbringen, bei der wir mal nicht unsere ĂŒblichen, strengen MaßstĂ€be anlegen wollen! Sie haben eine ULLA zuhause, die macht das schon, die weiß genau, was diese Idioten, die BĂŒcher oder E-Books kaufen, lesen wollen. Ihre ULLA ist gerade wieder von unseren Experten trendgerecht motiviert worden. Verstehen Sie das doch endlich!"
"Ich verstehe wie verrĂŒckt. Bis wann brauchen Sie das Ding?"
"Bis Übermorgen, mein Lieber, also schieben Sie ab und beeilen Sie sich!"
"Da ich lieber ab als Kohldampf schiebe, komme ich Ihrer freundlichen Aufforderung gerne nach. Einen angenehmen Arbeitstag noch, Boss."
Ich ging raus und zu FrÀulein Irmingard von der Immenstelle, unsere Hauslyrikerin, die seltsamerweise noch eine gute, alte Schreibmaschine benutzte.
"Hallo liebste Irmingard", sagte ich, "heute schon Erbauliches gedichtet? Ich fĂŒhle mich zurzeit etwas depressiv."
"Ach, hat er dir die SchlĂ€ferstory aufgedrĂŒckt? Dann kann ich dich verstehen. Hier, wie findest du das:

Wir lagen in dem GrĂŒnen,
und pflegten uns're Lust.
Er durfte sich erkĂŒhnen,
zu kĂŒssen meine Brust.
Mein Busen stand ihm offen,
er war ihm unverwehrt.
Ich hatte ihn mit Hoffen,
so lange Zeit begehrt. - "

"Ich bin tief beeindruckt", sprach ich mit leiser Stimme, "welch' Transparenz der Sprache! Worte, die sich eines ledernen Lindwurmes gleich um die Supernova der GefĂŒhle schlingen. Allerdings solltest du statt 'so lange', 'zu lange' setzen, das bringt die Hoffnung mehr zum Ausdruck, aber ansonsten von sehr starker, erotischer Dynamik."
"Wo liegt dein Problem?" fragte FrĂ€ulein von der Immenstelle, "du weißt genau, dass das WortmĂŒll ist! Immer wenn du was von mir willst, lobst du meinen Blödsinn. - Lederner Lindwurm! - Son Quatsch!"
"Du hast mein Problem ganz richtig erkannt, ich soll die SchlÀferstory schreiben."
"Jetzt weißt du nicht, was das ist, was? Pass auf: Eine Reihe von utopisch/dystopischen SF-Romanen hat als Protagonisten einen >SchlĂ€fer<, der etwa im KĂ€lteschlaf ganze Jahrhunderte ĂŒberdauert und in einer völlig verĂ€nderten Zukunft aufwacht."
"Das ist alles?"
"Das ist alles! Noch Fragen?"
"Was ist 'dystopisch'? Dyspareunie kenne ich wohl, allerdings nur vom Hörensagen."
"Tja, das sagt ihr alle, ihr MĂ€nner! Dystopie ist das Gegenteil der Utopie, also eine Welt oder Gesellschaft mit negativen oder abschreckenden Eigenschaften."
"Au ja! Negatives kann ich gut, ich bin der Negativ schlechthin!"
"Das weiß ich lĂ€ngst. - Möchtest du einen Kaffee?"
"Klar, gerne! Dein Kaffee war schon immer der beste in der ganzen Bude hier, und das ist nicht gesĂŒlzt."
Eine Tasse Kaffee lang trauerten wir den guten, alten Zeiten nach, als wir noch die klassische Teamarbeit hatten, eine Woche lang ein Manuskript erarbeiten konnten und dann mit den Ghostwriters fĂŒrchterlich einen trinken gingen, wĂ€hrend die braven Tippsen die Reinschrift in den Computer gaben.
"Aus, vorbei die Zeit, kommt nicht mehr wieder", trauerte ich dieser Ära nach, wie einer verflossenen Geliebten, und ging nach Hause, bevor FrĂ€ulein von der Immenstelle Spuren von SentimentalitĂ€t bei mir feststellen konnte.
ULLA war beim Staubsaugen als ich die Wohnung betrat, sie stellte den Sauger augenblicklich ab und holte mir eine Dose Bier.
"Guten Tag, Meister", sagte sie mit einer Stimme wie der Bordcomputer des Raumschiffes ‘Dark Star‘, „was liegt an?"
"Die wollen eine SchlĂ€ferstory im klassischen Sinne, 300 bis 350 Seiten. Zieh' dir doch mal eben die klassischen BĂŒcher und Filme rein! Dann kommst du wieder und gibst mir den Extrakt!"
"Ist recht, Meister. Soll ich sofort anfangen?"
"Ja, fang' sofort an zu speichern! Ich habe diesmal nicht sonderlich viel Zeit."
ULLA deutete eine Verbeugung an und verließ das Zimmer um sich an das Archiv anzuschließen.
Über ULLA hatte ich die Berechtigung, es zwei Stunden tĂ€glich zu benutzen, und mit ihm auch HAL, den Endformulierer.
"Den BrĂŒdern fĂ€llt auch nichts mehr ein", dachte ich, "seit 2001 wird jeder Computer mit einem Minimum an Intelligenz HAL genannt."
Ach, ja, 2001! Da kam auch ein SchlÀfer drin vor. Ich ging ULLA Bescheid sagen, dass sie sich den Film unbedingt ansehen sollte.
ULLA stand halb aufgestĂŒtzt an einem Tisch. Sie hatte sich an HAL angeschlossen, ihren RĂŒcken geöffnet um die BetriebswĂ€rme abzufĂŒhren und speicherte mit leerem Blick Stories. Im Moment war sie nicht ansprechbar.
Ich riss die Bierdose auf und frönte der Nostalgie, dachte an die erste Generation der Literaturcomputer. Die Dinger hatten noch eine Tastatur und einen Bildschirm, man war sogar genötigt, selber zu lesen und zu schreiben. Die Leute schrien schrill auf, als bekannt wurde, dass es sogar Rechtschreibfehlerkorrekturprogramme gab, und verwiesen auf Goethe, der nur Feder und Papier zur VerfĂŒgung hatte. Sie kauften aber Schundliteratur, wenn sie ĂŒberhaupt kauften, welche Leute wie ich in Unmengen zu produzieren genötigt waren, um ĂŒberhaupt leben zu können.
Die zweite Generation der Literaturcomputer konnte wenigstens schon selbstĂ€ndig sprechen, Sprache verstehen, schreiben und lesen, aber die Mechanik um BĂŒcher zu lesen war noch störanfĂ€llig, laut und langsam, trotz der sechs Finger an jeder Hand, die jeder Literaturroboter seit jener Zeit traditionell besaß um in altmodischen BĂŒchern schneller blĂ€ttern zu können.
Und dann gab es ULLA, die Universal - Literatur - Lese - und Ausgabeeinheit.
Erbaut in klassischer, androider Bauweise und nur an den sechs Fingern an jeder Hand von einem Menschen zu unterscheiden. Neben ihrer Hauptfunktion als Zwischenspeicher standen ihrem Benutzer noch einige Megabyte zur privaten Nutzung zur VerfĂŒgung, und ich hatte ULLA die Bedienungsanleitungen meiner HaushaltsgerĂ€te und das Kamasutra zu lesen gegeben, sowie eine Zeitschrift mit Kochrezepten fĂŒr sie abonniert.
Das hatte zur Folge, dass ich mit boshafter BestÀndigkeit zunahm, denn ULLA kochte seitdem nicht schlecht. Als ich aber mal mit ihr joggen war, versuchte sie mir erst davonzulaufen, und dann musste sie mich nach Hause tragen.
Das Joggingprogramm war wohl doch nicht so ganz ausgereift, aber die Nachbarn, speziell die Damen, hatten ihre helle Freude. Seit dem ließ ich ULLA nackt in der Wohnung herumlaufen und amĂŒsierte mich, wenn die Herren Nachbarn kamen, um sich ein wenig Zucker zu borgen. Ich bekam manche Eifersuchtsszene aus der Nachbarschaft mit.
Ich trank noch ein paar Biere und dachte mir Basisgeschichten aus, wĂ€hrend ULLA alles abspeicherte, was es an SchlĂ€ferstories im Genre des Science Fiction gab. PĂŒnktlich nach einer Stunde kam ULLA wieder: "Meister, ich bin bereit zur Eingabe."
"Fein, fangen wir an! Da ist son Typ in seinem Raumschiff, der wird so quasi aus Versehen in KÀlteschlaf versetzt, merkt das aber nicht und wird Jahre spÀter in seiner inzwischen total veralteten Kiste gefunden und geweckt. Er vermeint jedoch noch in der Vergangenheit zu sein und kommt in der Gegenwart gar nicht so recht klar. Bau' doch mal sonen liebenswerten, jedoch altklugen Roboter ein ..."
"Hatten wir schon", sagte ULLA, "die Story heißt Buck Rogers!"
"Scheiße, wĂ€re auch zu schön gewesen! Na, gut, denn nehmen wir eben das andere: Das ĂŒbliche Tralala, also er wacht auf, und die Kriege sind abgeschafft. So was kommt immer gut, das wagt kein Kritiker zu verreissen, weil man ja heutzutage gegen den Krieg sein muss. Mach doch auch mal so, dass alle Nationen zusammengeschlossen sind. Glasnost und Perestroika, das ist im Moment noch so in, dass es Literatur sein muss, auch wenn es Schwachsinn ist. Da setzen wir jetzt noch einen drauf: Man braucht nur noch 24 Jahre seines Lebens zu arbeiten, dann haben wir auch die arbeitende Bevölkerung auf unserer Seite und das Ding mit der ArbeitszeitverkĂŒrzung erschlagen. Es gibt auch kein asoziales Verhalten mehr, das ist doch was feines, aber alles bis jetzt noch zu positiv, wir mĂŒssen den Kritikern ein bisschen was negatives vorwerfen, worauf sie sich stĂŒrzen können, sonst behaupten die nĂ€mlich, ich schreibe nur fĂŒr die Kritik. Was ist denn nochmal gerade in? Kernkraftwerke, Geiseldramen, BusunglĂŒcke und das Robbensterben sind im Moment auch nicht mehr aktuell, aber da schreiben sie alle drĂŒber, vielleicht können wir spĂ€ter darauf zurĂŒckgreifen, wenn uns nichts eigenes einfĂ€llt. Nehmen wir doch mal die Apartheit, das ist marketingmĂ€ĂŸig ein Langzeitthema, das wandeln wir etwas ab und lassen jeden Menschen Teil eines gut funktionierenden Systems sein ..."
"Hatten wir schon", sagte ULLA emotionslos, "die Story heißt ‘Looking Backward 2000-l887‘, sie wurde von Edward Bellamy bereits im Jahre 1888 gebracht."
"Was heißt `bereits'? Sollte das Kritik sein?"
"Nein, Meister. Kritik steht mir nicht zu. Außerdem sollten wir die ArbeitszeitverkĂŒrzung nicht erwĂ€hnen, weil sich kĂŒrzlich die Mitarbeiter einer Fluggesellschaft bereiterklĂ€rt haben, lĂ€nger zu arbeiten. Sowas könnte Neid erzeugen, und der Boss wĂŒnscht keine neidischen Leser."
"Na, gut. Wir sind ja flexibel. Fahren wir fort. Wie kommen derartige stories heute ĂŒberhaupt an?"
"Die Verkaufszahlen derartiger stories sind stark rĂŒcklĂ€ufig."
Ich begann mit meinen FingernĂ€geln an der Bierdose zu trommeln. Trotzdem, Friedensstories waren immer sehr lukrativ, da mĂŒsste jemand eingemauert worden sein und wieder ausgegraben werden.
"Also, ULLA, nun pass' mal gut auf:“
"Ja, Meister, ich speichere."
"Also, da haben sich welche gestritten, zwei LĂ€nder, die haben auch mal Krieg gehabt und dann haben die eine Mauer gebaut, so richtig mitten durch eine Stadt. Aber dann so knappe dreißig Jahre spĂ€ter, fangen die an, sich wieder zu vertragen und reißen die Mauer wieder ab. Wie findest du den Ansatz?"
"Willst Du meine ehrliche Meinung hören, Meister?"
"Ja natĂŒrlich."
"Völlig unglaubwĂŒrdig, Meister. Sowas liest kein Mensch. UnglaubwĂŒrdiges hat der Boss verboten. Ich kann den Ansatz nicht abspeichern."
"Also vergessen wir's! Und wenn ich hundert Jahre daraus mache?"
"Hundert Jahre hören sich gut an, Meister, aber die Leute lesen keine Geschichten mehr, in denen Mauern vorkommen, weil die Wiedervereinigung auch nicht so gelaufen ist, wie sich das der Leser normaler BĂŒcher vorstellt, meint der Boss. Zudem denken die Leser dann auch immer gleich negativ an AuslĂ€nder und Asylanten. Sowas will der Boss vermeiden. Ich kann da nichts machen, Meister. Ich darf das Wort 'Mauer' nicht abspeichern."
"Damit bricht meine ganze Story zusammen. - Wie sieht denn der Prozentsatz weiblicher Helden im Genre 'SchlÀferstory' aus?"
"Nur 8,2 % aller SchlÀferstories haben einen weiblichen Protagonisten, Meister."
"Na, das ist doch schon mal was! Kommen weibliche Helden gut an?"
"Inhaltlich bezogen sind die Verkaufszahlen stagnierend, auf das Titelbild bezogen steigt die Tendenz."
"Also ein weiblicher Held! Jung, hĂŒbsch und begehrenswert, eine Prinzessin. Stell' dir einfach den Typus der Sylvie Françoise van der Vaart vor, aber in jungen Jahren, und jetzt nehmen wir einfach mal an, sie schlĂ€ft mit der ganzen Stadt, quatsch, das könnte zu Verwechselungen fĂŒhren. Sie schlĂ€ft, und alle in der Stadt auch. Da haben wir gleich tausende von SchlĂ€fern, da kann der Alte nicht meckern. Gab's sowas schon?"
"Nichts bekannt", sagte ULLA.
"Großartig, da sind wir ja im richtigen Programm! Warum sie pennt, kriegen wir spĂ€ter, jetzt lassen wir die Stadt erst mal zuwachsen, weil sich ja keine Sau mehr um den ganzen Kram kĂŒmmert. Wie kommen denn Schlingpflanzen an?"
"DafĂŒr habe ich zu wenig Informationen."
"Das ist natĂŒrlich Ă€rgerlich. Klemm' dich doch mal eben bei HAL an und frag ihn, ob es in der letzten Zeit einen Film im Fernsehen gab, bei dem Blumen im Titel vorkamen. Wenn ja, frag' wie er ankam, aber bring' mir vorher noch ein Bier."
ULLA gehorchte, aber in mir machte sich ein ungutes GefĂŒhl breit. Egal, ich riss die Bierdose auf und grĂŒbelte. Sonst hatte ich die Story in dieser Zeit immer schon fertig und konnte mir hĂŒbsche, kleine Details einfallen lassen, wie zum Beispiel das Ding mit dem schwachsinnigen Sciencefictionschreiberling, der nicht merkt, dass er ein MĂ€rchen als seine eigene Story rausbringt. ULLA kam wieder, bevor ich weiterdenken konnte: "Vor einer Woche gab es das Rosenresli zum zweiundsechzigsten Mal, die Sehbeteiligung lag zwölfkommazwo Prozent ĂŒber dem Mittel und die Leserbriefe waren zu dreiundachtzig Prozent positiv, Meister." "
Na, fein, dann nehmen wir Rosen! Problem gelöst! Gehen wir auf Nummer Sicher, reiten wir auf der Welle der NaturschĂŒtzer, da sind wir voll im Trend, und kein Kritiker wagt das zu verreisen, weil er sich dann selbst als Banause abqualifizieren wĂŒrde. Die Stadt wĂ€chst also mit Rosen zu, das kommt zudem bei den weiblichen Lesern gut an, wir schießen uns jetzt auf die Zielgruppe 'Frau' ein! Dazu brauchen wir natĂŒrlich noch einen mĂ€nnlichen Helden, eine Lovestory und ein happy end, mach's aber nicht allzu kitschig. Der Held darf maximal ein Gedicht oder ein Liedchen zwischendurch ablassen, aber erst mĂŒssen wir das Ding mit den Rosen festlegen! Stell' dir doch mal den Symbolgehalt vor: Tausende von Rosen wachsen um eine schöne Frau, ein wahrer Rosenberg!"
"Der Boss hat Politik verboten, Meister."
"Wieso Politik? Was hat das denn mit Politik zu tun?"
"Rosenberg, Alfred war neben Göbbels ein Hauptpropagandist der nationalsozialistischen Partei!"
"Halt's Maul!"
"Rosenberg, Ludwig war erster Vorsitzender des Gewerkschaftsbundes von 1962 bis ..."
"Du sollst die Klappe halten!"
"Rosenberg, Marianne, SchlagersÀngerin ..."
"Auch die nicht! Keine Rosenberge mehr als Personennamen, hast du verstanden?"
"Ja, Meister. Welche Rosen soll ich verwenden? Wildrosen, Gartenrosen, Rosetten, Rosinen ..."
"Gibt es auch Stadtrosen?“
„Ich wĂŒsste nicht.“
„Gut. Nimm' Gartenrosen, das klingt am zivilisiertesten, die Naturfreaks werden wir denn spĂ€ter versöhnen, vielleicht sollten wir dann ein Liedlein einfließen lassen, wo son Typ ein Röslein brechen will, aber dann fĂ€ngt die Rose an zu quatschen und droht ihm Stiche an, wir können die Kommunikation zwischen Mensch und Pflanze lyrisch bringen. Nimm' am besten folgenden Anfang:

Sah ein Held ein Röslein stehn,
Röslein in dem StÀdtchen,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein in dem StÀdtchen,

und so weiter. FrÀulein von der Immenstelle soll sich das mal anschauen, das ist ihr Fachbereich. Wo waren wir stehen geblieben?"
"Bei den Gartenrosen, Meister."
"Ja, das lassen wir stehen, da kann sich jeder gleich einen Rosengarten vorstellen."
"Soll König Laurin auch mitspielen?"
"Wer ist das denn schon wieder? Ein Diktator? Ich denke, wir dĂŒrfen keine Politik."
"Der Rosengarten war das Reich König Laurins in Tirol um 1250."
"Das ist ja ganz toll, was du alles weißt, aber der spielt nicht mit!"
"Sehr wohl, Meister. Wir hatten allerdings schon den großen Rosengarten, ein Heldengedicht des burgundisch - gotischen Sagenkreises. Es ging dabei um Kriemhilds Rosen und zwölf Helden."
"Zwölf Helden? Da mĂŒsste ich ja mindestens hundertzwanzig Helden anrĂŒcken lassen, weil wir ja schon tausende von SchlĂ€fern haben, nee, das geht nicht, verschlechtert die Verfilmbarkeit, die mĂŒssen dann Unsummen fĂŒr die Komparserie abdrĂŒcken. Außerdem ist ein Held klassisch, und wir kriegen auch keinen Ärger, weil die Leute ja bei ganz vielen Helden gleich nach der Quotenregelung schreien. - Nein, nein, jetzt muss mal wieder was Bekanntes her, was reales, was uns in unsere Zeit versetzt. Wie wĂ€r's, wenn wir unseren Helden im Auto fahren lassen, in einem ganz normalen VW-Golf?"
"Golf geht nicht", sagte ULLA, "da fĂŒhlt sich der Leser gleich an den Golfkrieg erinnert, und Kriege dĂŒrfen wir nicht."
Ich nahm mir nicht die Zeit, deprimiert zu sein.
"Wie wĂ€r's, wenn wir einen Helden auf dem Motorrad anrĂŒcken lassen, wie bei `Easy Rider'?" fuhr ich fort, "ach, nee, das wirkt dann wie ein Videoclip, wenn der auf einer schweren Harley quer durch den Rosengarten fĂ€hrt und dabei womöglich das Liedchen von dem Typen trĂ€llert, der das Röslein stehen sah. Wie nehmen lieber was seriöses, das mögen die Frauen gerne, einen Arzt oder einen Botaniker, der Rosen studiert. - Reicht das schon fĂŒr 300 Seiten?"
"Nein, das reicht nicht, Meister. Du musst die Protagonistin noch wecken. In SchlÀferstories muss der SchlÀfer geweckt werden."
"Ach so, wecken mĂŒssen wir sie noch. Sagen wir mal, der geht bei und bumst die Prinzessin, aber mach's nicht pornographisch, sonst erwĂŒrgen uns die Lesben, die Feministinnen und die Damen aus dem Bundestag, man muss ja so aufpassen heutzutage."
"Ja, Meister. Findet der Geschlechtsverkehr mit oder ohne Kondom statt? Seit AIDS darf in Romanen kein ungeschĂŒtzter Geschlechtsverkehr mehr beschrieben werden. Soll ich einen Kondomautomaten im Rosengarten placieren?"
"Und dann kommt auch noch das Ding, dass der Held kein Kleingeld mit hat - is' nicht! Löschen! Er kĂŒsst sie bloß. - Hatten wir das schon?"
"Nichts bekannt", sagte ULLA.
"Na, großartig, HeldenkĂŒsse kommen mit Sicherheit gut an, das lassen wir stehen. Was fehlt noch, um die Story abzurunden?"
"Wie kam die Protagonistin in den Tiefschlaf?"
"Ach, so. Sie kriegt auf einer Anti-Atomtransport-Demo einen vom PolizeiknĂŒppel ĂŒbergebraten oder wird als Geisel genommen. Seit diesem Drama neulich, als dieser Wohnwagen abgebrannt ist, ist das auch glaubwĂŒrdig, und wenn wir gegen rechte Gruppierungen sind, kann auch nichts schiefgehen. Wir mĂŒssen bloß noch sehen, wie wir beides vermackern können."
"Das geht nicht, Meister. Wir mĂŒssen gewaltfrei bleiben. Du hast dich fĂŒr die Zielgruppe ‘Frau‘ entschieden. Nur 6,73% der weiblichen KĂ€ufer erwerben gewalttĂ€tige Literatur. Nach einer inoffiziellen Hochrechnung kaufen davon 63,7% derartiges Schrifttum fĂŒr ihren mĂ€nnlichen Partner, weitere 17,3% greifen versehentlich zum gewalttĂ€tigen Buch. Da der Verlag aber 100% zufriedene Leser anstrebt, darf ich die letzte Information nicht abspeichern."
"Verdammt nochmal, wie soll man da als Schriftsteller noch kreativ sein, wenn einem von allen Seiten BeschrĂ€nkungen auferlegt werden. HĂ€tte ich bloß auf meine Mutter gehört und wĂ€re Lehrer geworden, dann hĂ€tte ich jetzt einen gutbezahlten Halbtagsjob und könnte nachmittags Gedichte schreiben, ohne RĂŒcksicht auf Bedarfsdeckung. - ULLA, hol mir noch ein Bier, wir mĂŒssen fertig werden, in einer Stunde habe ich bei Kurt zum Pokern zu erscheinen, und bis dahin muss die Story stehen."
ULLA gab mir ein Bier.
"Was war unser Problem?" fragte ich.
"Wie kommt die Protagonistin gewaltfrei in den Tiefschlaf."
"Sie sÀuft sich aus Frust ein Koma an."
"Das geht nicht Meister. Seit Dallas haben nur die Bösen Alkoholprobleme zu haben."
"Gut, dann macht sie sich einen Mordstrip zurecht und haut sich den in die Vene."
"Das geht auch nicht, Meister."
"Wieso geht das nicht? ‘Die Kinder vom Bahnhof Zoo‘ kamen doch auch gut an."
"Ja, Meister. Aber Drogen stehen auf dem Index der unangenehmen Schriften. Unangenehme Schriften sind stark rĂŒcklĂ€ufig. Zudem dĂŒrfen Spritzen seit AIDS nur in KrankenhĂ€usern oder von Ärzten zur Anwendung gebracht werden, weil die Benutzung von Spritzen durch Zivilpersonen, BĂŒrger und auch Prinzessinnen, nicht die klinisch saubere Herkunft derselben gewĂ€hrleisten kann. Anordnung vom Boss."
"Ach, der Alte spinnt doch! - Hejjjj! Das ist die Idee! Sie sticht sich an ihrem Spinnrad, damit erreichen wir auch die alternative Leserschaft, wir bleiben auf dem Nostalgietrip. Lösch' doch mal eben den Botaniker und setze stattdessen einen jungen Prinzen, er kann sich auch hin und wieder mal mit den Pflanzen unterhalten, muss aber auf dem Ökotrip sein, das kommt immer gut. Nimm die Daten von Prinz Charles, dann haben wir's, und fĂŒr die Prinzessin nehmen wir die Diana in jungen Jahren, vor dem Ding mit dem Dodi und dem Unfall, wir wollen ja keine unnötigen Konflikte erzeugen, sonst kriege ich Krach mit den Herren Serienschreibern. Hast du das?"
"Ja, Meister, aber das geht nicht."
"Wieso nicht?"
"Seit Charles dies Camilla geheiratet hat, darf ich diese Namen und Ă€hnliche CharakterzĂŒge nicht verwenden."
"Dann nimm' Claudia Schiffer und Michael Jackson, das wĂ€re das Traumpaar; - außerdem soll sich der Bursche auch hin und wieder mit seinen Affen unterhalten haben und war bei den Kindern sehr beliebt. Wir mĂŒssen auch an den Nachwuchs denken. - Irgendwelche Bedenken?"
"Nein, Meister."
"Sehr gut! Lass' den Helden noch ein bisschen ĂŒber diverse Ebenen reiten, Helden reiten immer auf weißen Pferden ĂŒber Ebenen, aber nenn' den Gaul nicht Rosinante, obwohl das gut zu den Rosen passen wĂŒrde. - Hast du das abgespeichert? Reicht das fĂŒr 300 Seiten?"
"Ja, Meister, ich habe das abgespeichert. Das reicht fĂŒr 300 Seiten SchlĂ€ferstory im klassischen Sinne. Darf ich nun mit HAL zur Endformulierung schreiten?"
"Aber natĂŒrlich, meine Liebe, und mach's gut, sonst gebe ich dich einem Bastler zum ausschlachten."
ULLA ging sich bei HAL anklemmen und ich zu Kurt zum Pokern. Als Gert meine Straße mit einem Flash ausstach, wurde mir schlagartig klar, dass ich vergessen hatte, ULLA zu befehlen, sich auch alle MĂ€rchen durchzulesen.
"Ach was", dachte ich, "kleine Fehler kommen vor. Was soll schon schiefgehen?"
Trotzdem traute ich mich einige Tage nicht in die Firma, aber dann rief mich FrĂ€ulein von der Immenstelle an und erzĂ€hlte mir, dass meine SchlĂ€ferstory recht gut angekommen war, und sie hatte sich erlaubt, das Ding ‘Dornröschen‘ zu nennen, weil ich glatt vergessen hatte, ihm einen Titel zu verabreichen. Ich lud FrĂ€ulein von der Immenstelle leichten Herzens zum Essen ein, weil sie so außerordentliche SensibilitĂ€t bei der Auswahl des Titels bewiesen hatte.



Version vom 14. 05. 2013 23:33
Version vom 15. 05. 2013 09:42

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