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Leselupe.de > Ungereimtes
kleine Offenbarung
Eingestellt am 29. 07. 2003 14:43


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black sparrow
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kleine Offenbarung




Wenn du in Dortmund
am Hauptbahnhof
aus der U-Bahn steigst,
f├╝hrt eine Treppe
zur mittleren Plattform
des Geb├Ąudes.
Wenn du dann nach rechts gehst,
stehst du am Fu├č einer breiteren Treppe,
die zur eigentlichen Bahnhofshalle f├╝hrt.
In der Mitte der Treppe
befindet sich ein Gel├Ąnder,
links und rechts davon
Rolltreppen.
Ich wartete dort auf
meinen Anschlusszug
und rauchte.
Die beiden Rolltreppen
waren voller Leute,
die Treppe leer.
Keiner machte sich die M├╝he,
sie zu benutzen.
Nur ein alter Mann
mit krummem R├╝cken
stand dort oben,
auf zwei St├Âcke gest├╝tzt.
Er wartete einen Moment,
atmete tief ein und aus,
nahm seine St├Âcke
in die rechte Hand
und hielt sich mit der linken
am Gel├Ąnder fest.
Dann begann er mit dem Abstieg.
Er brauchte ewig,
und je n├Ąher er mir kam,
desto mehr war ich auf dem Sprung,
ihn aufzufangen, falls er st├╝rzte.
Aber er schaffte es
und stolperte an mir vorbei.
Ich wollte ihm sagen,
dass ich ihn bewundere,
aber ich tat es nicht,
denn er machte nicht den Eindruck,
├╝berhaupt angesprochen werden zu wollen.
Und vielleicht
hat er die Treppe nur benutzt,
weil er auf der Rolltreppe
erst recht
gefallen w├Ąre.
Trotzdem,
f├╝r mich war es
eine kleine Offenbarung.
Ich dr├╝ckte meine Kippe aus
und ging.
Neben mir
verabschiedeten sich
zwei Freundinnen,
umarmten und k├╝ssten sich.
Die eine sagte:
„Und ruf mich an,
wenn du zu Hause bist, Votze!“
Die andere lachte.
Ein magischer Knotenpunkt....

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Stoffel
gesperrt
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Hallo,

liefert passende Bilder dazu..
musste auch schmunzeln am Schlu├č..*g*
Thats life live...

ein Vorschlag, denn ich halte es f├╝r ├╝berfl├╝ssig und es macht was kaputt..(ok, nur meine eigne Meinung)
DAS w├╝rde ich weg lassen:

"Und vielleicht
hat er die Treppe nur benutzt,
weil er auf der Rolltreppe
erst recht
gefallen w├Ąre."

Warum wei├čt Du nicht und es g├Ąbe noch andere Gr├╝nde, wieso dann den einen aufz├Ąhlen? Auch wenn es dein Gedanke war.

lG
Stoffel

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lapismont
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Hallo black sparrow,

Du schreibst hier eine interessante Beobachtung in gef├Ąlligen Worten auf. Allerdings vermisse ich komplett eine lyrische Seite.

cu
lap


__________________
Kunst passiert.

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black sparrow
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Hallo Stoffel und Lapismont

Nun, Stoffel, ich denke ├╝ber deinen Vorschlag nach.
Da ist was dran, glaube ich.
Und, lapismont, kann sein, dass es nicht sehr lyrisch ist,
aber es hei├čt ja PROSA- Lyrik, und ich dachte,
es passt dahin.
Es ist eben so passiert und aufs Papier gerutscht.
Mehr kann ich dazu nicht sagen. H├Ątte ich es lyrischer gemacht, als es war, w├╝rde es vielleicht nicht mehr echt
wirken. Das Schreiben passiert eben einfach, und dann
pr├╝f ich die Rechtschreibung nach, mehr nicht.

Machts gut

black sparrow

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Willibald
???
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offenbarung

kleine Offenbarung

Tja, ein sch├Âner Text, in mehrfacher Hinsicht

(1)
also zuerst zum sch├Ânen, zum lyrischen Bild:

Der Text st├Âckelt nicht auf hochhackigem Schuh oder gar auf Stelze daher. Das ist ein Alltagsgeschichte, ein Blitzlicht aus dem Bahnhof. Ein k├Ârperlich behinderter Mann steigt ├╝ber eine Trep-pe nach unten. Das beobachtende Ich nimmt wahr, wie er Luft holt:. Das Risiko einer allt├Ąglichen Handlung f├╝r einen, der nicht alle K├Ârperkr├Ąfte einsetzen kann.

Dass gesunde, nicht behinderte Menschen die Rolltreppen benutzen, ist hier nur ein Schweifgedanke. Der nicht behinderte Zuschauer ist fasziniert, gleichzeitig gibt es eine kurze Begegnung mit zwei Freundinnen, die benutzen den saloppen Code, haben Kontakt miteinander, k├╝ssen sich, wollen wissen, wann und ob man zu Hause ist.

Ein bisschen ist das so: die zwei Freundinnen nehmen die Leistung des Kr├╝ckenmannes nicht wahr. Das lyrische Ich nimmt sie wahr. Das, was mit dem Kr├╝ckenmann nachher sein wird, bleibt au├čen vor. Die Beziehung der zwei M├Ądchen ist evident, die des Kr├╝ckenmannes bleibt im Dunklen. Es gibt so etwas wie weitergehende Empathie beim lyrischen Ich: es w├╝rde den Kr├╝k-kenmann auffangen, eine weitere Beziehung, ein Kontakt zum Kr├╝ckenmann ist angedacht, aber nicht realisiert. Er will auch - so das lyrische Ich - vielleicht gar nicht angesprochen werden: Mitleid, Exotik, was auch immer die Motive daf├╝r sein m├Âgen, der Kr├╝ckenmann will sie nicht realisieren,

(2)
Auffallend ist das leicht philosophisch-religi├Âse Vokabular - kleine Offenbarung, magischer Knotenpunkt ...

Ich denke, den magischen Knotenpunkt sollte man weglassen, die Rezeptionslenkung l├Ąuft schon ausreichend und gar nicht knapp ├╝ber "kleine Offenbarung". Was - so fragt man sich -wird hier offenbart?

Das Geheimnis scheint im Transitorischen zu stecken. Da sind Paare, Passanten. Da gibt es einen festen Ort, der mit "wenn" eingef├╝hrt wird. Da gibt es eine sehr individuelle Bildfolge an diesem festen Ort, der Kr├╝ckenmann bewegt sich, einer schaut zu, zwei Freundinnen verabschieden sich. Das Bild ist vor├╝ber, es bleibt im Ged├Ąchtnis des Erlebenden. Es bleibt, es sucht seinen Weg ins Bewusstsein, ins Ged├Ąchtnis des Lesers.

Bis zu einem gewissen Grad ist die Begegnung des Gedichtes mit dem Leser zuf├Ąllig-transitorisch. Seltsamerweise hat diese schnelle Begegnung den Reiz der pathosfernen Vertie-fung. Da ist eine kleine Ansprache da, da ist ein Verharren im Bild. Da ist eine Leistung zu se-hen, die uns keine Schwierigkeiten macht, die wir gesund sind. Seltsam, aber, hier sehe ich einen kleinen humanen Reflex. Einf├╝hlung, die eigentlich Dauer verlangt, in eine momentane Situati-on. Wie gesagt, der "magische Knotenpunkt" ist vielleicht ein bisschen zu massiv.

(3)

Nebenbei: der atmende Rhythmus z,B. in

Er wartete einen Moment,
atmete tief ein und aus,
nahm seine St├Âcke
in die rechte Hand
und hielt sich mit der linken
am Gel├Ąnder fest.
Dann begann er mit dem Abstieg.
Er brauchte ewig,
und je n├Ąher er mir kam,
desto mehr war ich auf dem Sprung,
ihn aufzufangen, falls er st├╝rzte.

Aber er schaffte es
und stolperte an mir vorbei.

Ich wollte ihm sagen,
dass ich ihn bewundere,
aber ich tat es nicht,
denn er machte nicht den Eindruck,
├╝berhaupt angesprochen werden zu wollen.

Und vielleicht
hat er die Treppe nur benutzt,
weil er auf der Rolltreppe
erst recht
gefallen w├Ąre.

... dieser atmende Rhythmus, diese Folge betonter und unbetonter Silben, hat etwas mit nicht ├╝berh├Âhtem Alltag zu tun, aber er macht dieses Alltagserlebnis zu etwas Tragendem, und so zu etwas Besonderem, eine kleine Epiphanie, ein Erkenntnismoment, ein Ber├╝hrungsmoment.

Fazit:

Ein sehr sch├Ânes prosaisches Gedicht, spielend mit der Poesie der Prosa. Und der Compassion seiner Passanten, der im Gedicht und der vor dem Gedicht, die sich bald im Gedicht finden..

Feiner Text, das, hat Aenigma und Levitation, hat Rolltreppe und Rolltreppenvermeidung. Und genaue Wahrnehmung. Thanks!
w


__________________
aes (auf! eulen schwingen)

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lapismont
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Hallo Willibald,

Du schreibst :

quote:
dieser atmende Rhythmus, diese Folge betonter und unbetonter Silben, hat etwas mit nicht ├╝berh├Âhtem Alltag zu tun, aber er macht dieses Alltagserlebnis zu etwas Tragendem, und so zu etwas Besonderem, eine kleine Epiphanie, ein Erkenntnismoment, ein Ber├╝hrungsmoment.


Das habe ich nicht verstanden. Ich kann keinen besonderen Rhythmus entdecken. Die Hebungen verlaufen den S├Ątzen entsprechend in bester Prosa.
Eine "g├Âttliche Erscheinung" ist doch recht ├╝bertrieben.
Und das der Rhythmus das vermitteln soll, sehe ich nicht so. Eher gibt die Schriftform dem Text einen Rhythmus und da sehe ich die Rolltreppe nicht.

cu
lap
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