Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92269
Momentan online:
480 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
kleine Satire, nebenbei geschrieben
Eingestellt am 06. 10. 2000 11:38


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Damon Hawke
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Oct 2000

Werke: 4
Kommentare: 28
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Damon Hawke eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
DAS ENDE oder "Schicken Sie mir ein Memo"

Das Ende oder „Schicken Sie mir ein Memo“

Und Gott erwachte und er sah, dass nicht alles gut war. Und er ward erfüllt von großem Zorn und blies zum jüngsten Gericht. Der letzte, endgültige Tag, das Ende aller Tage war angebrochen.
Soweit so gut, aber Gott, nun doch etwas sentimental geworden - er war auch nicht mehr der jüngste - beschloss, den Menschen zumindest etwas Zeit zu geben, ihre Angelegenheiten noch zu regeln, sich von Freunden zu verabschieden und die Zeitung abzubestellen.
So stieg er hinab auf die Erde.
Er wusste, dass man von ihm erwartete, mit dem älteren Herrn zu sprechen, der so gern den Boden küsste und behauptete, der einzig rechtmäßige Sprecher Gottes zu sein. Also schritt er würdevoll ans Portal des Vatikans und bat mit ruhiger Stimme um Einlass. Eine Sekretärin in einem sündig kurzen Rock führte ihn in ein Wartezimmer, wo weitere Menschen auf eine Audienz warteten. Gott kannte sie alle.
Gott setzte sich hin und begann, ein Kreuzworträtsel zu lösen, was nicht besonders spannend für jemanden war, der alle Antworten schon immer kannte. Ein nervöser, blasser Mann wandte sich an ihn:
„Glauben Sie, dass wir noch lange auf den Termin beim großen Mann warten müssen?“
Gott schmunzelte: „Du bist gleich an der Reihe, mein Sohn.“
Der Mann zuckte die Achseln und meinte: „Nun, ich hoffe es. Der Artikel muss bis Dienstag fertig werden.“
„Ich fürchte nur, da wird was dazwischen kommen.“
Der Mann lächelte nervös und streckte Gott seine klammen Finger entgegen.
„Ich bin Benno Tagnozzi vom „Kirche Heute“ Magazin.“
„Ich weiß.“ Gott schüttelte die Hand freundlich. „Ich bin Gott. Vom Himmel“
Benno lächelte. „Mensch, der „Himmel“! Stimmt es, dass der verkauft worden ist? Hab gehört, irgendein Schweizer Verlag soll ihn aufgekauft haben.“
Gott fühlte sich etwas überrumpelt, ein ungewohntes Gefühl. „Wie? Ich... verstehe nicht...“
„Und worum geht es bei Ihrem Artikel Signore Gott?“
Gott mustere Benno vorsichtig, um abzuschätzen, ob er die grausamen Neuigkeiten ertragen könnte, und sagte schließlich mit unheilvoller Stimme:„Um das Ende der Welt, mein Sohn.“
„Oh, ja“, nickte Benno wissend und überhaupt nicht erschüttert, „darüber musste ich letztens auch schreiben. Wissen Sie,“ meinte Benno und zog ihn hilfsbereit zur Seite, „ich habe gemerkt, es gibt im Internet dazu ein paar sehr gute Websites.“
„Ach ja“, meinte Gott, dem gerade etwas schwindlig wurde.
„Ja, sicher. Versuchen Sie’s doch mal bei Hier klicken Die haben einige sehr aufschlussreiche Erkenntnisse über Gott und das jüngste Gericht zusammengetragen. Es ist zum Beispiel jetzt wisssenschaftlich erwiesen, dass Gott keine Frau ist.“
„Ach nein.“ Gott bemerkte, dass seine Hand unwillkürlich zu seinem langen, weißen Bart gewandert war.
„Nein, wirklich! Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann man nun sagen, dass das jüngste Gericht nicht wirklich eingeläutet wird. Physiker haben berechnet, dass eine Glocke, die so laut ist, dass alle Menschen auf der Welt sie hören können, etwa sieben mal so hoch sein müsste wie der Eiffelturm!“
Gott wollte etwas darauf erwidern, doch seine Stimme versagte.
Benno streckte die Arme nach oben, zufrieden mit dem Eindruck, den er offensichtlich hinterlassen hatte.
„Jaahaa, sieben mal so hoch. Und von dem ersten Glockenschlag würden alle Menschen in Europa sofort taub werden. Im direkten Umkreis der Glocke gäbe es sogar Erdbeben. Alles wissenschaftlich erwiesen. Haben Sie darüber schon mal nachgedacht?“
Nein, darüber hatte Gott noch nie nachgedacht.
Benno lachte. „Naja, glücklicherweise steht uns das jüngste Gericht noch lange nicht bevor...“
Gott stutzte. „Und...“, fragte er zögerlich, denn er hatte Angst vor der Antwort, „...und, äh, was macht dich so sicher? Das jüngste Gericht könnte schon dieses Wochenende hereinbrechen...“
„Aber nein, ist doch längst alles wissenschaftlich erforscht und bestätigt. Haben Sie den Artikel im „Vatikan-Blatt“ nicht gelesen? Hier, schauen Sie mal her...“
Benno zog ein etwas abgenutztes Exemplar des Vatikan-Blattes hervor, auf dessen Frontseite ein grinsender, fetter Bischof zu sehen war, der ein halbverhungertes afrikanisches Kind streichelte.
„Moment, hab’s gleich, aah, hier ist es ja.“ Benno zeigte auf einen gelb markierten Bericht. „Also, sehen Sie hier, wo im Evangelium das jüngste Gericht verkündet wird. Das Evangelium ist Ihnen ein Begriff?“
„Ja, natürlich, es stammt immerh...“
„Genau, und Prof. Bindenweiss hat den mathematisch erwiesenen Bibelcode, nun offiziell der „göttliche Code“ genannt, auch auf diese Stelle angewandt. Und dabei konnte zweifelsfrei errechnet werden, dass das jüngste Gericht erst in 4.000 Jahren eingeläutet werden kann. Das hat Gott selbst gesagt.“
„Nein, ich...“
„Aber was rede ich, sehen Sie sich die Zahlen einfach mal an.“
Benno ging mit Gott die einzelnen Tabellen und Kalkulationen durch, und Gott musste zugeben, dass alles lupenrein und fehlerfrei berechnet war. Auch das Bild von Prof. Bindenweiss im Morgenmantel mit Brille und Pfeife sah sehr eindrucksvoll aus.
Fröstelnd stand Gott langsam auf und ging in Richtung Ausgang.
„Wohin wollen sie denn, Sie sind gleich dran“, rief Benno hinterher.
„Lassen sie nur, ich fühle mich plötzlich sehr müde.“
„Aber was wird nun aus ihrem jüngsten Gericht?“
Gott drehte sich noch einmal um.
„Das kann warten, denke ich. Wenn Sie denken, dass es soweit ist, schicken Sie mir ein Memo, ja?"

*****

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


maskeso
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 28
Kommentare: 280
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Herrlich

Auch ich finde sie köstlich. Tja, da wird der liebe Gott einfach so wegargumentiert - saugut. Auch sprachlich sehr gelungen und ansprechend.
__________________
Die Hölle sind wir selbst.

Bearbeiten/Löschen    


Damon Hawke
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Oct 2000

Werke: 4
Kommentare: 28
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Damon Hawke eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Danke für die Blumen, Ihr beiden... *rotwerd*
War nur so ein erster Versuch im Satirefach. Aber da es immerhin schon mal Euch beiden gefallen hat, kann ich es ja ruhig mal öfter probieren.
DH

Bearbeiten/Löschen    


3 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!