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Leselupe.de > Ungereimtes
leiser nieselregen webt spuren im blau
Eingestellt am 09. 08. 2006 14:19


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Bernd
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achilles
verliert
immer wieder
den kampf
um die eigene
perfektion.

jasmin c.



1

leiser nieselregen
dringt durch alle glieder,
rötlichgrĂŒne gedanken
schwingen die Nacht entlang.
das Zittern von Spinnweben
verflicht sich mit Staub,
leuchtet wie der ton einer trompete,
oder der zarte windhauch eines schmetterlings,
des buttervogels, der auf dem teekessel landet.
leiser nieselregen
webt spuren im blau.


2

ich wage es nicht
auszubrechen
aus den engen fesseln
der gedanken,
die wie efeu
die gefĂŒhle umranken,
die wie eine rakete
den raum durchmessen,
die,
ich habe etwas wesentliches vergessen,
wie frost mein gehirn zum gefrieren bringen,
schlÀgt man leise an die gedanken,
dann hört man sie klingen
in der kÀlte eisklarer luft,
da zieht leise weihnachtsduft
und die gedanken wÀrmen sich auf,
sie rennen gegen die schranken,
die gedanken.


3

dunkelheit und licht
wurden getrennt
sie suchen sich
und bilden schwarz
und bilden weiß
und bilden grau
bis farben wachsen


4

die seite ist schwarz geworden, so schwarz
buchstaben versuchen, die schwÀrze zu durchdringen
der vollmond scheint in der nacht
ein wenig hoffnung verheißend leuchten schwach violette zeichen
die seite ist schwarz geworden.


5

Die Farben normalisieren sich und das Meer rauscht, dem ich lausche. Kinder singen in der Vollmondnacht, Menschenkinder, Eulenkinder, Wolfskinder, Kinder aller Geschöpfe. Die Ellermutter strickt an einem Socken seit undenklicher Zeit. Von einem Baum tropft Harz. Durch eine sehr langsame Sanduhr rinnt Teer ... Was ist Zeit? fragte der Raum und seine Knoten begannen zu denken. Wie geschwollen bin ich? Warum ist meine Ferne rot? flĂŒsterte einer der Knoten.
Du bist normal, ganz normal, sagte ein Wissenschaftlerknoten und gab dem Raum eine Beruhigungsspritze. Durch das Loch quoll Gewebe und formte eine Insel. Ein Brahmane, der dieses sah, setzte sich nieder und schwieg.

Die Zeit lÀuft jetzt aus, und alles ist dabei, durch dieses Loch das All zu verlassen, blitzte es durch das Gehirn des Brahmanen, und begann zu trocknen.


6

die schwarze kugel zog alles in sich hinein
was hast du dir dabei gedacht? frug der Brahmane
was man halt so denkt, antwortete der feldwebel, die kugel in der hand

alles geht durchs nichts
es ist die umkehrung des seins
sprach der brahmane und schwieg

nun, es gibt und verliert
schwarz und die sprache
vishnu hÀlt dich in offenen armen


7

kristallherzensplitter
ruhen in der höhle
bis sie erwÀrmt werden
von feuerspeienden drachen
die sie aber doch nur als nahrung brauchen

spuren des eises
riefen in felsen
rauchschwadenreste
und felsenzeichnungen

warte nur warte
sprach die fensterbank
schwarz wie das ebenholz

warte nur warte
sprach die fensterbank

und das blut gefror auf den eisperlen
und reif setzte sich drauf

warte und siehst du wohl sprach die fensterbank

die sonne drang ins zimmer
und das herzblut durchwob die eiskristalle
und ein singendes klingendes bÀumchen wuchs

und es sang und klang
und es sang ein lied vom herzen
ein lied vom herzen das zerbrach
ein lied von den eisperlen
ein lied von den splittern auf dem fußboden
vom blut aus den zerkratzten fĂŒĂŸen
vom herzblut

aus dem das singende klingende bÀumchen entsprungen war

und vom fensterbrett
das sagte warte nur warte nur

und von den rosenblÀttern
die noch immer in der schale schwebten

der kristallschale

und die stimme war lieblich
wie das lied der lÀrche
und schön wie die morgenröte
und traurig wie der tropfende mond


8

die liebe erhitzte die eiskristalle
dass sie schmolzen
und tropfen wurden
glitzertropfen
gluttropfen
dass sie schmolzen
und sie fÀrbten sich rot

und wurden glut

ich sah deine liebe in den splittern
und spĂŒrte deine liebe in den fĂŒĂŸen
die bluteten und schmerzten
und griff nach dem schmerz
und griff nach der liebe

und flog zum mond
in den ich mich verwandelte
denn wandlungen sind ewigkeit

und sah die narben in deinen fĂŒĂŸen
die verheilten
und sah die splitter
denn vergangenheit und gegenwart liegen vor mir

schienen vor mir zu liegen

waren angefĂŒllt mit unerwartetem

und mein herz schlug so schnell
dass der mond zur erde fiel

und eine leiter hinaufreichte

da hatte die zeit begonnen


9

da aber kommt eine seejungfer,
sie setzt sich
und zieht den schuh an,
sie tanzt und schwebt zwischen den seeigeln und den seesternen.
der schuh sitzt wie angegossen.
in der ferne singen sirenen ihr traurig fröhliches lied in die vollmondnacht


10

ein paar von ihnen hatten flĂŒgel bekommen, lange lange flĂŒgel
und sie flogen ĂŒber den zimmern
mauern störten sie nicht
und die flĂŒgel waren wohl auch nicht echt
sonderbare flĂŒgel
nicht vorhanden
aber sie trugen
die kiemenmenschen fischmenschen muschelmenschen
durch den lila blitzhimmel weiter und weiter
die gedanken verwoben sich
und sie bildeten wÀrmende decken
gedankendecken
die schĂŒtzen
wÀrmende portale
als ich es sah
wurde ich ein schutzengel
fuer wenige augenblicke
aber was sind augenblicke fĂŒr engel
es mögen weltalter sein fĂŒr menschen

und schĂŒtze dich
schĂŒtze dich


11

leiser nieselregen
dringt durch alle glieder,
rötlichgrĂŒne gedanken
schwingen die Nacht entlang.
das Zittern von Spinnweben
verflicht sich mit Staub,
leuchtet wie der ton einer trompete,
oder der zarte windhauch eines schmetterlings,
des buttervogels, der auf dem teekessel landet.
leiser nieselregen
webt spuren im blau.

__________________
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majissa
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Lieber Bernd,

das gefĂ€llt mir. Klingt wie ein Dialog zwischen Hoffnung und Resignation, wobei der grĂ¶ĂŸte Reiz in der kaum greifbaren Melancholie zwischen den Zeilen liegt. Ich kannte Jasmin sehr gut und glaube, dass sie die schwarz gewordenen Seiten immer noch violett aufblitzen lĂ€sst.

LG
Majissa

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Bernd
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Danke, Majissa.
Es ist eine Zusammenstellung mit Ausschnitten aus einem lyrischen Dialog mit Jasmin, wobei ich ihre Antworten hier nicht schreiben konnte. Ich habe es deshalb neu zusammengestellt. Auf diese Art ist es Fragment und etwas Neues, vorher nicht dagewesenes. Jasmin kannte die texte und verarbeitete sie weiter - erzĂ€hlte sie fort - oder umgekehrt, ich machte das gleiche mit ihren Texten. Es war wie eine große Resonanz.

Ich denke, die Zusammenstellung als neuer Text wirkt (hoffentlich).

TatsÀchlich empfinde ich das nun ebenso als Melancholie und irgendwie mÀrchenhaften Zauber.

Liebe GrĂŒĂŸe von Bernd
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majissa
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Lieber Bernd,

ja, es funktioniert, denn ich hĂ€tte schwören können, hier stellenweise auch Jasmin in Hochform zu lesen. Besonders schön der Buttervogel auf dem Teekessel (was fĂŒr ein Bild!), der Mond, der eine Leiter hinaufreicht und am Ende die Wiederholung der ersten Strophe, die alles abrundet. Ich denke, Jasmin hĂ€tte sich ĂŒber diese lyrische Neuzusammenstellung eures Dialoges sehr gefreut. Wo immer sie auch jetzt sein mag, tut sie es nun vielleicht auch.

Ihre Art der Lyrik war faszinierend "anders". Schade, ginge das alles verloren. Ich selbst habe hier noch ein halb fertiges Prosa-Manuskript von ihr liegen, von dem ich mir gewĂŒnscht hĂ€tte, es wĂ€re "endlich" von ihr vollendet worden. Nun ja, das gehört hier vielleicht nicht hin. Da ich aber selbst erst kĂŒrzlich von ihrem Ableben erfuhr und das noch gar nicht begreifen kann, möge man mir das verzeihen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Majissa

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