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Leselupe.de > Kurzgeschichten
loved - short story
Eingestellt am 03. 06. 2004 16:34


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Willibald
???
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loved


Mittwochs, fĂŒnf Minuten Zigarettenpause nach der Doppelstunde. Rezzo tippt mir an die Stirn; "Was Lyrisches, was Poetisches, Sven!" "HĂ€?"

Mittwochs gibt es immer diese Doppelstunde Leistungskurs Deutsch, wir machen schon seit vier Wochen eine Zeitreise in Gedichten: Wir untersuchen Semantik und Metrik, dazu immer wieder kreative Übungen mit Ă€hnlichen Bildern und Rhythmen wie im Originaltext, pathetische hohe Sprache, daneben spielerischer Slang.

Diesmal eine PraxisĂŒbung, Rohskizze zur Lösung einer Abituraufgabe aus Baden-WĂŒrttemberg: Ein barockes Sonett von Gryphius im Vergleich mit einem Gedicht von Trakl, dem "Melancholicus", wie er sich in einem Brief bezeichnet.

"Will was Lyrisches, was Poetisches von dir",sagt Rezzo, " fĂŒr die SchĂŒlerzeitung. Kommentare und Berichte haben wir genug." Einfach drauflosschreiben, meint er. Den Alltag skizzieren, eine Szene. Auch in einem langweiligen Leben stecke Poesie. "Wie witzig", sage ich. "Nö", meint er, "ist ernst gemeint, probier es. Vielleicht ein Gedicht, vielleicht eine short story." "Ok, mal gucken." "Guck nicht so lang, Sven. Das Leben vor dem Abitur ist eine Rennebahn." "O ja", knurre ich, „mit ZĂ€sur vor ist in einem siebenhebigen Alexandriner." Und gucke unauffĂ€llig, ob Mirjam das gehört hat. Sie steht bei Martin, mein Gott, was ist das fĂŒr ein schönes MĂ€dchen.

Nachmittags gingÂŽs zum Aldi, wollte eine Flasche Kentucky Bourbon Whiskey kaufen. Rezzo sagt, Whiskey inspiriere ihn, da schreiben sich seine Sachen fĂŒr die SchĂŒlerzeitung wie von selbst. Liebt sich dann wohl noch mehr als sonst. Er speichert seinen Text ab, fĂ€hrt den Computer runter, macht in seinem Zimmer ein Feuer, tanzt darum herum, singt „loved” und die Nachbarn klopfen an die WĂ€nde den Rhythmus. Rezzo, der Große. Aber er ist wirklich groß. Er kam auf die Idee, die SchĂŒlerzeitung "Lessing-Jetzt” ins Netz zu stellen, eine aktuelle Lessing-Gymnasium-Zeitung mit Forum. Die Redakteure schreiben, wenn sie inspiriert sind. Und die Leser schreiben Leserbriefe, wenn sie beim Lesen inspiriert werden. Bloß, dass kaum einer schreibt.

Beim Aldi guckte mich die Kassiererin an, kaum Ă€lter als ich, ich gucke sie an. "Du bist schon ĂŒber sechzehn? Spirituosen an Jugendliche, das ist nicht drin." "Du kennst mich doch vom Sehen. Du gehst öfters mit Mirjam zum Da Toni. Ich bin Sven. Sven Rappe. Neunzehn." "Klar kenne ich Dich, aber ich will deinen Ausweis trotzdem. Das macht sich gut beim Chef. Er beobachtet durch den Spiegel die Kasse, Probleme mit dem Aufsichtsamt. Du glaubst gar nicht, wieviel Jungs von fĂŒnfzehn oder sechzehn hier Alkohol holen wollen. Dann in der Clique die MĂ€dchen anbaggern. MĂ€dchen stehen mehr auf Romantik. Sind die Jungs aber wohl zu blöd zu." "Oh, wie blöd", sagte ich gedehnt, war aber nicht sicher, ob sie meine Ironie verstand, schaute verstohlen in den Einwegspiegel, zeigte ihr meinen Ausweis und zog mit meiner Flasche in der Plastik-TĂŒte ab.

Zuhause setzte ich mich rezzo-like in die NĂ€he des Computers an den Schreibtisch: Mineralwasser, Whiskey-Glas, Whiskey-Flasche. Bin schon lĂ€ngst nicht mehr sechzehn, weiß aber noch gut, wie das ist. Du gehst an den MĂ€dchen vorbei, die kichern plötzlich, kriegen Schluckauf, verdrehen die Augen. Du wirst rot. - Du gehst in den Supermarkt. Die Kassiererin mustert schweigend die Flasche in deiner Hand. Du ziehst belĂ€mmert ohne ab. Und die Damen in der Kassenschlange gucken dir nach, fixieren deine rosa Ohren, die dann so richtig rot werden. Und du zĂ€hlst beim Gehen deine zwei Beine. - „Adoleszenz”, hatte unser Biologielehrer doziert, „das ist Hormonrasen, kordiale Mikro-Spasmen, rosa-rote Ohrwascheln.” Der Mann ist aus Oberbayern.

Ich schenkte mir ein, schaute in das Glas, 1 ccm Whiskey und 5 ccm Minerale mischten sich. Und da kam es rabenschwarz und rosa und perlend ĂŒber mich: Solo sein, der Main, ein lyrisches Ich, SĂ€tze wie "Mag uns wer?", Verszeilen, richtige, mit Rhythmus und Reim. Clemens Brentano, Freiherr von Eichendorff, der barocke Gryphius, ein schlanker Heine, sie blickten aus dem Glas, murmelten mir RatschlĂ€ge. Ich brauchte eine Stunde, Rohentwurf, dann Feilen und Polieren, dann war es vorlĂ€ufig fertig. Ich lud den Text ins Rezzo-Netz, SchĂŒlerzeitung "Lessing-Jetzt", Sparte "Mind-blowing Poems" und las ihn mit VergnĂŒgen, das war mein Text.

Sterne, dĂŒnn glitzernd

Ich blicke in die weite Ferne,
am Himmel glitzern dĂŒnn die Sterne,
Ganz solo sitze ich am Main.
Mag uns wer? Ich glaube: nein.

Und auf schwarzen Eulenschwingen
fÀllt die Traurigkeit mich an
will mir in die SchlÀfe dringen.
Fluch Dir, Vogel, bist kein Wahn!

O Du, der diese Zeilen liest,
Und schwarze Wesen vor Dir siehst,.
Du fĂŒhlst wie ich, hörst Klagerufe?
Dein LĂ€cheln stellt mich auf die Hufe!

Sven R.


War schon gut, dieser Text, schaute mir eine halbe Stunde die drei Strophen auf dem Bildschirm an, von oben nach unten, von unten nach oben: "lyrisches Ich", melancholisch am Main. Ho, Eulenvogelattacke. In der dritten Strophe Leseranrede. Komischer, ironischer Touch, fast wie bei Heine, also vergleichbar nur, setze um Gotteswillen nicht gleich. Richtig gut tat das. Probierte als Unterschrift S.H.R (Sven Heinrich Rappe).

S.H.R holt EiswĂŒrfel aus dem KĂŒhlfach, fĂŒllt sie ins Glas, lĂ€sst sie klickern, meditiert ĂŒber den Text. Ab einem bestimmten Punkt kommt die Trance. Das Kopfkino beginnt zu laufen, die ZimmerwĂ€nde öffnen sich und du kannst plötzlich alles sehen. Da sitzen sie, surfen im Internet und klicken unsere Zeitung an. Mundwinkel nach unten, die Augenbrauen nach oben, zappen leicht verĂ€chtlich weiter im Netz. Aber da sitzt Mirjam. Aus dem Leistungskurs Deutsch, wie gut sie aussieht, hohe Stirn, lacht ĂŒber meine Jokes, ist intelligent, Lyrik ist wie „lyrics”, sagt sie, "tanzende Worte und SĂ€tze", sagt sie, "tanzende Texte". Die liest das genau, die anderen sind spĂ€testens bei der zweiten Strophe ausgestiegen. Aber Mirjam, also Mirjam, die liest den Text bis zum Ende. Und dann noch einmal.

Sie kann in dem Stil schreiben. Heute morgen im LK war sie auf die Takte von Andreas Gryphius abgefahren, Alexandriner mit ZĂ€suren: "Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn/Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten 
" Der Lehrer hatte die Stimmung genutzt, hatte eine kreative SchreibĂŒbung eingeschoben und wir probierten den Gryphius-Stil. Rezzo schrieb etwas von GleitflĂŒgen in den TĂ€lern Bourbon-Kentuckys. Es wurde sehr lustig im Zimmer, als er vorlas. Noch auf dem Heimweg mussten wir lachen. Mirjam lachte mit, wollte aber gleich nach Hause. Matheklausur am Donnerstag.

Kreisende EiswĂŒrfel im Glas, ziemlich klein, klickern nicht mehr, sirren kreiselnd. Ab und zu ein Blick in den Mail-Ordner auf der unteren Leiste meines Bildschirms. Puh, wenn ĂŒberhaupt von jemandem, dann könnte von Mirjam eine Antwort kommen, nicht jetzt, natĂŒrlich nicht jetzt, irgendwann.

Und was soll ich sagen? Um 21.00 Uhr erscheint ein Text, der Text, auf dem Screen:

Am Main

(Dem rappenschwarzen Melancholicus zugeeignet)

Am Main, da wÀchst der Rebensaft,
er wird mit Fleiß gepfleget.
Ach, sĂŒĂŸ und köstlich wirkt die Kraft
Von Traubenhaut umheget.

Nach GlĂŒck ein jeder Mensch verlangt
Wer einsam ist, der fluchet.
Und wo ein Fluch im Netze prangt
verstehst du gleich: man suchet.

Hinweg mit dir, du schwarze Nacht,
Dein FlĂŒgel wird gestutzet.
Der Fluss, der Sommer, alles lacht.
Alles ist grĂŒn geputzet.

P.S.

Gruß an die Kassen-Tante, die S.
Seit wann dĂŒrfen die mit 17 an die Kasse?
Wir sehen uns morgen nach der Matheklausur, muss jetzt unbedingt schlafen. M.


Tja, das hat Mirjam geschrieben. Und die S. muss mit ihr gesprochen haben. Bin sowas von gerĂŒhrt. Bin seit zwei Stunden sowas von gerĂŒhrt, musste alles aufschreiben, im Tagebuch festhalten, fiebrige, heiße Stirn. Hab an Mirjam gemailt, dass ich ihr Gedicht zum KĂŒssen finde. Wie meines. Loved! Vielleicht ist sie doch noch auf und liest es. Wenn nicht, spĂ€testens morgen.

Jetzt um 0.30 ist Schluss, bin voll von zwei kleinen GlĂ€sern Whiskey ohne KohlensĂ€ure, bin gestreift von Amors gefiederter Axt, behĂ€mmert von Amors FlĂŒgelschlag, beflĂŒgelt von Mirjams Hammertext. Die Flasche stell ich in die KĂŒche, damit ich morgen frĂŒh keinen Trollkopf aufhabe, wenn Mirjam mich anschaut.



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Schakim

Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 2002

Werke: 3
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Hallo, Willibald!

Du schreibst mit Schalk im Nacken! Eine wunderwitzige Story, ich habe mich köstlich darĂŒber amĂŒsiert. Fast wehmĂŒtig denke ich manchmal an gewisse Abschnitte der Schulzeit zurĂŒck ... und dann sage ich mir: Endlich kann der Vogel fliegen!

FĂŒr Deine loved-story, die Dir wirklich toll geglĂŒckt ist, pflanze ich Dir hier drei Smilies hin:

          


Ich wĂŒnsche Dir ein heiteres Wochenende!
Schakim
__________________
§§§> In jeder Knospe zeigt sich ein kleines Wunder beim AufblĂŒhen <§§§

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 25
Kommentare: 105
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Gleichklang

Salute Schakim,

sollen wir noch viele Geschichten schreiben und dabei die erhoffte Resonanz bei Mirjam erlangen. Amen.

aes

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