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Leselupe.de > Krimis und Thriller
ménage à trois
Eingestellt am 01. 01. 2018 15:44


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brndmtzk
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Es war einer dieser Tage an denen der Sommer eine Pause macht. In der Nacht hatte es geregnet. Staub und Hitze wurden davon gespült und wichen einer klaren, frischen Kühle.
     Dr. Wendler atmete tief ein. Sie blieb in der Tür stehen und genoss die belebenden Atemzüge. Die Häuser und das Straßenpflaster strahlten immer noch die Wärme der letzten Tage ab. Aber die Luft war erfrischend. Kurz entschlossen zog sie ihr Handy aus der Tasche. Seit ihrem letzten Italien-Urlaub nannte sie es für sich nur noch Telefönchen.
"Praxis Dr. Wendler, Schwester Monika."
"Monika, ich bin’s. Guten Morgen. Ich komme ein paar Minute später, ich gehe zu Fuß."
"Sie haben gleich den Termin mit Ihrem Ex."
Wendler verzog das Gesicht. Sie mochte diese Tonart nicht. Von ihrem Mann war sie seit über sechs Jahren geschieden. Noch bevor Monika als Sprechstundenhilfe in ihrer Praxis angefangen hatte. Arbeit und privat hatten getrennt zu bleiben. Für Monika war ihr Ex eigentlich Herr Neubert. Aber sie wollte jetzt keine Diskussion.
"Wenn er vor mir da ist dann führen Sie in bitte gleich in mein Arbeitszimmer."
Der kurze Moment der Stille offenbarte Wendler Monikas Verwunderung. Sie benutzte dieses Zimmer fast nie für Patienten. Eigentlich nur, um dramatische Dinge zu besprechen oder sehr persönliche. Doch bevor Monika etwas erwidern konnte drückte sie das Gespräch weg.
     Ja, heute war ein wichtiger Tag. Für Sie, für ihn und vielleicht auch noch für jemand anderes. Ein Spaziergang durch den Park statt einer Autofahrt um die ganze Stadt herum würde ihr helfen sich zu konzentrieren. Langsam ging sie die wenigen Schritte über die Straße bis zur Loberaue.
Ihr Blick ging über die Wiese in Richtung Schloss. Es zeichnete sich gerade so durch den Dunst ab. Sie liebte diesen Anblick seit sie ein Kind war. Dann ging sie langsam in Richtung Park.
     Obwohl es ein Umweg war nahm sie nicht den Weg an er großen Wiese vorbei. Der von Kastanien gesäumte Hauptweg versprach mehr Abgeschiedenheit und Gelegenheit zum Nachdenken.
Sie liebte ihren Ex-Mann nicht mehr. Sie achtete ihn nicht einmal, nicht nach den Ereignissen vor sechs Jahren. Aber das wusste niemand. Alle glaubten das Märchen von der einvernehmlichen Trennung. Ihre bitteren Gedanken verschwanden stets hinter der Fassade einer fleißigen, nüchternen, beherrschten Ärztin.
Bedächtig wählte sie im Geiste die Worte, die sie nachher an ihren Ex richten würde. Er war schwach. Psychisch nicht belastbar. Sie würde ihre Worte vorsichtig dosieren müssen.
Am Ausgang des Parks straffte sich ihr Körper. Keine Schwäche jetzt, keine Zweifel. Aufrecht mit durchgedrückten Schultern passierte sie die kleine Brücke. Bis zur Praxis waren es nur noch wenige Schritte.
     Ihren Ex-Mann traf sie vor der Tür.
"Warum wartest Du hier?"
"Ich wollte nicht reingehen. Ich habe dein Auto nicht stehen sehen. Da habe ich lieber hier auf dich gewartet."
Seine Stimme klang gepresst. Trotz der aufgesetzten Selbstbeherrschung und der vorgetäuschten Männlichkeit. Sie bedachte ihn mit einem aufmerksamen, gefühlvollen Blick den sie gekonnt mit etwas distanziertem Mitleid anreicherte.
"Lass uns reingehen."
     Das Arbeitszimmer erinnerte nicht an eine Arztpraxis. Eher an eine Bibliothek in einem englischen Landsitz. Wendler stammt aus einer Ärzte-Dynastie. Drei Generationen hatten schon in diesem Haus praktiziert. Ihren Vorgängern war es gelungen, Haus und Praxis durch alle politischen Wirren hindurch für die Familie zu retten. Sie mochte dieses Haus und vor allem dieses Zimmer. Es gab ihr ein Gefühl von Ewigkeit.
Bedächtig schloss sie die Tür und deutete auf die beiden Sessel am Clubtisch.
Der Tisch war leer. Sie wollte ihren Ex-Mann nicht mit Laborbefunden und MRT-Bildern konfrontieren. Das war nicht nötig. Sie strahlte jetzt diese gefühlvolle Milde aus, die sie fast immer bei tragischen Eröffnungen verwendete.
"Deine Befürchtung hat sich leider bewahrheitet."
Ihr Gegenüber schluckte.
"Wie ernst ist es?"
Sie zögerte einen Moment. Ihr Ex sollte sich die Antwort selbst geben, noch bevor sie die Wahrheit aussprach. Das würde es für ihn leichter machen.
"Wie bei meinem Vater?"
"Ja."
Sein Vater war an Krebs gestorben. Ein Gehirntumor, inoperabel. Es hatte nur wenige Monate gedauert. Wendler konnte sich noch gut erinnern. Es war kurz nach ihrer beider Hochzeit gewesen. Sie mochte ihren Schwiegervater nicht. Emotionslos hatte sie sein Sterben verfolgt. Zugesehen wie er angeschlagen von der Chemo oder zugedröhnt mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln im Krankenhaus dahin dämmerte.
Schweigen machte sich im Zimmer breit. Er stützte den Kopf in die Hände. Nur sein tiefes Atmen war zu hören.
"Ich will das nicht durchmachen!"
Sie kannte seine Einstellung. Damals, kurz nach der Beerdigung hatte er oft darüber gesprochen. Obwohl es keinen Grund dafür gab nahm er an, dass auch er auf genau diese Art sterben würde. Sie hatte versucht es ihm auszureden. Aber weder gutes Zureden noch Fakten konnten ihn von seiner Meinung abbringen.
"Siehst Du, ich hatte doch recht!"
Sie atmete tief ein. "Es ist ein tragischer Zufall." Ihre Stimme wurde etwas strenger. Sie musste jetzt die Führung übernehmen, ihn aufrichten.
Seine nächsten Worte waren genau die, die sie erwartet hatte.
"Du weißt noch, was wir damals abgemacht haben?"
Ja, natürlich. Als wäre es gestern gewesen. "Ja, ich weiß es noch. Keine Klinik, keine Chemo, nur Schmerzmittel. Und wenn es nicht mehr anders geht dann..." Sie beendete diesen Satz nicht.
Er raffte sich auf. "Ich möchte nicht, dass irgend jemand davon erfährt." Dieser Satz klang perfekt. Perfekt einstudiert. Als ob er ihn die ganzen letzten Jahre geübt hätte. Ihr schien als ob ihr Ex sich in dieser Rolle gefiel. Gut so.
"Natürlich nicht, Du kannst ganz sicher sein."
"Was ist mit deiner Sprechstundenhilfe. Sie ist eine Tratsche."
Das stimmte zwar nicht, aber warum widersprechen? Einem Todgeweihten?
"Ich habe sie angewiesen, alle Unterlagen aus der Radiologie ungeöffnet auf meinen Schreibtisch zu legen. Das hat sie bisher auch getan. Und deine Akte liegt in meinem persönlichen Aktenschrank hier in diesem Zimmer. Den rührt Monika nicht an. Niemand außer uns beiden weiß wirklich, warum Du hier bist."
Sie erhob sich und ging zum Schreibtisch. Dort lagen die braunen Briefumschläge mit dem Stempel der Radiologie, Sie hob einen hoch und drehte ihn vor seinen Augen hin und her. Außer einer handschriftlichen Nummer war nichts zu sehen. Dann schüttete sie den Inhalt auf den Clubtisch. Einige MRT-Bilder eines menschlichen Schädels lagen oben. Auch hier nur Ziffern aber kein Name. Er stöhnte auf.
"Wenn du willst, dass niemand etwas bemerkt dann solltest du dich mehr zusammenreißen."
Sie schloss eine Schublade auf. Eine kleine, unauffällige Stahlkassette beherbergte einige Schachteln mit Medikamenten. Solchen, die eine einfache Internistin eigentlich nie verschreibt. Und die auch nicht in ihr Fachgebiet fallen. 'Altbestände' nannte sie den Inhalt abwiegelnd, obwohl die meisten noch gar nicht so alt waren. 'Inoffiziell' wäre ein treffenderer Ausdruck. Manch einer hätte auch ‘standeswidrig’ oder sogar 'verboten' gesagt.
Das letzte mal hatten ihr einige der Pillen aus dieser Kassette über den Schock seines Verrats hinweggeholfen. Nach 6 Jahren einer glatten, problemlosen Ehe war sie der Meinung, dass es jetzt so weiter gehen würde. Ihr Mann hatte es geschafft, die bösen Geister zu vertreiben die jahrelang durch ihren Kopf spukten. Er wusste nichts von diesen Geistern und auch nicht von der Erlösung, die er seiner Frau gebracht hatte. Deshalb ahnte er auch nicht, wie sehr es sie traf als er Sylvia kennen lernte. Um einiges jünger als er, temperamentvoll, leidenschaftlich. Anders als die Frau im Arztkittel, die plötzlich keine Partnerin mehr war.
Sie knickte ein Stück von einem Blister ab.
"Hier, nimm erst mal das."
"Was ist das?"
"Ein Beruhigungsmittel. Ein ziemlich starkes. Nimm eine jetzt sofort. So aufgewühlt wie du jetzt bist könnte Monika Verdacht schöpfen."
Gehorsam schluckte er die Tablette.
"Die anderen nimmst Du alle 12 Stunden. Am Freitag kommst Du am Nachmittag wieder her. Ich werde bis dahin mit Professor Richter sprechen, er sollte dich weiter behandeln."
Ihr Ex schüttelte den Kopf. "Nein, ich will keinen anderen Arzt. Ich möchte dass du mich weiter behandelst."
Sie neigte den Kopf, was ihr die gewünschte nachdenkliche Ausstrahlung gab.
"Ich weiß nicht ob das gehen wird. Bestimmte Medikamente kann ich Dir nicht verschreiben. Auch das da..." sie deutete auf den Blister, den ihr Mann immer noch in der Hand hielt "... ist etwas von dem niemand wissen sollte."
Er nickte verstehend. Dann ging er.
     Wendler wippte mit ihrem Stuhl nachdem ihr Ex die Tür geschlossen hatte. Dabei schob sie Unterlagen wieder in den Umschlag. Ein zufriedenes Lächeln lag auf ihrem Gesicht als die Sprechstundenhilfe ins Zimmer trat.
"War etwas Besonderes?"
Wendler wiegelte ab. "Nein, nur die üblichen Männer-Wehwechen. Er hat mal wieder seine hypochondrische Phase. Wird wohl die Midlife-Crisis sein. Tragen Sie bitte gleich mal einen Termin für Freitag Nachmittag ein, da kommt er noch mal."
"Soll ich die Akte wieder mitnehmen?"
"Ja, danke."
Wendler schob einen Stapel über den Tisch.
Schwester Monika blickte fragend auf den braunen Umschlag in Wendlers Händen. “Und was ist ist damit?”
Wendler schüttelte nur den Kopf.

* * *

Der Freitag war von je her besonderen Patienten vorbehalten. Wendler hatte die Sprechstundenhilfe ins Wochenende geschickt. Sie war mit ihrem Ex-Mann allein.
Sie sah ihn prüfend an. Er hatte sich gut im Griff. Etwas durch den Wind, aber nicht wie ein Mann der annehmen muss in einem halben Jahr tot zu sein. Psychopharmaka können Wunder wirken.
"Hast du mit Professor Richter gesprochen?"
Sie nickte. "Ich habe ihm deine Unterlagen gezeigt. Er ist ausnahmsweise einverstanden das die Behandlung über mich läuft. Eigentlich ist es ja gar keine Behandlung. Vielleicht ist es ihm deshalb sogar lieber wenn Du gar nicht erst bei ihm auftauchst."
Er nickte zufrieden.
"Die Medikamente bekommst Du von mir. Hier, unter vier Augen. In den nächsten Wochen reichen Tabletten. Aber ich habe die Injektionen schon hier, vorsichtshalber.”
Die Schublade knarzte beim öffnen. Wendler zeigte ihrem Ex eine kleine Ampulle.
“Ich stelle Dir aber trotzdem jedes mal ein harmloses Rezept aus damit Monika nicht misstrauisch wird."
Er nickte wieder vor sich hin, langsam und schweigend. Dann nahm er die Tabletten und ging.

* * *

Die Termine am Freitag Nachmittag wurden zur Routine. Neubert machte stets eine ruhigen und gelösten Eindruck wenn er kam. Und fast immer gab Dr. Wendler ihrer Sprechstundenhilfe an solchen Tagen ab Mittag frei. Monika vermutete bald nichtmedizinische Gründe für die Besuche. So entging ihr Neuberts Verwandlung. Seine Stimmung sank wie die Temperatur der späten Sommertage. Irgendwann saß er in schmuddeligen Jeans und einem zerknitterten Hemd im gewohnten Ledersessel. Er roch nach Cognac.
Wendler zog vernehmbar etwas Luft durch die Nase.
"Alkohol und die Tabletten vertragen sich schlecht miteinander."
"Egal, ich fühle mich gut. Aber die letzten Tabletten wirken irgendwie anders."
Wendler sah in kritisch an. “Ja?” sagte sie nur.
Er wirkte aufgewühlter als sonst. Sein Blick war schuldbewusst auf den Boden gerichtet. Ob es der Alkohol war, zusammen mit den Tabletten? Sie kannte die reale Wirkung dieser Kombination nicht, nur die Warnung auf dem Beipackzettel.
Ihr Blick war jetzt kühl und analytisch.
“Warum hast Du getrunken. Hast Du Angst?”
Er sah sie an und schüttelte den Kopf. “Nein. Darüber bin ich weg. Ich hatte die ganzen Jahre Angst. Seit ich Gewissheit habe ist die Angst weg. Es ist etwas anderes.”
Er sah sie an wie ein kleiner Schuljunge der sich nicht traut seiner Lehrerin eine Frage zu stellen weil er sie für peinlich hält. War das der richtige Zeitpunkt?
"Dir liegt doch noch etwas auf dem Herzen?"
Er hob den Kopf nicht beim Versuch, die ersten Worte hervor zu drucksen. Statt dessen starrte er weiter auf den Teppich. "Es ist wegen Sylvia."
"Ja?" Sie wollte es ihm nicht leicht machen. Warum auch. Die Frage fraß in ihm. Sie würde so lange in seinem Kopf wüten bis sie durch seinen Mund entschlüpfen konnte.
"Habe ich schuld?" Jetzt erst schaffte es es sie anzusehen.
Wendler holte tief Luft. Endlich. Sie hatte Wochen auf diese Frage gewartet.
"Nein. Du hast keine Schuld. Aber Du bringst mich mit Deiner Frage in eine schwierige Lage."
Aus seiner Verlegenheit wurde eine leichte Empörung. Gut so, dachte sie. Ein wenig Emotion kann jetzt nicht schaden.
"Ja, ja ich weiß. Aber ich muss wissen, was damals zwischen Euch passiert ist."
"Entschuldige." Ihr Blick drückte jetzt wieder Besorgnis und Anteilnahme aus. "Ich dachte nach vier Jahren hätte sich der Schmerz gelegt."
"Nein, hat er nicht. Ich mache mir immer noch Vorwürfe. Ich frage mich immer wieder, hätte ich es verhindern können? Sie war damals bei dir. Das begreife ich bis heute nicht. Was war zwischen Euch? Was weißt Du? Euer Gespräch fällt ja wohl kaum unter die ärztliche Schweigepflicht"
Wendler lehnte sich zurück. Sie schloss die Augen. Er kannte diese Haltung aus ihrer gemeinsamen Zeit. Immer wenn sie eine schwere Entscheidung überdachte schloss Sie dabei die Augen. Im Gegensatz zu früher blieben die Augen auch geschlossen als sie ihm antwortete.
"Normalerweise würde ich niemanden der in so einer Situation ist wie Du das jetzt sagen. Aber ich glaube Du hast ein Recht darauf. Vielleicht ist es auch gut für mich, endlich darüber zu sprechen." Die Geste mit der sie sich aufrichtete war durchaus dramatisch. Effektvoll öffnete sie die Augen und sah ihn unvermittelt an.
"Dich trifft keine Schuld. Es war ganz, ganz anders als Du denkst. Vielleicht wäre alles anders geworden wenn Du weniger eifersüchtig gewesen wärst und nicht mit ihr gestritten hättest. Oder an diesem Abend hier gewesen wärst. Vielleicht aber auch nicht. Sylvia ist extra deswegen zu mir gekommen weil sie auf keinen Fall mir Dir zusammentreffen wollte." Das war zwar nicht die ganze Wahrheit aber genau die, die er jetzt glauben sollte.
"Nach dem Streit mit dir ist Sylvia zurück zu Baumgart. Sie hat bei ihm Schutz gesucht, wollte einfach zur Ruhe kommen. Sie sagte mir später dass deine Eifersucht sie erschreckt hätte. Und gar nicht gerechtfertigt war. Jedenfalls nicht vor diesem Wochenende."
"Nicht gerechtfertigt? Sie war das ganze Wochenende bei ihm. Und vorher hat sie mit ihm geflirtet als gäbe es mich gar nicht."
"Ja. Aber vorher ist angeblich nichts passiert. Aber in dieser Nacht stand sie weinend vor meiner Tür und wollte mit mir reden. Sie trug nur ihren Trenchcoat. Nichts drunter, auch keine Schuhe. So wie man sie später gefunden hat. Und sie war fix und fertig."
"Sie war schon in dem Zustand als Sie zu Dir kam?"
"Ja. Und sie wollte mich um Hilfe bitten. Aber nicht damit ich eine Versöhnung mit Dir aushandle. Hast Du wirklich geglaubt eine Frau würde so etwas tun? Mich wundert dass die Polizei damals mit dieser Erklärung zufrieden war."
Er blickte sie verwirrt an. "Ja,... nein...".
Wendlers Blick wurde immer ernster. "Frank, Deine Frau hatte nicht einfach so eine Wochenend-Affäre. Sie hat sich nicht umgebracht weil sie sich wegen der Affäre geschämt hat. Oder du dich von Ihr trennen wolltest. In solchen Zeiten leben wir nicht mehr."
Sie richtete sich auf und holte tief Luft. Jetzt. Der entscheidende Satz. "Frank, Sylvia ist an diesem Wochenende vergewaltigt worden. Nicht nur einmal. Das ganze Wochenende lang. Von Baumgart. Als sie nach Eurem Streit zu Baumgart zurück fuhr hat er sie getröstet. Aber mit Hintergedanken. Er hat sie abgefüllt. Sie hat aus Frust getrunken, wohl auch einige Pillen geschluckt. Dann hatten sie Sex. Er aus Gier, sie aus Frust. Irgendwann lief es aus dem Ruder. Sie wollte weg. Er wollte weiter machen. Er hat sie gezwungen, er hat sie geschlagen und er hat ihr irgend etwas eingeflößt. Sie konnte sich dann an nichts mehr erinnern. Am Sonntag Abend hat er sie dann rausgeworfen. Und ich war der einzige Mensch in der Nähe den sie kannte und zu dem sie in dieser Situation gehen wollte. Weil ich Ärztin bin und obwohl ich Deine Ex bin und nicht deswegen."
Sie holte Luft.
“Und eigentlich dürfte ich Dir das nicht sagen. Es fällt unter die ärztliche Schweigepflicht und es ist nicht angemessen einem Menschen in deinem Zustand solch dramatische Dinge zu sagen.”
Jetzt, nach dieser Offenbarung benahm sich Neubert endlich so wie seine Exfrau es eigentlich erwartet hatte. Er brach zusammen. Den Kopf in die Hände geborgen weinte er hemmungslos. Wendler war froh dass sie heute in der Praxis allein waren.
"Dieses Schwein."
Ja, es gab Gerüchte. Seit vielen Jahren. Baumgart nahm sich was er wollte. Aber niemand wusste genaueres. Wendler schon. Vor vielen Jahren, sie war damals jünger als Sylvia es gewesen war fiel Baumgarts Wahl auf sie. Ja, warum nicht? Er war ein charismatischer Geschäftsmann, sie eine junge, gut aussehende Ärztin die gerade die Praxis übernommen hatte. Sie sah sich schon in einer schicken Villa. Mit einem beeindruckenden Mann und einer ebenso beeindruckenden Familie.
Der Traum dauerte nur wenige Wochen. Wie bei Sylvia kam das Ende an einem Wochenende. Es fing gut an. Fröhlich, entspannt, mit Alkohol. Erst wenig, dann mehr. Champagner für beide, dazu harte Sachen für ihn. Der Alkohol machte sie frivol. Sie tat Dinge die sie nie zuvor getan hatte. Er ermunterte sie. Jung und dumm wie sie damals war machte sie es stolz, diesem Mann zu gefallen und alles für ihn zu tun.
Bis zum Sonntag Abend. Sie kam aus der Dusche. Er saß mit einem Cognac in der Hand am Kamin. Seelig lächelnd setzte sie sich auf die Sessellehne, lehnte sich an seine Schulter und griff nach seinem Glas. Er zog es weg.
Sie hielt es für ein Spiel. Für ihn war das Spiel zu Ende. Mit wenigen harten Worten machte er Schluss. Er hatte bekommen was er wollte. Ein weiterer Posten auf seiner Abschussliste. Mehr nicht. Und nun hatte er genug.
Sie war stark, sie kam darüber hinweg, aber der Hass brannte in ihr. Später trat dann Neubert in ihr Leben. Alles beruhigte sich, sie war zufrieden, beinahe glücklich. Bis Sylvia in ihrer beider Leben trat und es auseinander riss.
Als Sylvia damals vor ihrer Tür stand und um Hilfe bat spielte das Erlebnis mit Baumgart für sie keine Rolle mehr. Es war einfach viel zu lange her. Aber dass diese Schlampe Sylvia nun gerade zu ihr gekrochen kam und sich ausheulen wollte war war nun wirklich dreist. Sie hatte ihr den Mann genommen und jetzt wollte sie Hilfe? Von ihr? Nur weil sie dachte sie hätte den beiden verziehen?
An diesem Abend brach ihr Hass auf ihren Ex und Sylvia wieder auf.
Sie machte Sylvia klar dass Männer nun mal Männer sind und Frauen entweder Frauen oder Schlampen. Und Männer tun, was Männer nun mal tun müssen und sie tun es so, wie sie es wollen. Und Frauen bekommen Kinder und Schlampen werden gefickt. Und nachdem sich ihr Frank mit ihr, der Schlampe Sylvia ausgetobt hatte und die Schlampe zum Nächsten gewandert war würde sie, Wendler, ihren Frank zurück bekommen.
Das war zu viel für Sylvia. Sie stürmte aus Wendlers Wohnung. Einige Stunden später fand man sie in ihrem Auto irgendwo im Wald. Eine Überdosis Tabletten hatte die zu erwartende Wirkung gezeigt.
Nach Wendlers Aussage, die sich an der Realität orientierte, ihre eigene Rolle aber positiver darstellte gab es keinen Zweifel mehr am Motiv des Selbstmords.
Wendler hatte mit diesem Ergebnis nicht gerechnet. Doch im Nachhinein war sie damit sehr zufrieden gewesen. Aber das wohlige Gefühl des Siegs verging mit der Zeit.
Erst als ihr Ex-Mann um einen Termin bat regten sich wieder die Erinnerungen. Die kleinen teuflischen Gedanken, damals gesät, trieben nun aus.
     Neubert stöhnte immer noch in seine Hände.
"Warum hast Du nicht die Polizei informiert?"
"Sylvia wollte es nicht. Sie wollte das alles nicht durch machen. Die Untersuchungen und die Befragungen. Es gab keine Zeugen, keine eindeutigen Beweise. Schließlich war der Sex am Anfang einvernehmlich. Ich wollte ihr ein Beruhigungsmittel holen. Aber als ich wieder ins Zimmer kam war sie weg. Das ist alles. Die Geschichte die ich der Polizei erzählt habe sollte ihre Würde schützen. Und deine. Mehr konnte ich für sie nicht tun."
"Dieses Schwein" murmelte Neubert nochmal. An diesem Tag verließ Neubert die Praxis mit gesenktem Kopf. Immer wieder brummelte "Dieses Schwein" vor sich hin.
Wendler ahnte, sie hatte gewonnen.

* * *

Eine Woche später verabschiedete Wendler die letzte Patientin. Entspannt lehnte sich sich zurück. Ihr Ex sollte heute wieder kommen. Aber wie üblich erst am Nachmittag. Sie bewegte gerade ihren Finger in Richtung Sprechanlage als Monika ihrerseits die Tür aufriss.
"Frau Doktor, Entschuldigung. Aber haben Sie es schon gehört?"
Wendler begann zu hoffen aber sie stellte sich ahnungslos. "Was gibt es denn?"
"Ihr Mann, sorry Ihr Ex..." sie blickte entsetzt und korrigierte sich erneut.
"Also Herr Neubert ist vorhin verhaftet worden!"
Endlich! Ihr Gesicht aber nahm den Ausdruck eines leichten Erstaunens an.
"Verhaftet?"
"Ja, er soll Herrn Baumgart überfahren haben!"
"Baumgart? Überfahren?"
"Ja, ich hab‘s von meiner Freundin. Die ist in der Notaufnahme im Krankenhaus. Baumgart war tot als er eingeliefert wurde und ihr Mann wurde verhaftet. Er soll es absichtlich getan haben, können sie sich das vorstellen?"
Wendler schüttelte den Kopf.
"Nein, natürlich nicht. So etwas kann man sich nicht vorstellen. Aber wollten sie nicht Schluss machen?"
Monika nickte. "Natürlich. Ich wollte es Ihnen nur mitteilen. Da sie doch nachher noch einen Termin mit Herrn Neubert haben. Äh, gehabt hätten."
Wendler nickte nur dankend. Sie wartete geduldig bis Monika die Eingangstür abschloss. Jetzt gönnte sie sich eine Gefühlsregung. Beide Fäuste knallten auf dem Tisch.
“Geschafft!”
Baumgart war tot und ihr Ex würde einige Jahre im Gefängnis verbringen. Wenn auch nicht sterben. Aber es war so einfach gewesen ihn das glauben zu machen.
Auf einen Schlag verschwand die Anspannung. Sie sank zusammen. Das Kinn in die Hände gestützt, die Ellenbogen auf dem Schreibtisch.
Teilnahmslos starrte sie auf den kleinen Blutstropfen der plötzlich auf der Tischplatte erschien. Dann noch einer, etwas größer. Aber immer noch so klein dass er nicht in viele kleine Spritzer zerplatzte. Zwei, nein inzwischen drei kleine, rote, einsame Punkte auf der weißen Fläche.
Wendler griff nach einem Stück Zellstoff und betupfte ihre Nase. Eifrig saugte das Tuch den vierten Tropfen in sich auf bevor der seinen Weg nach unten antrat.
Wendler wischte die Tischplatte ab.
Sie hatte diesen Tag erwartet. Emotionslos. Sie wusste, er würde kommen. Dass es so bald sein würde hatte sie nicht erwartet. Aber es war jetzt egal. Jeder Tag nach diesem war ok. Zeitig, aber nicht zu zeitig. Sie hatte ihr Ziel erreicht.
     Langsam, fast rituell öffnete sie die Schreibtischschublade unter der mit der Stahlkassette. Der braune Umschlag lag ganz oben. Sie zog den Packen mit den Bildern heraus und legte sie auf den Tisch. Nachdenklich legte sie den Finger auf das oberste Bild und ließ ihn über den dunklen Fleck hinter der Augenhöhle kreisen.
Ein weiterer Blutstropfen löste sich und fiel auf das Bild.
Aber es war egal. Jetzt war alles egal.




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jon
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Hallo brndmtzk,

ich habe zwar "ich habe nichts zu meckern" gewertet, aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht trotzdem was anzumerken hätte. "Formalien" das allermeiste:

* Die Leerzeilen wirken unmotiviert irgendwo zwischengeschoben; sie sind aus meiner Sicht alle störend.
* Das Wort "du" wird klein geschrieben.
* Es fehlen massenhaft Kommas.
* Die Zeichensetzung bei den drei Punkten stimmt nicht immer.


Anderes:

quote:
Es war einer dieser Tage an denen der Sommer eine Pause macht. In der Nacht hatte es geregnet. Staub und Hitze wurden davon gespült und wichen einer klaren, frischen Kühle. Jetzt, am frühen Morgen war der Himmel blassgrau und eintönig. Die Sonnenstrahlen drangen nicht durch den Dunst. Sie ließen ihn von innen heraus leuchten, aber ihre Kraft reichte nicht aus die brütende Hitze der letzten Tage zurück zubringen.

Dr. Wendler atmete tief ein. Sie blieb in der Tür stehen und genoss die belebenden Atemzüge. Die Häuser und das Straßenpflaster strahlten immer noch die Wärme der letzten Tage ab. Aber die Luft war erfrischend. Kurz entschlossen zog sie ihr Handy aus der Tasche. Seit ihrem letzten Italien-Urlaub nannte sie es für sich nur noch Telefönchen.

* waren fortgespült worden und gewichen
* "ihre Kraft reichte nicht aus die brütende Hitze der letzten Tage zurück zubringen" und "Die Häuser und das Straßenpflaster strahlten immer noch die Wärme der letzten Tage ab." erzeugt gegensätzliche Empfindungen. Ich würde ja sowieso das Wetter/Klima schwerpunktmäßig als Wahrnehmung der Wendler schreiben und den ersten Absatz kürzen.


Ab und zu stimmt die Absatzbildung beim Dialog nicht. Da du die Zuordnung Rede-Sprecher nie über "sagte er"-Konstrukte (Inquit-Formel) vornimmst, musst du da besonders sorgsam sein.

Hier zum Beispiel
quote:
Sie bedachte ihn mit einem aufmerksamen, gefühlvollen Blick den sie gekonnt mit etwas distanziertem Mitleid anreicherte.
"Lass uns reingehen."
legt der Kontext nicht zweifelfrei fest, wer das sagt.

Hier
quote:
Der Tisch war leer. Sie wollte ihren Ex-Mann nicht mit Laborbefunden und MRT-Bildern konfrontieren. Das war nicht nötig. Sie strahlte jetzt diese gefühlvolle Milde aus, die sie fast immer bei tragischen Eröffnungen verwendete.
"Deine Befürchtung hat sich leider bewahrheitet."
Ihr Gegenüber schluckte.
"Wie ernst ist es?"
sind die Reden der Form nach genau falschrum zugeordnet. Auch wenn der Kontext beim Korrigieren hilft - ich musste beim Lesen diese nachträgliche Korrektur für mich durchführen, was den Lesefluss ein wenig behinderte.


Gruß von
jon


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Da haben wir uns wohl missverstanden. Im Druck muss das mit dem Einzügen so aussehen:

Es war einer dieser Tage an denen der Sommer eine Pause macht. In der Nacht hatte es geregnet. Staub und Hitze wurden davon gespült und wichen einer klaren, frischen Kühle.
   Dr. Wendler atmete tief ein. Sie blieb in der Tür stehen und genoss die belebenden Atemzüge. Die Häuser und das Straßenpflaster strahlten immer noch die Wärme der letzten Tage ab. Aber die Luft war erfrischend. Kurz entschlossen zog sie ihr Handy aus der Tasche. Seit ihrem letzten Italien-Urlaub nannte sie es für sich nur noch Telefönchen.
   "Praxis Dr. Wendler, Schwester Monika."
   "Monika, ich bin’s. Guten Morgen. Ich komme ein paar Minuten später, ich gehe zu Fuß."
   "Sie haben gleich den Termin mit Ihrem Ex."
   Wendler verzog das Gesicht. Sie mochte diese Tonart nicht. Von ihrem Mann war sie seit über sechs Jahren geschieden. Noch bevor Monika als Sprechstundenhilfe in ihrer Praxis angefangen hatte. Arbeit und privat hatten getrennt zu bleiben. Für Monika war ihr Ex eigentlich Herr Neubert. Aber sie wollte jetzt keine Diskussion.
   "Wenn er vor mir da istKOMMA dann führen Sie ihn bitte gleich in mein Arbeitszimmer."
   Der kurze Moment der Stille offenbarte Wendler Monikas Verwunderung. Sie benutzte dieses Zimmer fast nie für Patienten. Eigentlich nur, um dramatische Dinge zu besprechen oder sehr persönliche. Doch bevor Monika etwas erwidern konnteKOMMA drückte sie das Gespräch weg.
   Ja, heute war ein wichtiger Tag. Für Siesie, für ihn und vielleicht auch noch für jemand anderes. Ein Spaziergang durch den Park statt einer Autofahrt um die ganze Stadt herum würde ihr helfenKOMMA sich zu konzentrieren. Langsam ging sie die wenigen Schritte über die Straße bis zur Loberaue.
   Ihr Blick ging über die Wiese in Richtung Schloss. Es zeichnete sich gerade so durch den Dunst ab. Sie liebte diesen AnblickKOMMA seit sie ein Kind war. Dann ging sie langsam in Richtung Park.


… es ist, wie gesagt, recht aufwändig, für die LL bei jedem Absatz den Einzug zu erzeugen und für die Abgabe des Manuskriptes zum Drucken wieder zu entfernen (geht aber schneller als das Einfügen, mit Finden/Ersetzen). Deshalb „bestehe“ ich hier auch nicht drauf, du solltest aber bei Drucklegung darauf achten, dass keine falschen Leerzeilen im Text sind.



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