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Leselupe.de > Kurzgeschichten
mädchenhaft (40)
Eingestellt am 29. 06. 2002 15:49


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Torquato
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MAEDCHENHAFT, 40 von Wilhelm Fink (www.litfink.com)

Wird uns beiden das gechlorte Wasser zu viel? Reizt es uns? Wir schlagen die Häute über die Augen. Immer wieder sind wir unterwegs: in den Single-Club, auf die Freizeit-Terrasse, in die Schwimmoper.

Ach, Sigrid. Letzten Donnerstag sah ich das erste Mal deine Schwimmkünste. Wie du auftauchst. Wie du hochkommst, an den Beckenrand. Wie du dir das Wasser aus dem Haar schüttelst. Warum pustest du so die Luft aus dem Mund? Weil sie dir fehlt: die saubere Nasenatmung. Sigrid, ich mag deine verschleierte, schleppende Stimme! Deine Stimme hat Dreher und Schleifen. Das macht mich ganz schwach. Ich bin überhaupt kirre, seit ich dich kenne und mit dir in Hamburg unterwegs bin.

Wir zappelten zwei Schritte vom Ozean. Wir stiegen in U-Bahnschächte und stritten uns. Spät am Tag saßen wir noch am Innocentia-Park auf der Bank. Viele unruhige Teufelchen tanzten am Horizont und machten in der Ferne Krach. Was zählt, ist dies: Warum sind wir immer so isoliert? Warum gibt es keinen Kreis? Du, Sigrid, immer so "nur für dich", ohne Partner.

Ich kam nicht klar. Ob sie glücklich war? Sigrid hatte drei Ehen hinter sich, immer Rechtsanwälte. Sie wartete, bis ihre Kinder schliefen und tanzte im Bocaccio. Dieses Tanzlokal mit Tangobeleuchtung, das es heute nicht mehr gibt. Ich verstand Sigrid nicht. Sie, so reizvoll, schleppte, wenn sie in der Silvesternacht sich allein fühlte, einen Mann ab. Einmal im Jahr fuhr sie nach Bayreuth. Ihr Arzt nahm sie mit. Sie trug das lange Kleid, das er ihr jedes Jahr für diese Reise schenkte. Richard Wagner. Der riß sie hin.

Wo traf ich Sigrid? In Eimsbüttel, im Club 2000. Ach, die Gruppe. Der Single-Club. "Ball der einsamen Herzen", daran mußte ich denken: so hieß mal ein Film. Und dann privat. In der hellen Etagenwohnung waren wir alle bei Eva-Maria. Sie, die kleine, füllige Witwe eines Eisenbahners, klagte: "Ich bin so sinnlich". Sie begann, allein zu tanzen. Vor uns. So ohne weiteres. Die Tahiti-Musik ("Schöne Maid, schöne Maid") war voll aufgedreht. Im Tanz berichtete Eva-Maria uns: "Er will es immer, mein Bekannter, in Afrika war er Häuptling."

Jetzt tanzte Eva-Maria heftiger. Ihre kurzen Arme, ihr Schwung, ihre Vitalität: Wie alles schwankte, im Werfen nach hinten, im Seitwärtsschwung: ihr Busen, der mich dauernd über die Statik nachdenken ließ, - warum diese Frau nicht nach vorngezogen zu Boden fiel...

Sigrid war gern unter Leuten. Im Ballhaus Barmbek tanzten wir, und ich mochte sie sehr und faßte sie am Kopf, aber sie sprach: «Man greift einer Dame nicht ins Haar!»

Sie war so blond wie möglich. Ich wollte es gar nicht glauben, daß ihr helles Haar nicht Natur war. Sie war eine Hellhaut wie sie im Buche steht, eine Norddeutsche am ganzen Körper, mit hellen Fingerkuppen an der super-schmalen Hand. Wie schnell ihr das Rot ins Gesicht schoß! Sie war behende und liebte Richard Wagner. In Krach und Schicksal saß ich brav neben ihr in der Staatsoper und wurde im Getöse immer kleiner: es gab die "Walküre".

Ich war sehr verliebt und ging am Landwehr-Bahnhof zu ihr. Ich durfte zu Sigrid nur in die Wohnung kommen, wenn ihre beiden Kinder nicht da waren. "Prinzipien", sagte sie und nahm die Rotweinflasche aus dem Schrank. Ich bekam zu trinken, aber nicht aus dem Glas. Er wurde mir, Rotwein aus Mädchenzähnen, "zugeküßt". Übermut, der mich anprustete. Sigrid brachte es mir in dieser Nacht bei, einen Schluck zu nehmen, und dann lippenöffnend im Kuß den Wein der Liebsten zuzuspielen. Austausch: Mir wurden die Knie weich.

Hatte ich zuviel Sehnsucht? Sie war verwirrend schmal, lebendig, weiblich. Gelang mir die Liebe, zog sie die Lippen kraus: Sie lobte mich nicht, sondern sprach mit ihrer gedrehten Stimme: «Haben Sie da einen Knochen?»

Ich mochte an Sigrid auch besonders ihre Telefonstimme. Wenn ich in der Devisenabteilung anrief, war es hinreißend, das "Auf und Ab" zu hören. Ein Singsang war es, östlich. Ein Steppen- und Wüstenklang. Ich war der lauschende König Salomo, fand ich, und die Stimme kam mir vor wie Batseba im Bade. Und Sigrid war frisch und hell. Im Lachen, im Nettsein: eine Zauberin des quicken, sauberen Glücks!

Sigrid, eine perfekte Hausfrau: Alles hübsch, alles frisch. Sigrids Hände waren schmal, eine Kinderhand mit zarter Kriegsbemalung auf den Nägeln. Wie diese Hände das Leben meisterten. Ein Frauenleben, das ich nicht verstand. Ich wollte mehr.

Ich warb um sie. Sie wich aus. Ich setzte ihr zu. Ich unternahm es immer wieder: sie zu gewinnen. Schließlich überwand ich mich. Was würde mir ihre Telefonstimme sagen? Ich rief sie an, in der Devisenabteilung. Ich sprach zu ihr, in angstvoller Erwartung der Antwort.

"Sigrid, wir treffen uns in der Altstadt beim Mann. Der Mann, der im Fenster sitzt beim Hämmern und Schmieden. Er legt dir Silber um den Hals. Silber für länger. Für immer."

Noch heute höre ich den schwingenden, bis ganz ins "Hoch", in das oberste Oben steigenden Ton. Sie sang ja geradezu. An das "Sie" war ich ja gewöhnt vom Rotweintrinken. Doch was sagte Sigrid zu mir? - «Nun machen Sie mal nicht so eine große Suppe daraus!»
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Der Mensch ist verloren, der keinen Zielhafen hat (aber viele sind auch schon im Hafen umgekommen)

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