Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
94 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
mein Leben als Gott
Eingestellt am 03. 03. 2002 11:58


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
streifl
M├Âchtegern-Schreiber
Registriert: Mar 2002

Werke: 4
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

mein Leben als Gott

nach drei Jahrzehnten absoluter Allmacht
m├Âchte ich nun die Gelegenheit ergreifen
Rechenschaft abzulegen
├╝ber meine Zeit als Gott

jenen Lesern die es vielleicht seltsam anmutet
da├č ein Gott es f├╝r notwendig erachtet
beziehungsweise sich dazu bereit erkl├Ąrt
Sterblichen gegen├╝ber Rechenschaft abzulegen
m├Âchte ich versichern
da├č selbst mich der Gedanke noch vor Tagen seltsam angemutet h├Ątte
dann ist mir mit einem Schlag bewu├čt geworden
da├č Gott zu sein weniger selbstverst├Ąndlich ist
als man meinen k├Ânnte
und da├č mein Leben als Gott
ebenso einer Er├Ârterung bedarf
und einer Sinnfrage
wie das eines jeden Menschen

drei Jahrzehnte Gottsein liegen nun hinter mir
und zweifelsfrei unz├Ąhlige Jahrzehnte vor mir
das bringt das Gottsein mit sich
ob einem das gef├Ąllt oder nicht
genauso wie das Menschsein den Tod mit sich bringt
ebenfalls ohne nachzufragen
ob einem das gef├Ąllt oder nicht
so wie der Mensch stirbt
lebt der Gott
und wie der Mensch lebt
stirbt der Gott
letzterer Umstand
wird aber von den meisten Menschen vernachl├Ąssigt
wenn sie ├╝ber ihre Sterblichkeit klagen
und Gott um seine Unsterblichkeit beneiden
das Leben aber der Menschen
ist gleichsam der Tod Gottes
und es hei├čt sterben
als Gott zu leben
ich wei├č das
weil ich selbst Gott war
und es immer noch bin
nach drei Jahrzehnten

ich wurde als Gott geboren
und war von Geburt an g├Âttlich
so wie es sich f├╝r einen echten Gott geb├╝hrt
und so begann mein Leben als Gott
wie man es sich als Mensch vorstellt
wenn man es sich vorstellen k├Ânnte
aber man m├╝├čte Gott sein
um sich das auch nur vorstellen zu k├Ânnen
den Menschen aber ist einzig und allein vorbehalten
sich ihr Menschsein vorzustellen
und schon damit haben sie genug zu tun tagt├Ąglich
ich hingegen hatte mir nur das Gottsein vorzustellen
und habe mir das Gottsein vorgestellt
und bin genauso g├Âttlich gewesen
wie nur irgend m├Âglich
drei Jahrzehnte lang
war ich Gott
bis ich zu dem Punkt kam
kurz vor dem endg├╝ltigen Vor├╝berstreichen des dritten Jahrzehnts
an dem ich beschlo├č Rechenschaft dar├╝ber abzulegen
├╝ber mein Leben als Gott

w├Ąre ich kein Gott
ich w├╝rde das wahrscheinlich nicht tun
und f├Ąnde nicht notwendig es tun zu m├╝ssen
an diesem speziellen Punkt meines Lebens
da ich aber Gott bin
mu├č ich es tun
und tue ich es demnach auch

mein Leben als Gott war durchaus erf├╝llt
wenn es sich in etwas erf├╝llen k├Ânnte
da es dies aber nicht kann
kommt es auch ├╝ber ein durchaus
nicht hinaus
Gott ist man nicht f├╝r sich
sondern blo├č f├╝r andere
man selbst hat gar nichts davon
au├čer da├č man Gott ist
und sich als solchen bezeichnen darf
auch wenn es niemanden gibt
demgegen├╝ber man sich so bezeichnen k├Ânnte
denn es gibt nur einen Gott
aber selbst wenn es mehrere g├Ąbe
w├Ąre es vertane Zeit
sich denen gegen├╝ber als Gott zu bezeichnen
das w├Ąre als w├╝rde man sich als Mensch
Menschen gegen├╝ber als Mensch bezeichnen
das w├Ąre unn├╝tz
hingegen k├Ânnte man sich durchaus als gl├╝cklichen Menschen bezeichnen
und kann sich aber leider nicht als gl├╝cklichen Gott bezeichnen
weil Gott ist wie Gott ist
und man auch nur den Gl├╝cklichen vom Ungl├╝cklichen unterscheiden kann
wenn es diesen gibt
da es aber nur einen Gott gibt
ist dieser wie er ist
bin ich wie ich bin
bin ich Gott

wenn ich nicht gl├╝cklich sein kann
k├Ânnte ich wenigstens g├╝tig sein
Gott ist g├╝tig
Gott verzeiht
aber ich habe gar nichts zu verzeihen
und gar nichts g├╝tig zu sein
wenn ich ehrlich bin
interessiert es mich gar nicht
was die Menschen so treiben
ich habe nichts mit ihnen zu schaffen
und sie haben
wenn sie ehrlich sind
auch nichts mit mir zu schaffen
wir leben in vollkommen getrennten Welten
sie in ihrer
und ich in meiner
und dabei leben sie um zu sterben
und ich sterbe bestenfalls um zu leben
und lebe so vor mich hin
was bliebe mir anderes ├╝brig
Gott zu sein hei├čt
alle Zeit der Welt zu haben
und nichts anfangen zu k├Ânnen damit

mein Leben als Gott ist ein Irrtum
Gott lebt nicht
Gott stirbt nicht
Gott ist blo├č
├╝ber dieses mein blo├čes Sein lege ich Rechenschaft ab
denen gegen├╝ber
den Lesern
die zu mir beten
und gar nicht wissen
es freilich auch nicht wissen k├Ânnen
und wahrscheinlich auch gar nicht verstehen k├Ânnen
da├č ich als Gott nur bin
und sonst gar nichts
ich bin
ich war
und ich werde sein
Gott

mein Leben als Gott hat nichts Urs├Ąchliches
und nichts Wirkendes
nichts Kausales
und nichts Zusammenh├Ąngendes
nicht Sinnstiftendes
Bestrafendes
Lobendes
noch sonst irgend etwas
ich bin blo├č
und w├╝nschte doch manchmal
ich m├╝├čte nicht einfach nur sein
und k├Ânnte nur einmal mehr als blo├č sein
und kann doch nur immer wieder
und andauernd
sein
die drei Jahrzehnte
die vergangen sind
genauso wie die unz├Ąhligen
die noch vor mir liegen

wer nicht stirbt
kann auch nicht leben
so lebt Gott nicht
lebe ich nicht
und habe gar kein Leben
als Gott
├╝ber das ich Rechenschaft ablegen k├Ânnte
das ist die traurige Wahrheit
die ich meinen werten Lesern mitteilen wollte
um dieses eine Mi├čverst├Ąndnis wenigstens
aus der Welt zu bef├Ârdern
da├č Gott lebt
und ich mein Leben als Gott lebe
wo ich doch nichts anderes tue
als nicht leben zu k├Ânnen
und nicht sterben zu k├Ânnen
und es mein Leben als Gott gar nicht gibt
das ist alles

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


bassimax
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 12
Kommentare: 52
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um bassimax eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

wieso gibt es gott erst seit drei jahrzehnten? wozu ist
gott dann nutze? blosses sein als selbstzweck? was ist mit
der g├Âttlichen macht der sch├Âpfung, des erschaffens? was
mit der idee das alles was es gibt die gedanken gottes sind?
wieso diese kleinheit, dieses jammern gottes, dieses unbegrenzt begrenzte?
anfangs fand ich dein st├╝ck langweilig, es erschien mir
das dich zu oft wiederholst. aber dann habe ich mich daran gew├Âhnt, fand ich es immer interessanter. zum nachdenken anregend. aber letztendlich nicht kraftvoll. weil es nicht von kraft handelt.sondern von g├Âttlichem selbstmitleid und desillusionierung.
eine ganz interessante sache
sebastian

Bearbeiten/Löschen    


streifl
M├Âchtegern-Schreiber
Registriert: Mar 2002

Werke: 4
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
ist Gott 30?

Die Frage ist einfach zu beantworten. Er ist weder 30, noch nicht 30. Und davon handelt der Text auch. Er greift eine uralte theologische Frage nach dem Sein Gottes auf. In den meisten Religionen werden Gott menschliche Eigenschaften zugeschrieben. Es steckt aber eine gewisse Absurdit├Ąt darin, dass das G├Âttliche menschlich ist. Denn wenn es menschlich w├Ąre, w├Ąre es ja kein Gott mehr. Deshalb ist der Text aus der Sicht eines Gottes geschrieben, der eigentlich nur ein 30j├Ąhriger Mensch ist, aber ebenso viel Recht hat, Gott zu sein, und zu behaupten Gott zu sein, wie jeder andere, der dies behauptet. Der Text steht ja auch unter Satire, weil er absurd ist. Die Konstruktion jedoch ist er sehr genau durchdacht und tangiert etliche Fragen, die man sich zu Gott stellen k├Ânnte. Aber eigentlich wollte ich mit diesem Text nur am├╝sieren. Ein gewisses Am├╝sement bleibt aber wohl denen vorbehalten, die mich kennen, weil ich mich nicht nur im Allgemeinen ├╝ber etwas lustig mache, sondenr im Besonderen auch ├╝ber mich selber.

Bearbeiten/Löschen    


Bruno Bansen
Guest
Registriert: Not Yet

Absurd...

Ja, absurd, herrlich absurd das Teil! Satire in Reinkultur. H├Âchst unterhaltsam aber keine Klamotte und wirklich gut zu lesen. Solche Texte geh├Âren hier rein. Solche Texte k├Ânnen Ansporn und Vorbild sein und sind es wohl auch! Prima gemacht, herzlichen Gl├╝ckwunsch.

Gr├╝├če.

Bruno

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!