Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5471
Themen:   93003
Momentan online:
288 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Lange Texte
memoiren 2. kapitel
Eingestellt am 08. 09. 2001 18:32


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 279
Kommentare: 8215
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil


Ida Seele

Zeit ihres Lebens nannte ich sie Oma. Nun ich aber - im Alter von ├╝ber f├╝nfzig Jahren - nicht mehr gewillt bin, die Vergangenheit zu verdr├Ąngen, kann ich diese Frau nur noch Ida nennen, denn heute wei├č ich, da├č sie mir keine Liebe gegeben hat, sondern da├č ich f├╝r sie nur eine Besch├Ąftigung war. Immer wieder lie├č sie es mich sp├╝ren, da├č ich nur eine Last f├╝r sie war; zu allem zu d├Ąmlich, f├╝r alles zu klein, ein nutzloser Esser und obendrein noch laut. Ich verdr├Ąngte die Erinnerung an diese Frau, um sie nicht hassen zu m├╝ssen. Wie in einer Zwingburg eingekreist von ihrem "Det d├╝rfst de nich!", "Det sollst de nich!", "Det macht man nich!" und "Det brauchste nich!" wurde ich ein entscheidungs-unf├Ąhiger Mensch. Insbesondere hatte sie sehr radikale Vorstellungen davon, was ein M├äDCHEN darf und was nicht. Daher w├╝nschte ich mir nichts sehnlicher, als ein Junge zu sein. Jungs durften fast ebensoviel wie Erwachsene (nach dem, was ich aus Idas ├äu├čerungen heraush├Ârte). Ich wurde von allen Seiten bevormundet und gedem├╝tigt, und ich hielt das f├╝r ganz normal. Es war mein Leben, ich hatte kein anderes, bis ich mir - bereits im Alter von vier Jahren - eine Traumwelt erfand, in der alles anders und vor allem besser war, weil ich selber darin nicht vorkam.
Als ich noch sehr klein war, war Ida der Umgang mit mir angenehm. Da war ich noch niedlich in meinem Kinderwagen, wo ich - in dem Alter, wo die sich normal entwickelnden Kinder laufen lernen - gew├Âhnlich angebunden wurde, damit ich nicht hinausfalle. Auch in der Wohnung hatte ich stunden-lang im Wagen zu sitzen. Laufen lernte ich durch Gerda, Irma und Waltraud. Ida war es zu m├╝hselig, weil sie sich h├Ątte b├╝cken m├╝ssen, um bei den Gehversuchen meine H├Ąnde zu halten.
Die Pr├╝gelstrafe war f├╝r sie das Nat├╝rlichste der Welt. In der Bibel steht: "Wer seine Kinder liebt, der z├╝chtigt sie!" Als Dreij├Ąhrige versuchte ich einmal, ihr bei der K├╝chenarbeit zu helfen. Sie wollte etwas aus der Speisekammer holen und ich wollte in der Zeit den Pudding umr├╝hren, wie ich es bei ihr gesehen hatte. Aber ich reichte nicht so recht an den Topf heran und ri├č ihn versehentlich vom Herd, wobei mir der hei├če Pudding die Haut verbrannte. Aber damit war ich noch nicht genug ge-straft. Ida nahm den Rohrstock und schlug auf mich ein, bis ich wimmernd am Boden lag. Dann trat sie mich mit F├╝├čen, bis sich ihre Wut ├╝ber den Verlust des leckeren Puddings gelegt hatte.
Auch in den folgenden Monaten und Jahren drohte sie immer: "Wenn de nich aatich bist, denn sosste ma seehn, do, denn kannst de dein blauet Wunda aleehm, denn kannste dir aba freun, do, ick hau dir mit de Hand vakehrt in de Fresse, det die rote Suppe schpritzt!"
Nat├╝rlich habe ich Ida, Gerda, Irma und Waltraud sehr geliebt. Sie waren meine Fa-milie, ich kannte ja niemand anderes, und vermi├čte daher auch nichts. Namentlich meinen Va-ter habe ich nie vermi├čt, zumal ich sp├Ąter von anderen Kindern immer wieder h├Ârte, da├č V├Ąter nicht so lieb und "in Ordnung" sind wie M├╝tter. Ich war der festen ├ťberzeugung, da├č es in anderen Familien genauso war wie bei uns. Kinder, die keine Oma hatten, habe ich heftig bemitleidet, und andere, die zwei Omas hatten, ebenso hef-tig bewundert und begl├╝ckw├╝nscht.
Oft kletterte ich auf Idas Scho├č, um mit ihr zu schmusen. Ihre Gesichtshaut war so zart und weich; ich wurde nicht m├╝de, sie zu streicheln und zu k├╝ssen. Doch schon nach kurzer Zeit schob sie mich von sich und sagte mit ├Âliger Stimme: "Na, du alte Schmierkatze, schmier man nich so dicke, sonst haste morjen nischt mehr." Dann wu├čte ich, da├č die Minuten der gn├Ądig entgegengenommenen Liebkosungen vor├╝ber waren und wandte mich meinem Spiel-zeug oder meiner Traumwelt zu.
H├Ąufig wurde ich von Waltraud oder Gerda ge├Ąrgert. Wenn ich dann weinte, pflegte Ida in einem gewissen Singsang zu sagen: "Weene man nich, weene man nich, in de R├Âhre schtehn Kl├Â├če, die siehst de blo├č nich!" Dann weinte ich noch heftiger, weil ich mich ver├Ąppelt f├╝hlte, und Ida war ├Ąrgerlich.
Nahm die Streiterei mit Waltraud kein Ende, weil ich mich im Recht f├╝hlte, sagten Ida und Gerda zu mir: "Mann, eh, der Kl├╝jere jibt nach!" Waltraud war sechs Jahre ├Ąl-ter als ich, aber ich sollte der Kl├╝gere sein und nachgeben! Es war f├╝r mich der Gipfel der Ungerechtigkeit, da├č nicht die ├ältere, die obendrein der Angreifer war, sondern ich nachgeben sollte. Heute hoffe ich, da├č Waltrauds Gez├Ąnk den Erwachsenen so kleinlich und l├Ącherlich erschien, da├č sie es nicht der M├╝he wert hielten, sie zu ermahnen. Ich habe sehr darunter gelitten, da├č Waltraud mich immer wieder ungestraft mit h├Ą├člichen Worten angriff.
Wenn Ida mir auf meine Fragen antwortete, dann meist mit Umschreibungen der Tatsachen oder g├Ąnzlich abweisend. Und ich hatte viele Fragen! Doch wenn ich diese Fragen dann an Gerda oder Waltraud richtete, bekam ich ├Ąhnliche Antworten wie von ihr (sie waren ja auch von Ida erzogen worden und wu├čten es nicht besser). So blieb ich unwissend und man am├╝sierte sich k├Âstlich dar├╝ber, da├č ich mit sieben Jahren noch an den Osterhasen, den Weihnachtsmann und den Klapperstorch glaubte und diese Ge-sch├Âpfe gar heftig verteidigte, wenn jemand ihre Existenz anzweifelte.
Die ganze Familie fand es sehr niedlich, wenn ich in Babyworten sprach. Deshalb hatte ich mir diese Sprechweise richtig fest angew├Âhnt. Ich wollte, da├č man mich lieb hat und man hatte mich lieb, wenn ich so plapperte. Ich merkte nicht, da├č ich in Wahr-heit ausgelacht wurde.
Irma korrigierte meine Sprechweise, und ich ha├čte sie daf├╝r, ich glaubte allen Ern-stes, da├č sie mir die Zuneigung nicht g├Ânnte! Noch im Alter von acht Jahren sprach ich manchmal "Babylatein", wenn ich erreichen wollte, da├č Waltraud mit mir spielt.
War Waltraud nicht zu Hause, bat ich Ida, mit mir zu singen oder zu spielen. Mit dem Singen klappte es manchmal, meist sagte sie jedoch: "Mir is nich nach sing zumu-te." Oder sie stimmte ein Lied an, welches mir nicht gefiel: "Kommt de Panje Stadt hin-ein, ist so dreckig wie ein Schwein, dobsche, dobsche, dralla . . ." Ich erfuhr von Irma, da├č "Panje" ein Pole ist, aber ich bezweifelte, da├č alle Polen dreckig sind, denn auf ei-ner unserer Familienfeiern hatte Alfred gesagt: "Man kann nich ne janze Natzjon ├╝ba een Kamm scheern. Et jibt ├╝baall so ne und solche." Und ich wu├čte, da├č Polen und Frankreich die den deutschen Landen zun├Ąchst gelegenen Nachbarn sind. Mit Nachbarn stellt man sich "auf guten Fu├č"; ich wunderte mich, da├č Ida f├╝r die ├Âstlichen Nachbarn nur b├Âse Worte hatte - in unserem Haus und auch in den benachbarten war sie bestrebt, in Frieden und Freundschaft zu leben. Aber die Polen waren f├╝r sie nur "Pollackn", die Franzosen jedoch ein achtbares Volk.
Mit mir zu spielen lehnte sie fast immer ab unter dem Hinweis auf ihr hohes Alter. Sie war sehr stolz darauf, so alt geworden zu sein und immer noch "r├╝├čtich un fideel". Alle Bekannten und Verwandten sprachen ihr Komplimente f├╝r ihre aufrechte Haltung und ihren regen Verstand aus. So war sie damals f├╝r mich die liebste, beste und sch├Ân-ste Oma der Welt.
Ich war vier Jahre alt, als wir wieder einmal nach Pankow fuhren, um Gerda zu be-suchen. Wir mu├čten sehr lange auf den Bus warten. Wir standen dicht an der Bord-steinkante, weil Ida als erste einsteigen wollte, um einen Sitzplatz zu bekommen. Da sie mich zum Stillstehen zwang, begann ich, mir ein M├Ąrchen auszudenken und war bald tief in meine Tr├Ąumerei versunken. Als der Bus urpl├Âtzlich direkt vor meiner Nase hielt, erschrak ich derart, da├č ich aufschrie. Ida wunderte sich lautstark: "Du bl├Âdet Kamel, wat aschrickst du dir denn so? Wir sin doch schon efta mit den Bus jefahn!" Ich zitterte immer noch. Sie sagte: "Mein Jott, du hast aba ooch vor allet Angst! Wat soll dadraus blo├č noch wern!" Als ich mich beruhigt hatte, erz├Ąhlte ich ihr, da├č ich mir gerade so ein sch├Ânes M├Ąrchen ausgedacht hatte. Daraufhin nannte sie mich eine "alte Dr├Âmd├╝te".
Kurz vor meiner Einschulung besuchte uns eine Amtsperson, um zu sehen, wie Ida - die ja immerhin die siebzig weit ├╝berschritten hatte - mit mir klarkam. Ida f├╝hrte sie autorit├Ąr in die Stube und schlug mein Bett auf, damit die Amtsperson sehen konnte, da├č sich keine dreckige W├Ąsche darin befindet, wie bei "anderen Leuten". Aber das wollte die Frau gar nicht wissen. "So?" meinte Ida, "denn jehn wa in de Kiche, da k├Ânn wa redn." Nun mu├čte Ida Fragen beantworten, auf welche sie nicht vorbereitet war. In der DDR gab es andere Kriterien als zu je-ner Zeit, wo sie Gerda bzw. Irma in ihre Ob-hut nahm. Unter anderem wurde sie gefragt, ob ich gestillt wurde? "Ja", kr├Ąhte ich, "Oma saacht imma, det ick leise sein soll!" Die Frau lachte: "So ist das nicht gemeint." Ida wollte mich aus der K├╝che weisen, aber die Frau sagte: "Es ist in Ordnung, wenn die Kleine ihre Meinung sagt." Sp├Ąter - nach einem mir endlos erscheinen-den Gespr├Ąch - richtete sie die Frage an mich, wie es mir denn bei der Oma gef├Ąllt? Ich ├Ąu├čerte nur Lobendes. Sie bohrte weiter und wollte unbedingt etwas Negatives h├Âren. So sagte ich schlie├člich weinerlich, da├č Ida abends im Bett immer noch lange liest und ich bei Licht nicht einschlafen kann. Als die Frau gegangen war, verdrosch Ida mich f├╝r diese Worte und sagte: "Du krist jetz nich mehr von allet wat ab!" Mir blieb "die Spucke weg" - war es vorher anders? Dann suchte ich mich zu verteidigen: "Die Tante hat doch solange jefraacht un du hast imma jesaacht, det ick jehorchn soll, wenn Awachsne wat wolln!" und ich weinte mir die Augen aus.
Schon als Siebenj├Ąhrige schickte sie mich, das Grab ihres Mannes (in welchem auch andere Familienmitglieder begraben waren) zu gie├čen. Ich go├č die Pflanzen, denn ich kannte die Menschen nicht, die hier begraben wurden. Sp├Ąter sah ich mich auf dem Friedhof um. Da waren viele Gr├Ąber, die nicht gepflegt wurden. Das stimmte mich trau-rig. Sah ich auf Gr├Ąbern pflegebed├╝rftige Pflanzen, go├č ich sie. Wenn ich ausgeschickt war, die Pflanzen auf dem Grab eines mir unbekannten Mannes zu gie├čen und erst zum Glockenl├Ąuten zur├╝ck erwartet wurde, warum sollte ich mich dann nicht auch umse-hen? Einmal fragte mich eine Witwe, in welcher Beziehung ich zu ihrem Manne stand? Ich sagte, da├č ich nur die Blumen gie├če, damit sie nicht eingehen, denn sie sind ja so sch├Ân, m├╝ssen aber fast t├Ąglich gegossen werden. Ich f├╝gte hinzu, da├č ich auf dem ge-samten Friedhof alle Blumen mit Wasser versorge. Nach diesem Gespr├Ąch unterlie├č ich es, fremde Gr├Ąber zu begie├čen.
Oft sagte Ida: "Der Mensch kann allet, er mu├č nur wollen!" Aber ebensooft sagte sie auch: "Kinder haben jar nischt zu wollen!" So dokumentierte sie unbewu├čt, da├č Kinder in ihren Augen keine Menschen sind.
Nachdem ich lesen gelernt hatte, wurde ich ein eifriger Leihbibliotheksbenutzer. Die Bibliothek befand sich nahe der Schule. Ich lieh mir u.a. auch das M├Ąrchen "Die zw├Âlf Monate" aus. Als ich es zur H├Ąlfte gelesen hatte, kam Ida in die Stube und fragte: "Wat schm├Âkerste denn da?" Ich antwortete unwillig: "N russischet Volksm├Ąrchn." Ida schnob ver├Ąchtlich durch die Nase. Da tat es mir leid, da├č ich so abweisend reagiert hatte und wollte die liebe Oma aufheitern. Ich kicherte: "Wee├čte wat, die Russn nenn ihrn K├Ânich "Majescht├Ątt!" Ich war ├╝berzeugt davon, das Wort korrekt ausgesprochen zu haben. Ida sagte unwirsch: "Det hat dir janich zu intressiern, wie die Russn ihrn K├Â-nich nenn!", ohne mir zu erkl├Ąren, da├č das "sch" in diesem Wort nichts zu suchen hat. Das erfuhr ich dann von Irma, als ich sie mit dem selben Satz zum Lachen bringen woll-te. Da ich das Wort nicht kannte, hielt ich es f├╝r l├Ącherlich. Wer wei├č, wieviele Fehler dieser Art ich noch begangen hatte!
├ťber meinem Bett hing ein Familienfoto von 1910, wo die gesamte Familie Seeger abgebildet war, meine Gro├čeltern, sechs junge M├Ądchen und zwei junge M├Ąnner. Einer davon war mein Vater. Ich glaubte anfangs, da├č die M├Ądchen alle den gleichen Hut tru-gen, dann sagte Waltraud: "Kiek ma richtich hin, det sin Z├Âppe, die haam se sich so jeschickt um n Kopp jewickelt, det det nu wie n Hut aussieht!" So war es auch, aber ich konnte mir nicht vorstellen, da├č man so lange und dicke Z├Âpfe haben kann. Die Mutter auf dem Bild wirkte abgeh├Ąrmt, der Vater m├╝de, die jungen M├Ąnner stolz und zufrie-den, die jungen M├Ądchen unwirsch, m├╝rrisch und verbittert. Immer wieder lie├č ich mir erkl├Ąren, wer wer war, denn ├╝ber diese Fotografie redete Ida gern, bis sie mich eines Tages abwies: "So langsam m├╝├čteste det alleene wissn."
├ťber Idas Bett hing die Reproduktion eines Gem├Ąldes. Ida nannte es "Der Mohr von Venedig". Es zeigte den Festsaal eines vornehmen Hauses. In der Mitte stand auf einem Podest ein Prunksessel, auf welchen sich ein edel gekleideter Mann mittleren Al-ters in hochm├╝tiger und zorniger Haltung st├╝tzte, ein paar Schritte vor ihm stand ein ebenso edel gekleideter Schwarzer, die H├Ąnde anklagend und bittend erhoben, und am linken Bildrand stand eine Blondine in einem zauberhaften Brautkleid. Der Schleier war ihr vom Kopf gerissen worden und lag fast zu ihren F├╝├čen (die unz├Ąhligen R├╝schen hatten ihn festgehalten), und sie weinte in ihre H├Ąnde, die sie vor das Gesicht gelegt hatte. Ich fragte Ida nach der Bedeutung des Bildes und sie sagte: "Det bedeutt, det ne Wei├če keen Neeja heiratn soll, sowat bringt nur Unjl├╝ck."
Als ich zw├Âlf Jahre alt war und Ida schon seit l├Ąngerem fast gar nicht mehr mit mir sprach, war ich ihr nicht mehr so zugetan. Sie erteilte nur noch Anweisungen: "Jeh inn-koofn!" - "Komm essn!" - "R├Ąum det wech!" - "Jeh schlafn!" Sehr selten richtete sie andere Worte als diese an mich. Es gab nichts, wor├╝ber wir miteinander h├Ątten reden k├Ânnen. Sie wies mich stets ab, wenn ich von meinen Erlebnissen erz├Ąhlen wollte. Sie waren ihr unwichtig und l├Ąstig.
Ida benutzte viele ungebr├Ąuchliche Formulierungen. Z.B. hie├č die Kasserolle bei ihr "Kastrolle", die Fu├čbank "Hutsche", die Hausschuhe "Mauken", die F├╝├če "Quanten", der Kopf "Omme" und jeglicher Schmetterling "Mottnschei├ča" (jegliches Insekt - au├čer den Bienen - galt ihr als Ungeziefer). Hielt sich jemand bei einer T├Ątigkeit ungeb├╝hrlich lange auf, dann tat er es "bis Unnepfingsten". Gegenst├Ąnde jeglicher Art hie├čen bei ihr "Bagaasche" oder "Rabeiken", und mit "Penunse" bezeichnete sie einen hohen Geld-betrag. Ein Karventsmann wurde bei ihr zum Karenzmann, der Veitstanz zum Feixtanz, an ihrem Kopftuch hatte sie Franjen anstatt Fransen und Kranke schickte sie in Qua-rankteene. Wenn jemand in einem "M├╝llj├Âh" (Milieu) lebte, sollte man keinen Umgang mit ihm pflegen.
Ich war etwa 13 Jahre alt, als Ida der Grete L. ihr Leid ├╝ber meinen Wissensdrang klagte. Grete L. stauchte mich t├╝chtig zusammen und gebot mir, die liebe Oma in Ruhe zu lassen. Sie schlo├č mit den Worten: "Wat willst du eijentlich von die alte Frau?" Da-mals warf ich nur den Kopf zur├╝ck und schwieg. Ich war nicht in der Lage, meine An-klage in Worte zu fassen. Mir ging durch den Sinn: Ich will die Wahrheit! Ich will zu meiner Mutter und zu meinen Br├╝dern! Ich will eine richtige Schwester sein d├╝rfen und nicht nur eine Adoptivcousine haben, die h├Âher geachtet wird als ich! Ich will die Liebe meiner Mutter und nicht diese grauenhafte Bevormundung durch eine Tante und den Personen, die ihr genehm sind! Ich will mein Leben! Wenn ich all dies damals herausge-schrien h├Ątte, h├Ątte Grete L. mir empfohlen, einen Arzt aufzusuchen, denn ich hatte es doch so gut bei Oma Seele. Ich hatte ein sauberes Bett, satt zu essen und saubere, un-besch├Ądigte Kleidung. Mehr braucht ein Mensch nicht. Erst recht nicht, wenn man nur ein Kind ist. Ich h├Ątte gl├╝cklich sein m├╝ssen ├╝ber dies sch├Âne Leben. Was wollte ich also? Es h├Ątte nur eines Satzes bedurft: "Wenn sie mich schon von meiner Familie trennte, dann soll sie sich gef├Ąlligst auch mit mir besch├Ąftigen!" H├Ątte ich diesen Satz ausgesprochen, w├Ąre mir geantwortet worden: "Wat hast du schon for ne Famielje!"
"Christa" war damals ein Modename. Also riet Grete L. dazu, denn ich war ja "kurz nach Weihnachten" - am 30. Januar! - geboren worden. Die Taufe fand sp├Ąter statt. Meine Mutter wollte, da├č ich Rhebecka hei├čen sollte. Es war Januar 1944, keine Be-h├Ârde gab dem statt. In den Kriegswirren wurde ich letztendlich - mit Grete L. als Tauf-patin - auf die Namen Christa Marie (wegen Weihnachten) und Elli (nach meiner Mut-ter) getauft. Es ist der blanke Hohn. Erst das Kind der Mutter wegnehmen und dann ihren Namen in falscher Schreibweise weiterreichen! Ich besitze den Taufschein meiner Mutter. Darauf steht: "Elly". Ich k├Ąmpfe noch heute um das im deutschen ungew├Âhnli-che "Y". Ich will es. In meinem Namen, im Namen meiner Mutter und im Namen ihrer Namensgeber. Ich habe ein Ypsilon. Und ich h├Ątte viel lieber "Rhebecka" gehei├čen. Das ist ein wohlklingender Name, der dar├╝berhinaus in der biblischen Geschichte zu finden ist. Der Name Christa ist in meinen Augen nichts weiter als fr├Âmmlerisches Getue. Mei-ne Br├╝der h├Ątten sich dann zwar einen einen anderen Reim einfallen lassen m├╝ssen als "Christa, die pi├čt da", aber ich h├Ątte gewi├člich diesem Reim ebenso gelassen gegen-├╝bertreten k├Ânnen wie jenem. Es f├Ąllt mir ├╝brigens gar kein ebenso negativer Reim auf "Rhebecka" ein, obwohl ich mich redlich darum bem├╝he.
Abschlie├čend kann ich nur sagen, da├č Ida mich um meine Eltern und um meine Br├╝-der betrogen hat. Wenn es nach ihr gegangen w├Ąre, h├Ątte ich nie von ihnen erfahren. Mein Vater hatte mich an sie verschenkt. Er hat nie ein Wort mit mir gesprochen. Erst kurz vor seinem Tod versuchte er, mit mir zu reden. Meine Mutter hatte keine Rechte nach dem Vater. Meine Br├╝der waren in Idas Augen derart minderwertig, da├č ich von ihrer Existenz erst erfuhr, als sie aus dem Heim ausrissen und ausgerechnet bei ihr Schutz suchten. Und als ich bei Waltrauds Einsegnung nicht mit in die Kirche durfte, zerflatterte auch das Band des Glaubens im Winde. Ich bin bem├╝ht, mich an Idas Positi-va zu erinnern. Sie war freigebig, gro├čz├╝gig und gutm├╝tig. In den Grenzen ihres Bud-gets. Ich erkenne, da├č ich damals zuviel verlangt hatte. Ich wollte, da├č jemand meine Fragen beantwortete, da├č man mir die Welt erkl├Ąrt, da├č man mit mir singt, mit mir spielt und mich lieb hat. Nichts davon hat Ida mir gegeben. Sie hat mich nur gef├╝ttert, gewindelt und im Krankheitsfalle gepflegt. Was wollte sie nur von mir? Nachdem sie feststellte, da├č ich zu allem zu klein, zu dumm und zu unbeholfen bin, h├Ątte sie mich doch zu meiner Mutter zur├╝ckgeben k├Ânnen! Ich war ihr doch zu nichts n├╝tze! Sie sprach ja letztendlich kaum noch mit mir! Was sollte ich noch bei ihr? Ich verstehe es nicht.
Ich sehe ja ein, da├č meine Mutter mit dem Altstoffhandel meines Vaters einiges um die Ohren hatte, da├č ihr auch meine Br├╝der einiges zu schaffen machten - so sind Kin-der eben - aber das ist doch kein Grund, ihr das dritte Kind zu "ersparen", indem man es ihr wegnimmt!
Irgendwann hatte ich (etwa siebenj├Ąhrig) den Mut, die Ida zu fragen: "Warum haste mir denn aus de Schalottnburja jeholt?" und sie antwortete: "Weil du n Meechn bist."
Ich folgerte: Wenn ich ein Junge gewesen w├Ąre, h├Ątte Ida mich nicht zu sich geholt. Mein Wunsch, ein Junge zu sein, stieg ins Unerme├čliche.




__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 87
Kommentare: 1122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Willi Corsten eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe oldicke,
nun habe ich auch dieses Kapitel deiner Lebenserinnerungen gelesen. Wiederum sch├Ân und anschaulich geschildert. Gef├Ąllt mir sehr.
Kritikpunkte:
ÔÇ×Ich hatte viele Fragen...ÔÇť Achtung Doppelung.
Die Stelle mit dem Namen kam mir etwas zu ausf├╝hrlich vor.
Ganz toll hingegen der Witz mit dem Stillen. Hab laut gelacht.

Lieb gr├╝├čt dich
Willi

Bearbeiten/Löschen    


eufemiapursche
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Aug 2001

Werke: 111
Kommentare: 397
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um eufemiapursche eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Genuss

Guten Morgen, liebe Oldicke!

Habe zum Sonntagsfr├╝hst├╝ck gleich beide Kapitel deiner Memoiren mit Genuss gekostet!

Wie Willi schon festgestellt hat, schilderst du die Szenen lebendig, eindr├╝cklich, machst Appetit auf "meeeeeeehr!"
Das Einflie├čen des Berliner Dialektes in die Dialoge, in der Beschreibung der kleinen allt├Ąglichen Szenen: toll!

M├Âchtest du die Memoiren eher aus deiner Sicht weiterschreiben, oder sollen sie ein Bild der Familien widerspiegeln? Dann (aber nur dann!) w├╝rde ich im Kapitel von "Oma" Ida deine Erz├Ąhlperspektive noch mal etwas ├╝berarbeiten und aus deinen vielen "ich" die kleine Christa ab und zu in der 3. Person denken, sprechen und handeln lassen. Ist bestimmt schwierig, weil Christa ja selbst Hauptakteurin dieses Kapitels ist. Im ersten Kapitel ist es dir leichter gelungen, nach deiner pers├Ânlichen(genialen!) Einf├╝hrung, die ich vergn├╝gt grinsend genossen habe, die Handlung an Mutter und Vater weiterzureichen.

Da du das Folgekapitel Ida gewidmet hast, ├╝berleg mal, ob dir das sinnvoll erscheint.

Wann gibt es die Fortsetzung?? Ich schaue jetzt bestimmt h├Ąufiger vorbei um nachzuschauen...

Lieber Gru├č

Femi

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 279
Kommentare: 8215
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
vielen dank,

lieber willi, liebe femi. sch├Ân, da├č es euch gef├Ąllt. liebe femi, ich hab die sachen schon seit jahren im compi und wie versprochen rede ich in den nachfolgenden kapiteln ├╝ber die komplette verwandschaft und n├Ąhere bekanntschaft. es hat mir schon mal jemand gesagt, da├č das ungew├Âhnlich ist, aber ich halte es f├╝r genau richtig. ich will nicht chronologisch erz├Ąhlen. dann k├Ąme ich n├Ąmlich vom hundertsten ins tausendste und f├Ąnde ├╝berhaupt kein ende und auch keine gliederung. ich sorge gleich f├╝r nachschub. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


eufemiapursche
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Aug 2001

Werke: 111
Kommentare: 397
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um eufemiapursche eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ja, unter dem Aspekt das kann ich gut nachvollziehen.

liebe Gr├╝├če auch zur├╝ck.

Ich freue mich auf den "Nachschlag".

Femi

Bearbeiten/Löschen    


leonie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo oldicke

auch ich habe diesen text wiedermal genossen. das berlinern darin lockert das ganze sch├Ân auf, manchmal h├Âre darin wieder meinen onkel, der viel berlinerte, was uns kinder viel spa├č machte.
ganz liebe gr├╝├če leonie

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Lange Texte Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!