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Leselupe.de > Lange Texte
memoiren 3. kapitel
Eingestellt am 09. 09. 2001 13:01


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flammarion
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Waltraud

Sie wurde Waltraud, Trautchen, Traudel, Trauteken oder Walle gerufen, je nachdem, wer nach ihr verlangte.
Ida hatte mich zu sich geholt, damit Waltraud nicht allein sei. Ich vermute, da├č Ida mich lediglich sauber hielt und mir die Mahlzeiten verabreichte, alles ├╝brige blieb Waltraud und anderen ├╝berlassen. Nat├╝rlich konnte Waltraud sich nicht den ganzen Tag mit mir besch├Ąftigen, so wurde ich oft im Kinder-wagen auf den Balkon geschoben, wo ich mich in den Schlaf schrie. Ich schrie, weil ich zu fest gewickelt worden war. Ida wollte verhindern, da├č ich mich blo├čstrample und mir eventuell eine Erk├Ąltung zuzog, deshalb legte sie die Windeln so fest an, da├č ich im Endeffekt einen leichten H├╝ftschaden davontrug.
Waltraud war diejenige, von der ich das meiste lernte in meinen fr├╝hen Kindertagen. Ihrer Obhut war ich st├Ąndig anvertraut. Ich vermute, da├č sie mich anfangs sehr gern hatte, denn ich habe noch Idas Keifen im Ohr: "Wi├čte woll det schweere J├Âr nich imma├ču rumschleppn, du kri├čt n krummet Kreutz davon!!!"
In jener Zeit sang Waltraud mit mir alle einschl├Ągigen Kleinkinderlieder, wobei sie mich in ihren Ar-men wiegte. Das war f├╝r mich die reine Wonne. Manchmal fiel Ida mit ein in ein Lied, das war dann der H├Âhepunkt des Wohlbefindens f├╝r mich. Ich hatte in diesen Minuten den Eindruck einer vollkommenen Harmonie und war sp├Ąter immer wieder bestrebt, eine ├Ąhnliche Situation herzustellen. Wenn jemand mit angenehmer Stimme sang, hatte er bei mir schon einen riesigen Vorteil allen anderen gegen├╝ber.
Da Waltraud meine Herkunft nicht erkl├Ąrt wurde, hielt sie mich anfangs f├╝r ihre Schwester und ent-wickelte gro├če Z├Ąrtlichkeit f├╝r mich. Als ihre Mutter sie einige Jahre sp├Ąter daf├╝r auslachte, schlug dies Gef├╝hl ins Gegenteil um.
Nachdem Gerda ihren Alfred geheiratet hatte und sie in eine sch├Âne gro├če Wohnung einzogen, durfte Waltraud wieder zu ihrer Mutter zur├╝ck. Aber sie sperrte sich mit allen Mitteln gegen den Stiefvater - sie hatte mit dem wachen Verstand des Kindes seinen wahren Charakter durchschaut -, soda├č ein "Familien-leben" unm├Âglich war. Sie wurde nach wenigen Monaten wieder zur "Oma" zur├╝ckgebracht.
Inzwischen war mein Kinderbett ausrangiert, weil ich ihm entwachsen war und mir wurde Waltrauds Bett als Schlafstatt zugewiesen (da bin ich anfangs oft hinausgefallen. Anfangs lachte mich Ida gemein-sam mit Grete L. daf├╝r aus, da├č ich aus dem Bett fiel und weiterschlief. Zuletzt zog ich die Zudecke so mit mir, da├č ich weich fiel. Das wurde freundlich bel├Ąchelt.) Nun sollten wir beide in diesem Bett schla-fen. Das machte mir nichts aus, nachdem ich daran dachte, da├č bei Familie L. die Kinder sogar zu dritt in einem Bett schliefen! Es war Waltrauds Bett. Ich freute mich dar├╝ber, da├č Waltraud wieder bei mir war. Sie w├╝rde wieder mit mir singen! Ich war inzwischen egozentrisch. Stets hatten Ida, Grete L., Doris L. und Gerda mich angewiesen, mich "um mir selba zu k├╝mman", soda├č ich mir meine eigene Welt erschaf-fen hatte. Waltraud war mein Tor ins Diesseits, denn ich sp├╝rte, da├č Ida sich selber schon lange "abge-schrieben" hatte und mir war beigebracht worden, da├č Irma nichts taugte. An sie durfte ich mich eigent-lich nicht wenden mit meinen Fragen. Gerda hatte keine Zeit. Ihre Gr├╝nde kannte und akzeptierte ich. Sie war jung und wollte das Leben genie├čen. Sie hatte keine Zeit f├╝r mich; sie hatte ja nicht mal Zeit f├╝r ihre Tochter! Um so mehr freute ich mich ├╝ber jedes Geschenk von ihr: Bekleidung, S├╝├čigkeiten, Spiel-zeug, B├╝cher.
Waltraud war lange Zeit mein Halt. Aber sie wollte es nicht sein. Sie wollte nicht Verantwortung auf-diktiert bekommen. Ich war nicht ihre Schwester. Ich war eigentlich eine Fremde f├╝r sie. Vielleicht hatte sie sogar schon Parallelen gezogen zwischen ihrer Mutter und Irma sowie zwischen ihr und mir und eine ├Ąhnliche Entwicklung bef├╝rchtet. Eigentlich trennten uns Welten. Ihre Mutter war Idas Adoptivtochter, also war sie Idas Enkelin. Ich war Idas Nichte. Wie hat hat sie wohl meine Anwesenheit erkl├Ąrt? Wal-traud hatte ja nicht wie Gerda das Vergn├╝gen, sich ein Geschwisterchen aussuchen zu d├╝rfen!
Als Gerda ihre Tochter wieder bei Ida abgeben mu├čte, verabschiedete sie sich ganz lieb und lange. Ich sah atemlos zu und konnte dem Geschehen kaum folgen, denn es gab keinen besseren Ort f├╝r Wal-traud, als bei Oma! Warum mu├čte sie nun wieder und wieder gek├╝├čt werden von ihrer Mutter? Es sah ja fast so aus, als ob einer von den beiden stirbt! Gerda wollte vor Alfreds R├╝ckkunft in der gemeinsamen Wohnung sein, so blieb uns Kindern Zeit zum Spielen. Ich wunderte mich, da├č Waltraud so still und zu-r├╝ckhaltend war. Dann gab es Abendbrot, danach wurden wir zu Bett geschickt. Waltraud h├Ątte das Bett gern f├╝r sich allein gehabt, aber sie mu├čte sich f├╝gen. Ihr einziger Trost war, da├č sie eine eigene Zudecke hatte. Ich schlief gleich ein und erwachte erst morgens. Ich stellte mit Entsetzen fest, da├č das Bett na├č war. Ida schimpfte und verdrosch mich. Sie war fest ├╝berzeugt, da├č ich der Urheber war. Ich heulte und beteuerte meine Unschuld, doch es half alles nichts. Am anderen Morgen war das Bett wieder na├č und ich bekam wieder Pr├╝gel. So ging es zwei Wochen. Dann kam Gerda zu Besuch und erkundigte sich, wie Waltraud den Umzug vertragen habe. Ida erkl├Ąrte: "Waltraud jeht det jut, so jut, wie t nur jehn kann. Die f├╝hlt sich sauwohl hier. Warum ooch nich? Se hat ja schon vorher lange jenuch hier jewohnt! Aba die Christa, det jottvadammte J├Âr, die pullat jede Nacht ein, det olle Schwein det, un ick dachte, die is drocken, wie sich det jeh├Ârt mit drei Jahre!" Gerda schniefte leise und sagte mit rotem Kopf: "Det ha k vajessn, dir zu saaren, Mama, det is neemlich so, die Waltraud is undichte, weil se sich mit den Alfred nich vadraaren kann. Ick hatte aba jehofft, det se nich mehr einmacht, wenn se bei dir is!" Ida knirschte mit den Z├Ąhnen: "So, det afah ick jetze also so nehmbei! Konntste denn det nich jleich saaren? Wee├čte, det ick die Christa jedn Tach vadroschn habe f├╝r t Einpinkeln un jetz wa se det jar nich?!" Sie wandte sich erregt zu Waltraud: "Un du saachst ooch nich, det du det waast un kieckst zu, wie die Christa Keile kricht?!" Waltraud wurde bla├č und versteckte sich hinter mir. Gerda sagte: "Der Alfred hat die Waltraud ooch jeedn Tach vadroschn, det n├╝tzt aba iebahaupt nischt." - "So", sagte Ida vers├Âhnlich, "denn hat ja die Waltraud ihre Schdrafe schon lange wech." Nun fragte sie, wann das Bettn├Ąssen begann und kam zu dem Schlu├č, da├č diese Krankheit sich ├Ąrztlich behandeln l├Ą├čt. Am anderen Tag ging sie mit Waltraud zu einem Arzt. Binnen kurzem war das Kind genesen.
An jenem Tag jedenfalls gab Gerda mir als Trostpflaster eine kleine Tafel Schokolade mit den Wor-ten: "Die Lale ha k ja eijentlich f├╝r Traute mitjebracht, aba du bist villeicht so lieb un jibst ihr wat ab!" Selbsverst├Ąndlich gab ich ihr etwas ab, denn die Schl├Ąge, die sie vom Stiefvater bekam, waren mit Si-cherheit schmerzhafter als die mir von Ida zugeteilten. Wir a├čen jeder vier Karos von der k├Âstlichen Karina-Schokolade. Dann sagte Waltraud: "Det jro├če Scht├╝ck heeb ma f├╝r schpeeta uff, du mu├čt nich allet mit eenma uffessn." Das hielt ich f├╝r sehr vern├╝nftig und war dankbar f├╝r den Hinweis. Als ich Stunden sp├Ąter nach der Schokolade suchte, hatte sie sie aufgegessen. Auf meine Tr├Ąnen erwiderte sie: "Na und? Meine Mutta hatte doch mir die Lale mitjebracht! Kannst froh sein, det de ├╝bahaupt wat davon abjekricht hast!"
Da Waltraud in der Schule Schwierigkeiten mit dem Lesen hatte, mu├čte sie mir abends M├Ąrchen vor-lesen, das liebte ich sehr. Wenn das M├Ąrchen zu Ende war, hatte ich noch tausend Fragen, die sie h├Âch-stens zur H├Ąlfte beantwortete. So spann ich die M├Ąrchen in Gedanken weiter, bis ich eingeschlafen war.
Bald war ich ihr l├Ąstig. Kein Wunder, es waren sechs Jahre Altersunterschied zwischen uns, sie hatte logischerweise andere Interessen als ich. Anfangs war ich absolut nicht gewillt, das zu akzeptieren. Ich forderte mit allen mir zur Verf├╝gung stehenden Mitteln meine "Rechte". Ich wollte, da├č Waltraud ebenso "meine" war, wie ich "ihre" war. Sie fand jedoch in allen Erwachsenen Beistand in dieser Frage und ich wurde darauf vertr├Âstet, da├č sie sich mit mir abgeben wird, so oft sie kann. Da konnte ich oft lange war-ten! Wenn sie dann mit mir spielte, mu├čte ich tun, was sie wollte, andernfalls w├╝rde sie nie wieder mit mir spielen. Das wollte ich selbstverst├Ąndlich nicht riskieren.
Auf die Stra├če hinunter durfte ich sehr selten alleine; ich war auf Waltraud als Spielkameradin ange-wiesen. Oft behandelte sie mich wie eine lebendige Puppe und ich war es zufrieden. F├╝r mich war sie die liebste, beste und h├╝bscheste Cousine, die ich mir w├╝nschen konnte. Selten ging sie auf meine Spielvor-schl├Ąge ein. Da mu├čte ich mir schon etwas Au├čergew├Âhnliches einfallen lassen, in der Gefahr, von ihr als "verr├╝ckt" bezeichnet zu werden.
Ging sie mit mir zum Spielen auf die Stra├če, war ich oft ein Vorzeigeobjekt f├╝r sie. Sie demonstrierte den anderen Kindern an mir, da├č sie sehr gut mit Kindern umgehen kann und sehr lieb ist. Wenn sie dann die anderen f├╝r sich gewonnen hatte, durfte eines der Kinder mit mir spielen. Meist sah es so aus, da├č ich in irgendeine Ecke gesetzt wurde, wo ich auf die Puppen der gro├čen M├Ądchen aufpassen durfte, w├Ąh-rend sie Verstecken oder Einkriegezeck spielten. An der Art, wie manche M├Ądchen mir ihre Puppen ├╝bergaben, wurde mir bewu├čt, da├č mitunter die sch├Ąbigste Puppe das gr├Â├čte Heiligtum eines M├Ądchens sein konnte und ich behandelte die Puppen ihrer "Stellung" entsprechend, d.h. ich dr├╝ckte die Puppen an mein Herz, von denen ich glaubte, da├č sie der allerliebste Besitz ihrer Puppenmuttis sind und gab sie nur an diese ab, und setzte alle anderen auf die bereitgelegten Kissen.
Einer der etwas wohlhabenderen Nachbarsjungen hatte zum Geburtstag ein Fahrrad bekommen. Stolz lie├č er alle Freunde das neue Spielzeug ausprobieren. Waltraud w├Ąre gern die erste gewesen, aber sie stand auf der Sympathie-Skala nicht an erster Stelle. So konnte sie beobachten, da├č die Fahrlehrlinge meist schon nach wenigen Metern st├╝rzten. Als die Reihe zu fahren an sie kam, antwortete sie schnip-pisch: "Ach, wee├čte, so n Ding, wat nich richtich steht und wennt mal steht, jleich wieda umkippt, nehm ick nich zwischen de Beene!"
Als Teenager entdeckte sie ihre Freude am Show-Tanz und ├╝bte mit Doris L. Steppen. Auf der Stra-├če brachte sie den Kindern unserer "Gang" eine Tanzszene bei mit dem Gesang: "Laura, Lauralett (Step-Step), ich schw├Ąrme f├╝r s Ballett (Step-Step)." Der weitere Text ist mir entfallen, denn ich F├╝nfj├Ąhrige konnte nicht gleichzeitig tanzen, singen und schnalzen.
Peter, der Sohn einer Freundin von Irma, besuchte uns. Der Vierzehnj├Ąhrige war sehr belesen und unterhielt uns mit einer Abhandlung ├╝ber ausgestorbene Tiere und Pflanzen unter Verwendung der latei-nischen Bezeichnungen. Waltraud sagte bewundernd: "Eh, du bist ja akademisch beschlagen!" Doris L., der die Fossilien v├Âllig gleichg├╝ltig waren, h├Âhnte: "Ja, echt akademisch beschlackert!" Ich war erst f├╝nf und hatte dem Gespr├Ąch kaum folgen k├Ânnen, aber da├č "beschlackert" soviel bedeutete wie "bekloppt" oder "bescheuert", das wu├čte ich schon. Auch, da├č Ackerbauern bekloppt sind, hatte man mir schon bei-gebracht. Als ich Tage sp├Ąter mit einem Nachbarskind Streit hatte, schleuderte ich ihm das neue Schimpfwort entgegen: "Du bist ja ackerd├Ąmlich beschlackert!" F├╝r mich war das eine Steigerung ├Ąhn-lich "saudoof".
Irgendwann hatte Waltraud auch die Indianer-Romantik entdeckt. Als besagter Peter uns wieder ein-mal besuchte, schlug sie vor, da├č wir Indianer spielen. Peter sollte der Indianer sein und wir beide eine Farmerfamilie. Peter "├╝berfiel" uns und fesselte Waltraud an die T├╝r. Er spielte den Indianer sehr ├╝ber-zeugend. Als er dicht vor Waltraud hintrat und mit drohendem Ton sagte: "Wei├če Frau m├╝ssen ster-ben!", schrie ich angstvoll: "Nein!" und st├╝rzte mit derartiger Kraft auf ihn ein, da├č er sich in die ├Ąu├čer-ste K├╝chenecke verkroch. Ich hatte meine liebe Waltraud befreit und das Spiel war aus. Bei seinem n├Ąch-sten Besuch weilte Doris gerade bei Waltraud. Mit Peters Erscheinen stand fest: Wir spielen "Wilder Westen". Rasch waren die Namen "Old Shatterhand", "Old Firehand" und "Old Shurehand" verteilt. Pe-ter fragte: "Und wie soll Christa nun hei├čen?" Die M├Ądchen sahen sich fragend an. Da sagte ich: "Icke? Na, janz einfach, "Old Icke". Alle lachten, doch der Name wurde anerkannt. Ich verwendete ihn sp├Ąter so oft, da├č sich auch andere Kinder gelegentlich so nannten.
Da ich alles mit Waltraud zu teilen hatte, war ich der Meinung, da├č sie auch alles mit mir zu teilen hat. Das tat sie nur, wenn sie dazu angewiesen wurde. Peter schenkte mir damals zu meinem Geburtstag ein herzf├Ârmiges Flakon mit rotem Parf├╝m. Das war das erste und f├╝r lange Zeit einzige Geschenk, das mir ein Junge machte. Ich konnte gar nichts damit anfangen. Parf├╝m halte ich f├╝r unnat├╝rlich und l├Ącher-lich. Ich bemitleide die Damen, die da glauben, nicht ohne parf├╝miert zu sein aus dem Haus gehen zu k├Ânnen. Waltraud fand den Geruch zu s├╝├č, so wurde es verbraucht, wenn sie mit anderen M├Ądchen "fei-ne Dame" spielte. Das leere Herz besa├č ich, bis Ida es in den M├╝ll warf.
Gerda schenkte uns ein Kinderlieder-Spiel. Es bestand aus mehreren festen Pappen mit gro├čen Karos darauf. Auf die Karos waren K├Ąrtchen zu legen, auf denen Liedanf├Ąnge gedruckt waren. Wer das Lied kannte, mu├čte es zu Ende singen und durfte das K├Ąrtchen auflegen, aber mit dem R├╝cken nach oben. So entstanden auf jeder Pappe M├Ąrchenbilder. Dieses Spiel liebte ich sehr, aber wir kannten nicht alle Lie-der, so legten wir die verbleibenden K├Ąrtchen einfach zum Schlu├č der Logik des M├Ąrchenbildes entspre-chend auf. Waltraud und Doris spielten das Spiel h├Ąufig in meiner Gegenwart, ohne mich mittun zu las-sen. Es war ihnen manchmal eine reine Freude, mich zum Weinen zu bringen. Wenn ich nicht mehr wein-te, legten sie das Spiel zur Seite, ohne es zu beenden und wandten sich anderen Dingen zu. Z.B. einem Brettspiel namens "Puff". Es wurde bei Familie L. oft gespielt, so liebten es auch Waltraud und Doris. Einmal erkl├Ąrten sie mir die Spielregeln, aber ich war ÔÇ×wieder einmal zu bl├ÂdÔÇť, sie zu verstehen. Es wird auf einem Backgammon-Brett gespielt und ist vielleicht damit identisch. Ich kenne Backgammon nur von Abbildungen.
Zu jener Zeit war es "in", da├č jedes Kind einen Spitznamen hatte. Waltraud in "Walle" zu verwandeln und Christa in "Krille" gen├╝gte nicht mehr. So wurde aus der einen "Wallemimi" und aus der anderen "Krillepipi", womit Waltraud nachtr├Ąglich dokumentieren wollte, da├č ich und nicht sie der Bettn├Ąsser war. Ich trug es mit Gelassenheit, denn ich wu├čte, da├č jeder die Wahrheit kannte. Und ich wollte, da├č es vergessen wird, denn ich sah, da├č Waltraud mit dem Stiefvater nicht einverstanden war, da├č der fremde Mann ihr Leben ├Ąndern wollte, ein Leben, mit dem sie vollauf zufrieden war. Und da├č das Einpullern das letzte Mittel war, sich seiner zu erwehren. Aber Gerda hat das nicht erkannt. Sie setzte ihre Gemeinsam-keit mit Alfred ├╝ber das Schicksal ihres Kindes.
Ich konnte es absolut nicht vertragen, wenn man mich "Christel" oder gar "Christelchen" nannte. Ich f├╝hlte mich durch diese Schmeichelei verh├Âhnt. Wenn Waltraud mich so ansprach, nannte ich sie "Krall-kraut". ├ťbrigens steigerten wir in jener Zeit "auweia" zu "auwacka", "auwatka" oder gar "auwatteka".
Waltraud lehrte mich viele K├╝chenlieder, die wir mit Inbrunst sangen, bis uns die Tr├Ąnen kamen. Na-mentlich das Lied "Ein Kind von viereinhalb Jahr" trieb mir so regelm├Ą├čig die Tr├Ąnen in die Augen, da├č es mir jetzt nicht mehr in voller L├Ąnge erinnerlich ist. Ich hatte gro├čes Mitleid mit dem armen Kind, es war genau so alt wie ich, doch ihm ging es ja soviel schlechter als mir! Zwar wuchs auch ich ohne Mutter auf, aber daf├╝r hatte ich ja die "liebe Omi, die liebe Tante Gerda, die liebe Waltraud, die liebe Familie L., die lieben "Moabiter" und die "olle Tante Irma". Auch ich litt Schmerzen, wenn ich frisiert wurde, aber bei den Sonntagsspazierg├Ąngen bekam ich doch genau wie Waltraud einen Kranz aus k├╝nstlichen Bl├╝ten ins Haar! Ich f├╝hlte mich gekr├Ânt. Und ich bekam fast alles das zu essen, was Ida a├č; wenn sie einmal etwas alleine a├č, entschuldigte sie sich: "Det is nischt for kleene Kinda!" Und mir wurden Schlaflieder gesungen und sogar M├Ąrchen vorgelesen . . . Ich weinte herzzerrei├čend ├╝ber das traurige Schicksal der besungenen Halbwaise, wor├╝ber Waltraud lachte. Es war ihr nicht bewu├čt, das diese Texte in mir Emo-tionen freischlugen. Warum auch? Meine Eltern lebten ja noch - aber ich hatte davon keine Ahnung. Und sie bekam gerade einen neuen Vater.
Oft richteten wir uns unter dem Stubentisch eine H├Âhle ein. Unsere Fu├čb├Ąnke, die Puppenkissen und vieles andere fand darin Platz. Wir tr├Ąumten uns zu R├Ąuberbr├Ąuten, Hexen oder Teufeln. Nat├╝rlich war es dunkel in unserer H├Âhle, direkt ein wenig gruselig. Da redete sie einmal (ich war vier Jahre alt) mit tiefer Stimme auf mich ein: "In einem duunklen, duunklen Waald, da steht ein duunkles, duunkles Hauu-us, und in dem duunklen, duunklen Hauus, da ist ein duunkler, duunkler Keller, und in dem duunklen, duunklen Keller, da steht ein duunkler, duunkler Sarrrg, und in dem duunklen, duunklen Sarrrg, da liegt ein duunkler, duunkler Mannn, und in dem duunklen, duunklen Mannn, da schl├Ą├Ągt ein duunkles, duun-kles Herrrz, und auf dem duunklen, duunklen Herrrz, da steht mit duunkler, duunkler Schrift - erschreck dich nicht!" Mir war w├Ąhrend der langen Rede in dem ungewohnten Hochdeutsch schon ganz ├Ąngstlich zumute. Als sie nun den letzten Satz mit schrillen T├Ânen ausstie├č und mit den H├Ąnden auf mich zufuhr, erschrak ich derma├čen, da├č ich laut aufschrie und beinahe einn├Ą├čte. Waltraud kringelte sich vor Lachen, ich hatte ihr ein gro├čes Vergn├╝gen mit meinem Schreck bereitet.
Ida bemerkte einmal, da├č Waltraud mich wie eine von ihren Puppen behandelte. Sie wies Waltraud zurecht: "Du mu├čt nich denkn, det die Christa dein Schpielzeuch is, merk dir det!" Dar├╝ber war ich sehr froh. Nun schikanierte Waltraud mich nur noch, wenn Ida nicht in der N├Ąhe war.
Als ich F├╝nfj├Ąhrige mich wieder einmal von Waltraud ungerecht behandelt f├╝hlte, heulte ich: "Det saare ick allet Oman, denn wi├čte schon seehn, wat de davon hast!" Sie warf den Kopf zur├╝ck und l├Ąchel-te h├Âhnisch: "Det kannst de ruhich machn. Da passiert jar nischt. Det is neemlich MEINE Oma; un duuu - du hast jar keene!" Verdutzt schwieg ich. Die Ungerechtigkeit war vergessen. Ich forschte nach. Die von Waltraud behauptete Ungeheuerlichkeit bewahrheitete sich: Die Frau, die ich z├Ąrtlich "Oma" nannte, war meine Tante. Die Mutter meines Vaters war verstorben, die Mutter meiner Mutter war unbekannt. "Onkel Otto" und "Tante Elly" waren in Wirklichkeit meine Eltern und meine Br├╝der Manfred und Paul wurden mir tunlichst vorenthalten. Kann man so etwas verkraften? Ich mu├čte es versuchen.
In der Regel bekam ich all das, was Waltraud auch bekam. So auch einen lebenden Maik├Ąfer zum Spielen. Waltraud und Doris besa├čen mehrere K├Ąfer und besch├Ąftigten sich stundenlang mit ihnen. Ich durfte mit meinem K├Ąfer an einem anderen Ort spielen, ich hatte zufrieden zu sein, ├╝berhaupt einen be-kommen zu haben. Aber ich wu├čte nicht, was man mit einem K├Ąfer spielt. Ihn mit seinen krummen Bei-nen in der Schachtel herumstaksen zu sehen, war mir bald langweilig, so setzte ich ihn auf die wilden Triebe eines Lindenbaums vor unserer Haust├╝r. Hier bewegte er sich wesentlich eleganter. Als ich sah, da├č er Luft unter seine Fl├╝gel pumpte, fing ich ihn rasch ein, denn h├Ątte ich ihn davonfliegen lassen, w├Ąre ich wieder einmal ausgelacht worden. Es machte mir nichts aus, da├č der K├Ąfer ein paar Tage sp├Ąter tot in seiner Schachtel lag. Ich g├Ânnte ihm seinen Frieden und begrub ihn bei jenem Lindenbaum.
Im Sommer 1950 hatten Waltraud und Doris sich ein kleines heiteres Theaterst├╝ck ausgedacht, wel-ches sie den Nachbarskindern vorf├╝hren wollten. Rasch war auf einem nahegelegenen ber├Ąumten Rui-nengrundst├╝ck ein kleiner H├╝gel zur B├╝hne deklariert, und die beiden M├Ądchen begannen, den "Zu-schauerraum" zu gestalten. Sorgsam legten sie aus Ruinen herausgebrochene Ziegelsteine als Sitzpl├Ątze im Halbkreis aus. Pl├Âtzlich sagte Doris: "Der M├Ącky is noch soo kleen, f├╝r den leje ick zwee Steine hin." Da erwiderte Waltraud (um eine k├╝rzliche Meinungsverschiedenheit im Nachhinein zu ihren Gunsten zu entscheiden): "Christa is ooch kleen, f├╝r die leje ick ooch zwee Steine hin." Damit war Doris nicht ein-verstanden. Obwohl ich einwandte: "Ick setz mir als letzta hin, ick kann ooch an de Erde sitzn, wenn nich jenuch Steine da sin!", legte Doris f├╝r ihren Bruder immer noch einen Stein mehr auf, als Waltraud f├╝r mich anh├Ąufte. Ich wiederholte meinen Einwand laut, doch die M├Ądchen waren total in ihren Streit vertieft. Er war so absurd; M├Ącky konnte noch nicht freih├Ąndig laufen und h├Ątte den f├╝r ihn bestimmten Steinstapel niemals erklettern k├Ânen und ├╝berdies blieben nunmehr f├╝r die anderen Zuschauer kaum noch "Sitzpl├Ątze" ├╝brig. Ich h├Ątte die beiden gro├čen M├Ądchen gern zur Vernunft gebracht, aber ich wu├čte nicht, wie ich Waltraud ihr - in meinen Augen - Unrecht erkl├Ąren sollte, nachdem sie sich f├╝r mich ein-setzte und wu├čte auch nicht, worum es in Wirklichkeit ging. Die Steinstapel waren inzwischen so hoch und wacklig, da├č sie unter ihrem eigenen Gewicht einzust├╝rzen drohten. Waltraud hielt den f├╝r mich be-stimmten Stapel bereits mit beiden H├Ąnden fest. Ich ertrug den Streit nicht l├Ąnger und stie├č den f├╝r M├Ąc-ky bestimmten Stapel um. Leider machte Doris gerade einen Schritt in seine Richtung und bekam die fallenden Steine gegen ihr Schienbein. Sie h├╝pfte wehklagend im Kreis herum. Es tat mir sehr leid, aber ich wu├čte, sie w├╝rde meine Entschuldigung nicht annehmen, sondern mich verpr├╝geln. So rannte ich nach Hause. Waltraud hetzte mir nach und gratulierte mir f├╝r meinen "Mut". Wenn ich nicht eingegriffen h├Ątte, h├Ątten sich die beiden M├Ądchen wieder geschlagen, wobei Waltraud meist den k├╝rzeren zog. Ich wollte sie nicht mit einem blauen Auge sehen. Das St├╝ck, welches die beiden spielen wollten, fiel aus.
Am Sonntag gingen wir Kinder oft zur Kindervorstellung ins Kino, wo eine Eintrittskarte damals nur f├╝nfundzwanzig Pfennige kostete. Mir gefielen die russischen M├Ąrchenfilme am besten. Nachdem wir wieder einmal einen ganz besonders ergreifenden Film gesehen hatten, entspann sich auf dem Heimweg folgendes Gespr├Ąch:
Waltraud (ebenso h├Âhnisch wie mitleidig): "Na, Krille, haste wieda jeweent?"
Ich (aufschluchzend): "Na, wenn det doch so traurich is, det der Jute zuletzt imma schtirbt!"
Doris (kalt): "H├Ątt a sich nich injemischt, weer ihm ooch nischt passiert."
Ich (aufgebracht): "Aba denn h├Ątte doch der Drachn weita jedet Jah n Meechn jeholt un die Felda va-brannt!"
Doris (schnippisch): "Na und? Det is Schicksal."
Ich war nicht bereit, mich mit solch einem Schicksal abzufinden und keifte: "Denn w├Ąr det woll ooch ejal, wenn jetz hier n Besoffna uns dreie mit sein Auto dootfeehrt?" (K├╝rzlich hatte Irma aus der Zeitung vorgelesen, da├č ein betrunkener LKW-Fahrer in eine Kindergartengruppe gerast war, wobei sechs Kin-der get├Âtet wurden.)
Waltraud (ergeben): "Wenn det unsa Schicksal is . . ."
Ich (h├Ąmisch): "Denn brauch man woll blo├č so vor sich hin zu leehm un uff sein Schicksal zu waatn, wat?"
Waltraud (munter): "Nee, nee, man mu├č sein Schicksal ooch schon n bi├čchen selba in ne Hand nehm!"
Ich (heftig gestikulierend): "Na, det hat Iwanuschka doch jemacht un dabei Jutet for sein Dorf areicht!"
Doris (h├Âhnisch): "Ja, aba selba hat a ├╝bahaupt nischt davon!"
Ich hatte den Eindruck, da├č Doris den Filmhelden verachtete und fragte: "Un wat saachst de zu Jesus? Der hat so ville Jutet jetan, det man heut noch zu ihm beetet!" (Genaugenommen wollte ich sagen: ÔÇ×Wenn Iwanuschka ein Bl├Âdmann war, dann ist Jesus umsonst gestorben!ÔÇť)
Waltraud (lachend): "Der war ja keen richtja Mensch! Und au├čadem mu├čte er denn selba ooch sei m Schicksal folljen, du wee├čt doch, det er ant Kreuz jeschlaaren wurde!"
Ich war der Ansicht, da├č sich uns das Schicksal trotz aller g├Âttlichen F├╝gung meist in Gestalt eines Men-schen begegnet und w├Ąhlte rasch ein neues Beispiel: "Un Hitla? Der hat doch jleich det Schicksal der Natzjon in de Hand jenomm!"
Doris (unwillig): "Det Schicksal der Natzjon! Du quatschst heut wieda een du├člijet Zeuch zusamm! Halt blo├č endlich die Klappe, du alte Zanktippe (so verstand sie Xanthippe. Keiner von uns wu├čte, wer Xan-thippe war. F├╝r sie war sie ein Qu├Ąlgeist, ein st├Ąndig Streit suchendes Individuum, streitsuchend an Stel-len, wo alles klar war).
Waltraud: "Loof ma n Scht├╝ck vor, Krille, wir wolln uns ├╝ba wat andret untahaltn."
Sie schob mich an der Schulter vorw├Ąrts, und ich gehorchte, nachdem ich das b├Âse Funkeln in Doris` Augen sah.
Als ich der Freundin meiner Mutter Jahre sp├Ąter von dieser Begebenheit berichtete, kommentierte sie: Gegen Dummheit k├Ąmpfen selbst G├Âtter oft vergeblich.
Im Sommer vor meiner Einschulung gab es einen Tag, an dem Waltraud mich als "Anstandsdame" zu ihrem ersten Rendezvous mitnahm. Sie verplauderte sich mit dem Knaben und wir hatten es nun sehr eilig, nach Hause zu kommen. Beim ├ťberqueren der Charlottenburger Str. lief Waltraud einem Radfah-rer direkt ins Rad. Beide st├╝rzten, das Rad zerbrach, der Radfahrer hatte ein Loch in der Hose und eines im ├ärmel, somit also gewi├č auch etliche Wunden. Waltraud br├╝llte wie am Spie├č. Rein ├Ąu├čerlich be-trachtet hatte sie nur Hautabsch├╝rfungen, aber die am Kopf blutete stark. Der Mann bef├╝rchtete innere Verletzungen, weil Waltraud sich den Leib hielt und unabl├Ąssig schrie, als litte sie allergr├Â├čte Schmerzen. Er bat mich, seine Tasche zu tragen - sie enthielt wichtige Dokumente, wie er erkl├Ąrte -, lie├č das Fahrrad ungesichert zur├╝ck und trug Waltraud nach Hause. Ich wies den Weg. Waltraud schrie noch eine Weile, dann schluchzte sie nur noch. Auf der Treppe schmiegte sie sich selig an den Samariter. Sie geno├č es sichtlich, getragen zu werden. In der Wohnung angekommen, wurden Waltraud und der Radfahrer von Ida verarztet. Er war sehr besorgt und lie├č seine Adresse zur├╝ck, damit er im Bedarfsfall f├╝r den Scha-den aufkommen k├Ânnte. Als Ida h├Ârte, da├č Waltraud selbst den Unfall verursachte, befand sie: "Det is nett, aba nich n├Âtich." Waltraud hatte wirklich nur ein paar Kratzer abbekommen, die rasch verheilten.
Eines Tages sagte Waltraud zu mir: "Uff deine Familie jibt et n Jedicht." Ich l├Ąchelte gl├╝cklich und sie fuhr fort: "Sechs ma sechs is sechzndrei├čich, is der Mann ooch noch so flei├čich un die Frau is liedalich, taucht die janze Wirtschaft nich!" Was sollte ich dazu sagen? Verletzt zog ich mich zur├╝ck. Sie machte immer wieder derartige Bemerkungen. Sie sah nicht, da├č sie mir wehtat. Wenn ich mich jedoch ihrer glit-zernden Augen bei ihren h├Ą├člichen Worten erinnere, dann m├Âchte ich meinen, da├č es ihr Spa├č machte, mich zu dem├╝tigen.
Einmal sagte sie h├Âhnisch zu mir: "Ih, dein Vata is ja soo alt un h├Ą├člich!" Ich blickte sie ernst an und ├╝berlegte, ob es jetzt vielleicht angebracht war, einmal gleiches mit gleichem zu vergelten und zu ant-worten: "Ja, ja, so is det, ick hab n altn un h├Ą├člichn Vata un du hast zwee junge, wovon de den een nich kennst un den andan nich leidn kannst. Mein Vata k├╝mmat sich nich um mir un deine V├Ąta k├╝mman sich nich um dir. Is denn nu eene von uns beede bessa dran?" In der Furcht, sie als Ansprechpartnerin zu ver-lieren, schwieg ich. Und als sie ein paar Tage sp├Ąter h├Âhnisch kicherte: "Ih, deine Mutta is ja Linksh├Ąnd-la!", war es mir zu bl├Âd, ihr noch einmal zu erkl├Ąren, da├č es "Linksh├Ąnder" hei├čt (k├╝rzlich war bei dem ├╝blichen Sonntagnachmittagkaffee, an dem au├čer Ida, Waltraud und mir auch Grete L. teilnahm, davon die Rede, da├č meine Mutter diese Besonderheit aufweist. Alle sagten "Linksh├Ąndler". Ich versuchte, zu korrigieren. Daraufhin war meine Mutter eben ein "Linkpoot". Es k├Ânnte mich interessieren, ob dieses Wort einer lebenden Sprache entstammt!) Ich schlug also jetzt Waltraud gegen├╝ber in Klatschtantenma-nier die H├Ąnde ├╝ber dem Kopf zusammen und rief mit verdrehten Augen und gequetschter Stimme aus: "Wat det nich allet so jibt!" Waltraud blieb der Mund offen, dann winkte sie ver├Ąchtlich ab und lie├č mich stehen. Nun hatte ich meine Ruhe. Um ihrer Sch├Ânheit und ihres ungew├Âhnlichen Schicksals wegen hatte ich ihr vieles verziehen, aber einmal mu├čte Schlu├č sein mit den entw├╝rdigenden Gemeinheiten. Ich konn-te und wollte ihre h├Ą├člichen Bemerkungen, die vielen L├╝gen und Verdrehungen der Tatsachen betreffs meiner Familie nicht l├Ąnger ertragen. Damals war ich elf Jahre alt, Waltraud also siebzehn.
Waltraud sagte damals oft: "Appel f├Ąllt nich weit vom Schdamm!", womit sie andeuten wollte, da├č ich meiner Mutter charakterlich sehr ├Ąhnlich sei. Sie kam nicht auf die Idee, da├č der Satz auch auf sie selber zutrifft. Aber da alle so waren wie sie, war ich der Au├čenseiter, das erziehungsbed├╝rftige Kind, wo jedes Mittel recht war, es zur Raison zu bringen.
Waltrauds Einsegnung war ein gro├čes Fest. Zum Festakt in der Kirche durfte ich nicht mitgehen. Man sagte mir, da├č jeder nur wenige Familienangeh├Ârige mitbringen darf. Gerda als Mutter nat├╝rlich und Alfred gingen hin und "die Moabiter". Ich wei├č nicht mehr genau, welche von "den Moabitern" es wa-ren. Vielleicht waren es nur Christa und ihre Mutter. Ich war so ungl├╝cklich dar├╝ber, nicht mit in die Kir-che zu d├╝rfen, da├č ich stundenlang weinte. Ida fluchte: "Die Kirche is voll; da sin unheimlich ville Leute, jeeda, der heut einjeseejenet wird, hat ne jro├če Vawandtschaft, die alle jerne dabei sein m├Âchtn, nich JEEDA kann an die Einseejenung teilhabn, eena mu├č ooch for t Essn sorjen!" Wenn Ida geahnt h├Ątte, da├č das die letzte Gelegenheit war, mich freiwillig in eine Kirche gehen zu sehen, h├Ątte sie ihre Meinung wahrscheinlich ge├Ąndert. So sorgte ich nun also f├╝r das Essen, indem ich ihr half, das Gekochte nach Pankow zu transportieren, wo die Feier in Gerdas Wohnung weiterging.
Ich war so ver├Ąrgert, da├č ich mich nicht an Waltrauds Einsegnungskleid erinnere. Ich wei├č nur noch, da├č sie sagte: "Det Kleid krichst Du nich, Krille,det is mein Einseejenungkleid; und eha schterrb ick, als det du det krichst!" Sie sah wundersch├Ân aus mit ihrer neuen Frisur. Insgesamt wirkte sie auf mich wie eine Kronprinzessin. Nie hatte ich sie ├╝ber so viele Stunden hinweg bei so guter Laune gesehen! Obendrein legte sie ein tadelloses Benehmen an den Tag, war keinen Moment schnippisch, sondern zu jedermann freundlich und liebensw├╝rdig, sogar zu ihrem verha├čten Stiefvater.
Wenn es an der T├╝r klingelte, lief sie rasch, um zu ├Âffnen. Das war sonst immer meine Aufgabe. Seit ich gro├č genug war, um an die T├╝rklinke heranzureichen, durfte ich die T├╝r ├Âffnen und JEDEN in unsere Wohnung einlassen. Diese Aufgabe war mir so in Fleisch und Blut ├╝bergegangen, da├č ich auch in ande-ren Wohnungen aufsprang, um meine Pflicht zu tun. Als ich es auch an diesem Tage beim ersten Klingeln wie gewohnt tun wollte, herrschte Gerda mich an: "Du bist hier heute nich die Hauptperson!" - als w├Ąre ich es sonst IMMER. Ein paarmal waren es keine G├Ąste, sondern Musiker oder S├Ąnger, die dem Konfir-manden ein St├Ąndchen brachten in der Hoffnung auf ein gutes Trinkgeld (Namen und Adressen der Kon-firmanden waren an der Kirchent├╝r angeschlagen). Den ersten gab Waltraud etwas, das sie allerdings erst von ihrem Stiefvater erbitten mu├čte. Danach verbat er sich die Bettelei und Waltraud wies die Musizie-renden im Tonfall ihrer Eltern ab. Ansonsten ging es auf Waltrauds Einsegnungsfest genau so zu wie auf all unseren anderen Familienfeiern.
1952 bekam Waltraud eine neue Deutsch-Lehrerin, die den berliner Jargon im allgemeinen und Walt-rauds im besonderen vor der Klasse kritisierte. Waltraud mokierte sich zu Hause dar├╝ber: "Is denn det nu soo wichtich, wie man schpricht?" Ihre Mutter, die zuf├Ąllig bei uns zu Besuch weilte, antwortete sanft: "Det is schon wichtich, Engelchen, wenn de nich oondlich schprichst, kannst de nie int B├╝ro aa-beitn, un du willst doch woll nich wie deine Mutta in die olle dreckje Fabrik jehn m├╝ssn?!" Waltraud er-r├Âtete leicht und sagte mit gesenktem Kopf sehr bestimmt: "Nee!" Sie war tats├Ąchlich sp├Ąter nie als Pro-duktionsarbeiterin t├Ątig.
Einmal - wir waren damals 11 und 17 Jahre alt - kam Waltraud nach Hause und sagte unvermittelt zu mir: "Wenn ick denn schpeeta ma vaheirat bin, la├č ick mir von mein Mann n zartrosanet seidich schim-mandet Nicklischee (Negligee) koofn. Wee├čt du, wat n Nicklischee is? Nee, wa? Naja, kannste ja ooch nich wissn, bei dir sin ja Fremdw├Ârta Jl├╝ckssache!" Sie wollte an mir vor├╝bergehen. Ich wu├čte, was ein Negligee ist, ich hatte das Wort k├╝rzlich in einer Illustrierten gelesen und die Freundin meiner Mutter nach der Bedeutung gefragt (sie erz├Ąhlte mir dazu eine ihrer Kindheitserinnerungen, da├č ihre Lehrerin seinerzeit die Sch├╝ler aufforderte, W├Ârter mit doppel- "e" zu nennen und ihr ausgerechnet das Negligee in den Sinn kam, woraufhin sie von der Klasse ausgelacht wurde). Ich beschlo├č, mich diesmal nicht ver-letzt zur├╝ckzuziehen und rief ihr nach: "Du hast Recht, Walle, Fremdw├Ârta sind bei mir Jl├╝ckssache. Du hast neemlich det Jl├╝ck, det ick deine Fremdw├Ârta vaschtehe!" Das war an jenem Tag unsere gesamte Unterhaltung; sie verlie├č die Wohnung gleich wieder. Im ├ťbrigen w├Ąre mir nie eingefallen, ein Wort zu benutzen, dessen Bedeutung mir unklar ist. Wenn sich mir schon einmal die Gelegenheit bot, mit jeman-dem zu reden, dann wollte ich auch verstanden werden.
Ein paar Tage sp├Ąter wollte sie die erlittene Schlappe ausgleichen und begann mit mir zu st├Ąnkern, was darin gipfelte, da├č sie mich ein Kuckucksei nannte. Diese Bemerkung tut mir heute noch weh, denn weder hatte ich darum gebeten, bei Ida aufzuwachsen, noch hatte mich meine Mutter freiwillig zu Ida gegeben. Ich vermute heute, da├č sie ihren Schmerz ├╝ber die eigene Trennung von der Mutter an mir aus-lie├č. So kam ihr auch einmal in den Sinn, mir gegen├╝ber schlecht von ihrer Mutter zu reden. Bissig z├Ąhlte sie alle Fehler auf, die sie an ihrer Mutter zu bemerken glaubte. Getreu Idas Maxime: "Man soll immer mit den W├Âlfen heulen!", wagte auch ich, etwas Negatives hinzuzuf├╝gen: "Deine Mutta hat Achselje-ruch!" Waltraud sah mich giftig an und keifte: "Du dreckjet Mistscht├╝ck bist nischt weita als n infama Nestbeschmutza!" Ich erwiderte aufgebracht: "Eh, wir schprachn ehmmd ausnahmsweise mal ├╝ba DEI-NE Mutta, nich ├╝ba meine!" Aber es half alles nichts, ich war - wie immer - im Unrecht.
Dann wohnte sie wieder eine Weile bei ihren Eltern. Als sie nach vielen Streitigkeiten mit ihrem Stief-vater wieder zu Ida zur├╝ckehrte, hatte ich alle Ungerechtigkeiten l├Ąngst vergessen. Ich freute mich, sie wieder bei uns zu wissen. Ich glaubte, da├č alles wieder so wird, wie es war, denn sie war ja nur zwei Jah-re weggewesen. Ich hatte ja keine Ahnung, was sie alles durchmachen mu├čte im Elternhaus. Sie sprach auch nie mit mir dar├╝ber. Ich war f├╝r sie "die kleene Doowe". Das habe ich stets ignoriert. Sie war sechs Jahre ├Ąlter als ich, logisch, da├č sie entsprechend mehr wu├čte. Erst heute wird mir klar, da├č sie nicht mei-nen Bildungsgrad meinte, sondern meine Unf├Ąhigkeit zur Cleverness. Sie verehrte clevere Leute, ich ver-abscheute dieselben. Damit es hier keine Mi├čverst├Ąndnisse gibt: Als "clever" galten ihr jene Leute, die es verstehen, andere zu ├╝bervorteilen, ohne da├č sie sich auch nur im Geringsten dagegen wehren k├Ânnen. Clever ist, wer einen Vorteil wittert und schonungslos f├╝r sich nutzt. Erst Jahrzehnte sp├Ąter erkannte ich die Variante, da├č man auch clever ist, wenn man am richtigen Ort zur richtigen Zeit mit Worten eine un-heilvolle Situation zum Guten wendet.
Ich wei├č nicht mehr genau, ob ich zw├Âlf oder gar schon dreizehn Jahre alt war, als ich erstmalig Idas Erlaubnis bekam, mit einem j├╝ngeren Nachbarskind in unserer Stube zu spielen. Die etwa zehnj├Ąhrige war k├╝rzlich in unsere Gegend gezogen, und kaum, da├č ich auf der Stra├če ihre Bekanntschaft gemacht hatte, begann es zu regnen. Ich nahm sie mit, weil ich mich ausgezeichnet mit ihr unterhalten konnte. Wir begannen ein Rollenspiel, wo die Dialoge nicht festgelegt zu werden brauchten, weil das M├Ądchen akku-rat so reagierte, wie ich die Szene vor meinem geistigen Auge sah. Ida blickte mehrfach argw├Âhnisch zur T├╝r herein, sah uns aber jedesmal beim friedlichsten Spiel. Dann kam Waltraud nach Hause. Ich hoffte, da├č sie wie gew├Âhnlich nur ihre Kleidung wechselt und dann wieder ihren Vergn├╝gungen nachgeht, aber die hatten an jenem Tage wohl Zeit. Sie unterbrach unser Spiel und fragte das M├Ądchen nach Namen und Herkunft und zeigte ihr dann ihre Kleider und Schmuckst├╝cke und was wei├č ich nicht noch alles. Ich ├Ąrgerte mich gr├╝n und blau, weil Waltraud mir die einzige Spielkameradin, die so wunderbar zu mir pa├č-te, abspenstig machte. Waltraud spielte schon lange nicht mehr mit mir, warum nun mit diesem M├Ąd-chen, das viel j├╝nger war als ich? Ich versuchte vergebens, Waltraud von ihr abzulenken. Es endete da-mit, da├č Waltraud mich beschuldigte, herrschs├╝chtig zu sein. W├╝tend ging ich in die K├╝che. Sp├Ąter f├╝hr-te sie das M├Ądchen zu mir: "So, ick mu├č jetz los. Nu spielt ma wieda sch├Ân." Ich war au├čer mir. Ich rief: "Nee, du hast se ├╝banomm, nu bring se ma ooch nach Hause!" Waltraud lachte: "Ick wee├č doch nich, wo die wohnt!" Das war mir egal. Ich dachte nicht mehr an das M├Ądchen, ich ├Ąrgerte mich zu sehr dar-├╝ber, da├č Waltraud mir den Tag verdorben hatte. Ich spuckte Gift und Galle. Das M├Ądchen ging alleine nach Hause. Ich hab sie nie wieder gesehen und mir leider nicht ihren Namen gemerkt. Aber da├č sie ein h├╝bsches und phantasievolles Gesch├Âpf war, wei├č ich noch heute. Und ich bitte sie um Vergebung f├╝r die ungerechte Behandlung, die ich ihr zuteil werden lie├č.
Als ich Waltraud f├╝nfzehn Jahre nach Idas Tod zuf├Ąllig begegnete, wu├čte sie noch immer nicht, was sie mir angetan hatte. Sie war der Meinung, stets wie eine ganz liebe Schwester zu mir gewesen zu sein. Ja, sicher hatte sie mich lieb. Auf die Weise, die sie von ihrer Mutter, von Ida und von Familie L. abgese-hen hatte, wo h├Ąufig Kampf bis aufs Messer angesagt war. Ich begegnete ihr in der Stra├čenbahn. Sie fuhr zum Einkauf, ich zur Arbeit in die "Kinderkombination", wo meine S├Âhne untergebracht waren und wir kn├╝pften unse-re Verwandschaft neu. Ich besuchte sie, sie besuchte mich, jeweils einmal. Da ich Waltraud sehr gern hatte, besuchte ich sie abermals und bot ihr an, kostenlos Nickies f├╝r sie und ihre Kinder zu stricken. Mit "kostenlos" war gemeint, ohne Stundenlohn zu nehmen. Sie gab mir nicht den Preis f├╝r die Wolle. Ich hatte gearbeitet und das Material bezahlt. Waltraud hatte einen Mann, der - nach ihrer Aussage - gut ver-diente, ich, die drei Kinder zu ern├Ąhren hatte, hoffte, an jenem Tag den Preis f├╝r die Wolle zu bekommen, um meine Kinder ern├Ąhren zu k├Ânnen. Waltraud aber sagte: "Du hast gesagt, da├č du kostenlos f├╝r mich strickst." Ein Mi├čverst├Ąndnis. Nur diesmal war es finanziell. Dennoch verschaff-te ich ihr eine Arbeitsstelle in der "Kinderkombination", wo ich als Reinigungskraft besch├Ąftigt war. Sie bekam eine Anstellung als Hilfserzieherin, was ihr sehr gut gefiel. Eines Tages ertappte ich sie dabei, da├č sie krippeneigene Bettw├Ąsche in ihre Tasche steckte. Sie sagte: "Na und? Ick bring se ja wieda, wenn se dreckig is!" Clever, die eigene Bettw├Ąsche unbenutzt zu lassen und stattdessen die volkseigene W├Ąsche zu benutzen und auch noch das Waschen zu sparen! Ich w├Ąre nie auf so etwas gekommen und folgte Waltrauds Beispiel nicht. Ich bin eben bl├Âd.




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Old Icke

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Liebe Oldicke,

nu wee├č Oldfemi wie de zu dein Namen jekommen biss..

(Na, an mein berlinerisch muss ich als Rheinl├Ąnderin wohl noch feilen...)

Hab wieder mit Vergn├╝gen beide Kapitel ├╝ber Waltraut und Gerda gelesen!

Da mir dort ein paar kleine Stellen aufgefallen sind, die ich beim ersten Lesen als "knurpselisch" empfinde, wie das bei uns in D├╝sseldorf hei├čt, melde ich mich sp├Ąter noch ausf├╝hrlicher dazu.

Wollte nur ganz schnell das Feedback "ick habs jelesen un janz toll jefunden" r├╝bergeben.

Liebe Gr├╝├če

Oldfemi

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ei,

das ist ganz s├╝├č von dir, femi. und knurpselig la├č ich mir einrahmen, hab ick noch nie jeh├Ârt. ganz lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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Liebe Oldicke,

jetzt wie versprochen noch eine R├╝ckmeldung zum 3. Teil. Den vierten schaffr ich vielleicht morgen.

Wie Willi schon geschrieben hat, ist der ganze Text sehr fl├╝ssig und die Schilderungen lebendig gelungen! So sind es nur Kleinigkeiten, wie wiederholungen hier und da, die du vielleicht nochmal anscchauen solltest.

besonders ber├╝hrt haben mich im 3. Kapitel die seltenen Stellen, an denen es mal eine Harmonie zwiscchen Ida, Waltraud und Christa gab - besonders die Stelle, als beide dir vorgesungen haben.

Waltrauds "Verantwortung" f├╝r die kleine Christa und Idas Beschr├Ąnkung auf die leibliche Grundversorgung wiederholst du an manchen Stellen, wo die nachfolgende Beschreibung der Szene dies ohnehin deutlich macht und wesentlich eindr├╝cklicher! Oder wenn du nach solch einer Szene diese wieder mit solch einem Hinweis zusammenfasst. Der Schmerz der kleinen Christa kommt in deiner wundervollen Schilderung ohne alle weiteren Erkl├Ąrungen oder posthumen Interpretationen der gro├čen aus. Lass dir daf├╝r eventuell Raum in einem Extrakapitel am Schluss der Memoiren, wo du all diese Stellen, die die erwachsene Christa zur Erkenntnis der "wahren Gesichter" ihrer Figuren gef├╝hrt haben, zusammentr├Ągst.

Mit einem "weeichen Bauchgef├╝hl" habe ich eure Kinderspiele begleitet, die frohen ebenso wie die mit den Kinderstreitereien. Es gibt wohl keinen Leser, den du damit nicht in dieses Gef├╝hl des Kindseins zur├╝ckf├╝hren w├╝rdest.

Den internen Kampf der beiden "Schwestern die keine waren" um die Gunst der Oma, der "richtigen" Familie usw. eint - so widerspr├╝chlich sich das anh├Âren mag - diese beiden M├Ądchen f├╝r den Leser. Man ist Waltraud weniger gram,da man die Hintergr├╝nde ihrer "kaputten" Familie kennenlernt und dies alles an der schw├Ącheren Kleinen ausl├Ąsst um nicht selber draufzugehen. Und dann dieses sensible kliene M├Ądchen, das diese Kindheit - wenn auch nicht ohne Narben - so doch bestimmt "heiler" und "ges├╝nder" als viele andere in dieser Familie ├╝bersteht: weil es die Welt von Anfang an mit anderen Augen sieht, weil es sich von Beginn an distanziert und damit rettet, obwohl gleichzeitig alles in ihm danach schreit, "echt" dazu zu geh├Âren ....

Stimmt mein Eindruck,Oldicke?

Das vierte Kapitel schaffe ich heute leider nicht mehr. Ich habe es aber schon gelesen.

Sch├Âner Abend! Es gr├╝├čt dich lieb

deine Femi

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Willi Corsten
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Liebe oldicke,
dieser Teil gef├Ąllt mir besonders gut, weil du uns hier geradezu hautnah an den Erlebnissen deiner Kinderzeit teilhaben l├Ąsst. Deine Berliner Mundart ist un├╝bertroffen. Wiederum eine echte oldicke-Leistung.
Zu kritisieren gibt es fast nichts. Einmal eine Doppelung: oben 2X Anfangs (hier, aber wirklich nur an dieser Stelle, ist ein wenig Feinarbeit noch n├Âtig). Ja, und leider die vorhin so gelobte Berliner Mundart. Wirst kaum einen Verleger finden, der Passagen in dieser L├Ąnge zul├Ąsst. Einzelne W├Ârter oder hin und wieder einen kurzen Satz vielleicht, mehr aber nicht.
Doch das sind ├ťberlegungen, die erst sp├Ąter gekl├Ąrt werden m├╝ssen.

Auf den Inhalt hat Femi ja schon treffend geantwortet, hier kann ich mich nur voll anschlie├čen.

Es gr├╝├čt dich herzlich
Willi

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flammarion
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ach,

ja, ich sehe, hier steht mein text richtig. vielen dank f├╝r eure aufmerksamkeit und hilfe. ick seh mir die stellen gleich an. ja, wegen der berlinereien habe ick ooch bedenken, aba ick besteh druff! das is das schlimme . . . ganz lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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