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Leselupe.de > Kurzprosa
neulich in der walpurgisnacht
Eingestellt am 07. 06. 2001 23:10


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Fredy Daxboeck
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

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Der blonde Vagabund war stehen geblieben und beobachtete Norma eine volle Minute lang, wie sie mit fest zusammengekniffenen Lippen zornig die steinige Erde zwischen den jungen Pflanzen bearbeitete, Unkraut ausriss und verzweifelt den Schwei├č, der ihr ├╝ber die Augen lief, wegblinzelte. Schlie├člich stellte er seinen Rucksack ab, lie├č ihn einfach neben dem Weg in den sp├Ąrlichen Grasstreifen fallen und kam ├╝ber das Feld, nahm Norma die Harke ab, und machte an ihrer Stelle weiter. Wortlos. Als sei dies die selbstverst├Ąndlichste Sache der Welt.
"Lassen Sie das", seufzte Norma m├╝de und wischte mit einer Handbewegung durch die Luft. "Ich schaffe das auch allein."
"Sie sehen aus, als k├Ânnte Sie Hilfe gebrauchen", erwiderte der Vagabund murmelnd, ohne aufzusehen oder in der Arbeit innezuhalten.
"Sie ... Sie sind ein Wanderarbeiter ..., ich kann Sie nicht bezahlen!" Norma starrte auf den gebeugten R├╝cken des Mannes. Zorn w├╝hlte pl├Âtzlich in ihr auf. Die Sonne brannte hei├č in ihr Gesicht und jeder Muskel und jeder Knochen in ihrem K├Ârper schmerzten und schrieen nach Ruhe, Erholung, Ausspannen und Rasten. Das Fr├╝hjahr und der darauffolgende Sommer brachte noch so viel Arbeit, die sie allein unm├Âglich bew├Ąltigen konnte. Aber sie konnte sich auch keine Hilfe leisten. Das bisschen Ertrag, das ihr Hof abwarf, sicherte ihr gerade einmal das ├ťberleben.
"Zwei Mahlzeiten und ein Platz in der Scheune zum Schlafen, das w├╝rde mir gen├╝gen. Wenn Sie sagen ich soll verschwinden, nehme ich noch in derselben Minute meine Sachen und Sie sehen mich nie wieder."
"Eine Mahlzeit. Mehr kann ich nicht er├╝brigen. Wenn die Ernte schlecht ausf├Ąllt, verschwinden Sie nach dem Sommer. Wenn die Ernte gut ausf├Ąllt und wir haben genug zu essen, k├Ânnen Sie bleiben." Norma fiel es uns├Ąglich schwer, so ersch├Âpft wie sie war, die Worte klar und zusammenh├Ąngend auszusprechen.
Die Tage und N├Ąchte zogen ins Land, fielen wie Perlen viel zu schnell von der langen Schnur des Lebens und reihten sich als Vergangenheit in der schweren Kiste der Erinnerung, in der wir manchmal w├╝hlen, neu an. Noch bevor Norma sich versah, war das Fr├╝hjahr vor├╝ber, auf den Feldern reifte das Getreide heran, die erste Heuernte war eingebracht, im Dorf feierten sie Mittsommernacht.
"Sie feiern heute Abend im Dorf Sommersonnenwende, mit Musik und Tanz und gutem selbstgebrautem Bier." Fragend blickte Norma Loudness ├╝ber ihre Sch├╝ssel mit der dicken Rahmsuppe, in der dunkel das harte k├Ârnige Brot, dass sie selbst gebacken hatte, schwamm. "Willst du mich begleiten?" Ihre Stimme klang d├╝nn und unsicher und sie kniff die Lippen fest zusammen und hasste sich auch sofort daf├╝r.
"Hmmh", nachdenklich blickten sie braune Augen unter langen blonden Haaren an. Sie sa├čen beim Abendessen. Die Arbeit des Tages war geschafft und irgendwie hatte Norma es einrichten k├Ânnen, dass sie heute um einiges fr├╝her fertig waren.
"Sie werden reden." Meinulf, der Vagabund, der nun schon beinahe ein Viertel Jahr in Normas Scheune lebte und ihr bei der schweren Arbeit am Hof zur Hand ging, nickte leicht mit dem Kopf und sah sie lange an. Sein Blick war klar wie die fr├╝he Nacht nach einem sommerlichen Gewitter.
"Sie reden auch so. Sie w├╝rden auch reden, wenn ich allein hier auf dem Hof w├Ąre." Missbilligend winkte Norma ab. "Heute ist Mittsommernacht ... und ich habe seit Jahren nicht mehr getanzt." Sie l├Ąchelte geheimnisvoll und gl├╝hende goldene Punkte leuchteten in ihren Augen auf, w├Ąhrend sich ihre Wangen rot f├Ąrbten. "Ich habe einiges nachzuholen. Ich habe vieles vers├Ąumt und vernachl├Ąssigt." Norma sp├╝rte wie ihre Haut vor Verlegenheit brannte, aber sie konnte ihre Worte nicht im Zaum halten. "Bitte begleite mich, ich m├Âchte heute Abend unbeschwert sein und Spa├č haben."
"Sie werden mich hassen, weil ich mit dem sch├Ânsten M├Ądchen, das ich jemals kennengelernt habe, tanzen gehen werde", grinste der Vagabund. "Aber das soll es mir wert sein.". Es war das erste Mal, das Norma ihn l├Ącheln sah. Sie starrte ihn an, wie sich sein Gesicht in tausend lustige F├Ąltchen legte, und seine Augen strahlten wie Kinderaugen zum Weihnachtsfest, und ihr Herz klopfte pl├Âtzlich wie verr├╝ckt.
Es wurde ein ziemlich ausgelassener Abend. Sie tanzten. Sie tranken lauwarmes Bier. Sie tanzten wieder. Sie neckten einander, lachten viel, und gegen Mitternacht sprangen sie, wie viele andere P├Ąrchen, Hand in Hand ├╝bers Feuer. Nach altem keltischen Brauch ein heiliges Versprechen. Wer Mittsommernacht zusammen durchs Feuer geht, ist f├╝r sein weiteres Leben aneinander geschmiedet. In diesem Teil der Welt nahm man diesen sch├Ânen alten Brauch noch sehr, sehr ernst.
Aufgeregt lachend nahm Norma Meinulfs Hand und zog ihn zum Feuer, wo die ersten P├Ąrchen nerv├Âs kichernd und miteinander fl├╝sternd herumstanden und in die hell auflodernden Flammen starrten. Sie f├╝hlte sich leicht und flatterig, wie ein Blatt, das der Sturmwind herumwirbelte. Aber es war keine Unsicherheit und keine Angst dabei. Es war ein Gef├╝hl, als ob sie tats├Ąchlich fliegen k├Ânnte.
"Komm und geh mit mir durchs Feuer." Mit gro├čen gl├Ąnzenden blauen Augen in denen sich die knisternden, tanzenden Flammen des Sommernachtsfeuers widerspiegelten, sah Norma ihren Vagabunden an. Ihre blonden Haare, die sie anfangs zu einem Chignon hochgesteckt hatte, und die sich beim Tanzen l├Ąngst gel├Âst hatten, lagen ihr weich um den Kopf und lie├čen ihr sch├Ânes Gesicht vor dem Hintergrund der dunklen Nacht wie frei schwebend erscheinen. Die Aufregung hatte ihre Wangen ger├Âtet, aber der ungewohnte Genuss des Biers und die Ausgelassenheit des Abends lie├čen den Rest ihres Gesichts bleich und beinahe ├╝berirdisch sch├Ân wirken. Ihr Herz schien aufgeregt wie ein kleines gefangenes Kaninchen in ihrer Brust zu springen und zu klopfen; ihre Haut kribbelte, und sie sehnte sich nach den Ber├╝hrungen von Meinulf.
Fasziniert starrte sie dieser an und nickte schweigend. Norma dr├╝ckte seine Hand so fest
sie konnte und lachte, befreit und gl├╝cklich. Sie h├Ątte nie gedacht, noch einmal so viel Gl├╝ck wie an diesem Abend in ihrem Herzen zu sp├╝ren. Mit bebenden Nasenfl├╝geln atmete sie die milde Sommerluft des Abends ein, die geschw├Ąngert war vom Rauch des Feuers, vom Duft gegrillten Fleischs und erf├╝llt von Musik und dem L├Ąrm der vielen Menschen, die gekommen waren, um dieses ausgelassene Fest zu feiern.
Er w├╝rde mit ihr springen. Ja. Das w├╝rde er. In diesem Augenblick wusste Norma, dass sie ihr Gl├╝ck gefunden hatte. An diesem hei├čen Fr├╝hlingstag vor ├╝ber zwei Monaten, als sie mit so gro├čen Schmerzen im R├╝cken, wie Hass in ihrem Herzen war, und ihr Feld bearbeitet hatte, war das Gl├╝ck in Gestalt eines Vagabunden auf der Suche nach einem Dach ├╝ber dem Kopf und einem Bissen Brot zum Fr├╝hst├╝ck zu ihr gekommen.

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