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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 05. 01. 2002 04:32


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Katrin Volkmann
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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Zeitenwechsel

„Sie mĂŒssen die verwelkten BlĂŒten abknipsen“, sagt der GĂ€rtner. Sein runder RĂŒcken wirft einen schmalen Schatten auf die Margarite. Ich zupfe und biege an dem braunen BlĂŒtenkopf herum. Der GĂ€rtner sagt: „Wenn sie die BlĂŒte nicht abknipsen, denkt die Pflanze, sie hĂ€tte ihren Samen gesetzt und kann es sich nun gemĂŒtlich machen.“ Ich schaue stirnrunzelnd zu ihm auf. „Blumen blĂŒhen nĂ€mlich, um sich fortzupflanzen, nicht, um uns zu gefallen.“ Sein braunes, plissiertes Gesicht lĂ€chelt. Die welke BlĂŒte liegt federleicht in meiner Hand.

Ich bezahle den Margaritenstock an der Kasse. Die Kassiererin trĂ€gt ihn mir zum Auto. Ich gebe ihr ein kleines Trinkgeld und starte den Wagen. Im Radio spielen sie „Time goes by“. Im RĂŒckspiegel nicken weiße Köpfchen im Takt. Time goes by.

Jedes Leben setzt sich aus verschiedenen Zeitabschnitten zusammen. In dem meinen gibt es ein paar Jahre der Schwerelosigkeit, des Dahintreibens; die Erinnerungen sind dabei, sich aufzulösen, ihre Bilder verblassen bereits. Ich kann nicht sehen: Wo habe ich gewohnt? Was habe ich gegessen? Wer waren meine Freunde? Wie habe ich mich gekleidet? Es hat sich mir nicht eingeprĂ€gt, ich habe es vergessen. Vielleicht war diese Zeit bedeutungslos, vielleicht herrschte Stillstand? Vielleicht war sie voller Leid und UnglĂŒck. Man sagt, ĂŒber die Zeit vergisst der Mensch das Schlechte und verklĂ€rt das Gute. Wenn ich sie also verdrĂ€ngt habe, diese Zeit, muss sie minderwertig gewesen sein, etwas, woran man sich besser nicht erinnert.

Ich weiß noch – nein, ich weiß es nicht mit Bestimmtheit. Hörte ich spĂ€ter davon? Nahm ich es als namenlose Ahnung wahr? Es gab eine Zeit der Liebe. Ruhige Stimmen, innige Zuwendung, Töne, Gesten und GerĂŒche. HĂ€nde trugen behutsam von einem Ort zum nĂ€chsten, legten sich kĂŒhlend auf die Stirn oder wĂ€rmend auf rumorendes GedĂ€rm, streichelten durch glĂŒhende NĂ€chte. Schlafen an weichen BrĂŒsten, an Schultern, die heißen Wangen auf kĂŒhlende Tischplatten gesunken, an Vaters Jacke rotgescheuert. Die Zeit, die mich empfing – nicht ich empfing die Zeit -, war voller Erwartung an mich, eine Zeit des GewĂ€hrenlassen, der zĂ€rtlichen Geduld, des Staunens. Ich nahm es hin, hatte genug mit mir selbst zu tun. Das erste Licht, der erste wirklich erlebte Tag, der erste Windhauch, der schon den Sturm erahnen ließ. Unendlich war alles und unfassbar, groß. Der Hund war ein Mammut, die Eltern Giraffen, die Nacht ein dunkles, sanftes Laken, das alle unter sich vereinte. In dieser Riesenzeit lebte ich unbeschwert. Alles war endlos und friedvoll und selbstverstĂ€ndlich. Nichts war unmöglich, es geschah einfach. Die Wunder wurden erst zu Wundern, weil die Erwachsenen dieses oder jenes als ein Wunder bezeichneten. Ebenso verhielt es sich mit der Furcht, mit Gefahren, mit dem Gehorsam und der Liebe. Und es geschah, dass alle Dinge, sobald sie ihren Namen bekamen, einen Wust an Pflicht und Ordnung im GepĂ€ck fĂŒhrten. Man verlieh ihnen einen Beigeschmack und ruinierte ihren Glanz.

Schon bald folgte eine Zeit der Entdeckungen und Verbote. Was es da nicht alles zu erkunden gab: Treppen, Luken, heiße Töpfe, bunte Pillen, Farbeimer, Schuhcreme und technisches GerĂ€t. Alles musste untersucht, bestiegen, gekostet, betastet werden. Doch meistens wurde es vereitelt. Die HĂ€nde, die einst so sanft streichelten, griffen energisch zu, trafen schmerzhaft die eigenen oder standen drohend ĂŒberm Kopf. Die vertrauten Stimmen wandelten sich bestĂ€ndig, schnellten in die Höhe, schnitten sich wie Peitschenhiebe ins Trommelfell, begannen zu flĂŒstern, stĂŒrzten tief, wurden dunkel, ungeduldig, bebend, wurden verstehend. Auch der Schlaf verĂ€nderte sich. Er erschien unruhig, kĂŒrzer, in limitierte Zeit gepresst, mal wurde man ihm entrissen, ein anders Mal bekam man ihn aufgenötigt. Mit der Zeit blieben Mutters BrĂŒste verhĂŒllt und von gekreuzten Armen verschlossen, ihr Bett wurde zu eng fĂŒr zwei, die Welt begann zu schrumpfen.

Es begann die Zeit der Abenteuer, Heckenhöhlen, Vater-Mutter-Kind-Spiele, des Alphabets, der WackelzÀhne.


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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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liebe katrin,

das ist so gut geschrieben, ich bekomme gar nicht genug. geht die geschichte noch weiter? wĂŒrde mich freuen. aber auch so ist sie eine perle, die in meine sammlung kommt. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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niclas van schuir
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GefÀllt mir, Sprache und Idee. Bitte mehr.
Liebe GrĂŒĂŸe
Niclas

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