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Leselupe.de > Science Fiction
one Road one Freedom
Eingestellt am 27. 10. 2003 10:17


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Costner
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
Kommentare: 41
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Tausende Kilometer von Zuhause entfernt stand er auf dem Seitenstreifen des Markagunt Scenic Highway im US-Bundesstaat Utah und betrachtete den farbenprĂ€chtigen roten Sandstein, der vor ihm in den Himmel ragte und in der Morgensonne zu leuchten schien. Die stĂ€mmigen Kiefern, welche dicht am Wegesrand entlang gewachsen waren wogen sich mit ihren kahlen Ästen wie Gespenster im Wind, wĂ€hrend ihr erschauderndes Knarzen in der einsamen Landschaft mit dem Wind davongetragen wurde. Der gelbe Mittelstreifen des Highways zog sich wie eine gerade Linie durch die Landschaft Utahs und auch durch die zerfledderte Landkarte des jungen Mannes, die er aus seinem Rucksack gezogen hatte. Erschöpft stagnierte er mitten auf der breiten Landstraße und spĂŒrte die beklemmende Leere, wĂ€hrend die Sonne in den Himmel kletterte. Er ließ die abgegriffene Landkarte aus seinen Fingern gleiten und sah zu, wie der Aufprall auf den sandigen Boden den Staub in die Luft wirbelte.
Sein Gesicht war von Erschöpfung gezeichnet und die Ratlosigkeit, die sich in seinen Augen widerspiegelte, eröffnete sich ihm wie die leere Straße vor ihm, die im nirgendwo zu enden schien.

Einst brachen die Menschen auf, um neue Welten zu entdecken, den Fortschritt voranzutreiben um nicht stillzustehen. Sie erweckten einen neuen Lebensgeist, nach dem sie strebten und versuchten, eine Welt zu hinterlassen, die fĂŒr uns eine Chance sein sollte, die Zukunft auf diesem Planeten zu sichern. Doch heute ist die VerĂ€nderung eine VerĂ€nderung und die Tatsache, dass die WeltmĂ€chte nur eine Linie verfolgen, die tragisch genug sein wird um alles zu vernichten, dass niemand die Wahrheit erkennen möchte, so deutlich spĂŒrbar sie zu sein scheint.

Die Risse im Teer der Straße zogen sich wie Furchen durch sein eigenes Leben. Ein Leben, dessen Vergangenheit er vergessen wollte. Unerwartet spĂŒrte er den warmen Wind im Gesicht und als er seine Augen fĂŒr nur einen Moment schloss um die Ruhe einzuatmen, wurde ihm klar, dass er sich weit von seinem Ursprung entfernt hatte. Auch wenn er es zu verdrĂ€ngen versuchte, so nagte die Einsamkeit an seinem schwach gewordenen GemĂŒt. Tausende von Kilometer trug er sein schlechtes Gewissen und die Hoffnung in sich, dass ihm die Chance zuteil werden könnte, ein Leben zu Ă€ndern, dass er nicht mehr ertragen konnte. Es ist die Flucht und die Kraft in seinem Innern, die ihn bis hier her getragen hatte. Und die salzigen TrĂ€nen in seinem Gesicht sind ein Zeichen, ein Zeichen, welches er nicht hinfort wischen konnte.
Hilflos und allein betrachtete er seinen Rucksack, der im staubigen Dreck lag und setzte sich neben ihn. Brian rieb sich die HÀnde an den Jeans sauber und fuhr sich seufzend mit den HandflÀchen durchs Gesicht. Der aufheulende Wind, der den Staub vom Boden in die Luft wirbelte, schienen die einzigen Zeugen dessen zu sein, die die verlorenen Blicke des Jungen einfingen.
Viele Tage und viele NĂ€chte ist er gelaufen, durch TĂ€ler und ĂŒber hohe PĂ€sse, bei Regen und bei Schnee, bei KĂ€lte und bei Hitze. Furchtlos war sein Schritt immer. Er ließ sich nie beirren, folgte seinem Mut und getrieben von einer einzigen Kraft, die er aus seinem gesteckten Ziel schöpfte, dass vor ihm liegende Unbekannte zu erreichen. Und dennoch blieb er auf seiner Reise ein einziger Zeuge dessen, was die Menschheit angerichtet hatte. Als sich einst die Fronten zwischen dem Westen und dem Osten verhĂ€rteten, schufen mĂ€chtige MĂ€nner einen Pakt, der fĂŒr ihre unabhĂ€ngige Freiheit dem Planeten gegenĂŒber stand. Doch der Ehrgeiz jener MĂ€nner, die einen Krieg fĂŒr die richtige Lösung hielten, vernichteten die Zivilisation in nur einem Atemzug. Im Zuge der Freiheit wollten sie Erlösung schaffen, doch sie rafften die Menschheit nieder und mit ihr den Willen, die Zukunft aufrecht zu erhalten. Ozeane versiegten und alles mit, was dem Planeten sein Antlitz verlieh. Nachdem Jahrelang der Regen ausblieb und die Erde zu sterben schien, versank alle Hoffung einer letzten ĂŒbrig geblieben kleinen Zivilisation, fĂŒr die die Zukunft noch nicht erloschen war. Und um wieder nach Hoffnung greifen zu können, brach Brian auf in eine ihm fremd gewordene Welt, auf der Suche nach einem Grund, fĂŒr etwas zu kĂ€mpfen, dass es wert war. Ein letzter Held, der zurĂŒckbringen sollte, was der Rest der Menschheit verloren glaubte. Nur wenige Tage spĂ€ter geschah das, was niemand mehr fĂŒr möglich gehalten hatte. Regen kehrte ĂŒber das Land einher, als hĂ€tte der Planet einen Seufzer der Erleichterung getan.
Unter einem wolkenlosen Himmel saß Brian im Sand nebst einer ehemals stark befahrenen Strecke, die durch den Bundesstaat Utah fĂŒhrte, und holte aus seinem Rucksack die letzten Reserven seiner Wasserflasche hervor. Nachdenklich hielt er die Flasche mit der Rechten vor seinen Augen und schĂŒttelte sie bedĂ€chtig. Das Wasser in der Flasche reichte gerade noch fĂŒr einen Schluck, wobei er sich nach einem krĂ€ftigen Schluck fĂŒr seine trockene Kehle sehnte. Stirnrunzelnd drehte er die Verschlusskappe runter und hielt sich das MundstĂŒck an die Lippen. Brian schloss die Augen, setzte an und als er das Wasser auf seinen Lippen spĂŒrte, war es fĂŒr ihn wie eine Erlösung. Als wĂ€re es Wochen her, dass er den letzten Schluck genommen hatte, rann es ihm den trockenen Hals herunter und das GefĂŒhl des Schmerzes flammte in ihm auf, als wĂ€re dies schon so selten geworden. Er knallte die leere Flasche auf die Straße, wĂŒtend darĂŒber, dass seine VorrĂ€te aufgebraucht waren. Anschließend betrachtete er den blauen Himmel, so himmelblau wie seine Augen immer gefunkelt hatten, bevor sich alles verĂ€nderte. Schon lange begleitete ihn das GefĂŒhl, der letzte Mensch auf diesem Planeten zu sein. So fern das Auge auch reichte, empfand er die sich ihm auftuende Fremde wie kalter Stein an, wie sich nahezu alles anzufĂŒhlen schien. Er strich sich durchs Haar und raffte sich auf, wieder auf die Beine zu kommen. Schwindelig, wie ihm war, klopfte er den Staub von seinen einzigen Klamotten und schlenderte auf die einsame Straße zurĂŒck. Es war in diesem Moment so gespenstisch still, wĂ€hrend die Sonne mit jeder Minute weiter in den Himmel stieg und die Luft erbĂ€rmlich aufheizte. Sein Blick fiel in die leichte Linkskurve des Highways vor ihm, der hinter einer roten Felsformation verschwand. Nachdenklich hielt er inne und ĂŒberlegte.
Auf einmal knallte es hinter seinem RĂŒcken und erschrocken drehte er sich um. Blitzschnell war sein Griff zum Gewehr, das er als Schutz auf seinen Reisen mit sich fĂŒhrte und richtete es in die Leere. Ein Stein war von einem Fels gefallen und kullerte auf der Straße aus. Stirnrunzelnd legte er das Gewehr wieder ĂŒber die Schulter und ging ein paar Schritte auf den Stein zu. Er betrachtete den Stein mit skeptischen Blicken, bis er mit denselbigen den Fels hinaufwanderte und sich umsah. Aber als er nichts Außergewöhnliches entdecken konnte, kehrte er zu seinem Rucksack zurĂŒck. Brian schwang ihn ĂŒber seine Schulter und schlurfte durch den Sand, immer den neugierigen Blick nach vorn gerichtet. Seine Beine waren mĂŒde und seine Augen brannten durch den Staub, der sich in die Luft mischte. Manchmal hatte er das GefĂŒhl, den Sand zwischen seinen ZĂ€hnen spĂŒren zu können.
Als er die Linkskurve auf dem gelben Mittelstreifen des Highways passiert hatte, fand er sich auf einmal einer mit faustgroßen Steinen bedeckten Straße gegenĂŒber. Ein Auto hatte hier schon lange keinen Weg mehr durch gefunden. Mit den gewaltigen StĂŒrmen, die viele Jahre wĂ€hrten, wĂ€hrend sich der Himmel immer wieder verdunkelte und die Erde bebte, als beschwere sie sich gegen die einstigen Tyrannen, die dieser Planet beherbergt hatte, hatten sich am Fels Steine gelockert, die sich auf der breiten Straße des Highways verteilt hatten. Er sah sich um, aber erkannte keinen anderen Weg als die von Steinen bedeckte Straße. Brian holte tief Luft und stieß einen Seufzer aus, als wĂ€re er am Ende seiner KrĂ€fte. Als er dann die ersten Schritte machte, kickte er den nĂ€chstgelegenen Stein vorneweg.
Einen Augenblick spĂ€ter blieb er schlagartig stehen und sah ĂŒber seine Schulter zurĂŒck. Ein metallenes Kratzen zog sich ĂŒber die Straße und als er schemenhaft eine menschliche Silhouette erkannte, traute er seinen mĂŒden Augen nicht. Schnell streifte Brian den Rucksack von seinen Schultern und griff nach seiner Waffe. Plötzlich brach eine Stille ein, die er eigentlich sonst so gewohnt war, doch in diesem Moment war alles anders. Seine Augen waren hellwach und musterten sein unbekanntes GegenĂŒber, wĂ€hrend sein Atem immer flacher wurde. Brians Finger klebte am Abzug und seine Schweißnasse Stirn bestĂ€tigte ihm, dass seine Angst grĂ¶ĂŸer war als jemals zuvor.
„Wer bist du?“, fragte Brian mit fester Stimme. Er wollte seine Angst verstecken, seinen Unmut nicht preisgeben.
Der Unbekannte trat einen Schritt voran, was Brian sofort dazu veranlasste, sein Gewehr anzuheben und genauer zu zielen. Er schĂŒttelte den Kopf und beobachtete ihn. In seiner Rechten hielt er einen lĂ€ngeren Stock, als er selbst groß war. Seine langen schĂŒtteren Haare fielen ihm ĂŒber die Schultern, die Augen durch die blendende Sonne fast zugezogen und seine trockenen HĂ€nde Zeugen einer ausgestorbenen Kultur.
„Keinen Schritt weiter!“, sprach Brian mit zorniger Stimme. Allein die Stimme hĂ€tte den Unbekannten dazu veranlassen sollen, dort zu bleiben, wo er war. Brian ĂŒberlegte, wie er handeln sollte. Er spĂŒrte die eigene Unruhe, er wollte keinen Fehler machen, denn der Unbekannte schien in seinen ruhigen Augen unberechenbar zu sein.
„Ich suche nur etwas Wasser“, sagte der Unbekannte mit tiefer Stimme. RĂ€uspernd hielt er sich die Hand vor den Mund, ließ aber Brian nicht aus den Augen.
Brian zuckte mit den Achseln. „Ich habe kein Wasser.“
Die Bedrohung fĂŒr Brian nahm Überhand, als die Augen des Mannes suchender und fordernder wurden. „Gehen Sie jetzt!“, forderte Brian mit gezielter Waffe. Die Sonne stach erbarmungslos herunter und ließ Brian schwitzen, was ihn noch nervöser machte. Er spĂŒrte die Feuchtigkeit zwischen seinen Fingern und dem Abzug des Gewehres.
Unwillig machte der Unbekannte kehrt und ging wieder. Er zog sich die schwarze Kapuze ĂŒber den Kopf, die an seinen Mantel angenĂ€ht war und wagte einen Blick in den roten Himmel wĂ€hrend er sich langsam entfernte. Endlich konnte Brian durchatmen und hing sein Gewehr ĂŒber die Schulter. Konzentriert warf er seine Blicke dem Unbekannten hinterher und wunderte sich, woher dieser Mann so plötzlich gekommen war.
Er packte seinen Rucksack und zog wieder weiter. Er spĂŒrte den drĂŒckenden Schmerz auf seinen Schultern, die Folgen monatelanger Reisen ĂŒber die verblichenen Kontinente dieses Planeten und das schwere Gewicht seiner AusrĂŒstung. Angestrengt schlenderte er auf dem steinigen Markagunt Scenic Highway und kickte erneut einen faustgroßen Stein vor sich her, dessen Krachen auf dem Asphalt so schnell verstummte, wie er am Kragen seiner Jacke gepackt wurde. Blitzschnell sackte er zu Boden und das Gewehr schnappte aus den Scharnieren des massiven Lederriemens, der um seine Schulter gespannt war. Brian knallte auf seinen rechten Arm zwischen den Gesteinsbrocken, die quer ĂŒber den Asphalt verstreut lagen. Er schrie vor Schmerzen auf, bis sich der Unbekannte vornĂŒber beugte und Brian wieder nach oben zog. Schmerzstillend versuchte Brian den verletzten Arm ruhig zu halten und gegen seinen Körper zu drĂŒcken, aber ehe er sich versah, was mit ihm geschah, spĂŒrte er ein Messer an der Kehle. Wie in einem Zeitraffer spielte sich das Leben vor ihm ab und verstummte alles um ihn herum. Die scharfe Klinge versank langsam in der zarten Haut des Jungen, als er den heißen Atem des Unbekannten in seinem Nacken spĂŒrte. Brians Finger bohrten sich in die krĂ€ftigen Arme des Fremden, Vorsichtig stillhaltend, damit der Mann nicht mit dem Messer abrutschte.
„Was wollen Sie?“, presste Brian zwischen seinen Lippen hervor. In ihm pochte der Puls des Überlebens.
„Dich“, schrie der Unbekannte forsch und packte ihn noch strenger. Brian wurde schwarz vor Augen, er rang nach Luft und verlor kurz darauf seine Kraft. Besinnungslos klappte er zusammen, worauf der Unbekannte seinen Griff löste und den Jungen durch seine Arme rutschen ließ. Der Blick des Fremden hatte etwas Animalisches. Er umschloss sein Messer mit jeglicher Sorgfalt, bevor er sich zu Brian hinunter beugte und mit dem Messer ansetzte.
Ruckartig durchfuhr den Körper des jungen Mannes auf der seelenlosen Straße ein Lebenszeichen, krallte sich in den rauen Asphalt und stieß den Unbekannten mit einem Fußtritt zur Seite. Dabei fiel ihm das Gewehr von der Schulter, welches auf die Straße knallte. Er nahm seine letzten KrĂ€fte zusammen und raffte sich dazu auf, nach dem Gewehr zu greifen. Er riss es an sich und nahm es in die rechte Hand. Dann stand er letztlich auf, legte es zielstrebig an und feuerte drei Gewehrssalven in den ausgemergelten Körper des Namenlosen. Die Wucht der Kugeln katapultierte den Körper nach hinten und ließ ein ausgelöschtes Leben in den staubigen Sand nebst der Straße fallen. Es ging alles so schnell. Brian stagnierte regungslos auf der Stelle und versuchte das Geschehen zu verarbeiten. Sein entsetzter Blick sprach BĂ€nde und irgendwo versuchte er, seiner Verzweiflung zu entkommen. Seine Augen blickten in die Leere.
Brian suchte sich einen Weg ĂŒber die steinige Straße, die ein Spiegelbild dessen zu sein schien, wie dieser Planet auseinander gefallen war und in TrĂŒmmern sich einer letzten Zivilisation prĂ€sentierte, bevor alles Leben endgĂŒltig erlosch. Er kĂ€mpfte gegen die MĂŒdigkeit seiner Beine, die ihn durch tote Landschaften trugen, die an den Strapazen einer langjĂ€hrigen DĂŒrreperiode zerbrochen waren. Allein suchte er sich den Weg in die Freiheit, in sengender Hitze, durstig und innerlich von Trauer und Wut zerrissen. Kein Mensch weit und breit. Tausend Kilometer konnte man gehen, in alle Himmelsrichtungen und fĂ€nde keinen Menschen, kein Leben, keine Hoffnung. Aber Brian machte sich genau das zum Ziel. Und wenn sein Ziel am anderen Ende dieses Planeten liegen sollte, so nahm er die Kraft auf sich, um diesen Weg zu beschreiten und zu bewĂ€ltigen. Die Hoffnung dieser letzten Zivilisation in einer kleinen Gemeinde, aus der Brian geflohen war, war versiegt. Doch er wollte so schnell nicht aufgeben und eine Hoffnung zurĂŒckbringen, die das restliche Leben nicht auch noch dahinraffte.
Schritt fĂŒr Schritt folgte er dem Highway, der fĂŒr ihn ein letzter Wegweiser war. Und Schritt fĂŒr Schritt zerbrach der Highway in zwei HĂ€lften, löste sich der Teer langsam von der Erde und zog tiefe Krater mit sich, die so groß waren, dass man nahezu darin verschwinden konnte. Schier kraftlos fuhr er sich durch das lange staubige Haar, bis er plötzlich erschrocken stehen blieb und auf ein Schild starrte, dass schief am Straßenrand von einer letzten dicken Schraube in einem Steinblock gehalten wurde. „Navajolake“ prangte auf dem einst gelben Schild, dessen Farbe mit den Jahren abgeblĂ€ttert war. Letztlich der schwarze Schriftzug hatte den atomaren Holocaust ĂŒberlebt.
„Wenn du nicht weißt, fĂŒr welche Zukunft du dich entscheiden willst, dann versuche, dem Schicksal das Tor offen zu halten“, sprach eine kratzige Stimme von der anderen Straßenseite. Brian fuhr in sich erschrocken zusammen und entdeckte einen alten, weißhaarigen Mann an einen Baum gelehnt, sitzend im staubigen Sand. Ein Blick in den Himmel verriet dem Jungen, dass die DĂ€mmerung ĂŒber das Land einbrach. Brian trat von dem Schild weg und nĂ€herte sich dem alten Mann, der in weißen Stofflaken gehĂŒllt mit merkwĂŒrdigen Symbolen um den Hals behangen war. Seine Haut war so braun wie eine einstige Haselnuss und seine Augen so grĂŒn, wie saftige BlĂ€tter an einem Baum in der Vergangenheit.
„Wer sind Sie?“ fragte Brian Vorsichtig. Obwohl er keinem weiteren Übergriff durch einen Wahnsinnigen zum Opfer fallen wollte, fĂŒhlte er eine gewisse Vertrautheit zu diesem Mann und legte seinen Rucksack nieder. Er spĂŒrte die Erleichterung in seinen Schultern und das tiefe Seufzen seines Körpers, endlich Ruhe und neue Energie zu gewinnen.
„Du kennst mich“, antwortete der Mann. Er saß im Schneidersitz unter dem großen Baum im Schatten und genoss den frisch aufkommenden Wind, unterdessen sich die sengende Sonne langsam von dieser Seite des Planeten abwandte.
Brian ĂŒberlegte und musterte sein unbekanntes GegenĂŒber. In seinen Erinnerungen konnte er kein vergleichbares Bild finden. Ihm kam dieser Mann so ĂŒberlegen und zufrieden vor, als mangele ihm an nichts. Doch Brian spĂŒrte seine trockene Kehle, seine durstigen Lippen, die sich nach Wasser sehnten, doch verhielt er sich ruhig und zurĂŒckhaltend.
„Ich kann mich nicht erinnern, sie schon einmal gesehen zu haben.“
„Nicht sehen, mein Junge.“, machte er eine abwinkende Geste mit dem rechten Zeigefinger. „Das Schicksal begleitet dich jeden Tag und davon solltest du deinen Nutzen ziehen.“
„Wo bin ich hier?“, fragte Brian ĂŒberfordert und sah sich noch einmal um, aber außer dem Schild und den Kahlbestand an alten Pinien konnte er nichts weiter erkennen. Nur die am Horizont aufscheinenden Berge, die noch mehrere TagesmĂ€rsche von hier entfernt waren, waren noch als Letztes auszumachen.
„FrĂŒher nannte man diesen Ort den Ort der ruhigen Seelen. Doch in dieser Gegenwart hat sich die Erde zu feinem Staub verwandelt, Staub, der die Seelen derer bedeckt, die an etwas geglaubt haben, dass zerstört wurde. Sie hatten TrĂ€ume, WĂŒnsche, so wie du auch, dass spĂŒrt man. Deine Augen haben diese Ausstrahlung, dieses innerliche Treiben, eine Kraft, die selbst ich nicht beschreiben kann. Ich habe so was noch nie zuvor gesehen“, sprach der alte Mann in RĂ€tseln. Brian war verwundert und versuchte den Worten des Mannes zu folgen. Aber er schien nicht ganz zu verstehen.
„Was meinen Sie, wenn Sie ĂŒber meine Augen sprechen?“
Brian setzte sich auf die Straße. Der Mann sah in den Himmel und lĂ€chelte einen Augenblick lang, als verliere er alle Sorgen, die sich um ihn herum angesammelt hatten.
„Diese Menschheit hat keinen Glauben mehr, keine Hoffnung, keine Kraft, sie ist zermĂŒrbt durch die Katastrophe, die uns allen widerfahren ist. Das Licht ist aus ihren Augen erloschen wie das Leben aus ihrem Herzen. Es gibt keine Nachkommen mehr, es gibt kein neues Leben, das dazu aufstreben könnte, eine neue Zivilisation zu erschaffen“, erzĂ€hlte der Mann mit aufklingender Stimme. Irgendwas spĂŒrte dieser Mann, er hatte den Glauben an eine Zukunft fast verloren gehabt, aber der junge Mann ihm gegenĂŒber bewies eine Kraft und eine WillenstĂ€rke, die er geradezu in seiner Gegenwart zu spĂŒren vermochte. Doch seine Worte schienen Brian Furcht einzuflĂ¶ĂŸen. Er wollte sich nicht als Erlöser der Menschheit sehen, eher als einer, der neue Hoffnung suchte. „Aber du hast dieses Streben in deinem Herzen, deine Augen verraten, dass du nicht aufgeben möchtest wie alle anderen“, setzte der Mann seine Worte fort.
Brian schĂŒttelte den Kopf. „Wenn ich aufgebe, dann sterbe ich“, erklĂ€rte er. Brian schaute sich das Symbol des Mannes an, das um seinen Hals hing. Das Symbol stellte eine kleine Holzgeschnitzte Figur dar, die in seinen HĂ€nden eine glĂ€serne Kugel umschloss. Die Figur trug lange Haare und außer einem um die SchĂŒrze gebundenen Tuch, war sie nackt. „Was bedeutet das?“, fragte er neugierig. Er holte tief Luft und versuchte seine andauernden Kopfschmerzen zu verdrĂ€ngen.
Der alte Mann nahm die Figur in die Hand und rieb sie einmal kurz. „Ein indianischer Krieger, der die Erdkugel in seinen HĂ€nden hĂ€lt, damit sie nicht aus dem Gleichgewicht gerĂ€t. Es ist ein Symbol der Indianer auf dessen Kraft und Eingebung sie vertrauten. So konnten sie sich immer darauf verlassen, dass einer den Planeten beschĂŒtzt.“
EntrĂŒstet senkte Brian den Kopf und schloss fĂŒr eine Weile die Augen. „Wo war dieser Krieger, als man versuchte, die Erde zu zerstören?“, flĂŒsterte er zwischen seinen Lippen hervor. Er seufzte laut und brach in TrĂ€nen aus, da seine Verzweiflung Macht ĂŒber ihn selbst ergriff.
„Die Welt existiert doch noch“, antwortete der Mann leise.
„Aber alles andere gleicht einer zerstörten Materie.“
„Es ist nicht leicht, zu akzeptieren, dass die RealitĂ€t nun mal so ist, wie sie ist. Auch wenn der Planet einer zerstörten Materie gleicht, so haben auch die letzten Überlebenden eine Zukunft, die wir festhalten sollten. Nichts ist so kostbar wie das eigene Leben und nichts ist so greifbar nahe, wie die Zukunft.“
„Ich frage mich, welche Zukunft Sie meinen?“ Brian wusch sich die TrĂ€nen aus dem Gesicht. Er wirkte so verletzlich wie schon lange nicht mehr.
Der alte Mann blieb still. Er erkannte in den traurigen Augen des Jungen eine Magie, wie er sie zuvor noch nicht gesehen hatte. Kein Mensch auf diesem Planeten wÀre nicht von soweit hergekommen, wenn sein Wille nicht stark genug gewesen wÀre, um alle Hindernisse dieser Zeit zu besiegen.
„Was ist der Navajolake?“, beendete Brian mit dieser Frage die unheimliche Stille.
Der alte Mann zeigte mit dem rechten Zeigefinger quer ĂŒber die Straße auf die andere Seite hindurch durch das kahle Meer der ehemaligen Baumlandschaft.
„Du findest ihn dort unten. Vor ĂŒber 100 Jahren geschah es, da fiel ein sterbenskranker Indianer, Tikamutahle, in das seichte Wasser. Seine StammesbrĂŒder fanden ihn am Abend, ertrunken. In der Nacht zog ein heftiges Unwetter ĂŒber den Navajolake, der Indianerstamm Ă€ngstigte sich fast zu Tode. Am nĂ€chsten Morgen dann aber, tauchte Tikamutahle wieder auf, er atmete, er redete, er lebte und er war nicht mehr Sterbenskrank. Man verlieh dem Navajolake seinen heutigen Namen und ĂŒberlieferte in ihm eine heilende Kunst, die sich so nie wieder in der Geschichte der Indianer ereignete. Man sagt, er habe eine magische Kraft und aus ihm ginge eine Energie hervor, die alles zum Leben erweckt, was einmal hinter dem Horizont dieses Planeten lag.“
„Was ist jetzt dort unten?“, fragte Brian nachdenklich, als er den Blick hinter seinen RĂŒcken in das kahle Baummeer richtete.
„Das weiß niemand.“
„War seither niemand mehr dort unten?“
„Niemand ist so weit gekommen wie du“, antwortete er kurz. Brian sah ihn skeptisch an. „Du musst es schon selbst herausfinden.“
„Was glauben Sie, werde ich dort unten finden?“
Er schaute den alten Mann mit durchdringenden Augen an und versuchte festzustellen, warum etwas Besonderes an diesem Mann haftete. Er fragte sich stÀndig, wieso er gerade hier auf diesen Mann getroffen war.
„Vermutlich das, was du suchst.“
Mit einem euphorischen Leuchten in seinen Augen stand Brian auf und klopfte sich den Staub von der Hose. Anschließend griff er nach seinem Rucksack und zog ihn sich ĂŒber die Schulter. Er drehte sich in die Richtung des Navajolake, der ihm eine unbekannte Zukunft zu offenbaren schien. Er wollte herausfinden, was diesen Ort so magisch machte. Stirnrunzelnd widmete er sich wieder dem alten Mann.
„Wer sind Sie eigentlich?“ Er sah den alten Mann mit seinen steinern wirkenden Augen an.
„Ich bin nur ein Wegweiser mein Junge, nur ein Wegweiser“, seufzte der Mann und warf seinen Blick wieder in das unbekannte Land vor ihm. Brian setzte seinen Rucksack richtig auf die Schulter, bevor er einen Schritt auf die Straße machte. Doch dann drehte er sich nochmals um, um sich seiner letzten Frage zu befreien. Entsetzt war sein Blick, entrĂŒstet sein schweres Schlucken, er spĂŒrte den trockenen Wind im Gesicht und das innere Flehen seines Körpers, wĂ€hrend seine Augen auf einen menschenleeren Platz starrten, wo vorher noch der alte Mann gesessen hatte. Jetzt kehrte es wieder zurĂŒck, dass GefĂŒhl der Einsamkeit, das ihn langsam aufzufressen schien. Doch er wollte sich diesen GefĂŒhlen nicht ergeben und sagte sich von jedem Gedanken frei, der ihn zu zermĂŒrben versuchte. Er hatte ein Ziel vor Augen und das wollte er vor der einbrechenden Nacht noch erreichen.
Brian machte sich auf den Weg, ĂŒberquerte den Markagunt Scenic Highway, der von Rissen gezeichnet war und rutschte den kleinen Hang hinunter, der ĂŒber das wirre GestrĂŒpp in den Wald fĂŒhrte. Und ehe er sich versah, tauchte er ab in eine graue Welt aus kahlen BĂ€umen, aus trockenen Staub, der ehemals als fruchtbarer Boden galt und einer stillen AtmosphĂ€re, die ihm die GĂ€nsehaut aufsteigen ließ. Es war kalt und je mehr er eindrang in diese stille Welt, je unruhiger wurde er. Ein bedrĂŒckendes GefĂŒhl stieg in ihm auf, als er zwischen den BĂ€umen hindurchwanderte und darauf hoffte, bald unten angekommen zu sein. Er blieb nicht stehen und sah sich auch nicht um, denn er wollte nicht wissen, was sich hinter ihm abspielte. Der Drang, voranzukommen war ihm wichtiger, als sich umzusehen. Die Angst in ihm stieg und der Gedanke, sich verlaufen zu haben, drĂ€ngte sich ihm auf. Denn weit und breit war nichts zu erkennen außer dem dichten kahlen Baumbestand, deren Äste wie Kragenarme nach ihm zu greifen versuchten. Seine Halluzinationen wurden immer intensiver und seine Panik trieb ihn weiter, Schritt fĂŒr Schritt in eine ungewisse Zukunft. Er verlor den Glauben an sich, er verlor die Kraft und die Energie, die ihn antrieben, er verlor die Hoffnung und den Mut, an sich selbst zu glauben. Brian fĂŒrchtete sich nur noch, er wollte hier raus, er flehte mit seinen Augen um Vergebung, er flehte um Erlösung. Plötzlich wurden seine Glieder starr, er brach in sich zusammen und knallte auf einen weichen Waldboden. Er spĂŒrte, wie die warmen TrĂ€nen ĂŒber sein Gesicht liefen und im staubigen Sandboden versanken. Brian spĂŒrte, wie die Kraft aus seinem Körper wanderte und die Luft weniger wurde. Regungslos lag er auf dem Waldboden und fĂŒhlte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten, die eigentlich nur dann Regung zeigten, wenn sich hinter ihm etwas bewegte. Seine Augen begannen ruckartig umher zu fliegen, in ihm platzte etwas auf wie eine Bombe, die sich in Tausend Einzelteile zerlegte. Plötzlich trat eine schwer zu erkennende Silhouette in Erscheinung, kurz bevor sich alles in einem schwarzen Universum verlor.

Langsam öffneten sich seine Augen und sahen in einen stahlblauen Himmel ĂŒber ihm. Er hob beide Arme und spĂŒrte wie warmer Sand durch seine Finger rieselte. Er fĂŒhlte die Sonne in seinem Gesicht, wie sie ihn wĂ€rmte und empfand es als wohltuende Umarmung. Brian richtete sich auf und sah sich mit skeptischen Blicken um. Er wollte seinen Augen nicht trauen, aber ihm wurde eine Wahrheit offenbart, an die er nicht mehr geglaubt hatte. Der Navajolake hatte sich fĂŒr die Menschen in eine Oase verwandelt. Das Wasser war so klar und der Sand des Ufers so fein wie ein Strand am ehemaligen Mittelmeer. Hochgewachsene BĂ€ume glĂ€nzten im Sonnenschein mit ihren grĂŒnen BlĂ€ttern, die Erde glich einem fruchtbaren Boden und die Menschen wirkten so ausgelassen und glĂŒcklich, wie es vor langer Zeit einmal gewesen war.
Erstaunt stand Brian auf und nÀherte sich dem Wasser des Navajolake mit vorsichtigen Schritten. UnglÀubig starrte er in sein eigenes Spiegelbild und versuchte zu begreifen, was vor sich ging. TrÀnen standen in seinen Augen, da er gefunden hatte, wonach er so lange gesucht hatte.
„Das ist die Zukunft, die du gesucht hast“, sprach die kratzige Stimme des alten Mannes, der vorher noch verschwunden war. Brian drehte sich zu ihm um und sah ihn an.
„Ich dachte, die Zukunft sei es, die mich mein Leben kosten wĂŒrde, aber dabei ist es eine, fĂŒr die ich gekĂ€mpft habe“, schluchzte Brian. Er berĂŒhrte das Wasser mit seinen HĂ€nden und fuhr sich erleichtert durchs Gesicht. Tief Luft holend brach er am Ufer des Navajolake zusammen und stĂŒtzte seinen Kopf zwischen beiden HĂ€nden, wĂ€hrend die seine Zivilisation um jeden Preis das Leben fĂŒhrte, wonach er so lange gesucht hatte.

Epilog

In einer Welt, angefĂŒhrt von Terror und Tod, ist die Menschheit zu einem Spielball ihrer selbst mutiert. Niemand kann mehr Einfluss auf die Entscheidungen regierender GroßmĂ€chte nehmen, niemand mehr ist in der Lage, eine Welt wie wir sie kennen, im Gleichgewicht zu bewahren. Nur noch einen Knopf weit entfernt zu sein, bis ein Szenario eine Welt in einen grausamen Schatten werfen wird, ist beĂ€ngstigend genug um den eigenen Kindern die Wahrheit vorzuenthalten. Angst ist allgegenwĂ€rtig, doch wird sie uns erst besiegen, wenn wir selbst besiegt sind und unsere FĂ€higkeit einen Planeten zu respektieren, der uns respektiert. Unsere Zukunft wird vom Treiben mĂ€chtiger Menschen abhĂ€ngen und ihrer Ideologie, eine Welt zu regieren und wĂ€hrend alle sich in ihrem sicheren Glauben einschwören, dass richtige zu tun, so bekommt die Tatsache immer mehr an Bedeutung, dass der Frieden, unser Frieden in weite Ferne gerĂŒckt zu sein scheint.

„Die Zukunft liegt in unseren HĂ€nden, also sollten wir lernen, damit umzugehen, damit wir sie nicht noch mehr zerstören!“

__________________
cu
M.

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