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Leselupe.de > Feste Formen
orpheus resigniert (AAAA-rubaiyat)
Eingestellt am 19. 06. 2018 18:31


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Mondnein
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    orpheus resigniert


nein das will ich nicht dass ihr euch nass schwitzt kasteit
laborantisch euch schindet zu schanden bereit
als hÀtt ich euch mit meinem lied maledeit
mir schulden zu zahlen mit arbeit und leid

nein das musst du nicht leisten lieber reisz dir den arm
nicht aus wenn die handflÀchen dassgotterbarm
vom klatschen dir platzen unds blut frisch warm
deinen nachbarn bekleckert dein instant karm

ich bin nicht der ohr kÀster jack de regent
der euch dreimal raus rein wieder raus rein rennt
hat proserpina serpens vor rĂŒhrung geflennt?
ist sie nicht in dem ringel reihn rang eingepennt?

ich will endlich nach hause ja dass ihr nun geht
es genĂŒgt dass ihr euch wie mich selber versteht:
die musik die euch durch meine gesten gedreht
wÀr die frucht eines liedes tief in uns gesÀt


__________________
sato bandhum asati nir avindan
hridi pratishya kavayo manisha

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Trainee
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Hallo Mondnein,,

viele versierte Interpreten (oft selbst Poeten) unterscheiden zwischen verrÀtselten und geheimnisvollen Gedichten.
DemgemĂ€ĂŸ nenne ich dieses ein verrĂ€tseltes.
Nun ist es nicht Aufgabe der Leser, mehrmals im Text zu googeln und mit Sicherheit nicht Aufgabe des KĂŒnstlers, mit seiner Gelehrsamkeit zu "prunken." - Wenn ich nach einem Vers nicht mehr weiß, was ich in der vorherigen Zeile gelesen habe, denke ich darĂŒber nach, ob neuerdings Boni fĂŒr (zweifellos elegante) UnverstĂ€ndlichkeiten ausgezahlt werden.
Traditionell ist im deutschen Poem das "Dunkle" durchaus beheimatet und sorgt dafĂŒr, dass LiteraturwissenschaftlerInnen nicht arbeitslos oder brave Forenleser nicht allzu an- bzw. aufgeregt werden.

Ein zeitgemĂ€ĂŸes Gedicht sollte aber nicht von UnschĂ€rfe und Dunkelheit leben, sondern anhand seiner Symbole (Bilder, Metaphern, Semantik ...) den Text offen, aber begreifbar halten.

Ein Gedicht spricht mit mir oder es lÀsst mich RÀtsel raten.

Sei mir wegen dieser offenen Worte nicht böse; ich habe zuvor schon mehrfach versucht, dich auf dieses Dilemma hinzuweisen. Leider ohne Erfolg.

Herzliche GrĂŒĂŸe
Trainee

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Mondnein
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Hallo Trainee,

weiß nicht, warum Du hier RĂ€tsel siehst, und wo.

Ich versteh es alles ganz gut.

Obwohl Gedichte keine Wissenschaftsdokumente sind, wo es um Verstehen oder Nichtverstehen geht. Das wĂ€re ein unsinniger Filter. Bei Gedichten geht es um ExpressivitĂ€t des Ausdrucks, um den großen Farbenbogen Ă€sthetischer Reize von brennendscharf bis entzĂŒckendsĂŒĂŸ und vor allem um OriginalitĂ€t des Gedankens. Der Hauptgedanke ist doch ganz leicht zu sehen: Es geht um das VerhĂ€ltnis des Urdichters, der die Steinherzen der Todesgötter angeblich erweichen konnte (Legende? LĂŒge? Ist das glaubhaft?), zum Applaus des Publikums. In der Sicht dieses traurigen SĂ€ngers. Ein Rollenspiel, eine Theatermaske, nur ein Lyri, nicht der Autor dieses Lieds, kurz: ich bins nicht.

Wenn Du den hier thematischen "Orpheus" googeln mußt, tust Du mir leid, aber trösten werde ich Dich nicht. Wenn Dir "Proserpina" nicht bekannt ist, beglĂŒckwĂŒnsche ich Dich, denn vermutlich lebst Du dann noch. Wenn es Dir unbekannt ist, daß Dirigenten immer rausreinraus rennen mĂŒssen nach den Konzerten, dann lebst Du halt in anderen SphĂ€ren als so ein bĂŒrgerlicher Konzertbesucher, und das nehme ich Dir nicht ĂŒbel. Zumal ich selbst aus eher proletarischen FamilienverhĂ€ltnissen stamme, wo keiner mit dem elitĂ€ren Kram BerĂŒhrung hatte. Ich verstehe Dich und Deine Fremdelei ganz gut, auch wenn Du Gedichte mit "Orpheus" im Titel nicht gern liest, weil Du dann rumgoogeln mußt. Ich habe hier ein Taschentuch fĂŒr Dich und Deine Trainen, ich reich es Dir gerne, hier, nimm


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Trainee
Guest
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Doch, geschÀtzter Mondnein.

Orpheus ist mir durchaus ein Begriff.

Hingegen lÀsst

quote:
ich bin nicht der ohr kÀster jack de regent
der euch dreimal raus rein wieder raus rein rennt
hat proserpina serpens vor rĂŒhrung geflennt?
ist sie nicht in dem ringel reihn rang eingepennt?


allerlei Fragen bei mir offen, die du mir sicherlich gleich ausfĂŒhrlichst beantworten wirst.

Könnte es nicht sein, dass ich in Bezug auf deine Lyrik einfach Recht habe? Ließe sich denn rein gar nichts daran verĂ€ndern? Wundert dich dein Mangel an Widerhall - trotz aller gebotenen Kunstfertigkeit - nicht selbst?

GrĂŒĂŸe aus dem BildungsbĂŒrgertum
Trainee



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Mondnein
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Ach mein Gott ja, daran habe ich nicht gedacht, Trainee,

daß es Leser gibt, die noch nie phonetisch aufgelöste Formulierungen in einem Gedicht gesehen haben.

Eigentlich sind sie durch Jandl allen bekannt, die schon mal Jandl gelesen haben. Und sie sind so alt wie der analytische Kubismus. In der bildenden Kunst regt sich natĂŒrlich keiner mehr darĂŒber auf, daß "GegenstĂ€nde" zerlegt werden - "analytisch" - und in einer Multiperspektive wieder simultanisiert werden, denn wer wĂŒrde heute noch Picasso vorwerfen, daß er mit diesem Schritt der geradezu sprichwörtliche Meister der modernen Kunst wurde.

Aber ausgerechnet im Bereich der Sprache, wo die Freiheiten grĂ¶ĂŸer sein könnten und die musikalische Dimension den Experimenten einen sinnlichen Genuß verschafft (aber Du bist vielleicht nicht ganz so musikalisch, seis drum), tun manche Leser in einem Dichterforum so, als hĂ€tte es James Joyce mit seinem "Finnegans Wake" und die Entsprechungen bei Arno Schmidt nie gegeben. Dabei ist das schon arschlang her.

Meine GĂŒte, und Du, Trainee, wolltest immer der ModernitĂ€t in der Lyrik das Wort reden. Was ist Dir passiert in der Zeit, wo Du weg warst? Offensichtlich leidest Du an einer Amnesie. Oder Du hast schon immer hochgestapelt, ich weiß es nicht. Gerade dieser Tage bist Du die Hessestufen runtergestolpert und hast sie zum "von Eichendorff" erklĂ€rt. Verzeihlich, der ausgenudelte Treppenstufenwitz ist auch ziemlich vorexpressionistisch.

Aber daß Du jetzt gegen moderne (naja, fast schon klassische, bei den alten Mustern) Lyrik zu Felde ziehst, verzeihe ich Dir nicht. Wenn das frĂŒher noch keine Hochstapelei war, immerhin hast Du Deine Erkenntnisse und Anerkennungen im Expressionismus verankert (ist auch schon ein bißchen lang her, ist noch vorsurrealistisch, noch jenseits von Joyce, Jandl und Arno Schmidt, eher "prĂ€modern"), so ist es jetzt ganz offenkundig eben das: Hochstapelei. Denn von von analytisch-phonetischer MultidimensionalitĂ€t der Verse (und nicht erst meiner, s.o.) bist Du so weit entfernt wie dieser Biedermeierer Sidgrani.

Ich habe noch nicht den verdammten Wertungskrieg aufgenommen, ich Ă€ußere mich direkt, anstatt kommentarlos Zweier unter die Gartenlaubenpoemata zu setzen. Ich folge Mollys Rat, und meinem eigenen Prinzip: "Leben und leben lassen". Das tĂ€te Dir und diesem Sidgrani auch ganz gut. Das ist eigentlich das Mindeste, was man in einem Dichterforum verlangen kann. Aber Antimodernismus per Wertung, kommentarlos, das ist Krieg. Und Sidgranis HĂ€me, und die Deine, nun, das spricht fĂŒr sich.

grusz, hansz


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Mondnein
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Ein Beispiel fĂŒr multidimensionale polyvalente analytische Phonetisierung:

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